Vielsagend

Literatur Daniela Kriens Roman „Der Brand“ nervt, im Gegensatz zu Elke Schmitters „Inneres Wetter“
Vielsagend

Foto: Alfred Gescheidt/Getty Images

In seinem großartigen Essay Die Schlange im Wolfspelz über das „Geheimnis großer Literatur“ (Rowohlt 2020) schreibt der Autor Michael Maar in einem Kapitel über die Stilsünde der Variation. Zwar sei die Wiederholung nicht immer die beste Lösung, und in Goethes Wahlverwandtschaften bäte man auf Knien darum, dass Goethe in den Dialogen mal etwas anderes schreiben würde als „versetzte sie“ oder „versetzte er“, aber noch schlechterer Stil sei es fast immer, ein naheliegendes Wort zu variieren. Was übrigens unbedingt auch für den journalistischen Stil gilt, will man hinzufügen.

Wo es nicht wichtig ist, schreibt Maar, genüge gerade in Dialogen das einfachste Verb, „wenn nicht gerade ein Schrei die Luft zerreißt“. Wie recht er hat. Äußerst enervierend durchzieht die Variation von „sagen“ die Dialoge in Daniela Kriegs neuem Roman Der Brand. Statt dass eine/-r einfach etwas sagt, wird hinzugefügt, geseufzt, gezischt, verkündet, entgegnet, widersprochen, gemurmelt. Und wenn eine/-r einmal schlicht etwas „sagt“ oder „entgegnet“, geschieht das nicht ohne ein „tonlos“, „empört“ oder „scharf“. All dieser Aufwand, damit die Leser:innen ahnen, dass hier eventuell bald ein Schrei die Luft zerreißt?

Ehekrise, Klima, Virus, Gender

Der Dialog im Roman soll die Figuren natürlich charakterisieren. Der „Informationsaustausch“ dürfe deshalb stilisiert werden, schreibt Maar, wenn er dem Leser dadurch plausibler erscheint. „In tiefen Groll“ aber könne sich der Missmut steigern, sobald der Leser argwöhne, dass er gemeint ist, dem der Autor etwas sagen will.

Aber was genau will uns Daniela Krien sagen, die ja, wenn man so sagen kann, kein unbeschriebenes Blatt ist: Vor zwei Jahren erschien von der 1975 in Mecklenburg-Vorpommern geborenen Schriftstellerin der Bestseller Die Liebe im Ernstfall. Es ging um Frauen und ihre Beziehungen, der Roman wurde als Porträt einer ostdeutschen Gesellschaft gefeiert. Wegen dieses Erfolgs wurde ihr neues Buch mit Spannung erwartet. Vielversprechend ist aber auch die Handlung, die Krien in die Corona-Pandemie mit all ihren gesellschaftspolitischen Verwerfungen gelegt hat. Im Zentrum von Der Brand steht die Krise einer fast 30-jährigen Ehe, zwischen dem Dresdner Germanistikprofessor Peter und seiner Frau, der Psychologin Rahel, begleitet von großen Themen wie Klima, Virus, Medienkritik, Genderkomplex.

Die vom Ehepaar gemietete Ferienwohnung in Bayern ist abgebrannt, weshalb die beiden gern das Angebot der alten Freundin Ruth annehmen, ihr Haus in der Uckermark zu hüten, und vielleicht hilft der Urlaub dabei, dass man einander sich annähert. „So liegt über dieser scheinbar so unspektakulären Prosa eine unheimliche Spannung, die sich in jeder Minute zu entladen droht“, schreibt Rainer Moritz in der NZZ. Hm. Die Rezensentin fühlte, während Kriens Figuren in diesem Anwesen (erst pittoresk, dann im Verlauf unheilvoll als immer sanierungsbedürftiger beschrieben) achtsam Essen zubereiten, Tiere streicheln und füttern, klimaresistentere Pflanzen setzen und es sogar zu „Seniorensex“ (Zeit) nach einer Hölderlin-Lektüre kommt, große Ungeduld aufsteigen. Überdeckt all das dekorativ Geschäftige doch kaum, dass der existenzielle Ernst mehr gekünstelt wabert. Dazu gehört auch der Shitstorm durch Gender-Aktivist:innen an der Uni, unter dem Peter sehr leiden soll.

Liest man Interviews mit Daniela Krien, wird klarer, dass Krien eine Art „literarischer Agenda“ verfolgt, ihren Leser:innen also tatsächlich etwas sagen will. Sie will zum Beispiel zeigen, „warum sich freiheitlich und liberal gesinnte Menschen in unserer Gesellschaft zunehmend fremd fühlen“ (Berliner Zeitung),und was den Osten angeht, führe das Erzählen darüber vielleicht gerade im Westen zu mehr Verständnis, hofft Krien, vermutlich vergebens.

Gut gemacht, lebendig und vielsagend sind dagegen die Dialoge in Elke Schmitters Inneres Wetter. Nach 15 Jahren Pause hat Schmitter, Kulturredakteurin beim Spiegel, wie Krien einen Familienroman geschrieben. Er spielt im Jahr 2014, also zu Beginn der Flüchtlingskrise. Es gibt dazu eine Ehekrise, ein bis zwei Lebenskrisen, psychologisches Gewitter liegt in der Luft. Elke Schmitter zeichnet das Porträt einer westdeutschen Familie, inklusive Nazi-Hintergrund, Vertriebenentrauma.

Aber das klingt etwas platt, wenn man das so schreibt, denn Familienkonflikte werden ja nie „objektiv“ aufgearbeitet, was sie literarisch so reizvoll macht. Für die diversen Verkorkstheiten der drei erwachsenen Geschwister ist wohl am ehesten die verstorbene Mutter Dorothea verantwortlich. Zum 77. Geburtstag des Vaters hat Tochter Bettina vorgeschlagen, den Witwer zu überraschen. Schmitter zeigt einen Senior, der progressiver als Kriens mittelaltes Paar daherkommt, nicht umsonst hat Bettina „diesen Thomas Piketty über das Kapital“ als Geschenkidee, womit nebenbei ein linksliberales, bildungsbürgerliches Milieu angedeutet wird, mit seinen Werten, seinem Selbstverständnis. Rahel schenkt Peter einen Bildband über das unzerstörte Dresden ...

Von Beginn an steuert Inneres Wetter schnörkellos auf den Geburtstag zu; auf knapp 200 Seiten entsteht eine Spannung, auch weil die Protagonist:innen von echten philosophischen Fragen getrieben zu sein scheinen, die Perspektiven gekonnt wechseln, sodass sich das „innere Wetter“ erklärt. Und das alles geschieht in E-Mails, die in diesem Milieu noch wie Briefe klingen, und eben auch in den Dialogen. Und wenn jemand nichts sagt, wie zum Beispiel gerade Sebastians kroatische Frau Mora, dann folgt eine Passage, die von Krieg erzählt und über Mora, die anders tickt als die angeheiratete Familie. Schmitter schreibt unverkopft. Gerade deshalb liest man manchen Gedanken zweimal, weil er nicht so dahergeredet ist.

Info

Der Brand Daniela Krien Diogenes 2021, 272 S., 22 €

Inneres Wetter Elke Schmitter C. H. Beck 2021, 202 S., 22 €

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06:00 16.08.2021
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Ausgabe 38/2021

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