Keine Solidarität

US-Wahl Weiße Frauen haben mehrheitlich Trump gewählt. Das macht wütend und es macht keinen Sinn. Was ist da los? Ein Erklärungsversuch
Keine Solidarität
Wonderwoman hätte Trump niemals gewählt. Frauen in London, kurz nachdem das Ergebnis bekannt wird
Foto: Chris J. Ratcliffe/AFP/Getty Images

Wenn es aus den vergangenen Tagen eine klare Erkenntnis für Frauen gibt, dann diese: Macht wird niemals freiwillig abgegeben, und Misogynie ist noch immer mehrheitsfähig. Vielleicht haben wir alle zu sehr in unseren Filterblasen gelebt, vielleicht haben wir uns zu sehr in Sicherheit gewogen.

Aber der Fortschritt, an den wir geglaubt haben, war keine Selbstverständlichkeit und ist weit weniger akzeptiert, als wir dachten. Die alte Ordnung hat sich aufgebäumt, und sie ist nun mächtiger als zuvor. Der Sieg von Donald Trump ist ein Schlag in die Fresse der Gleichberechtigung – und jeder einzelnen Frau. Sollte man meinen.

Stattdessen zeigen die Umfrageergebnisse, dass die fehlende Unterstützung von Frauen für Clinton sogar das Zünglein an der Waage gewesen sein könnte. Etwa in Florida, wo Frauen sie mit nur vier Prozent mehr unterstützen, als Trump. In einem der Swing-Staaten, der für Clintons Niederlange entscheidend war. Aber wie kann frau freiwillig jemanden wählen, der sagt, dass man Frauen an die Pussy greifen könne? Und das dann öffentlich als Umkleidekabinengerede abtut? Dass er andere nur nicht belästigt, weil er sie sexuell nicht attraktiv genug findet? Der sagt, dass man Frauen „like shit“ behandeln soll? Einen Sexisten, der Frauen weder im Alltag noch im Beruf respektiert, der will, dass Abtreibung bestraft wird, der respektlos ist, übergriffig, dumm und ignorant?

Dass Männer das mehrheitlich unterstützenswert finden – schlimm genug. Die meisten Frauen haben hingegen Clinton gewählt. Es ist ein schwacher Trost. Denn die Mehrheit der weißen Frauen, 53 Prozent (gegenüber nur 43 Prozent für Clinton), haben für Trump gestimmt. Das ist kaum begreiflich. Wieso wählen Frauen gegen sich selbst? Und was ist eigentlich mit der Solidarität passiert?

Rassismus in Reinform

Eine Erklärung ist, dass Race offensichtlich noch immer schwerer wiegt als Gender. Unter schwarzen Frauen sehen die Ergebnisse umgekehrt aus: Da haben nur 4 Prozent Trump gewählt. Das Prinzip kann man ähnlich erklären, wie es derzeit bei den Angry White Men geschieht: Um das Gefühl der Abgehängtheit zu betäuben, wird nach unten getreten. Frei nach dem Motto: Ich fühle mich zwar schlechter gestellt, aber da sind immer noch andere, die schwächer sind als ich. Frau sein ist scheiße. Aber immerhin bin ich weiß. Es ist eine Chance, sich über ihre Hautfarbe zu beweisen und Privilegien zu sichern. Ob es sich dabei um reale oder gefühlte Ausgegrenztheit handelt, um ökonomische oder kulturelle, ist zweitrangig. Es ist deshalb nicht nur falsch, weil die gefühlte Minderwertigkeit relativ ist. Es ist vor allem Rassismus in Reinform und deshalb besonders schwer zu ertragen.

