Kathrin Zinkant
20.04.2011 | 15:30 20

Eine Sucht fürs Leben

Nahrung Ärzte warnen, Mütter verzweifeln, Lebensmittelkonzerne machen Profit mit Ersatzmitteln: Die Image-Talfahrt des Zuckers hält an. Das ist ungerecht – und ungesund

Es war einmal, vor langer Zeit, da gab es keine Supermärkte. Was die Menschen zum Essen brauchten, kam mehr oder weniger direkt vom Acker, aus dem Wald oder vom Tier. Aber wenn es Supermärkte gegeben hätte, vor fünf-, sechshundert Jahren, solche wie heute, die nicht nur vor Ostern vollgestopft gewesen wären mit Eiscreme, Milchdesserts und Schokohohlfiguren – es hätte als Triumph der Medizin gegolten. Niemand hätte auf Schokoladenhasen und Nougateier geschimpft, den Argwohn der Gelehrten hätte eher die Obst- und Gemüseabteilung geweckt, insbesondere frisches Obst und Pilze hatten den Ruf, regelrecht giftig zu sein. Dagegen galt ausgerechnet Zucker in der damaligen Lehre von den Körpersäften als gesund, wärmend und wohltuend. Kombiniert mit Rosinen, Mandeln, Milch, Reis, Mehl, Fleisch und duftenden Gewürzen: das ideale functional food, lebensverlängernd und gut.

Man wünscht sich aus einer Vielzahl von Gründen nicht zurück in diese Zeit. Unter anderem hätten die meisten Menschen einen solchen Supermarkt nie von innen gesehen, und um den Gesundheitswert ihrer Nahrung konnten sie sich erst recht nicht viele Gedanken machen – das blieb ein Privileg der Betuchten, die sich den Koch damals zugleich als Hausarzt hielten.

Ein Erfolgsprojekt der Evolution

Natürlich steht die moderne Wissenschaft heute auf einem breiteren Fundament, so dass sich in der Summe viele Menschen einer höheren Lebenserwartung erfreuen. Doch dafür versauert uns die Forschung dieses verlängerte Leben mit einer ob­struktiven Ernährungslehre, zu deren scheinbar unverrückbaren Grundpfeilern die Auffassung gehört, dass Zucker an sich böse ist.

Vom ersten Kindeszahn an soll er sich in schlechter Absicht durch den Körper nagen, Karies füttern, Vitamine rauben, das Blut überschwemmen, die Bauchspeicheldrüse triezen, erst dick und schließlich krank machen. Die Zucker-Panik scheint die Fett-Hysterie abgelöst zu haben, nun treibt nicht mehr der Cholesterinspiegel den Gesundheitsexperten den Schweiß auf die Stirn, jetzt ist es der Blutzucker. Falls der dauerhaft zu hoch bleibt, greift er Nieren und Nerven an. Legt sich die süße Energie auf Bauch und Hüften, steigen die Risiken für Volksleiden, von Krebs bis Herzinfarkt. Mit unserer Zuckerleidenschaft schaufeln wir uns demnach ein gesundheitspolitisches Milliardengrab – dem wir kaum entrinnen werden. Und trotzdem lieben wir Zucker. Warum? Ist die Werbung daran schuld? Die Gewohnheit? Ein degenerierter Geschmackssinn?

Zunächst einmal, und das ist eine grundlegende Tatsache, liefern Traubenzucker, Haushaltszucker und Honig dem menschlichen Organismus die zentrale Substanz seines Energiestoffwechsels: Glukose. 160 Gramm dieses Superzuckers benötigt ein Mensch täglich, drei Viertel davon verbraucht allein das Gehirn. Was nicht bedeutet, dass man diese Menge als Zucker essen sollte oder sogar müsste. Stärke aus Mehl, Reis, Kartoffeln liefert auch Glukose, und je nach Lebenslage ist der Körper jederzeit imstande, den wichtigen Stoff aus allerlei anderem selbst herzustellen, aus Molekülen, die dem Abbau von Fett oder Eiweiß entstammen. Doch egal, was man auch isst: Im Zucker treffen sich die großen Nährstoffe alle wieder, denn ohne ihn geht nun einmal nichts.

