Sind das Menschen?

Flucht Antonio Ortuños „Die Verbrannten“ erzählt von den Schlepperbanden in Mexiko und systematischer Gewalt
Katharina Schmitz | Ausgabe 46/2015 1

Reisewerbung kann ziemlich surreal sein. Die siebentägige Mexikoreise im Doppelzimmer ab 1.131 Euro bewirbt TUI so: „Erleben Sie die wunderbare Natur mit seinen beeindruckenden Wasserfällen oder tauchen Sie ein in die Welt der Maya mit seinen verwunschenen Orten und magischen Stätten. Aber auch alle jene, die einen unvergesslichen Strandurlaub verleben wollen, sind in Mexiko genau richtig.“

Die ganze Wahrheit ist: Es fehlt die unbeschreibliche Kriminalität in diesem Land. Drogenhandel, Prostitution, Schleppergeschäft, Raub und Mord sind Alltag. Eine Reise auf eigene Faust kann durchaus die letzte Suche nach dem wahren Selbst gewesen sein. Überlandfahrten in die Städte und Touristenzonen lesen sich wie russisches Roulette. „In einigen Fällen“, schreibt das Auswärtige Amt, seien „auch Polizeikräfte bzw. uniformiertes Sicherheitspersonal an Straftaten beteiligt bzw. Kriminelle, die sich als solche ausgeben.“ Die Gewalt ist besonders ausgeprägt im Norden, zum Beispiel im Bundesstaat Tamaulipas oder in Großstädten wie Tijuana oder Ciudad Juárez.

Massaker im Flüchtlingsheim

2010 fand in Tamaulipas das San-Fernando-Massaker statt, ein Massenmord an 72 lateinamerikanischen Migranten. Die Opfer stammten aus Ecuador, Honduras, Guatemala oder El Salvador. Illegale Einwanderer, auf dem mörderischen Weg zum Sehnsuchtsort USA, besser: Überlebensort USA.

Mexiko ist Transitland wie aktuell Österreich, Slowenien oder Kroatien für Geflüchtete in Europa auf ihrem Weg nach Deutschland. Ganz im Norden trennt ein 3.000 Kilometer langer Zaun die USA von Mexiko. Es ist die letzte Hürde für die illegalen Einwanderer. Man hat ja schon öfter von diesem Grenzwahnsinn gehört, darüber gelesen, man schaut gerade diese unglaublich gute Serie Narcos, die nicht von Schleuserbanden, sondern vom brutalen Drogenkrieg der 80er Jahre in Kolumbien handelt. Aber nun ja, Mexiko oder Kolumbien, das ist wirklich weit weg. Besser: Das war weit weg. Es ist gerade unmöglich, Antonio Ortuños Roman zu lesen, ohne unsere Situation in Europa, in Deutschland, hier in dieser Stadt mitzudenken.

Die Verbrannten beginnt mit einem Feuer in einer Flüchtlingsunterkunft. Zahlreiche Männer, Frauen und Kinder sterben qualvoll. Es war Brandstiftung, die schreckliche Tat geht vermutlich auf das Konto zweier konkurrierender Schleuserbanden. Jetzt ist geklärt, wer der Boss ist. Santa Rita heißt der fiktive Ort im Süden von Mexiko. Dorthin wird die Sozialarbeiterin Irma entsendet und mit der „Untersuchung“ des „Vorfalls“ beauftragt. In Santa Ritas lokalem Büro der nationalen Behörde für Migration arbeitet der undurchschaubare Pressemensch Vidal. Er hat eine geschäftsmäßige Pressemitteilung formuliert, die Antonio Ortuño wie ein Original verfasst hat. Die Ungerührtheit von offizieller Seite ist überdeutlich. Klar ist, man wird nicht allzu viele Finger rühren für diese bedauernswerten Menschen. Denn es ist ja so, in den USA sind die Mexikaner die Menschen zweiter Klasse, in Mexiko wird die Verachtung einfach nach unten weitergereicht. Sind diese Migranten aus Zentralamerika überhaupt Menschen?