Möglicherweise gibt es noch einen zweiten Grund. Die größte Gruppe von Trump-Wählerinnen sind die Frauen ohne College-Abschluss (62 Prozent Trump, 34 Prozent Clinton). Das legt nahe, dass es sich auch um ein Bildungsproblem handelt. Und um ein Problem der Filterblasen. Feminismus und Frauenrechte, dass sind Themen, die noch immer zu sehr in den Universitäten hängen. Die sich zu sehr an Eliten wenden und zu wenig an unterbezahlte Frauen, an alleinerziehende Mütter, an weniger Privilegierte. Ja, Sexismus wird öffentlich diskutiert, in den USA schon weitaus länger als in Deutschland. Aber wenn 62 Prozent der Frauen ohne College-Abschluss glauben, ein Sexist würde ihnen mehr Chancen versprechen als eine Frau, die sich öffentlich um die Zukunft junger Mädchen Gedanken macht, ist etwas schief gelaufen.

Trump hat seiner Wählerschaft den amerikanischen Traum der unbegrenzten Möglichkeiten zurückversprochen. Dass er nur für manche gelten sollte, haben viele ignoriert. Frauen, die ihn gewählt haben, träumen den Traum gar nicht erst – sondern machen diesen Weg für Männer frei. Offensichtlich hat ihnen niemand beigebracht, dass der Traum von Reichtum und Unabhängigkeit auch für sie gilt. Das entschuldigt nicht die Ignoranz und ja, auch nicht die fehlende Solidarität, die sich in diesem Ergebnis zeigt. Den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, indem man sich in den Hass – selbst wenn er gegen einen selbst geht – einreiht, ist auch nicht immer bequem. Es ist einfach und verdammt kurz gedacht – und es bringt all jene, die dagegen ankämpfen, zu Recht zur Verzweiflung. Aber es ist zumindest eine Erklärung, die zeigt, was zu tun ist.

Verheerende Folgen

Gender, das war eines der größten Themen im Wahlkampf. Clinton ist keine klassische Linke, und sie ist nicht angetreten, um das System zu stürzen. Das kann man ihr als progressive, linke Frau vorwerfen. Aber sie wollte LBGTI stärken, Minderheitenrechte und sie bot das Versprechen, die gläserne Decke zu durchbrechen. Der Guardian dokumentierte Frauen, die vor der Einführung des Frauenwahlrechts geboren wurden. Und am Tag nach der Wahl schrieben viele Frauen ratlos, wie sie dieses Ergebnis ihren Töchtern erklären sollen.

Die Folgen des Wahlkampfs sind verheerend, die Folgen der Präsidentschaft stehen uns noch bevor. Werden wir in Zukunft wieder rechtfertigen müssen, dass Sexismus existiert? Und wie soll eine Debatte darüber geführt werden, wenn das amerikanische Staatoberhaupt sexuelle Übergriffe als Locker Room Talk abtut? Wenn er Säle voller Menschen dazu animiert "Trump that Bitch" zu grölen? Welches Signal sendet Trump damit an junge Männer und Frauen? Alle, die sich für Rechte von Frauen engagieren, wissen, wie schnell Misogynie in die Köpfe hineingelangt – und wie viel Arbeit, Zeit und Kraft es kostet, sie wieder hinauszubekommen.

Es ist 2016. Und es fehlt nicht nur ein gemeinsames Verständnis davon, dass Frauen genauso viel wert sind wie Männer. Es fehlen mächtige Personen, die das vorleben. Vielleicht war Clinton nicht die richtige Frau dafür. Vielleicht wäre es Michelle Obama. Trotzdem: Die Chance eine Frau an der Spitze zu sehen, ist für mindestens vier Jahre verspielt. Es fehlt aber noch etwas anderes: Inklusion. Feminismus wird in der Zukunft daran arbeiten müssen, weniger elitär zu sein. Er wird offenherziger sein müssen. Solidarischer. Wenn Feminsimus weiter anschlussfähig wird, ist das auch eine Chance für mehr Männer zu verstehen, dass sie von Gleichberechtigung profitieren. Aufmunternde Worte fand Leslie Knope nach der Wahl: "Now find your team, and get to work."

12:47 11.11.2016
Geschrieben von

Juliane Löffler

Onlinerin beim Freitag. Quelle: Papier
Juliane Löffler

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