Kartoffelpuffer in Torpedoöl

Nachkrieg in Kiel Im sonnigen Sommer 1945 geriet für den kleinen Jobst von Saldern die Welt aus den Fugen

Ein ganzes Menschenalter ist es her, da lag Deutschland in Trümmern. Auch Kiel, die stolze Kriegsmarinestadt. Kaum wiederzuerkennen. Die Werft zerstört, die Kieler Förde mit Hunderten Wracks übersäht. In der Stadt lebten noch 135.000 Menschen, halb so viele wie vor dem Krieg. Sie hungerten, hausten mehr in Höhlen als in Wohnungen. Tausende Rückkehrer versuchten, irgendwo unterzukommen, wieder Fuß zu fassen.

Nicht wiederzuerkennen ist seine Heimatstadt Kiel auch für Jobst von Saldern, der im Frühjahr 1945 sieben Jahre alt ist. Seine Mutter hatte sich mit ihm und der kleinen Schwester vor den Bomben rechtzeitig aufs Land retten können, nach Friesland. Dort waren sie in einer Scheune untergebracht, mit vielen anderen Müttern und Kindern auf engem Raum. Jetzt ist Frieden, jetzt kehren sie zurück. Jobst ist ein schmächtiger, munterer Junge. Er erlebt das Kriegsende vor allem als Abenteuer. "Es war Frühling, die Sonne schien", erinnert sich der heute 70-Jährige, der als Ingenieur in Hamburg arbeitete und lebt, "ich lungerte überall rum und schaute, was man so machen kann." Jeder Tag ist Sonntag, es gibt keinen Unterricht. "Doch die Väter waren nicht da." Sie sind weit fort. In Gefangenschaft, vermisst oder tot. Es ist die "Stunde Null". Die Stunde der Frauen.

Der Mann, dem alles gelingt

Doch Jobsts Familie hat Glück. Eines Morgens im Mai ´45 steht der Vater plötzlich vor der Tür. "In Zivil, keine Militärsachen an, nichts. Halbschuhe, Anzughose, Jackett, alles normal. Wir fragten nicht viel. Wir freuten uns." Die vierköpfige Familie ist wieder beisammen, anders als Millionen andere. Jobsts Vater ist ein umtriebiger und geschickter Gesell. Kaufmann von Beruf, hatte er vor dem Krieg als Autoverkäufer für Ford gearbeitet. Dann wurde er eingezogen. Wurde verwundet. Irgendwie schaffte er´s, sich in den letzten Kriegstagen noch schnell aus dem Staub zu machen und so der Gefangenschaft zu entgehen. Ohne gültige Entlassungspapiere und arbeitslos ist er nun unterwegs und muss jede Kontrolle durch die britischen Besatzer meiden. Auch das gelingt ihm. Jobst kann auf seinen Vater stolz sein. Der versteht es, zu handeln.

Und er handelt. Er organisiert mit viel Geschick, was die Familie zum Überleben braucht. Mit einem Schiffslotsen, der auf dem Kielkanal arbeitet, knüpft er rege Geschäftsbeziehungen. Fotoapparate, Uhren, Teppiche von Freunden und Bekannten werden zu Brot, Fleisch und Butter. Jobst kommt aus dem Staunen nicht heraus. Einmal bringt der Vater einen halben Hammel angeschleppt, der auf dem Wohnzimmertisch zerteilt werden muss, heimlich nachts, damit die Nachbarn nichts merken. Der Vater ist einer, dem scheinbar alles gelingt. Bis eines Tages, im sonnigen Sommer ´45, die Welt aus den Fugen gerät.

Jobsts Vater hat auf dem Schwarzmarkt Speiseöl beschafft. Zwei Liter etwa, in Weinflaschen abgefüllt. Kartoffeln und Mehl hat die Familie auch, sogar Apfelmus. Man kann also Kartoffelpuffer backen. Ein Festessen! Nachbarn gesellen sich dazu, die Kartoffeln werden geschält, gerieben, gebacken. Die Kinder kriegen die heißen, dampfenden Puffer gleich aus der Pfanne auf den Teller. "An unserem großen runden Esstisch saßen wir, da war eine Tafel gedeckt, und jeder war selig, so eine schöne fettige und ergiebige Mahlzeit zu bekommen, denn Kartoffelpuffer mit Apfelmus, das war eine Delikatesse! Meiner jüngeren Schwester, der war das zu fett, die hat das nicht gegessen. Die blieb beim Apfelmus. Aber meine Mutter hat kräftig zugelangt und mein Vater und die Bekannten natürlich auch."

