Hab ich doch auch überlebt ...

Kinderkrankheit Masern ­gelten vielen als harmlos. Ein Beispiel, wie gute medizinische Versorgung die Wahrnehmung verzerrt – mit schweren Folgen

Wären die staatlichen Institutionen der medizinischen Aufklärung und Qualitätssicherung das, was ihre Darbietung in weiten Teilen oft vermuten lässt – nämlich eine Werbeagentur für Gratiswaren –, die Pleite des deutschen Gesundheitssystems wäre längst perfekt. Ob Früherkennung, ob Ernährungsregeln, ob vernünftige Hygiene oder Tabakentwöhnung, was immer man dem gemeinen Kassenzahler da mit großem Aufwand an buntem Papier, peppigen TV-Einspielern und informativen Internetportalen um seiner selbst willen schmackhaft machen möchte, es machen einfach immer zu wenige mit.

Das musste auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) vor wenigen Tagen wieder feststellen: Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hatte sich vergangenen Herbst im Auftrag des BZgA bei rund 3.000 Eltern detailliert nach deren Einstellung zum Impfen erkundigt. Heraus kam, dass mehr als jeder dritte Befragte erhebliche Vorbehalte gegen die gültigen Impfempfehlungen pflegt und auch geradewegs eine oder noch mehr der empfohlenen Immunisierungen fürs Kind auslässt. Was erst mal einem volksgesundheitlichen Fiasko gleichkommt, denn um statistisch nachhaltige Effekte zu erreichen – letztlich ist das Ziel immer die Ausrottung –, braucht es für viele Erkrankungen schon eine Durchimpfrate von 95 statt der nun kon­statierten 64 Prozent, und zwar für alle nötigen Teilimpfungen.

Das gilt auch für die Masern, die seit gut fünf Jahren eine beeindruckende Renaissance erleben, obwohl die Weltgesundheitsorganisation für Deutschland eigentlich geplant hatte, diese vermeintlich harmlose Kinderkrankheit bis zum Millennium und im zweiten Anlauf bis 2010 gänzlich abzuschaffen. Stattdessen melden Kindergärten, Schulen und auch Krankenhäuser immer häufiger kleine lokale Ausbrüche der Erkrankung, die in einigen Fällen epidemische Ausmaße erreichen können, wie etwa 2002 in Bayern und Nordrheinwestfalen oder 2006 in NRW, als sich der Masernerreger quasi mit einem Paukenschlag ausbreitete und lokal zu vierstelligen Infektionsziffern führte. Seither hat sich die Lage kaum entspannt, im Gegenteil: So zählt das aktuelle epidemiologische Bulletin des Robert-Koch-Instituts (RKI) für die ersten vier Monate dieses Jahres bereits knapp 700 gemeldete Fälle von Masern, allein in der 17. Kalenderwoche (die jüngste der gezählten) waren es 127 Fälle – im vergangenen Jahr beliefen sich dieselben Ziffern auf insgesamt 261 respektive 23. Was für sich genommen schon ein klarer Hinweis darauf ist, dass das Jahr 2011 wohl wieder ein recht bewegtes Masernjahr werden wird, und umso wahrscheinlicher ist, da zunehmend auch von Ausbrüchen in Krankenhäusern berichtet wird, was die Zirkulation des hochansteckenden Masernvirus’ ganz erheblich beschleunigen kann.

Kein Mangel an Information

Dass sich ein fast schon totgesagter Erreger auf so hartnäckige Weise zurückmeldet, ließe sich nun in quasilinearer Weise als Symptom der längst bekannten und durch die aktuelle Forsa-Umfrage untermauerten Impfmüdigkeit deuten, gegen die Gesundheits-Experten auf breiter Front anrennen, weil sie als direkte Ursache der hohen Infektionszahlen gilt und mit Informationen bekämpft werden muss. Die entscheidende Frage dürfte aber sein, wie sich so ein Desinteresse überhaupt entwickeln kann, was für eine Haltung sich gegenüber medizinisch höchst sinnvollen Maßnahmen, deren Reichweite sich weit über die Stube des eigenen Nachwuchses erstreckt, entwickelt hat. Denn erstaunlicherweise begründen laut Forsa ja selbst Impfgegner und -zweifler ihre Verweigerung weniger mit einer ablehnenden Haltung gegenüber der immerbösen Pharmaindustrie oder der Angst vor möglichen schweren Nebenwirkungen der modernen Impfpräparate.

In der Mehrheit glauben sogar die Skeptiker, dass eine Immunisierung namentlich gegen Masern für Kinder angezeigt ist, was nicht gerade auf einen Mangel an Informationen schließen lässt – dieselbe Gruppe erwies sich in der neuen Erhebung auch als höher gebildet als die Gruppe jener Eltern, die mit Impfungen überhaupt keine Probleme haben. Und trotzdem unterlassen viel zu viele, die Kleinen zu immunisieren. Meist aus völlig alltäglichen Gründen wie zum Beispiel, dass das Kind doch gerade erst was anderes hatte, gesundheitlich, und man ihm die zusätzliche Belastung nicht antun will. Oder weil man über die Familienhektik eben vergessen hat, dass für eine vollständige Vakzinierung mehrmals geimpft werden muss. Bei aller Kenntnis scheint das Problem ganz einfach zu gering, die Gefahr in der Summe zu klein, um den Aufwand und die Umstände für einen Schutz vor der Krankheit in Kauf zu nehmen.

