Mehret euch, wann ihr wollt

Fruchtbarkeit Warum denn mit einzelnen Eizellen hantieren? Neue Methoden versprechen eine weit besser geplante Fertilität – und längeres Leben

Ouarda Touirat war die erste. Die erste Frau, die den Weg zurück schaffte, heraus aus der biologischen Abwärtsspirale, die für Frauen mit den Wechseljahren beginnt und den Verlust der Reproduktionsfähigkeit bedeutet. Frau Touirat erlebte all das auch noch viel früher als andere Frauen, weil die 26-jährige an Lymphdrüsenkrebs im Endstadium litt, und ihr nur noch mit hochdosierter Chemotherapie und Bestrahlung zu helfen war. Eine solche Therapie zerstört auch die Keimzellen, die meisten Patienten werden unfruchtbar – ein Problem, das Frauen naturgemäß härter trifft, weil sie nicht einfach ein paar Millionen reife Eizellen abzweigen und aufbewahren können. Wie viele andere Betroffene blickte Ouarda Touirat nach der Rosskur in eine zwiespältige Zukunft: Hoffnungsvoll, was die Heilung betraf. Hoffnungslos, was den Kinderwunsch anging. Allerdings fahndeten Mediziner damals längst nach einer Lösung. Roger Gosden fand sie.

Der britische Reproduktionsmediziner hatte schon in den Neunziger Jahren eine Methode entwickelt, mit der sich empfindliches Eierstockgewebe bei extrem tiefen Temperaturen so konservieren lässt, dass es Frauen später wieder eingepflanzt werden kann. Ouarda Touirat war die erste Krebspatientin, die dank dieses Verfahrens wieder fruchtbar wurde, ohne weitere medizinische Assistenz empfing und ein gesundes Baby zur Welt brachte. Die Fachwelt bejubelte die kleine Tamara als Meilenstein in der Krebsmedizin, die Methode als rettende Hilfe für Schwerstkranke. Auf die Frage, ob das nicht auch für gesunde Frauen tauge, um etwa ihre Fruchtbarkeit auf spätere Jahre zu verlegen oder eine fortlaufende Hormonproduktion dank der eingepflanzten Ovarien anzukurbeln, winkten viele Experten ab. Der damalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, Klaus Diedrich, sah allerdings keinen Grund, warum nicht auch die fitte Vierzigjährige auf eingefrorene Eierstöcke zurückgreifen sollte.

Noch ohne Partner fürs Leben

Das alles ist erst knapp sechs Jahre her, und inzwischen haben längst auch andere Ärzte das ovarielle Potenzial der Zukunft entdeckt: Auf der diesjährigen Konferenz der European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE) stellten Forscher aus Tokyo unter anderem eine Studie vor, die zeigen soll, dass die Transplantation von Eierstöcken die Fruchtbarkeit gesunder Frauen selbst in hohem Alter wieder herstellt – und damit nicht genug: dazu auch noch das Leben um 40 Prozent verlängert und jugendliche Fitness beschert. Die Arbeit stammt zwar aus dem Tierlabor, aber wie für alle Anwendungen, die klinisch bereits etabliert sind, lässt sich vom Mausmodell hier doch ganz gut auf den Menschen schließen. Die japanischen Forscher kollaborieren deshalb auch schon mit einem Team von US-Ärzten, die an ihrer Klinik in Missouri nicht nur Krebspatientinnen Eierstöcke einpflanzen, sondern auch „Frauen, die noch nicht den richtigen Partner im Leben gefunden haben“. Die können dann suchen, so lange, bis jemand ein Kind mit ihnen haben will, oder bis sie überhaupt Raum dafür finden, nach beruflicher Ausbildung und der Sicherung der eigenen Existenz. Viele Frauen sind dann schon Ende 30 und stehen mithin unter massivem Zeitdruck. Nicht selten muss die Hilfe eines Reproduktionsmediziners in Anspruch genommen werden, weil die Eizellen einfach nicht mehr so wollen wie sie sollen. Die Zahl der künstlichen Befruchtungen und der im Ausland beschafften Eizellspenden wächst (der Freitag, Nr. 23 vom 10. 6. 2010). Nicht zuletzt schaffen Politik und Demografieforschung ein Klima der Dringlichkeit. Nicht nur die Frau, auch das Land braucht Kinder.

