Immer Anfängerglück

Porträt Die Verlegerin Sabine Dörlemann hat ihren kleinen Verlag zu einem erstaunlich erfolgreichen Haus gemacht
Katharina Schmitz | Ausgabe 45/2013 1

Es gibt Erfolgsgeschichten, bei denen man rasch nach dem Pferdefuß sucht, und es gibt andere, da freut man sich einfach. Solche Erfolgsgeschichten erzählen von mageren Jahren, von der Leidenschaft zum Buch, von Glück und Zufall, von Freundschaft und Wagemut. Es sind Geschichten wie die des Dörlemann-Verlags.

Sabine Dörlemann, die, wie es das Schicksal wohl wollte, aus einer niedersächsischen Setzerfamilie stammt, kam vor 20 Jahren in die Schweiz und blieb. Der Liebe wegen. Zunächst war da die Arbeit als Lektorin beim Haffmans Verlag in Zürich, dann bei Egon Ammann, der mit vielen Schweizer Autoren bekannt und mit der deutschen Ausgabe von Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran wohlhabend wurde, vor zwei Jahren aber seinen Verlag einstellte. Ammann und seine Frau Marie-Luise Flammersfeld gingen in den Ruhestand, sie hatten sich gegen eine Nachfolgelösung entschieden. Was in der Branche als weiterer Sargnargel gezählt wurde.

Da war Sabine Dörlemann schon länger eigene Wege gegangen. Bei Ammann hatte sie sich mit der großen Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier, die im Jahr 2010 verstarb, angefreundet. Und die schenkte ihr zur Gründung des eigenen Verlages 2003 die Übersetzung von Iwan Bunins Ein unbekannter Freund. Obwohl Bunin der erste russische Literaturnobelpreisträger war, steht er traditionell im Schatten von Dostojewski oder Tolstoi. Aber das sollte typisch werden für den Dörlemann-Verlag: Das Buch erwies sich als Entdeckung.

Die Erzählung der Dame, die sich in einem Roman frappierend wiederfindet und daraufhin dem Autor jahrelang Briefe schreibt, ohne eine Antwort zu erhalten, gehöre „zu den schönsten Prosatexten der russischen Literatur“, urteilte damals die NZZ. Der Durchbruch gelang aber erst mit der Vorstellung des Buchs in der Literatursendung Lesen. Gerade am Anfang von Elke Heidenreichs Sendung – die konsequent Bücher kleinerer Verlage vorstellte – schafften es alle Titel auf die Bestsellerliste, für Iwan Bunin wurde es ein spektakulärer dritter Platz auf der Spiegel-Bestenliste. Und anfangs, so berichtet Sabine Dörlemann, sei man sogar überfordert gewesen vom „Anfängerglück“. Ja, wo bekommt man überhaupt so schnell ein Darlehen für den Nachdruck her? Es folgten weitere Bände des Erzählers. Ein unbekannter Freund blieb bis vor Kurzem der meistverkaufte Titel bei Dörlemann – bis der Literaturnobelpreis an die kanadische Autorin Alice Munro vergeben wurde.

Die Liebe zum Reisen

Aber einen Schritt zurück. Sabine Dörlemann war 40, als auch sie sich die viel gestellte Frage stellte, ob man so – zwar recht interessant und komfortabel – weitermachen will bis zum Ende seiner Tage, oder ob da noch etwas anderes kommen müsste. Dörlemann wollte nicht so weitermachen. 2001 kündigte sie bei Ammann und ging erst einmal mit ihrem Mann auf Reisen. Sie kam nach Burma und Thailand.

Ob die Liebe zum Reisen sie auch zu ihrer nächsten Perle gebracht hat, dem großen Patrick Leigh Fermor, dem poetischen Reiseschriftsteller, dem Wanderer auf der Suche nach der verlorenen Zeit, dem Schulabbrecher aus gutem Hause, der mit 18 und notabene im Jahr 1933 beschloss, zu Fuß nach Konstantinopel zu wandern? Reiseliteratur? Das höre sich an wie trocken Brot, sagt Dörlemann, obwohl es doch Delikatessen seien, es ist ein Zitat von Gabriele von Arnim. Fermors große Wanderungen Zeit der Gaben (2005) und Zwischen Wäldern und Wasser (2006) seien doch eher Coming-of-Age-Geschichten als schnöde Reiseliteratur (siehe der Freitag vom 26. April 2012). Auch zu Fermor kam die Anglistin und Amerikanistin über einen Zufall; eine befreundete englische Familie hatte sie auf den Schriftsteller aufmerksam gemacht.

Das Buch wurde vom Feuilleton groß besprochen (zur Attraktivität mag auch beigetragen haben, dass Fermor für den britischen Geheimdienst gearbeitet hatte), weshalb man auch den zweiten Titel wagte. Ein mutiges Unterfangen, weil die Bücher ja umfangreich sind und die Übersetzung teuer ist. Aber es hat sich ausgezahlt. Inzwischen ist der dritte Band Die unterbrochene Reise erschienen, zwei Jahre nach dem Tod dieser noblen Stimme eines untergegangenen Europas. Sabine Dörlemann hatte Fermor, der 2004 in den Adelsstand erhoben wurde, noch zwei, drei Mal im Jahr in England oder Griechenland besucht. Und Fermor hatte ihr einmal gesagt: „You are working wonders“. Du vollbringst Wunder.

