Klug durch Psychoanalyse

Iris Hanika Sie macht aus ihrer Erfahrung auf der Couch große Literatur. Nun ist ihr neues Buch „Tanzen auf Beton“ erschienen. Eine Begegnung mit Iris Hanika

Natürlich kann man nicht erwarten, dass die Autorin persönliche Fragen mag, nur weil sie sich selbst zum Gegenstand ihres neuen Buches macht. Es stünde doch alles darin, sagt Iris Hanika. Warum man noch mehr wissen müsse. Über ihren Heimatort Bad Königshofen in Unterfranken zum Beispiel, damals so ein Ort an der Zonengrenze. Der Eskapismus mit Drogen sei fast zwangsläufig gewesen, oder man wurde zum Trinker, sie selbst habe Depressionen bekommen. Aber das sei so lange her. Seit mehr als 30 Jahren lebe sie doch jetzt schon in Berlin.

Tanzen auf Beton heißt der autobiografische Roman, der, das stimmt, nur seelen-geografisch mit ihrer Heimat zu tun hat. Der Titel spielt auf eine verlebte Nacht im welt-berüchtigten Berliner Techno-Club Berghain an. Die Heldin, also Iris Hanika, bewegt sich tapfer zu den Bässen, wo sie schon einmal da ist, trotz der Sorgen um den dritten und vierten Bandscheibenwirbel. Um sie herum tanzt die Jugend mit all ihren Optionen, zum Beispiel nachher noch Sex haben im Club. Die Nacht ist eine von vielen beiläufigen Episoden in diesem Roman, es gibt schöne, seltsam schmerzliche Anekdoten von Reisen nach Schanghai und nach Russland, von einem Nachmittag bei IKEA. Versprüht wird dabei ein intimer wie melancholischer Charme, der Klappentext spricht vom „typischen Hanika-Sound“.

Ein Sound, der nicht alle Leser so berühren wird wie die Forty-Somethings, für die Iris Hanika zu schreiben scheint. Mit ihren beiden letzten Romanen Treffen sich zwei und Das Eigentliche hat sich Iris Hanika als eine der markantesten Stimmen ihrer Generation etabliert.

Analyse aus eigener Tasche

Ihrem neuen Roman ist Aufmerksamkeit also gewiss. Aber ist das überhaupt ein Roman? Es klingt manchmal, als hätte sie für ihr Selbstgespräch in Buchform ein Tonbandgerät gehabt und die Aufnahmen, auch die schlichten Passagen, von vielleicht gut einem Jahr einfach abgetippt. Den Roman-Untertitel wissen Kenner sofort zu deuten: „Weiterer Bericht von der unendlichen Analyse“. Gemeint ist die Psychoanalyse. Iris Hanika hat selbst von 1991 bis 1997 eine Analyse gemacht, nach dem Konzept von Jacques Lacan, dem legendären Psychoanalytiker, den manche für genial, manche für unverständlich halten (in diesem Fall stimmt das Klischee). Was man als Laie nicht unbedingt weiß, sagt Iris Hanika, so eine Analyse ist ja ein work in progress, im Gegensatz zu einer Psychotherapie ist sie nie vorbei. Mit Glück fände man „eine Konstruktion, in der es sich leben lässt“, oder löse „das neurotische Elend durch das gemeine Unglück“ ab, wie Freud lebensweise und ironisch schrieb. Stünde aber doch alles im Buch. Die Frage ist nur: in welchem? Gemeinsam mit ihrer Analytikerin Edith Seifert hat sie vor einigen Jahren Die Wette auf das Unbewusste geschrieben. Darin steht, „was Sie schon immer über Psychoanalyse wissen wollten“. Nicht zuletzt, dass man die Analyse komplett selbst bezahlen sollte, zumindest nach der Methode Lacan. Nur so, davon ist Hanika überzeugt, trage man die volle Verantwortung für sein Leiden, statt in ihm zu zerfließen. Iris Hanika übersetzte Handbücher für Software und kriegte das Geld erstaunlich leicht zusammen. Damals also dreimal die Woche von Kreuzberg nach Steglitz. Mehr als 8oo Sitzungen. Fast 70.000 D-Mark ausgegeben. Krass, das ist wohl nicht jedem jungen Berghain-Besucher zu vermitteln.

Was Laien oft auch nicht verstehen: In der Analyse muss der Patient mitnichten Erinnerungen und Erlebnisse in der richtigen Reihenfolge erzählen. Man sieht die Couch, die Füße. Hat noch ein Witzchen im Ohr. Schwenk auf den Sessel, darin eine Autorität, die das Gesagte interpretiert. So ja nicht. Paradoxerweise hilft es in so einer Analyse nicht unbedingt, dass man sich die Probleme erklären kann. Weiter geht das absichtslose, unsystematische Erzählen, nur dieses führt zu den erhellenden Assoziationen, stellt den Kontakt zum Unbewussten her. Man nennt es talking cure: Der Patient redet, und das ist die Therapie, der Analytiker schweigt die meiste Zeit. Lacan war berühmt für sein Schweigen.

Iris Hanika hat sich mit der Psychoanalyse nicht nur gerettet, sie hat sich ihren literarischen Stil mit der Analyse erarbeitet. Als schillernde und launische Verwandte der Literatur hat sie Tradition. Bei Lacan galt alles als Text der Seele. Freuds Analysen lasen sich wie Novellen, wie er selbst schon bemerkte.

