„Mann ist ein Schimpfwort“

Interview Der Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke bezeichnet sich als Feminist. Frauen hält er ohnehin für die besseren Intellektuellen
Juliane Löffler | Ausgabe 31/2015 175

Wie Geschlechterbilder die eigene Biografie färben: Damit setzten sich Autorinnen und Autoren im Hausblog des Suhrkamp-Verlags (logbuch-suhrkamp.de) auseinander. Feminismen: Wie wir wurden, wie wir leben, was wir sind heißt das spannende Projekt. Den Anfang machten die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel und Thomas Meinecke, der sich in seinen Romanen und Essays stark mit Geschlechterzuschreibungen beschäftigt. Seine eigene Arbeit ordne er dem „weiblichen Schreiben“ zu, sagt Meinecke. In unserem Gespräch erklärt er, warum. Und auch, warum es heute – leider – noch immer so wichtig ist, über Feminismus zu diskutieren, erst recht auch aus männlicher Perspektive.

der Freitag: Das Wort Feminismus ruft heute ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Die einen kriegen Shitstorms ab, wenn sie es benutzen, andere verdienen damit Geld. Ihre Diagnose?

Thomas Meinecke: Ich finde es gut, wenn darüber geredet wird, dass Feminismus eine sinnvolle Haltung ist. Heute wird oft so getan, als wollte man einen heißen Diskurs befeuern, aber de facto geht es darum, den Diskurs ad absurdum zu führen oder abzutöten. So wie die Welt es mit dem Artikel von Ronja von Rönne gemacht hat. (Anm. d. Red.: Warum mich der Feminismus anekelt hieß der Text, mit dem von Rönne im April schlagartig bekannt wurde.)

Frauen wie Sheryl Sandberg werden weithin gefeiert, für ihre Leistungen als gut verdienende Karrierefrauen. Sie sind für die Wirtschaft interessant.

Das ist problematisch. Viele Frauen wollen bestimmte Dinge ganz zu Recht nicht mitmachen. Sie kommen in dieser Gesellschaft oft nur weiter, wenn sie selbst als ganze Kerle auftreten oder sexistische Witze machen. Oft bestätigt Gleichberechtigung nur das Männerspiel. Man muss immer schauen, ob es sich wirklich um Privilegien handelt. Wenn es um gleiche Bezahlung geht, ist Feminismus plötzlich nicht mehr cool.

1998 haben Sie sich in Ihrem Roman Tomboy erstmals als Feminist bezeichnet. Wie waren die Reaktionen darauf?

Die Leute sind vor mir errötet und haben sich fremdgeschämt. „Das kann nicht sein, du bist doch ein Mann!“ Auch heute noch. Wenn ich als Mann sage, ich bin Feminist, denken die Leute: „Der will kein Mann sein.“ Will ich auch nicht. Jedenfalls nicht so wie die Männer, die ich schrecklich finde.

Was sind das für Männer?

Das sind vier Fünftel aller Männer. Der Sprachgebrauch dieser Männer ist unästhetisch, unüberlegt und definitionsmächtig. Klassische männliche Autorensubjekte fahren immer mit der großen Behauptung auf: Ich habe Recht, und nach dreihundert Seiten werdet auch ihr mir Recht geben. Ich schreibe völlig anders. Ich habe überwiegend mit Frauen zu tun, auch intellektuell.

Zur Person

Thomas Meinecke, 1955 in Hamburg geboren, ist Autor, DJ und Musiker. Mit seiner Frau, der Künstlerin Michaela Melián, gründete er die Band F.S.K. Sein jüngster Roman heißt Lookalikes (Suhrkamp 2011). Derzeit arbeitet er an einem neuen Buch

Foto: Michaela Melián

Wie schreiben Sie also?

Ich taste mich in einer Versuchsanordnung an Problemkonstellationen heran. Das Infragestellen, das diffizilere Denken und Formulieren kommt überwiegend von Autorinnen, auch in der Theorie, etwa von Silvia Bovenschen oder Judith Butler. Das macht für mich die ganze Lust am Schreiben aus: dieses Ozeanische, Texte, die nach allen Seiten offen sind. Das ist etwas sehr Unmännliches. Es gibt immer noch viele Autoren, die ihre Texte damit schmücken, dass sie beschreiben, wie sie einer Frau auf den Arsch gucken und das toll finden. Auch deshalb ist der Begriff Mann für mich ein Schimpfwort. Ich finde das abstoßend.

Autoren, die Sie frauenfeindlich finden, lesen Sie nicht?