Dass es sich so verhält, hat eine Geschichte, die weit vor der Entstehung der Menschen beginnt. Zucker ist sozusagen ein Erfolgsprojekt der Evolution, eingeschweißt in den Stoffwechsel zahlloser Lebewesen, der Dreh- und Angelpunkt eines erfolgreichen Überlebens. Und was so wichtig ist fürs Überleben, für das entwickelt die so hochgeschätzte Natur eben auch das entsprechende Sensorium. Schon Babys lernen den Geschmack von Zucker kennen, und an Mamas Brust erfahren sie gleich noch, dass die süße Milch mit einem verdammt guten Gefühl verbunden ist. Ausgelöst wird das Gefühl hier zwar gar nicht durch den Zucker, sondern durch ein Hormon im Gehirn, Oxytocin, das in unterschiedlichsten Situationen Glücksempfinden vermittelt, unter anderem beim Sex. Aber was Hänschen als Nebeneffekt des süßen Geschmacks kennenlernt, vergisst auch Hans nicht so schnell. Und damit ist die Eichung aufs Süße noch nicht abgeschlossen.

Auch jenseits der Stillphase verfügt das Gehirn über ein komplexes Netzwerk, das Zucker mit der Psyche verbindet. Manche Säugetiere können Zucker sogar wahrnehmen, ohne ihn wirklich zu schmecken: An Mäusen haben Forscher vor drei Jahren einen sechsten Sinn entdeckt, der Zucker unabhängig von der Zunge erspürt und selbst geschmacksblinde Tiere problemlos zwischen Süßstoff und Zucker unterscheiden ließ. Echter Zucker – beziehungsweise der Superzucker Glukose – bewirkt im Gehirn zudem direkt eine Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin und heftet sich an Rezeptoren im so genannten Belohnungssystem.

Dass der Mensch von Zucker abhängig ist, erscheint vor diesem Hintergrund nicht gerade als gewagte Behauptung. Im Gegensatz zu vielen anderen Drogen entfaltet die „Volksdroge Zucker“ aber nicht automatisch eine zerstörerische Sucht samt Folgeschäden.

Schließlich war und ist es einer der unschlagbaren entwicklungsgeschichtlichen Vorteile des Menschen, sich Zugang zu süßem Nährstoff verschaffen zu können: Der Wiener Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits stellt in seinem Buch Die Evolution der menschlichen Ernährung fest, dass in der Ahnenlinie des Homo sapiens nicht eine einzige Spezies zu finden ist, die sich nicht auf ihre bestimmte, eigene Weise eine hinreichende Zuckerquelle erschlossen hätte.


Was aber tut man, wenn der Mensch sich seinen Zucker gar nicht mehr erkämpfen muss? Die eigentliche Gefahr des Zuckers rührt her von einer ungünstigen Kombination für sich wenig gefährlicher Entwicklungen. Die Lebensmittelindustrie spielt dabei zwar eine wichtige Rolle, aber bestimmt nicht die einzige.

Sicher existiert in den heutigen Indus­trieländern ein Überfluss des Angebots: Waren süße Speisen wie Kuchen, Marmeladen oder Desserts noch vor wenigen Jahrzehnten eine Besonderheit, die man sich noch seltener für teures Geld leistete, als dass man sie selbst machte, holt man das alles – und noch viel mehr – dieser Tage günstig aus dem Discounterregal. Was nicht nur heißt, dass man ständig Süßes essen kann und dem Erlebnis selbst gar keine Besonderheit mehr zuschreibt. Es bedeutet auch, dass man den Zucker als Zutat gar nicht mehr sieht, weil man ihn ja nicht selbst hinzufügt.