Zu viel Engagement ist lebensgefährlich, das ist der Sozialarbeiterin bewusst. Auch keiner der Überlebenden ist bereit, zu den Ereignissen in der Nacht des Anschlags auszusagen – bis auf die junge Frau Yein, die zu Irmas einziger Zeugin wird und auf Rache sinnt. Und da ist noch der Vater „der Kleinen“, Irmas Tochter, ein Lehrer im Staatsdienst mit eigenem Häuschen, er wird sein beschissenes Lebens- und Unterlegenheitsgefühl brutalstmöglich mit einer Migrantin kompensieren.

Antonio Ortuño braucht für seinen Roman keinen fiktiven Plot. Er hat die Realität. Um zu verstehen, was in Die Verbrannten passiert, muss man begreifen, dass in dem Mexiko, von dem er erzählt, ein Menschenleben unter Umständen nicht viel zählt. Aber diese Umstände gibt es eben auch bei uns. Man denkt an Flüchtlinge, die durch deutsche Städte gejagt werden. Wie soll man es begreifen? Woher kommen diese Kälte und diese Empathielosigkeit? Viele sagen: Das ist der Rassismus. Aber trifft das in jedem Fall, ist es wirklich die andere „Rasse“ (was immer das ist)? Oder trifft es nicht vielmehr in jedem Fall den „Fremden“, zu dem es eine ganze Soziologie gibt, deren kleinster Nenner von Dennis J. Snower so gebildet wird: „Auch wenn wir gemeinsame Wertvorstellungen haben, können Konflikte entstehen, weil wir gegenüber Mitgliedern unserer Gemeinschaft andere Werte anwenden als gegenüber Fremden.“ Der Fremde, das ist, um auf Mexiko zu kommen, der Elende auf der Durchreise in den Norden.

Unbehagen der anderen Art

Als „Frauenmorde von Ciudad Juárez“ wird eine seit Anfang der 1990er Jahre andauernde Mordserie bezeichnet. Die Frauen wurden entführt, gefoltert und zumeist nach einigen Tagen gefesselt auf Brachflächen außerhalb der Stadt abgelegt. Roberto Bolaños 2666 handelt davon. Über Seiten verliert man sich in einem gigantischen Geheimnis, die Unruhe, die einen befällt, ist schwer zu beschreiben. Den 1976 geborene Antonio Ortuño, der zu den besten spanischsprachigen Schriftstellern überhaupt zählt, liest man auf andere Art mit Unbehagen. Ortuño schreibt dokumentarisch, distanziert. Auf nur 200 Seiten bannt Die Verbrannten auch mit der Ungewissheit, wie viel Irma in ihrem Einsatz für die Fremden wirklich riskieren will. Großartig auch, in den Kopf des Lehrers zu schauen, die Monologe der Rechtfertigung zu lesen. Sind nicht die Gringos die eigentlichen Rassisten? Der Bandenanführer Morro hat ein Babygesicht. Ein bisschen ist Irma in den bösen Vidal verliebt. Wow.

Über den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko wollen täglich etwa 50.000 Menschen, manche verschwinden, „verhungern, verdursten, sterben vor Erschöpfung oder werden von Schmugglern oder wilden Tieren getötet“, schreibt der Journalist Tom Kummer. Er hat den Grenzirrsinn in einer überragenden Reportage beschrieben. Surrealistisch im Wortsinn. Und deshalb würde man eben trotzdem mit TUI nach Mexiko reisen. Der Tourist ist der Fremde in seiner abgeschwächtesten und darum heute vielleicht auch unmenschlichsten Erscheinungsart.

Info

Die Verbrannten Antonio Ortuño Nora Haller (Übers.), Kunstmann 2015, 208 S., 19,95 €

Katharina Schmitz verantwortet die Krimibeilage des Freitag

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06:00 17.11.2015
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Ausgabe 39/2020

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