So ein Kribbeln in den Beinen

Noch in der Nacht muss Jobst sich übergeben. Auch den Erwachsenen ist schlecht. Man schiebt es auf das ungewohnt schwere Essen. Nur die kleine Schwester hat keine Probleme. "Nach 14 Tagen fing dann plötzlich so ein Kribbeln in den Beinen an, das stieg immer weiter hinauf und plötzlich merkte ich, dass ich die Glieder nicht mehr bewegen konnte. Wenn ich aufstehen wollte, sackte ich zusammen." Auch die Eltern hat es erwischt. Ein Arzt überweist die Familie zum Neurologen, weil er ahnt, was es sein könnte. Das Gesundheitsamt prüft, was für ein seltsames Öl in den Weinflaschen ist, und bestätigt den Verdacht: eine Trikresylphosphat-Vergiftung. Es ist nicht die erste in Kiel.

Die Leute nennen es eine "Torpedoölvergiftung". Viele 100 Fälle gibt es, auch in Bremen und Hamburg, überall, wo die U-Boot-Häfen und Werften der ehemaligen Kriegsmarine nicht weit sind. Trikresylphosphate (TKP) sind geruchlos, farblos, ölig - und giftig. Man setzte den Stoff damals Treibstoffen und anderen technischen Ölen zu und benutzte ihn als Hydraulikflüssigkeit. Eine der Flaschen, die Jobsts Vater beschafft hat, enthält das Gift. Auf dem Schwarzmarkt kursiert das "Torpedoöl" seit Kriegsende. Es stammt aus den Marinedepots der Wehrmacht. Die Bevölkerung ist ahnungslos. Und frisst buchstäblich Dreck.

In Kiel hatte die Deutsche Werke AG während des Krieges U-Boot-Teile gebaut. Torpedos wurden im Werk Friedrichsort gefertigt. Und jedes davon tankte Kraftstoff und benötigte Öl. 24 Millionen Tonnen Öl verbrauchte der Krieg pro Jahr, es stammte von den "deutschen" Erdölfeldern in Rumänien und vor allem aus den zahlreichen Synthesewerken im Reich - auch bei Auschwitz - die hauptsächlich den I.G. Farben gehörten. Doch immer waren Öl und Kraftstoff knapp. Der Überfall auf die Sowjetunion sollte die entscheidende Wende bringen. Er war von Anfang an auch als ein Raubzug gen Kaukasus geplant. Doch die "Kaukasus-Zange" schnappte nicht zu, keines der Ölfelder dort konnte je erobert werden. So wurde gegen Ende des Krieges selbst noch der Ölschiefer in der Schwäbischen Alb ausgepresst. Und es waren auch dort wiederum KZ-Insassen, die in den Todesmühlen arbeiteten. - Allen diesen Kraftstoffen, Schmiermitteln und Ölen war eines gemeinsam: Sie enthielten das giftige TKP.

Die Lähmung verläuft in Schüben. Nach sieben bis 20 Tagen treten erste motorische Störungen auf. Die Füße, Beine, Hände und Arme gehorchen nicht mehr. Die Lähmung schreitet voran, über Wochen und Monate, und verursacht bleibende Schäden. In einigen Fällen, wie bei Jobst von Saldern, gehen die anfänglich schlaffen später in spastische Lähmungen über. Jobsts Vater, der Mann, dem alles gelingt, hat sich und seine Familie vergiftet. Der Junge kann nur noch auf allen Vieren kriechen oder mit den Armen vorwärts robben. Beine und Hüfte sind gelähmt. Er ist froh, dass die Therapie, die der Arzt verschreibt, lautet: Liegen und Ruhe. Auch die Beine und Hände der Mutter sind teilweise gelähmt. "Aber sie konnte sich nicht den ganzen Tag hinlegen, genau wie mein Vater. Der hatte zum Glück nur leichtere Probleme. Der Körper war damals größer und hat das Gift anders verarbeitet. Die konnten nun aber nicht sagen, na ja, Gott wird uns schon irgendwie ernähren. Sondern die mussten raus und irgendwas tun und den Haushalt führen. Mein Vater musste Nahrungsmittel beschaffen, es musste ja irgendwie weitergehen." Und der Arzt, der täglich ins Haus kommt, will auch bezahlt werden.