Nicht ihr Wunder, aber doch ein großes Glück: der Literaturnobelpreis für Alice Munro. Bei Dörlemann erschienen die Erzählungen Tanz der seligen Lichter (2010) und Was ich Dir schon immer sagen wollte (2012). Alice Munro, die schon länger Preisverdächtige, die Schriftsteller-Schriftstellerin, die von Jonathan Franzen und Eva Menasse („Die Frau, die Munros Geschichten nicht verfällt, ist keine echte Leserin“) bewundert wird.

Und wie beschreibt die Verlegerin selbst ihre Autorin, von der es heißt, dass sie leichtfüßig oder schnörkellos schreibe? Sabine Dörlemann sagt, dass Munro es vermag, auf 25 Seiten ganze Romane zu schreiben, sie beherrsche die große Kunst der Auslassung, müsse nicht alles auserzählen. Und wie ist das? Spricht man sich nach so einer wunderbaren Nachricht? Leider nein, die 83-jähige Munro lebe sehr zurückgezogen und werde wohl auch nicht nach Stockholm zur Übergabe anreisen.

Champagnerlaune

Aber jetzt mal zusammengezählt: Bunin, der erste russische Nobelpreisträger, Alice Munro mit dem Literaturnobelpreis, Felicitas Hoppe (Georg-Büchner-Preis), der exzeptionelle Patrick Leigh Fermor – und aktuell der Schweizer Jens Steiner mit dem Schweizer Buchpreis für Carambole. Womit längst nicht alle Preise aufgezählt sind, geschweige denn die Nominierungen. Oder Autoren, die keinen Preis mehr bekommen können, aber jederzeit einen verdient hätten wie die Reporterin, Journalistin und Hemingway-Ehefrau Martha Gellhorn. Wird nun also öfter Champagner getrunken? Der Erfolg sehe nach außen größer aus, als er sei, sagt Sabine Dörlemann. Man habe eben auch schon sehr magere Jahre gehabt.

Und diese wunderschönen Bücher mit Leineneinband und mit dem von Hand aufgeklebten Bild auf dem Titel, die für die Leser längst auch einen gewissen Fetischcharakter haben, sind eben nicht so schnell zu produzieren, da sei der Fischerverlag mit den Werken von Munro natürlich schneller.

Gestaltet werden die Dörlemann-Titel von einem Mann, der in Taipeh lebt und zwei-, dreimal im Jahr in die Schweiz reist, den Rest macht man über Chat und Skype. „Mike Bierwolf und Sabine Dörlemann – sie haben sich zu einem Gesamtkunstwerk verschworen“, schwärmt das Neue Deutschland, was in eine analoge Irre führt. Denn Dörlemann hat gleichzeitig keine Berührungsängste mit der digitalen Welt, die Titel des Verlags sind größtenteils als E-Book erhältlich, auch Alice Munro. Dörlemann geht es wie vielen Kollegen, sie glaubt an das E-Book und hält doch immer lieber ein Buch in der Hand.

Verlegen, das heißt auch Freundschaften pflegen. Zu den Autoren, aber auch zu den Übersetzern. 2008 wurde Sabine Dörlemann auch die angesehene Übersetzerbarke verliehen. Der Übersetzer, die Übersetzerin steht ganz selbstverständlich vorne auf dem Titel. „Damit man erkennt, dass so eine Übersetzung nicht vom Himmel fällt“. Denis Scheck übrigens habe diesen Preis auch erhalten. Und Scheck, das fällt auf, ist auch ein Freund des Verlags, der etwa für Hangover Square von Patrick Hamilton trommelte. Zu Recht: Auch dieser intelligente, traurige, wahnsinnig gut geschriebene Trinker- und Liebesroman, der in den Londoner Pubs kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielt, ist so eine Dörlemann-Entdeckung – die sich dadurch aber nicht besser verkaufte, weil Scheck sie in seiner Sendung Druckfrisch vorgestellt habe, sagt die Verlegerin.

Magere Jahre, Leidenschaft, Glück und Zufälle, Freundschaft und Wagemut. Und Wiederentdeckungen, Neuübersetzungen, viel versprechende Außenseiter. Unbedingt muss hier noch von einem Flop erzählt werden, um die Erfolgsgeschichte im Maß zu halten. 2004 entdeckt Dörlemann mit Dag Solstad einen norwegischen Schriftsteller für ihre Leserschaft: Mit Elfter Roman, achtzehntes Buch erschien in deutscher Sprache das Debüt eines Autors, der in seiner Heimat längst zu den führenden Romanciers zählt und den bedeutendsten norwegischen Literaturpreis trägt. Er verkaufte sich schlecht. Das Geschäft sei eben unberechenbar, sagt Sabine Dörlemann. An ihrem unglaublichen Gespür für Nicht-Jedermann-Literatur ändert eine solche Lakonie natürlich nichts, eher im Gegenteil.

Katharina Schmitz konzipiert und betreut auch das Krimi-Spezial des Freitag

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06:10 20.11.2013
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