Fast der gesamte Zucker, den Menschen in Industrieländern heute konsumieren, ist mittlerweile versteckt. Dazu, dass so wahnsinnig viel Zucker in manchen Produkten verborgen ist, führte aber weder die verlorene Lust am Kochen und Backen, noch die Profitgier der Industrie allein: Die Ernährungsforschung selbst hat ihren Teil dazu beigetragen. Sie verteufelte das Fett und ebnete so einer Flut von fettreduzierten Produkten den Weg, deren Geschmack oft nur mithilfe einer Extradosis Zucker gerettet werden konnte. Auf diese Weise wurde der Widerspruch von Gesundheitscredo und Fehlernährung auf den Tellern heimisch. Gesüßte Fruchtjoghurts sind ein gutes Beispiel dafür, wie 0,1 Prozent Fett die Kalorienzahl in die Höhe treiben können.

Und dann sind da die Kinder. Es ist kein Geheimnis, dass sie als Zielgruppe moderner Marketingstrategien nicht nur zu Ostern und an Weihnachten ganz bewusst durch Süßes gelockt und manipuliert werden. Lassen Eltern diese Manipulation zu, und sei es, weil sie tatsächlich glauben, dass Milchschnitte und Kinderschokolade hilfreich für die Entwicklung ihrer Kleinen sind, hat das in vielen Fällen sicher Folgen für Zähne und Gewicht.


Die wahrlich fatale Entwicklung aber hat mit der Verteufelung des Zuckers erst begonnen: Anstelle der Einsicht, dass das Besondere und Beglückende des Zuckers im besonderen Anlass und der besonderen Aufmerksamkeit liegt, suchte und fand man Ersatzstoffe, die heute ein weit größeres, unberechenbares Problem in der Ernährung darstellen. Allein deshalb, weil die entsprechenden Produkte „ohne Kristallzucker“ entweder eine Illusion des korrekten Konsums beschwören, oder „zuckerfrei“ gleich den ganzen Schritt ins Reich der Synthetik machen.

Der harmloseste Selbstbetrug ist dabei noch, wenn vermeintliche Experten in Online-Videos (stern.de) mit einer jungen Mutter Kindergetränke „ohne Zucker“ herstellen und dabei fröhlich Honig in den Mixer schaufeln – der letztlich nichts als Zucker ist, angereichert mit ein paar Spuren Natur.

Richtig übel wird es aber schon beim sogenannten Fruchtzucker. Der ersetzt inzwischen in einer wachsenden Zahl von Produkten den vermeintlich bösen Kristallzucker, was sich vor allem in der Werbung gut macht. Tatsächlich aber ist er noch viel problematischer. Gewonnen wird er ja nur selten aus Früchten, denn Obst enthält gar nicht so viel Fruktose. In reiner Form gehört „Fruchtzucker“ vielmehr zu den billigen Abfallprodukten des monokulturellen Massen-Maisanbaus. Er schmeckt deutlich süßer als Kristallzucker und wird im menschlichen Körper in dieser Konzentration am normalen Zuckerstoffwechsel vorbeigeschleust – geradewegs in die Fettpolster, die man doch eigentlich zu vermeiden gedenkt. Und weil Fruktose ohne die Beteiligung von Insulin verarbeitet wird, befördert es sogar die Entstehung von Diabetes.

Ersatzstoffe machen nicht dick, aber Appetit

Auf den ersten Blick erträglich erscheinen da noch die synthetischen Süßungsmittel von Saccharin über Aspartam bis hin zu Cyclamat, oder die aus der Stevia­pflanze extrahierte Substanz Rebaudiosid A, weil sie selbst auf jeden Fall nicht dick machen und nur vielleicht Krebs. Wobei letzteres in allen Fällen zwar gezeigt wurde, aber immer nur für Dosierungen, die angeblich kein Mensch zu sich nimmt, jedenfalls nicht über kürzere Zeiträume.

Nur mit dem Appetit, den diese Zuckertäuschungen nicht nur als Futterzusatz in der Schweinemast auslösen, muss der Willige dann noch irgendwie fertig werden. Ist es Verzweiflung oder Verblendung, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung den Einsatz von Süßstoffen wahrhaftig als probates Mittel im Kampf gegen ernährungsbedingte Krankheiten und Übergewicht empfiehlt?