Nein, aber manchmal werden sie von Autorinnen gerettet. Zum Beispiel Friedrich Nietzsche, über den lange das Bild herrschte, seine Texte seien misogyn. Seit einiger Zeit sagt der feministische Diskurs aber, er war der Erste, der das Andere gelten ließ. Und plötzlich ist Nietzsche ein Feminist. Es gibt ein wunderbares Buch dazu von Kelly Oliver, Womanizing Nietzsche. Oder Hélène Cixous: Die sagt, D. H. Lawrence, der immer als frauenfeindlich galt, habe den ersten korrekt beschriebenen weiblichen Orgasmus in die Literatur eingeführt. So werden diese Autoren für mich doch interessant.

Sie sagen, unsere Sprache sei männlich geprägt. Wie können Sie das als Mann vermeiden?

Ich bin ständig in einer inneren Alarmbereitschaft, es ist möglich, sich das anzuerziehen. Wenn ein Politiker sagt: „Der Schüler will“, schalte ich ab. Es gibt zum Beispiel in Tomboy kein einziges Mal das Wörtchen man. Das ist ganz schön kompliziert. „Es lässt sich nicht sagen“, schreibe ich stattdessen. Ich bin ein Verfechter der political correctness und finde es toll, als Schriftsteller an dieser Baustelle korrigieren zu können. Ich fände es erfrischend, ein paar Jahrhunderte lang nur die weibliche Form zu verwenden. Es war mindestens genauso lang umgekehrt. Ich kann gut damit leben, wenn ich auf Tagungen bin und dort nur von Autorinnen geredet wird. Das hat was von ausgleichender Gerechtigkeit und ist manchmal auch witzig. Da sitzen Männer in ihren Junker-Klamotten und sind Autorinnen.

Es gibt einen massiven Backlash, wie die AfD-Kampagne: „Ich bin kein Feminist, weil ...“

Männer machten schon in den 70er Jahren mobil, als es von Frauen hieß: „Mein Bauch gehört mir.“ Diese Männer glaubten, sie seien nicht aggressiv, waren es aber strukturell doch – weil sie für sich reklamierten, was sich die Frauen gerade erobert hatten. Etwa: „Wir wollen auch in der Öffentlichkeit weinen dürfen.“ Ich hatte schon damals Aversionen dagegen und dachte, das gehört nicht auf die Seite der Männer, die können jetzt mal zurückstecken. Es ist perfide, wenn Männer sagen: „Wir wollen uns auch aus unserem Knast befreien.“ Sie sind immer noch das Geschlecht, das diesen Knast gebaut hat. Vielleicht sind solche Reaktionen die letzten großen Rückzugsgefechte des Patriarchats.

Hat sich seit den 70ern denn gar nichts verbessert?

Ich habe viele Freundinnen, die in ihren Dreißigern sind. Die haben ein positives Bild von Sex and the City und dem Feminismus, der dort vertreten wird, verkürzt gesagt: „Jetzt können sich die Frauen die Kerle aussuchen.“ Das hat seine historische Berechtigung. Ich habe trotzdem das Gefühl, da wird wieder nur das Spiel der Männer gespielt. Schöner wäre es, wenn Sexualität hinter diesen Punkt käme. Eigentlich ist mit Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht von 1949 schon alles gesagt: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Wir haben das im Deutsch-Leistungskurs gelesen, ich fand das einleuchtend.

Feminismus hat Sie schon als Jugendlicher interessiert?

Ich habe immer gern Frauen und schwule Autoren gelesen. Vor allem war ich politisch linksradikal. Dann hat sich die Kategorie der Klasse mit dem Mauerfall, dem Ende der großen Blöcke, verändert, sie erwies sich als schwieriger gestaltbar. Gender trat an diese Stelle. Die Ausschlussmechanismen sind dieselben, auch da geht es im Kern um Arbeitsverhältnisse.

Was haben Sie in der schwulen Kultur gefunden?

Schon immer habe ich mich für Popkultur interessiert. Das geht gar nicht ohne queerness. Das ging im 19. Jahrhundert in der Anonymität der Pariser Passagen los und landet dann über Elvis Presley und David Bowie bei House Musik. Als Studierender las ich Andy Warhols Zeitschrift Interview. Die gab es in München nur bei einem Ballettausrüster. Man musste die Tütüs zur Seite schieben, dahinter war der Zeitungsständer. In Hamburg ging ich als Oberschüler in einen Frauenbuchladen namens Hälfte des Himmels. Da kaufte ich Rosa von Praunheims Buch Sex und Karriere. Das klingt heute witzig, war aber damals ein sensationeller Titel. Die sexuell Andersdenkenden und die afroamerikanische Szene, die auch nur als die Anderen sprechen konnten, haben eine eigene Sprache. Ich hatte nie eine schwule Beziehung, aber fühlte mich damit in einem Boot. Weil ein Schwuler auch nicht als richtiger Mann verstanden wurde.

Wenn Sie sagen, Sie haben sich nie als „richtiger Mann“ gefühlt: Woran haben Sie das gespürt?

