Berühmt in „Nur eine(r) Nacht“

Das Musical zur Zeit Manchmal ist es gut, wenn man das Blätterrauschen ignoriert hat, so beim Schauen des Musicals „Nur eine Nacht“ im ZDF
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Berühmt in „Nur eine(r) Nacht“
Nur eine Nacht hat Rockstar Marc Simon (Pasquale Aleardi, im Bild mit Yvonne Catterfeld) noch, um endlich die Besetzung für die Musikshow zusammenzubekommen, die seiner Karriere neuen Schwung bringen soll

Foto: Screenshot ZDF

Die Feststellung, dass seit Peter Alexander das Genre des Musicals hierzulande nicht gepflegt wurde, ist so richtig wie nebensächlich, denn der Film erinnert eher an „Fame“ oder „Billy Elliot- I will dance“, als an die Lausbubengeschichten der sechziger und siebziger Jahre. Diese Tradition endete Nomen est omen 1972 mit dem Stück „Endlich Ferien“.

Die Rahmenhandlung des ZDF-Musicals vom gestrigen Abend sei „voller Klischees und Dialogen wie aus dem Groschenroman“, urteilte die Osnabrücker Zeitung vorab und das Abendblatt schrieb, das Skript klänge, als sei es von der „Sozialbehörde geschrieben“. Tatsächlich geht es bei den Musical um den sozialen Aufstieg oder zumindest um die Hoffnung darauf, eben wie bei jedem Casting à la „Deutschland sucht den Superstar“ oder „The voice of Germany“.

Ähnlich wie beim dem ständig wiederholten Narrativ vom Aufstieg durch Bildung, kommt es darauf an, dass sich wahres Talent durchsetzt. Während wir aber längst wissen, dass Bildung kein Garant mehr für eine Karriere ist, wird jetzt auf das musische Talent gesetzt. Beide Erzählungen sind der Treib- oder Traumstoff des liberalen Kapitalismus und stützen den Glauben an das selbstständige Individuum. Daher scheint es logisch, dass sich das Casting als Karriereweg offenbar durchsetzt, das Echo der Fernsehshows ist zumindest vergleichsweise leise geworden. Erinnert sich da noch jemand an die mediale Debatte darum, dass der Ruhm der Bohlenschen und Klumschen „Superstars“ für die Verteidiger der Leistungsgesellschaft als zu leicht zu erreichen galt und die TeilnehmerInnen im Verdacht standen, eine mediale Abkürzung benutzen zu wollen, um die geforderten Mühen eines steinigen, beschwerlichen künstlerischen Aufstiegs zu meiden? Diese Abwehrdebatte und Plädoyer für traditionelle Karrierepfade erinnerte ebenfalls an die Bildungs-debatte, in der sich prominente Stimmen mit Verweis auf alte Ideale neue Studiengänge ablehn(t)en und das hässliche Wort vom Bulemielernen die Runde machte.

Dabei ist es nicht alleine so, wie Marc Simon (Pasquale Aleardi) sich sinngemäß verteidigt: Nicht ich mach den Druck, der Druck ist da und kommt von außen, vom Hauptsponsoren. In „Nur eine Nacht“ vollbringen die Kandidaten etwas, was sich sicher so mancher Intendant einer Bühne wünschen dürfte, sie stemmen das Projekt in großen Teilen eben in nur einer Nacht – bei den Fernsehshows müssen künstlerische Fortschritte im Wochentakt vollbracht werden. Wenn das keine Leistung ist. Aber der Druck lastet nicht nur auf den KandidatInnen sondern auch auf den KünstlerInnen, den Coaches, denn die Finanzierung des Vorhabens in „Nur eine Nacht“ ist zunächst nicht gesichert und scheitert zum Schluss sogar. Alle sind in gewisser Weise Teil des Prekariats, womit auch hier durchaus Realismus waltet, wenn hier nicht gerade Bohlen und Co. Pate standen.

Die spannende Frage ist jedoch das Timing des ZDF. Eine solche Erzählung fällt erst auf fruchtbaren Boden und wird erst ausgestrahlt, wenn der Stoff gerade kein Risiko mehr birgt, weil er bekannt ist. In Deutschland wurden diese Inhalte bislang in Form von US-Produktionen importiert, in denen vorzugsweise farbige StudentInnen durch ihre musikalischen oder sportlichen Talente den Aufstieg schaffen, weil ihnen kein andere Karrierewege offen steht. Eine Anleihe davon findet sich auch in „Nur eine Nacht“ in der Figur des Underdogs Ronnie (Marc Barthel), der bei seinem ersten Auftritt nicht singt, sondern rappt.

Er ist es auch, der zunächst aus der Probe fliegt, um dann handzahmer wieder aufgenommen zu werden. Blöd nur, dass sich zum Schluss alle Mühe als vergeblich herausstellen – der Sponsor hat Insolvenz angemeldet, das geplante Musical muss abgeblasen werden und der einzige öffentliche Auftritt findet, wie passend, in der Einkaufzeile eines Bahnhofs statt. Die deutsche Realität scheint sich bereits so entwickelt zu haben, dass die Zuschauer reif für eine solche Story sind, das ist das eigentlich Beachtliche.

Kyrosch Alidusti

09:32 07.06.2013
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