Dabei quält sich völlig unnötig, wer Zucker gänzlich meidet – und lebt sehr wahrscheinlich sogar ungesünder als alle, die sich den Genuss erlauben. Empfehlenswert erscheint allein der bewusste Umgang mit dem süßen Nahrungsmittel Zucker, das von allein gewiss nichts Böses bringt. Weder zu Ostern noch zu irgendeiner anderen Zeit im Jahr.

Kommentare (20)

luggi 21.04.2011 | 09:09

Plöt an der ganzen Logik ist nicht nur, dass sich der Kristallzucker als Disaccharid aus Glukose und Fruktose zusammensetzt, sondern auch, dass der Mensch seinen besonderen Hang zu Zucker ausgeprägt hat für ... Goldhasen, Aldi Consorten, den Riesenprofit der Südzucker.

Es soll noch Menschen geben, die kommen ohne Zuckerwaren und Ernährungswissenschaft ganz passabel zurecht.

LeMoure 21.04.2011 | 11:20

Das eigentlich Problem ist nicht der Süßkram, sondern dass scheinbar in allen Nahrungsmitteln Zucker steckt. Köche lernen bereits im ersten Ausbildungsjahr, dass Zucker den Geschmack "stützt" und eine salzige Suppe wieder genießbar machen kann. Wer im Supermarkt über die Gemüsetheke hinausgeht, findet hintendrauf fast immer die -rosen. Zucker ist keine Volksdroge, sondern der Volkskochundesspartner.

Beim nächsten Besuch in der Pizzeria mal schmecken und erraten, ob Zucker drin ist oder nicht (nicht nur im Teig). Meistens sind die Ergebnisse verblüffend.

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Ehemaliger Nutzer 21.04.2011 | 18:44

Vielen Dank für diesen tollen Artikel zum Thema Zucker.

Mein Favorit ist allerdings folgende Satzkreation: "Vom ersten Kindeszahn an soll er sich in schlechter Absicht durch den Körper nagen, Karies füttern, Vitamine rauben, das Blut überschwemmen, die Bauchspeicheldrüse triezen, erst dick und schließlich krank machen."

Das die großtechnisch hergestellte Nahrungsmasse ohne ein Übermaß an Fetten, Salz und Zucker ein geschmackliches Nullsummenspiel ist, lässt nicht gerade für das westliche Nährsystem sprechen.

Nun könnt ihr euch selbst die Frage beantworten, was gegen diese gestörte Entwicklung getan werden muss...

h.yuren 22.04.2011 | 01:06

"Das die großtechnisch hergestellte Nahrungsmasse ohne ein Übermaß an Fetten, Salz und Zucker ein geschmackliches Nullsummenspiel ist, lässt nicht gerade für das westliche Nährsystem sprechen."
klaro, lieber technixer, kehren wir zurück zur eigenen kochkunst oder bauen wir die fabriken ab und ersetzen sie durch größere küchen?
ohne einen umbau der nahrungsmittel- und küchenbetriebe kriegen wir das übermaß an fett, salz und zucker nicht aus der nahrung.
nach kurzer probezeit wechselte ich als student von der mensa zur postkantine mitten in münster. dort war der betrieb kleiner, das essen preisgünstiger und essbarer. nur ein beispiel für den einfluss der größenordnung.

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Ehemaliger Nutzer 24.04.2011 | 14:55

Was bist du denn so schnippisch zu mir?