Insofern erscheint der Vergleich, den Diedrich vor sechs Jahren gezogen hat, plausibel: Selbst Männer die sich sterilisieren lassen, würden im Vorfeld des Eingriffs oft noch Spermien einfrieren – für den Fall, dass sie es sich anders überlegen. Warum sollten Frauen keine vergleichbare Möglichkeit nutzen, zumal, wenn Sie dadurch noch weitere Vorteile hätten – ein jugendliches Aussehen, größere Fitness, die Aussicht auf ein hohes Alter?

Wer sich weiter auf der 26. Konferenz der ESHRE umsah, fand vom einstigen Credo – der Rettung krebskranker Wunschmütter – deshalb nur noch wenig: Die Hilfe für vom Tumor geschädigte Patientin wird zwar in jedem Vortrag und jeder Zusammenfassung von Forschungsarbeiten als Zielgruppe zitiert, aber so groß kann der Bedarf gar nicht sein, als dass hier nicht die breite Masse der gesunden Frauen anvisiert würde. Ob krank oder nicht, die wachsende Gruppe von Betroffenen kann sich auf bereitwillige Hilfe in allen Fragen der Fruchtbarkeitsplanung einstellen.

Minimale Medikamente

Die amerikanischen Kollegen von Noriko Kagawa wollen als nächstes zum Beispiel testen, ob sich anstelle von eigenem, frühzeitig eingefrorenen Keimzellgewebe auch das von anderen, genetisch unterschiedlichen Frauen transplantieren lässt. Die Variante hat insofern Vorteile, als dass die eigenen Reserven nicht angetastet werden, denn auch die Entnahme birgt natürlich gewisse Risiken. Der Homonspiegel sinkt, eventuell kommen die Frauen dann früher in die Wechseljahre. Eine Spende wiederum kann, wie alle Gewebeverpflanzungen, zu gefährlichen Abstoßungsreaktionen führen. Die US-Mediziner glauben, dass sie diese Reaktionen mit „minimalen Medikamentenmengen“ in den Griff kriegen könnten. Muss, wer solche Risiken eingeht, nicht völlig verzweifelt sein?

Vielleicht, aber die Alternative ist ja für wenige Frauen wirklich verlockend. Kinderlos alt werden, überhaupt alt werden, und das auch noch mit all den Nebenwirkungen der Wechseljahre, die noch immer mit Hormonpräparaten behandelt werden. Die Perspektive ist klar: Frauen sollen künftig noch besser und umfassender mit ihrer Fruchtbarkeit und Jugend haushalten können. In jungen Jahren verhindert die Pille ungewollte Schwangerschaften, später wird die gewollte Schwangerschaft ermöglicht durch Stimulation der noch vorhandenen Eierstöcke, durch Re-Implantation von eingefrorenem Gewebe, durch die Spende von Eizellen oder ganzer Ovarien.

Und damit das alles noch besser planbar wird, haben Wissenschaftler aus Iran jetzt einen Test entwickelt, der den kritischen Beginn der Wechseljahre schon Jahrzehnte im Voraus erkennt: Er misst die Menge des sogenannten Anti-Müller-Hormons (AMH), das als unabhängiger Marker für die Reproduktionsfähigkeit einer Frau bekannt ist. Vor zwei Jahren stellten Wissenschaftler aus Köln bereits einen AMH-Check vor, der die Aussichten einer künstlichen Befruchtung abklären kann, bevor sich eine Frau der durchaus belastenden Prozedur unterzieht. Aus epidemiologischen Daten haben die Forscher aus Teheran nun ermittelt, wie der Spiegel des Hormons über die Jahrzehnte sinkt. Nun können sie nicht nur über den Ist-Zustand der Eizellen eine Aussage treffen. Sie können in die Zukunft sehen – und die wird wohl immer fruchtbarer werden.

12:19 30.07.2010
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

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