Und so mäandert Hanika also in ihrer unendlichen Analyse, Notizen aus Frankfurt oder Paris folgen Alltagsbeobachtungen und Philosophien. Im Kern aber geht es in Tanzen auf Beton um eine desaströse Liebesgeschichte. Hanika war sehr verliebt. Und manchmal irre vor Glück. Zum Beispiel, als ihr Geliebter mit Lederhose und grauem Sweatshirt in ihrer Küche sitzt, als wäre er die Inkarnation des coolen Typen aus der Stufe 13 vom Gymnasium. Damals wie heute und immer: Man will nichts Falsches sagen. Bloß nichts kaputt machen. Damit er bleibt. Aber er bleibt nicht.

Frauenfeindliches Elternhaus

Hanika sagt, sie habe in diesem Buch ihr schon immer verkorkstes Liebesleben abgearbeitet, die Pubertät nachgeholt. Es ist ein vertrautes Muster: Kluge, selbstbestimmte Frau verstrickt sich in eine Affäre mit einem verheirateten Mann und regrediert bei ihm zur Frau ohne Eigenschaften. Sie liebt ihn. Liebt sie ihn denn wirklich, obwohl wirklich alles gegen ihn spricht? Es gibt keine guten Gespräche, nie erfüllten Sex, nur die endlose Hoffnung darauf. Das Paar existiert in der Hanika-Wohnung. Sonst nicht. In der Öffentlichkeit ist Iris Hanika die starke, autarke Frau.

Frage: Warum hat sich die Heldin nicht einfach einen Vibrator gekauft, wenn doch der Orgasmus nie stattfand und immer wieder ersehnt wurde? Es hätte die Neurose verwischt, sagt Hanika. Diese Neurose galt es ja herauszuarbeiten. Es sei eben genau diese Konstruktion, die man sich aussuche, um dann fragen zu können, warum man das eigentlich tue, mit einem Mann schlafen, weil schon reicht, dass der das überhaupt will, warum einen Mann lieben, der das nicht verdient, sich fragen, warum man selbst keine Liebe verdient, sich fragen, warum man das überhaupt denkt. Talking Cure: „Ohne Neurose hätte ich kein heimliches Verhältnis mit einem notorischen Ehebrecher.“ – „Vielleicht liegt es am misogynen Elternhaus“, steht irgendwo im Roman. Dass die Beinahe-Vergewaltigung mit 13 Jahren ja Ursache für all das ist, aber eben nicht nur. Einmal ruft die Mutter an, sie wünsche sich aus tiefstem Herzen „einen reichen Mann, der dich auf Händen trägt“, was wieder so eine schmerzlich schöne Stelle ist: „Deswegen denke ich in einem fort, ich hätte versagt.“ Einmal ausgesprochen. Danach geht es ihr besser. Den Frieden mit früher hat sie ja längst gemacht.

Das Unglück ist relativ, verstehe ich, das wahre Unglück die fehlerhafte Konstruktion der Seele. Dabei hadert der eine dann mehr, ein anderer weniger, gemein. Aber man fände eine Konstruktion, in der man leben kann, wiederholt Hanika und lacht: „Man lernt, seinen Mitmenschen nicht permanent auf die Nerven zu gehen.“ Zu den größten Stärken von Iris Hanika gehört, dass sie in ihrem Buch das Intimste nach außen kehrt, ohne dass es peinlich, ohne dass es exhibitionistisch wirkt.

Kunst ist das Unhintergehbare

Die Einsamkeit, die Midlife-Melancholie, das Liebesunglück; ihre Leiden machen Iris Hanika zu einer prototypischen Schriftstellerin. „Mehr kann ich darüber nicht erzählen“, sagt Iris Hanika. Stünde ja alles im Buch. Und dort steht dann auch, wie sie erzählen will und sich ständig fragt, „wie man bei der Herstellung von Kunst etwas anderes anstreben kann als das Unhintergehbare, Letztgültige, Maßstäbesetzende, Absolute, das einen so deutlichen Punkt setzt, dass danach lange nichts mehr kommen kann.“

Ihr Roman Treffen sich zwei, der die hinreißend verzweifelte Beziehungsunfähigkeit von Senta, Anfang vierzig, in Kreuzberg erzählt, gelangte auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis, Das Eigentliche über die Neurosen ihres Alter Ego Hans wurde 2010 mit dem European Union Prize for Literature und dem Preis der LiteraTour Nord ausgezeichnet. Inzwischen kann Iris Hanika von ihrer Literatur leben.

Unseren Treffpunkt am Alfred-Döblin-Platz in Kreuzberg mit der von Iris Hanika angekündigten Linzer Torte hatten wir sofort verlassen. Draußen war die pralle Sonne, drinnen war dieser eigentümliche Geruch wie in einer „Tierarztpraxis“ (Hanika) gewesen.

Wir landeten bei einem Türken, im Schatten auf dem Bürgersteig. Ob es denn eine Liebe zu Wien gäbe, oder warum dieser Vorschlag mit dem „Ganz Wien“, wo sie doch mit dem „Geliebten“ diese eine schrecklich nichtssagende Reise dorthin unternommen hat, wie es im Buch steht. Ganz und gar nicht. Eigentlich sei Wien eine ganz und gar doofe Stadt. Höchstens das Café Prückel sei eine Reise wert, keine Musik, direkte Verbindung zum Flughafen mit dem City Airport Train. Sie würde fürs Café Prückel morgens hinfliegen und abends zurück. Nicht zuletzt betört an Iris Hanika die Lakonie, im Leben wie im Roman.

Tanzen auf Beton: Weiterer Bericht von der unendlichen Analyse Iris Hanika Literaturverlag Droschl 2012, 168 S., 19 €

Katharina Schmitz schrieb im Freitag zuletzt über Katja Kullmanns Rasende Ruinen

12:00 03.09.2012
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