Wenn unsere Gesellschaft anders strukturiert wäre, dann wäre auch keiner auf diese Massenproduktion angewiesen. Stichworte: Regionalisierung (dein Einfluss der Größenordnung), Arbeitszeitreduzierung (kochen ist ja schließlich Arbeit, auch wenn sie Spaß macht. Wer 9-10h arbeitet ist zu zermürbt um dann noch Küchen-Ramba-Zamba zu veranstalten n'est pas?)

besten Gruß und ein schönes Osterfest wünscht dir

Der Technixer

merdeister 24.04.2011 | 16:40

Was soll das denn Frau Zinkant? Wenn Sie so weiter machen gibt es bald nichts mehr, was ich mit schlechtem Gewissen essen kann. Das tut meiner katholischen Seele nicht gut. Nun bleibt mir, will ich mal etwas ungesundes zu mir nehmen nur noch die Möglichkeit große Mengen hochkonzentrierten Alkohols zu mir zu nehmen, die Fastenzeit ist ja zum Glück vorbei.

Kathrin Zinkant 24.04.2011 | 19:58

aber was haben sie denn, lieber merdeister, hochkonzentriertes ist, in großen mengen genossen, ja nie eine lösung und immer ein garant fürs schlechte gewissen. wie war das noch? allein die dosis macht ...
gilt auch für zucker. und vitamine. und familie.

alkohol in maßen ist übrigens ganz wunderbar, soll sogar gesund sein. dazu gibt es bekanntlich studien. resveratrol etc. man kann ihn aber auch einfach trinken.

in diesem sinne: prost!
ihre frau zinkant

luggi 25.04.2011 | 01:53

Alkohol soll gesund sein ... na dann Prost ihr "Trockenen", ihr verpasst Gesundheit.
Abhängigkeit fängt mit der Dosis an - Gewöhnung ist das Problem unwissenschaftlicher Publizistik.
Herzliche Grüße von den anonymen...und sonstigen Suchtgeschädigten.
Frau Zinkant, haben sie überhaupt noch ein Ehrgefühl? Kennen Sie überhaupt die tiefgreifende Problematik der Themen, die sie da anreißen?

Kathrin Zinkant 25.04.2011 | 03:20

lieber luggi, mit meinem ehrgefühl ist alles in ordnung. keine sorge.

aber was genau ist jetzt ihr problem? dass ich einen bewussten umgang mit nahrungsmitteln plausibel finde? dass ich der meinung bin, dass alkohol in maßen niemanden umbringt? wenn sie darauf anspielen, dass hier eine verborgene suchtgefährdung beworben würde, kann ich sie beruhigen: den umgang mit bestimmten dingen zu lernen hat noch niemanden ins elend gestürzt. und wer nicht maßvoll essen oder trinken kann, wird dafür andere gründe haben, als dass er gelesen hat, es sei gesund (was ich persönlich weder von alkohol noch von irgendeinem nahrungsmittel behaupten würde - siehe oben: "soll sogar gesund sein". nicht: "ist sogar gesund".)

schlafen sie gut!

ihre frau zinkant

luggi 25.04.2011 | 03:55

liebe Kathrin Zinkant,
mit Ihnen und Ihrem Ehrgefühl ... damit habe ich keine Sorge. Aber, mit Ihren Artikeln zu dem Problembereich Ernährung, da bereiten sie mir Sorgen.
Zurück zum Artikel: ja wie ist denn das nun mit Glukose, Blutzucker, Fruktose? Sie "verteufeln" die Fruktose, aber die ist ganz notwendig. Ohne Fruktose wäre die Morula, aus der später sich die Kathrin Zinkant entwickelte, nicht möglich.
In Ihrem Artikel wird keine Suchtgefährdung beworben, sondern nur verharmlost.

Wachen Sie ausgeschlafen auf ... als Antwort auf diesen unverständlichen Gruß: schlafen sie gut.

merdeister 25.04.2011 | 15:48

Das Bundesamt für Risikobewertung sieht Fructose etwas kritischer:

"Fruktose (Fruchtzucker) galt lange Zeit als nützlicher Ersatzstoff für Saccharose und Gluko- se, da in den ersten Phasen des Fruktose-Stoffwechsels kein Insulin benötigt wird. Trotz dieses „nützlichen“ Teilaspekts im Rahmen der Verwendung von Fruktose in industriell her- gestellten Lebensmitteln zeigen immer mehr aktuelle wissenschaftliche Studien, dass zu viel Fruchtzucker in der Ernährung ungünstige Auswirkungen auf den Stoffwechsel hat. Dem Insulin werden zentral-nervös vermittelte Sättigungsfunktionen zugeschrieben und Fruktose scheint eine geringere Ausschüttung von Leptin, welches ebenfalls Sättigungssignale be- wirkt, zu verursachen. Derartige Effekte könnten nach Ersatz der Glukose durch Fruktose eine endokrine Konstellation mit vergleichsweise geringeren Sättigungssignalen bewirken. Ob jedoch derartige Befunde für die Ernährung praktisch relevant sind, bleibt noch offen (Barth, 2006)."