Ich hatte keine Jungenkindheit im klassischen Sinn. Ich habe nie diese homosozialen Wettkämpfe mitgemacht, das Kräftemessen, ich war schlecht im Fußball und habe mich bis heute nicht geprügelt oder mir einen Bart wachsen lassen. Als kleines Kind wurde ich oft für ein Mädchen gehalten, hatte lange Haare. Meine Eltern sprachen zu Hause viel über Sexualität, ich bin sehr aufgeklärt aufgewachsen. Damals habe ich akzeptiert, als Junge oder eben als Mädchen angeredet zu werden, ohne das als problematisch zu erleben.

Und in der Pubertät?

Als mein Körper sich erst mal nicht entwickelte, dachte ich: Werde ich jetzt überhaupt ein Mann? Mir war das nicht egal. Ich war verunsichert, weil ich wusste, es gibt eine Ordnung, der ich erst mal nicht entsprach. Ich hatte Angst, dass die Biologie etwas mit mir macht, was entgleisen könnte. Dass ich ein in einem weiblichen Körper gefangener Mann gewesen wäre. Im Nachhinein könnte man das als identity disorder bezeichnen. Ich habe dann abgewartet – hoffen und beten. Irgendwann ging es los und ich habe breite Schultern bekommen.

Ist der Begriff queer eine Möglichkeit, der Zuordnung männlich-weiblich zu entkommen? Auch für Heterosexuelle?

Das ist schwierig, weil es ein Modebegriff ist, den viele für sich reklamieren. Vielleicht ist es die Inflation, die mein Unwohlsein ausmacht. Mir gefällt es besser, mich als nicht-männlich zu bezeichnen. Ich bin einfach kein Mann. Ich bin zwar auch keine Frau, aber so kann ich mich von den groß sprechenden Männern absetzen.

Sich als Nicht-Mann zu bezeichnen, hat sicher politische Sprengkraft. Queer kann aber eine Chance für Intersexuelle sein, sich Schubladen zu entziehen.

Vielleicht ist queer die passendste Vokabel, weil sie Identitäten, die sonst nicht zusammengedacht wurden, verbindet. Als in den 70ern Männer mit Lidschatten herumliefen, konnte man unterscheiden zwischen denen, die sogenannte Weiblichkeit freundlich übernahmen, und solchen, bei denen es eine feindliche Übernahme war. Mick Jagger wäre ein Beispiel für Letzteres. Wenn Männer sagen: „Das kann ich auch!“, werden Frauen erst recht diskriminiert. Das finde ich bei Conchita Wurst gut. Man merkt: Es geht da nicht um Karneval, es geht um ein Gefängnis. Ich fände es übrigens schön, wenn sie sich klar als Mann bezeichnen würde.

Bestimmte Biologismen kann man wohl nie ganz ausblenden, oder sehen Sie das anders?

Frauen, die in Kriege ziehen, entwickeln Testosteron im Gehirn, zeigen Studien. Das ist der Gegenbeweis der Biologismen. Ich habe vor drei Jahren einen schlimmen Skiunfall gehabt und mir das rechte Handgelenk gebrochen. Seitdem schreibe ich problemlos links. Das kann man auch gendern. Die Tätigkeit prägt das, was wir als biologisch normal betrachten – obwohl es das eigentlich gar nicht ist.

Ich sehe die Online-Kommentare der Männer, die mit diesem Interview nicht einverstanden sein werden, schon bildlich vor mir. Wie kann man die ins Boot holen?

Man macht es eben mit den Frauen. Die haben in den Kulturwissenschaften ein viel differenzierteres Instrumentarium entwickelt, um das zu verstehen. Es gibt aber auch Männer, die eine Generation älter sind als ich, die sich als Feministen bezeichnen. Es werden vielleicht noch ein paar mehr, aber 90 Prozent kannst du vergessen. Auf die Kommentarspalte freue ich mich geradezu. Ich bin souverän genug, um das an mir abprallen zu lassen.

Wird es in der Zukunft eine Auflösung der klassischen Männer- und Frauenrollen geben?

Ich rede jetzt als heterosexueller Mann: Ich finde die Dialektik von Mann und Frau reizvoll. Es ist eine Dynamik zwischen verschiedenen Modellen – auch wenn die Menschen zufällig das gleiche biologische Geschlecht haben. Es ist wie bei Wechselstrom, der ein Oszillieren erzeugt. Unterschiede machen Spaß. Vielleicht ist das eine romantische Vorstellung. Und vielleicht ist es unterschwellig auch reaktionär, aber da stecke ich eben immer noch drin. Die Pole männlich-weiblich sind nur ein Anhaltspunkt. Und der sollte immer im Verhandlungszustand sein.

06:00 03.08.2015
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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