Juliane Löffler
07.05.2013 | 18:29 5

Mehr als eine Hobbylobby

re:publica In Berlin findet zum siebten Mal Deutschlands größte Bloggermesse statt. Zwischen Redundanz und Kommerzialisierung versucht sie sich in Selbstmobilisierung

Mehr als eine Hobbylobby

Sascha Lobo während seines Überraschungsvortrags am Montagabend. "Quelle: Internet"

Foto: Ramón Goeden/ Websenat /Flick (CC)

Es gibt nicht viele Orte, an denen man verständnisvoll angelächelt wird, weil man – grob fahrlässig – in sein iPhone versunken in jemanden hineinrempelt. Die re:publica, Deutschlands größte Netzkonferenz, ist einer davon. Zum siebten Mal findet sie dieses Jahr unter dem Motto IN/SIDE/OUT statt. Das ist als Appell zu verstehen, das Internet als Lebens- und Kulturraum zu schützen. Und zwar aus dem Zentrum seiner Community heraus, aus welcher auch die Veranstaltung selbst entstanden ist, sagt Tanja Häusler am Montagmorgen während der Eröffnungsrede.

Überhaupt ist eine Art selbstreferentielles Geschichtsbewusstsein zu beobachten, wofür ein kleines Video, welches den Aufbau der Veranstaltung im Zeitraffer zeigt, paradigmatisch ist. Dazu gehört auch, dass die re:publica sich im Gewand eines etablierten Business-Festivals zeigt. Große Partnernamen wie Daimler oder Microsoft 8 zeugen davon, dass das Internet hier als kommerzieller Marktplatz statt als Nische für Nerds präsentiert wird.

Entsprechend professionell ist die Organisation der Veranstaltung. Eine App hilft, sich das überbordende Programm zu einem realistischen Tagespensum zusammenzustellen, ein Reader steht bereits am jeweiligen Folgetag bis 12 Uhr mit allen Vorträge zum kostenlosen Download bereit.

Inhaltliche Schwerpunkte sind etwa die Arbeit von Nicht-Regierungsorganisationen im Netz, die internationale Perspektive (auch vor dem Hintergrund der arabischen Netzbewegungen) und Entrepreneurship, welches den Business-Festival-Charakter betont. Denn natürlich schwebt auch in diesem Jahr wieder die große Frage im Raum: Wie kann man mit dem Bloggen Geld verdienen?

Einige Vorträge pochen mit prominenten Sprechern auf die politische Relevanz des Internets, etwa Yoani Sánchez, die von ihren Strategien mit "having internet without internet" als kubanische Oppositionsbloggerin berichtet. Davon, wie sie ihre Beiträge und Posts in den wenigen Momenten, in denen sie online gehen kann, vortimet, um eine virtuelle Präsenz zu suggerieren, obwohl sie „hyperdisconnected“ ist. Wie wichtig ein USB-Stick für ihre Arbeit ist,  wie Menschen auf der ganzen Welt ihr bei ihrer Arbeit helfen können und warum Twitter für sie ein Werkzeug ist, das Leben rettet. Ein politisches Highlight ist auch Laurie Penny, die ein leidenschaftliches Plädoyer gegen Cybersexismus für das Recht der freien Rede von Bloggerinnen im Netz hält.

Trotzdem: Das Rad wird auf den meisten Sessions nicht neu erfunden. Dass das Gros der Gesetzgeber absolut keine Ahnung vom Internet hat und die Netzpolitik deshalb in einem desolaten Zustand ist, wie Birgitta Jónsdóttir aus Island berichtet: Sicherlich richtig, aber nicht gerade eine neue Erkenntnis. Vielmehr wird eine Menge des digitalen Konsens wiederholt.

Gegenthesen wie im Interview mit Diedrich Diederichsen, bleiben Ausnahmerscheinungen. Leider. Sein einfaches "Mir wird das alles zu viel", ohne daraus sofort eine kulturpessimistische Erklärung drehen zu wollen, bietet eine Menge Stoff für eine kritische Diskussion über sozialgesellschaftliche Probleme des Netzes. Genauso wie das große Potential für freiwillige Arbeit, welche die „Maschine“ generiere. Aber entweder betreffen diese Probleme die Besucher der re:publica nicht, oder es ist einfach nicht der Ort der kritischen Analyse. Als Diederichsen erzählt, dass er an der Musik besonders die Objektträger liebt, und diese ihm fehlen, hallt ein einsames Klatschen durch den vollen Saal. 

Dass solche Aspekte kaum theamtisiert und auch kritisiert werden, ist schade. Viel zu sehr dreht sich die Konferenz um die Repräsentation des Internets, und die hängt irgendwo zwischen Wirtschaft, prominenten Einzelpersonen und selbstredundanten Debatten fest, wie ein Blick auf die Twitterwall in der großen Haupthalle zeigt. Die netzpolitische Außenwirkung, außerhalb der Comfort Zone: irgendwie mau. Das ist dann auch im Wesentlichen die These von Sascha Lobo, der am Abend (herrlich humorvoll) einerseits ein Logo für „das Internet“ suchen möchte, und andererseits seine neue Seite promotet, mit der die Kontolle über die sozialen Medien zurückgewonnen werden soll.

Eine "selbsternannte Hobbylobby" ist die im überfüllten Saal versammelte Netzgemeinde "für das freie, offene und sichere Internet“ nicht. Denn eine Hobbylobby braucht keinen Fred-Zigarettenstand auf ihrem Festivalgelände und die Fred-Zigaretten-Menschen würde auch niemals ein solcher Stand auf dem Gelände interessieren. Trotzdem ist Lobos Aufruf, sich die Politik ins Boot zu holen, um netzpolitische Interessen durchzusetzen, wichtig, um sie nicht  den mäßig bis gering beachteten Enquete-Kommissionen zu überlassen. Und das muss man, trotz aller Kritik an der Veranstaltung, doch mal ganz deutlich sagen: Es ist gut, dass es die re:publica gibt, und sei es nur für ein bisschen Selbstorganisation und Selbstmobilsierung. Und für die Möglichkeit, medienwirksam nach außen zu kommunizieren.