"Aus Sicht des BfR wird die weitere Verwendung von Fruktose als Zuckeraustauschstoff in industriell gefertigten Lebensmitteln als Bestandteil sogenannter Diabetiker-Lebensmittel anstelle von handelsüblicher Saccharose aus ernährungsmedizinischer Sicht nicht für sinn- voll gehalten."

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Ehemaliger Nutzer 26.04.2011 | 00:02

Tja, der Industriezucker ist eben so raffiniert, dass er, wenn man sich von klein auf an ihn gewöhnt hat, nun mal suchterzeugend wirkt, ähnlich wie Alkohol, der ja im Körper auch wieder zu Zucker wird.

Ich kann so ganz auf diesen raffinierten und heimtückischen Zucker auch nicht verzichten, man denke nur an zart auf der Zunge zergehendes Karamell...hm, und finde auch künstliche Süßstoffe schmecken unzufriedenstellend - für mich gibt es daher nur den einen Weg: nicht zuviel vom feinen Kristallpulver.

Lieber auch mal braunen Zucker kaufen, und den Kaffee phasenweise nicht süßen.
Mein Favorit ist übrigens zur Zeit Stevia, dasja angeblich (nicht nur kanzerogen?) ist, sondern auch blutdrucksenkend und gesund. Echt eklig, oder?

Kathrin Zinkant 26.04.2011 | 00:57

in braunem zucker steckt ein bisschen mehr dreck drin, liebe lee berthine, aber ob der deshalb besser, gesünder oder weniger süchtigmachend ist, würde ich jetzt mal bezweifeln. karamell kann man damit auch nicht so gut machen, brennt zu schnell an.

ansonsten: ja, weniger und wenn, dann mit freude. die meisten finden das vermutlich unspektakulär. ist es letztlich auch. bloß sind die alternativen (auch stevia) nicht unbedingt gute alternativen, sobald sie als chemikalie in der industriellen produktion eingesetzt werden. aber nichts gegen blätter. wer's mag.

eine gute nacht wünscht:
ihre frau zinkant

bertamberg 26.04.2011 | 16:19

www.freitag.de/community/blogs/bertamberg/zu-unrecht-verteufelt---ehrenrettung-fuer-zucker-

Weil die größten energieverbrauchenden Industrien die der Fleisch- und Zucker-, gefolgt von der Getränke- und Soft-Drink-Industrie waren und sind, ist auch klar, warum die Umkehr nur von unten, vom einzelnen konsumverweigernden Verbaucher eingeleitet werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt ist die laissez-faire-Haltung von Frau Zinkant nur Zeugnis einer erfolgreichen Konditionierung durch Industriemarketing. Sowohl persönlicher als auch für gesellschaftlicher Fortschritt ist ohne Opfer unerreichbar - das mag als uncool empfunden werden, hat aber Tradition: Der moderne Mensch möchte kultiviert sein, zivilisierten Umgang pflegen und die Fortschritte der heutigen Zeit genießen. Schwer vorstellbar, dass Fortschritt auch mit herben Verlusten und Einschränkungen zu tun haben könnte. Seit den Anfängen
der modernen Zivilisation im Zweistromland galt das der Natur abgerungene Kulturgut höher als das bloße, „unveredelte“ Naturprodukt. Das Prinzip der Raffination steht an der Wiege unserer Zivilisation, deren Ergebnis wird als „Qualität“ geschätzt, obwohl deren Güte mittlerweile fragwürdig geworden ist: Raffination hat immer Denaturierung zur Folge, und das Ausmaß der heutigen künstlichen Welten hat „Natürlichkeit“ wieder zu einem Wert werden lassen, wenn auch nur in der Modewelt, wo mit viel Aufwand etwas herzustellen versucht wird, was natürlich aussehen soll, selbst wo nichts dergleichen mehr ist.

