Am Ende ist’s nur Neid

Frühlingsgefühle Der Rammler wirft sich auf die Zibbe – und wir so? Wenn draußen alles blüht, keimt angeblich auch das menschliche Begehren. Aber ist das mehr als nur ein Mythos?

Viele sagen, es liege an der Luft. Plötzlich mischt sich da ein Duft hinein, der warm und erdig ist, und auch ein bisschen süß. Man kann förmlich riechen, wie der Boden aufwacht, obwohl zunächst nicht mal ein grünes Blatt zu sehen ist. Aber es dauert nicht mehr lange: Knospen sprießen, Käfer krabbeln, alles rührt sich, Vöglein zwitschern. Die Sonne tut ihr Übriges mit Wärme und Licht. Und auf einmal erblüht auch der Mensch.

Frühlingsgefühle sind zwar eine Umschreibung für eine Reihe schöner Regungen, die dank Sonne, Luft und Pflanzengetümmel Besitz vom Menschen ergreifen, aber sie stehen auch für einen Mythos, den Drang nach Romantik und Liebe. Unvermittelt werden Männer wie Frauen nach Monaten der Ganzkörpervermummung wieder körperbewusst. Sie ziehen unvernünftig wenig an. Gehen ins Fitnessstudio. Essen Salat. Kichern viel. Zeigen sich auffällig gesellig. Und ganz egal, wovon sie im Januar noch geträumt haben – einem neuen Auto, einer neuen Wohnung, einem neuen Job: Mit dem Lenz wendet sich alle Begeisterung dem als begehrlich erachteten Geschlecht zu. So jedenfalls sieht es das Frühlingsgefühl vor. Und es leuchtet ja ein: Der Mensch ist schließlich auch nur ein Tier, und als solches immer noch Teil der vielzitierten „Natur“, in der qua natürlicher Vorsehung jetzt Paarungszeit ist. Sein muss. Die Jungen sollen bis zum Winter schließlich aus dem Gröbsten raus sein.

Licht und Kuschelhormone

Zwar gilt letzteres für den Menschen nicht mehr so – tatsächlich können wir Kinder zu jeder Jahreszeit zeugen, gebären und mit guten Chancen großziehen. Aber auch wenn der Mensch mittlerweile von den Umweltbedingungen entkoppelt ist, regt sich bei ihm im Frühling das evolutionäre Erbe. „Die Forschung an Tieren“, so hieß es vor einigen Jahren in einem führenden Wissenschaftsmagazin, „legt nahe, dass diese Laune fest in uns angelegt ist“. Wobei „fest“ heißt: in unseren Genen. Und wer könnte sich schon gegen Gene wehren, die doch der eigentliche Motor der Vermehrung sind?

Man muss sich vor Augen halten, dass das menschliche Erbgut zum Beispiel zwei Drittel aller Gene der Taufliege Drosophila melanogaster bewahrt hat, eines zweieinhalb Millimeter langen Insekts, dessen Lebensspanne von vier Wochen keine direkte Anpassung der Reproduktion an die Jahreszeiten erlaubt, das ansonsten aber schon deutliche geschlechtsspezifische Eigenschaften spiegelt. Und was in der Fliege angelegt ist, hat die Evolution bei höheren Tieren nurmehr ergänzt – vor allem um Hormone. Botenstoffe, die sowohl zwischen Hirnzellen, als auch auf längeren Körperstrecken steuernd eingreifen, und die nicht zuletzt das Paarungsverhalten prägen. Forscher wissen inzwischen viel über diese Botenstoffe der Liebe. Es gibt sie schon bei Pflanzen, die den Hormonen ihre Keimung und das Streben zum Licht verdanken. Und nicht wenige Experten glauben zu erkennen, dass sich der Frühling hormonell auch beim Menschen zeigt.

