Sozial ist das nicht

Social Egg Freezing Mit dem Angebot, Mitarbeiterinnen das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen, versprechen Apple und Facebook mehr Gleichberechtigung. Das Gegenteil ist der Fall
Sozial ist das nicht

Foto: GEORGES GOBET/ AFP/ Getty Images

Es klingt zunächst wie ein gutes Angebot: Apple und Facebook bezahlen ihren Mitarbeiterinnen auf Wunsch Social Egg Freezing – die Möglichkeit, sich ihre Eizellen für mehrere Jahre einfrieren zu lassen. Die Fruchtbarkeit des jungen Körpers konservieren und so die Familienfrage nach hinten verschieben – kaum eine Frau zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig kann von sich behaupten, dass diese Möglichkeit sie nicht zum Nachdenken bringt.

Die IT-Branche nutzt die neue Technologie als Anreiz, hochqualifizierte weibliche Arbeitskräfte anzuwerben. Immer wieder musste sie in letzter Zeit Kritik für die niedrige Frauenquote einstecken, Ende vergangen Jahres beschwerten sich deswegen bei Apple sogar große Anteilseigner. Kosten in Höhe von bis zu 20.000 Dollar wollen Apple und Facebook nun übernehmen und bieten Mitarbeiterinnen eine Art Rundum-sorglos-Reproduktionspaket. Dazu gehört auch, die Kosten einer legalen Adoption zu übernehmen. Gerade für Frauen, die Schwierigkeiten haben ein Kind zu bekommen, ist das eine enorme Unterstützung. Doch sie kommt von der falschen Stelle. Deshalb hagelte es für die Unternehmen in den vergangenen Tagen zu Recht eine Menge Kritik.

Denn hinter dem vermeintlich emanzipierten Angebot verbirgt sich ein geschlechterpolitischer Abgrund. Zunächst dominiert hier die Vorstellung, dass Familienplanung noch immer Frauensache ist. Dass Männer damit auch etwas zu tun haben, wird ausgeblendet. Kleine Randnotiz: Auch der männliche Körper altert bekanntlich. Ab Mitte dreißig produzieren Männer mehr fehlerhafte Spermien, die zu Missbildungen führen können.

Zweitens wird die Frage, wie man berufstätigen Frauen helfen kann, wie man mehr von ihnen in Führungspositionen bekommt und die Arbeitswelt weiblicher macht, hier auf ihre Reproduktionsfunktion reduziert. Andere gesellschaftlichen Strukturen werden ignoriert – als ob eingefrorene Eizellen die Diskussion um Quoten und Pay Gap ersetzen könnten.

Drittens suggeriert das Apple-Facebook-Angebot, Karriere und Familie schlössen sich aus. Kinder bitte erst ab vierzig, damit vorher alle Kräfte dem Unternehmen gewidmet werden können. Nicht, dass dies einen im vollflexibilisierten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts überraschen würde – aber das sollte man der Ehrlichkeit halber dann auch nicht als soziale Tat bewerben. Wie wäre es stattdessen, das Geld in bessere Betreuungsangebote für Kinder wie Betriebskindertagesstätten zu investieren? In flexible Arbeitszeitmodelle und Sonderurlaube für Familien? Wirklich neue Wege zu gehen – womit sich Apple und Faceboook gern brüsten –, würde bedeuten, dass sich die Arbeit dem Leben anpasst. Nicht umgekehrt.

Umgekehrt hat es einen merkwürdigen Beigeschmack, wenn der Job allzu sehr ins Privatleben drängt. Das mag in der amerikanischen Unternehmenskultur etwas anders sein, wo sogenannte Employee Benefits nichts Ungewöhnliches sind – Dienstleistungen, besonders im medizinischen Bereich, die vom Arbeitgeber bezahlt werden. Doch eine Eizellenentnahme ist kein Zahnarztbesuch – das macht man nicht eben mal in der Mittagspause. Es handelt sich um eine Behandlung, zu der Hormonspritzen gehören und ein Eingriff unter Narkose oder Betäubungsmitteln.

Ursprünglich wurde das Egg Freezing als Methode für krebskranke Frauen entwickelt, um Eizellen vor der Bestrahlung zu retten, falls sie sich eine Chemotherapie unterziehen musste. Eine medizinische Indikation also, und eine Ausnahmesituation. Ob die Behandlung auch als Standardmethode geeignet ist, darüber gibt es medizinische Bedenken. Noch Anfang vergangenen Jahres riet eine Studie der American Society for Reproductive Medicine gesunden Frauen von der Prozedur ab. Noch fehlten ausreichende klinische Daten. Abgesehen davon ist eine Behandlung kein Versprechen, schwanger zu werden. Zwar übersteht der allergrößte Teil der Eizellen inzwischen das Einfrieren unbeschadet, die Schwangerschaftsraten sind aber gering und sinken mit zunehmendem Alter.

Wenn aber das Social Egg Freezing nun trotzdem durch zwei der wichtigsten Tech-Unternehmen der Welt zum potentiellen Standard erhoben wird, werden sich demnächst alle berufstätigen Frauen im in Frage kommenden Alter dazu verhalten müssen. Denn steht das kostenlose Angebot erst im Raum, geraten diejenigen, die es ablehnen, unter Rechtfertigungsdruck. Was ist aber mit jenen, die sich gegen das Leben mit Kindern entscheiden? Auch das ist ein Teil der Emanzipation, der für Frauen noch immer nicht einfach ist. Wenn Social Egg Freezing aber zum Teil der Unternehmenskultur wird, kann die Selbstermächtigung über den eigenen Körper sich schnell in das Gegenteil verkehren: nämlich in ein Instrument sozialer Kontrolle.

16:36 17.10.2014
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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