bertamberg 27.04.2011 | 13:16

merdeister schrieb am 25.04.2011 um 22:41 (www.freitag.de/community/blogs/bertamberg/zu-unrecht-verteufelt---ehrenrettung-fuer-zucker-)
“Soll ich jemandem glauben, der sich Informationen so zusammenstückelt, dass sie in sein Weltbild passen? Mal abgesehen davon, dass die "Beweisführung" im Beitrag hanebüchen ist, möchte ich an einem kleinen Beispiel aufzeigen, das es dem Autoren, der Autorin an Sachverstand fehlt.
"Wenn zuviel Zucker im Urin ist, kann das doch nur heißen, dass der Körper unfähig ist, den Zucker abzubauen. Wer unfähig ist, Laktose zu verdauen, bekommt die Empfehlung, laktose-haltige Nahrungsmittel zu meiden oder aber zur Verdauung zusätzliche Enzyme einzunehmen . Wann haben Sie gehört, dass als Schutz vor einer Zuckerkrankheit empfohlen wurde, Zucker zu meiden?"
Zucker gelangt in den Urin, wenn der Blutzucker eine gewisse Konzentration übersteigt. Die Nieren können Glucose bis zu dieser Konzentration wieder aus dem Urin entfernen, ist sie überschritten, bleibt alles darüber hinaus im Urin man nennt das Nierenschwelle. Die hohe Konzentration von Zucker im Blut entsteht durch einen Mangel an Insulin, der kann absolut oder relativ sein. Insulin befördert Zucker in die Zellen, fehlt es bleibt es im Blut. Wenn Insulin hinzugefügt wird, kann der Zucker in die Zellen gelangen und wird verstoffwechselt.
Im Falle der Laktoseintoleranz fehlt den Betroffenen das Enzym Lactase. Dieses spaltet die Lactose normalerweise noch im Darm, so dass es aufgenommen werden kann. Ohne Lactase bleibt sie im Darm und gelangt in den Dickdarm. Dort freuen sich die Bakterien über das Futter und produzieren Gas, was zu Schmerzhaften Blähungen führen kann.
Nach der Argumentation des Autoren/ der Autorin dürfte man auch keine Stärke zu sich nehmen.

Es bleibt dabei, der Konsum von Zucker führt nicht zu Diabetes. Übergewicht unter Umständen schon.”

M., Sie katholischer Antiquantenfuzzi haben das Stichwort Weltbild mit denunziatorisch-pejorativem Foetor angeführt: Ich bin Eklektizist und habe viele Weltbilder, haben sie nur eines? Und welchem speziellen Paradigma hängen sie an ?
Dazu: Merken Sie nicht, auf welch erkenntnistheoretisches Blitzeis Sie sich begeben, wenn Sie quasi ex cathedra schreiben: “Es bleibt dabei, der Konsum von Zucker führt nicht zu Diabetes.”

Alles was wir feststellen können, sind statistische Korrelationen, die in der Regel nur aus Hybris als Kausalitäten bezeichnet werden, bescheidenere Leute sprechen von Risikofaktoren. Es gibt nicht nur Korrelationen zwischen Übergewicht und Diabetes, sondern auch zwischen Schlafmangel, Essstörungen, Übergewicht und Dummheit. (www.welt.de/gesundheit/article5093526/Zu-wenig-Schlaf-macht-dick-dumm-und-krank.html)

Zum Unterschied zwischen Zucker und Stärke sagt die Biochemie: Saccharose hat eine Molmasse von 342,296 g/mol, (www.seilnacht.com/Chemie/ch_sacch.htm), ein typischer Vertreter von Stärke wie Amylose (zu 20% als Reservekohlenhydrat in Pflanzen enthalten) hat ein Molekulargewicht von 5x10hoch 4, Amylopektin (zu 80% in Pflanzen enthalten) hat ein Molekulargewicht von ca. 10 hoch 6, je nach Ausgangsstoff; um die Molmassenverteilung kümmern wir uns jetzt mal nicht.

