Push the Pussy

Genitalpanik Der Film „Vulva 3.0“ zeigt, wie sehr das weibliche Geschlechtsteil unter Schönheitsdruck steht – und noch immer Lobbyarbeit braucht, um nicht unter dem Skalpell zu landen
Push the Pussy
Laura Méritt, Feministin und Genitalexpertin, spricht im Film über ihre Muschisammlung

Foto: Presse

„Der Klitorismantel ist mir noch zu dick, den dünne ich etwas aus.“ Ein Gynäkologe mit buntem OP-Häubchen spricht in die Kamera, ganz dienstbeflissen. In der einen Hand hält er ein Laserskalpell, in der anderen eine Schamlippe. Die Frau, die zu der Schamlippe gehört, ist nicht zu sehen. Und narkotisiert. Sie lässt sich gerade ihre Vulva verschönern, und eine ganze Menge Menschen leider mit ihr, obwohl sie davon nichts mitbekommt. Rund 230 Zuschauer drängen sich an diesem Montagabend auf schmalen Bierbänken nebeneinander, um den Dokumentarfilm Vulva 3.0. Zwischen Tabu und Tuning zu sehen. Anfang dieses Jahres lief er in der Panorama-Reihe der Berlinale, jetzt wird er in einem typischen Berliner Ausgehareal gezeigt.

Draußen prasselt warmer Sommerregen auf das RAW-Gelände, eines der letzten Refugien vor der Glas-Beton-Penthouse-Bebauung entlang des ehemaligen Grenzstreifens. Sonntags dröhnen von hier die Bässe der Afterhour bis auf die Warschauer Brücke hinauf und ziehen Touristen auf das Kultur- und Kunstgelände. In der Galeriehalle steht jetzt die schwüle Luft, immer wieder klirren umgestoßene Bierflaschen aneinander, das Publikum rutscht unruhig hin und her. Die Filmszenen sind nur schwer zu ertragen. Der Chirurg benennt den Befund: „Starke Asymmetrie“ der Schamlippen. Er mache hier eine „grobe Abmessung“, erklärt er und fuchtelt mit einem schwarzen Stift herum. „Passt so.“ Nahaufnahme, einige Frauen im Publikum wenden sich ab. Wahrscheinlich haben die meisten hier asymmetrische Schamlippen. Aber wer möchte sein Geschlecht schon als „Befund“ bezeichnen lassen? Oder, anders gefragt: Welche Frau liebt ihre Pussy?

Problemfall Schamlippen

Das weibliche Geschlechtsorgan ist defizitär: Kulturgeschichtlich ist diese Wahrnehmung tief verwurzelt. Auch deshalb kämpften feministische Künstlerinnen in den 60ern und 70ern um eine neue Bildsprache für das weibliche Geschlecht: um es aufzuwerten. Der Penis hatte nie ein Imageproblem. Die Pussy aber braucht, das wird während der OP-Szene klar, auch heute noch Lobbyarbeit. Der Film Vulva 3.0 setzt erstaunlicherweise aber viel niedrigschwelliger an, als man erwarten würde: Er hebt nicht den moralischen Zeigefinger – er ist ein Aufklärungsfilm im besten Sinne.

„Wir sind genital supergut ausgestattet“, erklärt Angelika Beck, Schulleiterin und Mitglied der Gesellschaft für Sexualpädagogik. Sie hat ein Modell des weiblichen Körpers entwickelt, das besonders gut die Schwellkörpersysteme zeigt. Es ist ein durchsichtiger Plastiktorso mit bunt eingefärbten Geschlechtsorganen – praktisch eine Stehauf-Vulva, die nicht umfallen kann und wunderschön anzuschauen ist. „So groß“ sei eigentlich unsere Klitoris, erklärt sie, und hält die Hände zu einem merkelesken Yoni-Dreieck. Ein kleines Raunen geht durch das Publikum, aufgeklärte Frauen (und einige Männer), viel Kultur- und ein wenig Queerszene. Es sind solche einfachen Erklärungen aus dem Einmaleins der Biologie und das Erstaunen darüber, an denen sich das gigantische Nichtwissen über die Pussy zeigt. Literatur über die Klitoris? Kaum vorhanden.

Das Problem, das sich daran anschließt, wiegt jedoch viel schwerer: Wird die Pussy sichtbar – im Zeitalter von digitaler Bildreproduktion und Pornografie andauernd und überall –, hat sie Regeln zu folgen: Klein, infantil, haarlos, machtlos soll sie sein. Zynisch ausgedrückt könnte man sagen, dass die Pussy einen bescheidenen kulturhistorischen Sieg errungen hat: Früher hatte die zivilisierte Frau gar kein Geschlecht – daher rührte auch das gesellschaftliche Tabu von Frauen, die Hosen tragen. Heute darf die zivilisierte Frau immerhin ein kleines Geschlecht haben.

Bitte haarlos und harmlos

Die Fachfrauen und Experten aus dem Film, von der Medizinwissenschaftlerin bis zum Gynäkologen, wissen um dieses Problem. Wer da Aufklärungsarbeit leisten will, verzichtet besser auf vergrößerte Bilder, Plüschvulven sind für die meisten Menschen zur Veranschaulichung leichter zu ertragen. Solange sie niedlich und friedlich erscheint, wird die Pussy gern angeschaut, untersucht, benutzt. Sobald sie aber fleischlich sichtbar ist, gar wollüstig wirkt, kleben Mythen wie der der Vagina dentata, der bezahnten, fleischfressenden Vagina, an ihr. Dass die inneren Schamlippen nicht über die äußeren herausragen dürfen, dass die Pussy gewissermaßen wie ein Brötchen auszusehen hat, ist der moderne Alltagsmythos unserer Gesellschaft.

Befeuert wird er von Menschen wie Ulrich Grolla, Fotograf und Bildbearbeiter, dessen Arbeit darin besteht, Pornobilder zu retuschieren. In diesen Filmszenen wird die ganze Absurdität sichtbar: Da sitzt ein Mittfünfziger mit speckigen Haaren und Trauerrändern unter den Fingernägeln an einem Computer und nennt die Schamlippen von Frauen „Fehlerchen“. Das Publikum lacht. Aber es muss grausam sein für diejenigen, die kein möseales Selbstvertrauen haben und glauben, dass guter Sex und aufgespritzte Schamlippen einander bedingen. Oder für jene, die Angst vor Oralverkehr haben, weil sie ihr Geschlecht als hässlich oder eklig empfinden. Oder jene, die denken, ihre Schamlippen seien zu lang. „Vom Fahrradfahren wundgerieben“: So lautet eine häufige Begründung von Chirurgen für die medizinische Indikation einer OP. Welcher Mann hat sich je über einen vom Radfahren wundgeriebenen Penis beschwert? Der hängt ja erst recht heraus.

Wissen ist Macht – und Macht macht sexy. Es mag ein abgegriffener Spruch sein, aber für das weibliche genitale Selbstverständnis ist er existenziell. Wie viel sie über unser eigenes Geschlecht wüssten, fragt die Pussyexpertin Laura Méritt in einer Diskussionsrunde nach dem Film die Frauen im Publikum. Sie hat einen Fragebogen konzipiert, mit dem sie eine Statistik „gegen die Norm“ plant. „Wie nennst du dein Genital?“, lautet eine Frage. „Ich finde eigentlich keinen Namen dafür schön“, murmelt meine Sitznachbarin. „Push the Pussy“, ruft in diesem Moment Laura Méritt – und lacht laut auf.

11:48 09.07.2014
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler
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