Erst ein Jahr später, im Sommer 1946, beginnt Jobst, wieder gehen zu lernen. Auf einen Spazierstock gestützt übt er, spastisch gelähmt und in schlechten Schuhen, die ersten Schritte. Die meiste Zeit spielt er im Sitzen, liegt am Boden. "Es gab ja keine Therapie, außer dass man Stärkungsmittel wie Vitamine nahm."

Der Vater versucht, das Unglück zu lindern. Auf seine Art. Er besorgt dem Jungen etwas. Einen Fußball aus echtem Leder. Eine Rarität! Aber Jobst kann zunächst mit dem Geschenk nicht viel anfangen. Wie sollte er, gelähmt, Fußball spielen? "Aber da ich jetzt den Fußball hatte, war ich plötzlich der König in unserer Straße." Sofort wird eine Mannschaft gebildet, die gegen die Kinder in den anderen Straßen antritt.

Ein Fußball aus echtem Leder

Jobst will natürlich mitmachen. "Da beschloss man, ich könnte ja im Tor stehen. Das war sehr schön. Meine Mutter hat mir Knieschützer aus irgendwelchen Stoffen genäht, und ich war sehr stolz, mit dem Ball unterm Arm und den Knieschützern an den Beinen, zum Fußballplatz zu gehen. Der war unten am kleinen Kiel." Dort gibt es ein freies Gelände, da wird gespielt. Jobst kommt ins Tor, das die Kinder mit Trümmersteinen markieren. Anstoß. Der Ball rollt. "Ich konnte ja nun nicht hechten oder springen, sondern ich kniete da im Tor. Und wenn der Ball nicht direkt auf mich zukam, war es schwierig, den zu halten, und dann ging er ins Tor rein."

Zum Leidwesen seiner Mannschaft öfter, als es ein sollte. "So dass man mir ständig Prügel androhte, wenn ich mich jetzt nicht bessern werde." Aber was soll sein? Jobst ist der Ballbesitzer, man muss ihn akzeptieren. "Und offensichtlich haben wir wohl auch selbst genügend Tore geschossen, denn am Ende war alles sehr einträchtig und zufrieden. Dann ging´s nach dem Spiel über die Straße auf die andere Seite. Da gab´s Eis am Stiel. Das war Wasser, mit Himbeersaft versüßt, das wurde am Stiel gefroren und gegen eine Reichsmark verkauft. Das Geld hatten wir von unseren Eltern bekommen und das konnten wir dann verschleckern."

Jobst von Saldern boxt sich durch. Er schafft es aufs Gymnasium, obwohl ihm viele Monate Unterricht fehlen. Ende der vierziger Jahre kann er sogar wieder ganz ohne Krücken laufen. Er studiert in Berlin, wird Wirtschaftsingenieur, arbeitet bei der Deutschen Lufthansa.

Viel später versucht er, gemeinsam mit anderen Torpedoöl-Opfern, in einem Prozess zu beweisen, dass es der Krieg war, der ihn krank machte. Drei exemplarische Fälle kommen als Sammelklage vors Kieler Sozialgericht und werden in einer Revision vor dem Schleswiger Landessozialgericht verhandelt. Aber die Kläger scheitern. Es gelingt ihnen nicht, lückenlos nachzuweisen, wie das giftige Öl - schlecht bewacht und nicht als Gift gekennzeichnet - aus alten Kriegsmarinedepots zu den hungrigen, ahnungslosen Menschen kam.

Der Erfolg des Prozesses ist ein anderer. Bei ihrer intensiven Recherche - Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre - wagen es die längst erwachsenen Kinder erstmals, ihre Eltern zu fragen: Wie war das, damals nach dem Krieg? Wo kamt ihr her? Was habt ihr getan?

Und erstmals antworten ihnen die Eltern.

Ab 11. Februar 2008 sendet die ARD montags um 21:00 Uhr den Doku-Vierteiler Damals nach dem Krieg. 25 Zeitzeugen - Deutsche und ehemalige Besatzungssoldaten - berichten von ihrem Leben im Nachkriegsdeutschland. Karsten Laske (Grimme-Preis 2005) ist Regisseur der Reihe.

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