Gut genährte Wohlstandskinder

Und es stimmt ja auch: Wer stirbt in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren schon an den Masern? Die meisten der heute Erwachsenen haben sie gehabt, und das Ganze vermutlich auch noch im Rahmen der beliebten Masernpartys geboten bekommen, als ein Spiel mit anderen kranken Kindern, denen die Mütter Saft und Kuchen ans Bett bringen – bis das alles durchgestanden ist. Meistens lief und läuft das völlig glatt, was bloß weniger an der Harmlosigkeit der Erkrankung liegt als an der gesundheitlichen Konstitution gut genährter Wohlstandskinder, die Zugriff auf ein breites Angebot an medizinischer Hilfe haben, sobald die Infektion ihre eigentlich gefährliche Wirkung entfaltet.

Denn die besteht eben nicht aus Fieber und roten Pusteln: Das Morbilli-Virus, wie der Masernerreger heißt, verursacht eine über sechs Wochen anhaltende Immunschwäche im heranwachsenden Körper und schafft damit bakteriellen Superinfektionen eine breite Angriffsfläche. Vor allem Mittelohrentzündungen, Pneumonien und Infektionen des Gehirns gehören zu den bekannten Komplikationen, wobei bekannt natürlich nicht zwingend heißt. Es kommt darauf an, wie gut die kleinen Patienten sonst so aufgestellt sind, und da gibt es schon zwischen den Industrieländern Unterschiede.

Für Deutschland etwa schätzt die oberste Seuchenbehörde das Risiko für schwere Komplikationen deutlich geringer ein, als es die zuständige Einrichtung in den Vereinigten Staaten tut. Einen Todesfall durch Enzephalitis erwartet das RKI je 10.000 bis 20.000 Maserninfektionen hierzulande, die Centers of Disease Control (CDC) rechnen für die USA eine gute Zehnerpotenz darüber mit einem tödlichen Verlauf je 1.000 Erkrankungen – was nicht gerade überrascht mit Blick auf das amerikanische Gesundheitssystem, mit dem sich das deutsche bisher noch nicht vergleichen lassen muss. Vergleichen aber sollte man dennoch und sich darüber im Klaren sein, dass die medizinisch noch weniger gut versorgten Länder zwar weit, weit weg erscheinen, es aber nicht sind. Wer sein genesendes oder gerade erst infiziertes, noch transportfähiges Kind nämlich ins Auto oder in den Flieger packt, weil das Hotel bezahlt ist und man sich den Sommer auch nicht von so einer blöden Kinderkrankheit verderben lassen will, beschert seinem Reiseziel unter Umständen ein ziemlich übles Mitbringsel.

Fataler Besuch aus Hamburg

Wie schnell es dann mit einer Epidemie gehen kann, durfte etwa Bulgarien vor zwei Jahren erleben, ein Land, in dem vor 2009 nicht mal eine Handvoll Masernfälle pro Jahr auftraten. Dann kamen Gäste aus Hamburg und brachten eben eines der ansteckendsten Viren mit, die es gibt: das Masernvirus. Schon das Ausatmen beim Sprechen kann den Erreger übertragen, und Übertragung passierte auch hier, wie man mithilfe molekularbiologischer Analysen rekonstruieren konnte. Binnen Monaten geriet das Infektionsgeschehen in Bulgarien völlig aus dem Ruder, im vergangenen Jahr zählte man offiziell 22.006 Erkrankungen, Dutzende mussten für diesen besonderen Besuch aus Deutschland schon mit dem Leben bezahlen, und natürlich sind es die ohnehin sozial benachteiligten Roma, die von der Epidemie besonders schwer betroffen sind.

Wobei Bulgarien ganz sicher kein Einzelfall ist, nur eben einer, der sich im europäischen Kontext noch nachvollziehen ließ. Epidemiologen warnen immer wieder davor, eine Maserninfektion leichtfertig in Länder zu verschleppen, in denen die Menschen eben keine Partys feiern, wenn ein Kind krank wird, sondern damit rechnen müssen, dass es ihnen wegstirbt. Südamerika, Afrika, Asien, wo auch immer. Weltweit sind die Masern noch immer eine der häufigsten Todesursachen bei Kindern. Und sie bleiben es vermutlich auch, solange der Blick über den eigenen Gartenzaun selbst in einer globalisierten Welt noch schwerfällt, in der man mit Kind und Kegel durch Thailand oder Mexiko reist, um etwas zu erleben – und dann ja gewiss auch großes Interesse an Krankheiten entwickelt, die dort lauern und so gefährlich wie die Masern selbst sind. Dagegen lässt man sich doch gerne impfen und zahlt sogar noch selbst.

Ein Detail im Übrigen, aus dem sich noch was machen ließe, denn offenkundig ist das Selbstverständliche nie interessant genug und die Information deshalb fast dritt­rangig, weil nur wertvoll erscheint, was Geld kostet, und das gilt vielleicht auch für die Immunisierung: Erst einmal die Hand aufhalten, dann werben, am allerbesten mit Rabatt. Wer die zweite Masernimpfung auch noch schafft, kriegt was zurück. Oder eine Luftmatratze mit roten Punkten.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 28.05.2011
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

Ausgabe 15/2021

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