Im Gehirn lässt das Licht zunächst den Serotoninspiegel steigen, das hebt schon mal die Stimmung. Bedeutsam für das Frühlingsgefühl scheint auch das Kuschelhormon Oxytocin zu sein, das soziale Bindungen fördert. Es scheint also, als würden die archaischen Reize der Jahreszeiten auch beim Menschen gewisse Signalketten in Gang setzen. Tatsächlich haben Wissenschaftler herausgefunden, dass das Testosteronniveau von Männern und die Konzentration des Eisprunghormons LH (luteinisierendes Hormon) im Juni seinen Höhepunkt erreicht. Und dass die meisten Kinder in der nördlichen Hemisphäre knapp zehn Monate später geboren werden – im März.

Wenn sich unter Hasen der Rammler also auf die Zibbe wirft, dann wirft sich unter Menschen offenbar auch der Mann wie ferngesteuert auf seine willige Frau. Wobei das unter Menschen auf den ersten Blick kultivierter vonstatten zu gehen scheint als beim Hasen. Wie führende Forscher wissen, sind selbst Tiere von mehr als nur Trieben gesteuert: Die renommierte amerikanische Anthropologin Helen Fisher von der Rutgers University in New York, die seit langem über Liebe forscht, beschreibt etwa in Warum wir lieben ..., wie zärtlich und romantisch die Liebe des Bibers sein kann. Schon lange, ehe das Weibchen in ihre fruchtbare Phase, den Östrus, kommt, tut sich das Männchen mit ihr zusammen. Das Paar baut einen schönen kleinen Damm für den eigenen Teich, spielt und trollt im Wasser herum, tauscht Zärtlichkeiten aus und schließt damit ein monogames, lebenslanges Bündnis – ewig vor dem ersten Sex. Der findet erst Monate später, zum Frühlingsbeginn, im Mondschein beim verspielten Baden statt.

Noch mehr Varianten für die romantische und gleichsam frühlingsgeborene Wahl eines „Partners für immer“ lassen sich sogar unter sogenannten Kulturfolgern beobachten, also Tieren, die dem Homo sapiens in dessen urbane Lebensräume gefolgt sind und sich dort in vielerlei Hinsicht angepasst haben. Aber eben nicht in jeder: Der als Spatz bekannte Haussperling etwa, der auch das Dach der Freitag-Redaktion bevölkert, trifft bei all den unübersichtlichen Wahlmöglichkeiten, die sich ihm in seinem Schwarm bieten, nur einmal eine Entscheidung für seinen Partner, und die gilt, bis der Tod das Spatzenpärchen scheidet. Seitensprünge kommen selten vor und sind, wenn doch einmal, wohl dem Rausch der Gefühle während der Begattungsphase im März geschuldet.

Der Schmerz der Trennung

Gerade die Männchen geben sich beim Verführen größte Mühe: Es wird eben nicht bloß gekämpft, sondern bis zur Erschöpfung geworben, getanzt, gesungen, geschenkt, gebaut – und liebkost ohne Ende. Vom Grizzly bis zur Kakerlake, ob per Tatze oder Antenne, legen sich die Jungs richtig ins Zeug, um ihr Mädchen mit Streicheleinheiten bei Laune zu halten. Und da könnte man als Frau doch neidisch werden. Denn Frühling hin oder her: Zur Biologie des Menschen gehört auch, sich immer weiter über seine Biologie hinwegzusetzen. Das hat auch Folgen für die Liebe.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm beschrieb die Suche des Menschen nach Verbundenheit und Zuneigung in Die Kunst des Liebens nicht zuletzt als Antwort auf das einzigartige „Problem der menschlichen Existenz“. Es bestehe darin, sich durch Bewusstsein und Vernunft über instinktive Anpassungen zwar unumkehrbar hinweggesetzt zu haben, aber die Verbindung doch nie ganz trennen zu können. Der Mensch bleibt Teil der Natur und zugleich für immer von ihr abgeschnitten. Womöglich ist der Schmerz über diese Trennung und der Neid auf die Tiere im Frühling einfach besonders groß. Und das Flirten nur ein Pflaster für diese Wunde.

Was jetzt aber niemandem die gute Laune verderben darf: Ein bisschen Knutschen hat noch nie geschadet.

10:00 09.04.2012
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

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Kathrin Zinkant
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