Konfuzionen

Berliner Abende Mein Ruhepuls ist fast doppelt so hoch wie der des durchtrainierten Liebsten, wenn er zwanzig Liegestütze hinter sich hat. Diese Tatsache macht mich ...

Mein Ruhepuls ist fast doppelt so hoch wie der des durchtrainierten Liebsten, wenn er zwanzig Liegestütze hinter sich hat. Diese Tatsache macht mich inzwischen so nervös, dass der Puls steigt, wenn ich nur dran denke. Die Medizin nennt so was Tachykardie. Frau schlägt morgens die Augen auf und kann 90 Schläge pro Minute vorweisen.

Ich war lange Zeit der Meinung, dass diese körperliche Eigenheit nicht richtig störend ist. Eher so, als läge ständig irgendetwas fürchterlich Aufregendes vor oder hinter mir. Damit konnte ich leben. Schließlich lag oft etwas fürchterlich Aufregendes vor oder hinter mir. Die Zwischenzeiten ließen sich mit Erinnerungen an das letzte, Antizipation des nächsten und Prophezeiungen über das darauf folgende fürchterlich aufregende Ereignis überbrücken.

Ich hatte mich also eingerichtet, bis mir eine Vertreterin der Schulmedizin erklärte, dass die körperliche Eigenheit eines dauerhaft zu hohen Pulses das Leben beschleunigt. Positiv beschrieben. Pessimisten sprächen eher von einer lebensverkürzenden Maßnahme. Aber ich bin keine Pessimistin.

Trotzdem war ich beeindruckt von der Nachricht. Unter dem Aspekt betrachtet, dass ich sowieso nicht wusste, wie lange das Leben dauert, hatte sie auch etwas Bedrohliches. Ich wusste zwar, dass alles relativ war, aber das sollte gefälligst andere betreffen.

So begann ich also, über sinnvolle und zugleich pulssenkende Abendgestaltungen nachzudenken. An den Tagen ließ sich ja recht wenig ändern, man musste am Schreibtisch sitzen, während draußen die Globalisierung voranschritt. Ich versuchte zwar halbherzig, hin und wieder und mitten am Tag, ein wenig Gymnastik zu machen, und lief in meinem Arbeitszimmer auf der Stelle, heftig mit den Armen schlenkernd und luftboxige Bewegungen vollziehend. Aber vor allem letztere Anstrengung korrespondierte so häufig mit dem Zustand, in dem ich mich gerade am Schreibtisch und im Angesicht meines Computers befunden hatte, dass mir ein medizinischer Erfolg dieser Maßnahme recht zweifelhaft erschien. Auf der Stelle treten konnte ich wahrhaftig auch bequemer.

Eine der nächsten Maßnahmen war ein Yogakurs, den ich gemeinsam mit einer Freundin und zehn mir unbekannten Frauen absolvierte. Ich kann nicht sagen, dass diese Abende mich weitergebracht haben. Das lag nicht an der Yogalehrerin, die ich sehr nett fand und manchmal sogar lustig. Sie übte mit uns nervösen Weibern ein recht laszives Hüftkreisen ein und schlug vor, dass man diese kleine Entspannungstechnik immer mal wieder zwischendurch anwenden solle. Zum Beispiel in der U-Bahn oder an Ampeln mit einer langen Rotphase. Ich stellte mir vor, wie ich an der Mollstraße/Ecke Otto-Braun stehe und die Hüften schwinge. Das brachte mein Blut so in Wallung, dass der Puls stieg, zumal die Übung auch versprach, dass Frau in späten Jahren keine Blasenschwäche zeigen wird. Mein Problem war nur, dass ich mit dieser Frequenz keine späten Jahre haben würde. Ein Teufelskreis, der durch das Ende des Yogakurses durchbrochen werden konnte.

Ich beschloss, es mit abendlichem Meditieren zu versuchen, und begann ein bisschen Konfuzius zu lesen, um im Anschluss meine rudimentären Kenntnisse des Autogenen Trainings zu reaktivieren. Noch bevor mein rechter Arm überhaupt daran dachte, schwer zu werden, hätte ich schon den ganzen Block zusammenschreien können vor lauter Nervosität. Die Unfähigkeit, bis zum Sonnengeflecht vorzustoßen, brachte mein Blut in Wallung und ich hakte im Geiste wieder ein paar Lebenstage ab, um die ich mich auf diese Art brachte.

Inzwischen hatte ich mir bereits so viele Abende verdorben, dass schon der Gedanke an die verlorene Zeit die Pulsfrequenz erhöhte. Ich ging in mich, weil ich außer mir war, und kam zu einem Ergebnis. Erstens: Schneller leben ist dieser Stadt, die mal einen Laden, der "Schneller Wohnen" hieß, beherbergte, angemessen. Zweitens: Treppensteigen und durch die Stadt laufen ist besser als Schwarzfahren. Drittens: Betablocker in der Tasche sind besser als Alphatiere im sozialen Umfeld. All diese Erkenntnisse haben dazu geführt, dass ich ruhiger geworden bin. Das hätte mir die Ärztin auch gleich sagen können.

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