Dass ein Oligosaccharid wie Saccharose enzymatisch wesentlich unkomplizierter verstoffwechselt werden kann als ein Polysaccharid wie Stärke, selbst wenn letzeres aus D-Glucose als monomerer Einheit besteht, weil sie zunächst durch α-Amylase zu Dextrinen abgebaut werden muss, diese wieder durch α-Amylasen und Oligo-1,6-α-Glucosidase zu Maltose, Isomaltose bzw. Glucose, Bausteine welche durch die gleichen Enzyme und Maltase weiter zerkleinert werden müssen, bis nur noch Glucose vorhanden ist, scheint in Ihrer Sicht der Dinge (cui bono??) egal zu sein, was es aber nicht ist, sonst hätte der Teufel nicht Menschen geritten, Dextro-Energen und die dazugehörende Werbung zu erfinden.

Wer sich dieser Manipulation nicht bewusst ist, bei dem steht als (indirekter) Risikofaktor für Übergewicht und Diabetes an erster Stelle: Dummheit.

merdeister 27.04.2011 | 19:24

Wenn Sie sich so aufregen, sind Sie ja richtig niedlich. "katholischer Antiquantenfuzzi", das habe ich gleich übernommen, Sie haben sicher nichts dagegen. Über Glukose und Biochemie haben wir uns bereits ausgetauscht, Frau Zinkant hat es oben verlinkt. Da können Sie herumnölen, wie Sie wollen, damit es zum Diabetes Mellitus II kommt braucht es schon ein wenig mehr, als Zuckerkonsum.

Mein Problem mit Ihrer Art liegt nicht darin, dass Sie der gängigen Lehrmeinung widersprechen, sondern, dass Sie mit Angst arbeiten. Sie wollen nicht aufklären, sondern uns das fürchten lehren. Furcht vor Zucker, Furcht vor Fett, Furcht vor Fleisch, Furcht vor allem, was einem nicht vom Baum in den Mund fällt. Dabei gibt es Menschen, die können das viel besser als Sie.

Mit der Behauptung "Dummheit" hätte etwas mit Diabetes zu tun, machen Sie genau dasselbe wie in Ihren Fabulationen eben darüber. Sie vereinfachen ein Komplexes Thema bis zu einem Punkt, wo die Welt mi einfachen Mitteln geheilt wird: "Den kann man nicht heilen, der ist zu dumm."

bertamberg 27.04.2011 | 23:24

Bilanz dreier Fehleinschätzungen:
1) Frau Zinkant hat nichts verlinkt, war ich selbst.
2) Realität ist das, was Folgen hat. Irrealität ist da, wo jemand denkt, er könnte sich alles erlauben. (Vor was/wem sollte man mehr Angst haben?)
3) Ich zitiere, und Sie nehmen eine Behauptung wahr.

So zeigen Sie Kontinuitäten auf:
„Heute leben wir in einem Zeitalter der Spezialisten, und was sie uns vermitteln, sind bloß partikuläre Perspektiven und Aspekte der Wirklichkeit.Vor den Bäumen der Forschungsergebnisse sieht der Forscher nicht mehr den Wald der Wirklichkeit. (…) Aber die Gefahr liegt gar nicht darin, dass sich die Forscher spezialisieren, sondern darin, dass die Spezialisten - generalisieren. (…) Die terribles simplificateurs vereinfachen alles (…) Die terribles généralisateurs aber bleiben nicht einmal bei ihrem Leisten, sondern verallgemeinern ihre Forschungsergebnisse.” (Frankl, Victor E. (2007): Ärztliche Seelsorge, 11. Auflage, dtv München, S. 46 )