Stecktabelle der Herzen

Fußball Am 7. August startet die Bundesliga, also schnell die Sonderhefte gekauft. Es gibt sie von "Kicker", "Sport Bild" und "11 Freunde". Aber braucht man wirklich alle drei?

„Die Bibel also“ kommentiert der Verkäufer an der Tankstelle, als ich das Sonderheft des kicker Sportmagazins auf den Tresen lege. Der kicker ist das älteste deutsche Fußballmagazin, es erschien erstmals 1920. Seit Gründung der Bundesliga vor 46 Jahren gibt es zum Saisonstart die kicker Sonderausgabe. Wer alle zu Hause, womöglich sogar im schlichten „Sammelschuber für kicker Sonderhefte“ archiviert hat, kann quasi den Brockhaus der Bundesliga sein eigen nennen. Jeder Club, vom Spieler zum Torwart über den Trainer bis hin zum Zeugwart, wird detailliert aufgedröselt, jeweils obligatorisch illustriert vom Mannschaftsfoto. Neben einem soliden Redaktionsteil setzt der kicker auch auf die Erfahrung der Fußballprominenz.

So gibt Ottmar Hitzfeld im „kicker-Kolumnisten-Kreis“ seine Expertise ab, sagt, ob Felix Magath mit Schalke reüssieren wird (1) oder Armin Veh das Wolfsburger Niveau halten kann (2) oder die Bayern es mit van Gaal schaffen werden, an gewohnte Erfolge anzuknüpfen (3). Der kicker kann und will auch auf Fredi Bobic nicht verzichten. Wie Uli Stielike und Rudi Völler gehört er zum inneren Zirkel der Experten. Und was wäre der kicker ohne seine legendäre Stecktabelle: „Die vorgestanzten Vereinsembleme langsam heraustrennen. Die Steckschlitze mit feinem Messer öffnen.“ Aber das braucht man eigentlich keinem Fan mehr zu sagen. (Sportmagazin kicker, 5,50 Euro)

Sport Bild Sonderheft

Für 4,90 Euro gibt es das Sport Bild Sonderheft. Als einziges der drei Blätter zeigt Sport Bild nicht die Meisterschale sondern drei prominente Köpfe: Grafite, Gomez und Manuel Neuer. Unnötig groß aufgemacht wird „Matthäus gegen die Stars“. Hier geht Lothar offensiv ran und gibt Prognosen für die Saison, Profis wie Philipp Lahm, Arne Friedrich und Kevin Kuranyi halten bieder dagegen. Und es stimmt: Lothar Matthäus sieht unserem amtierenden Finanzminister auf frappierende Weise ähnlich. Weiter hinten gibt Otto Waalkes ein unkomisches Interview und Reiner Calmund liefert eine hitzfeldartige Kolumne ab.

Sport Bild stellt die gleichen Fragen wie der kicker – siehe oben unter 1), 2), 3) – sowie:

- was wird aus Stuttgart ohne Gomez?

- was aus Hamburg mit Labbadia?

- Poldi in Köln?

- Hoffenheim?

All das wird so oder in ähnlicher Form die Tageszeitungen rauf und runter gefragt und den Sportteil füllen bis zum Anpfiff, allein, den Fan stört das nicht, die Wiederholung ist sein Element. Das Beste am Heft, allerdings nur für Buchhalter: das Riesenposter zum Selbst eintragen aller Spielergebnisse.

11 Freunde Bundesliga-Sonderheft

Dass es auch anders geht, zeigt 11 Freunde, das Magazin für Fussballkultur. Seit 2002 holt 11 Freunde den Fussball zurück ins Feuilleton. Die Reportagen sind auf hohem fachlichen Niveau und kommen gleichzeitig spielerisch daher. 11 Freunde bietet dem Leser Themen abseits der erwartbaren Berichterstattung. Während allerorten politisch korrekt über den Transferwahnsinn räsoniert wird, bietet 11 Freunde eine Hintergrundreportage über den Spielerberater Konstantin „Kon“ Schramm.

Meist werden die klassischen Elemente auf den Kopf gestellt und ironisch verdreht. Wo Bild und kicker in der Tradition bleiben, bringt 11 Freunde eine lustige Fotodokumentation über den Niedergang des Mannschaftsfotos oder würdigt die Bundesligaspieler, die seit 1963 verstorben sind und zwar vor allem die „prägnanten Randfiguren, die ‚Fußsoldaten’ der Branche sozusagen“. Viele mögen ja das Gimmick "Bei der Geburt getrennt" am liebsten, ich favorisiere die Kolumne „Standardsituation von Günther Hetzer“. 11 Freunde ist allen voraus und präsentiert deshalb schon jetzt die Abschlusstabelle 2009/2010. Kaum zu glauben: Schalke wird Meister. (11 Freunde Sonderausgabe, 4,90)


Jetzt schnell sein!

der Freitag digital im Probeabo - für kurze Zeit nur € 2 für 2 Monate!

Geschrieben von

Katharina Schmitz

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Literatur“

Katharina Schmitz studierte Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte, Politikwissenschaften, Vergleichende Literaturwissenschaften und kurz auch Germanistik und Romanistik in Bonn. Sie volontierte beim Kölner Drittsendeanbieter center tv und arbeitete hier für diverse TV-Politikformate. Es folgte ein Abstecher in die politische Kommunikation und in eine Berliner Unternehmensberatung als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ab 2010 arbeitete sie als freie Autorin für Zeit Online, Brigitte, Berliner Zeitung und den Freitag. Ihre Kolumne „Die Helikoptermutter“ erschien bis 2019 monatlich beim Freitag. Seit 2017 ist sie hier feste Kulturredakteurin mit Schwerpunkt Literatur und Gesellschaft.

Katharina Schmitz

Freitag-Abo mit dem neuen Roman von Jakob Augstein Jetzt Ihr handsigniertes Exemplar sichern

Print

Erhalten Sie die Printausgabe zum rabattierten Preis inkl. dem Roman „Die Farbe des Feuers“.

Zur Print-Aktion

Digital

Lesen Sie den digitalen Freitag zum Vorteilspreis und entdecken Sie „Die Farbe des Feuers“.

Zur Digital-Aktion

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen