Wehe, du entspannst dich nicht!

Panikmache Ein Nachrichtenmagazin mahnt Schwangere: Von Stress bis Schokolade soll ihr Tun Schäden am Ungeborenen hinterlassen. Steile These? Vor allem schlecht belegt
Wehe, du entspannst dich nicht!
Schwangersein kann stressig werden. Also: Entspannen sie sich. Nehmen sie ein Bier und eine Zigarette - sie haben es sich verdient!
Abbildung: Flickr

Die Intelligenz des Menschen ist vor allem unter Menschen legendär, aber wirklich fabelhaft wird sie erst in Kombination mit dem ängstlichen und selbstreferenziellen Argwohn gegenüber der eigenen Biologie. Insbesondere Spiegel-Redakteure scheinen dieses Problem zu haben und beschwören den Niedergang der eigenen Spezies fast regelhaft mit entsprechenden Titelgeschichten. Diese Woche: Die Geburt des Ich – Neun Monate, die unser ganzes Leben prägen.

Es geht darin um die rund zehn Monate, in denen eine befruchtete Eizelle im Mutterleib zum Kind heranwächst. Und es geht um eine Reihe von eifrigen Forschern, die angeblich bewiesen haben, dass das Verhalten der werdenden Mutter in dieser Zeit mehr als alles, was später im Leben noch kommt, über Wohl und Wehe des Kindes entscheiden wird – und zwar in einem Ausmaß, welches sich selbst die besorgteste Schwangere bisher nicht ausgemalt hat. „Frühe Fehlprogrammierung“ heißt das hier. Bedingt wird sie durch Ernährung, Stress, Infektionen, Schwangerschaftdiabetes und natürlich durch Alkohol und Nikotin. Resultieren tut sie in verminderter Stresstoleranz, Lernproblemen, ADHS, erhöhten Risiken für Krebs (einige davon sogar „epidemiologisch belegt“!), Schizophrenie, Übergewicht, Diabetes, Herzkreislauf-Erkrankungen, Allergien und Asthma. Und an allem ist natürlich Mutti schuld.

Ist sie? Beispiel Krebs: Die Epidemiologin Karin Michels forscht in Harvard und muss bestimmt schon wegen der Adresse recht haben, wenn sie sagt, dass Mädchen mit einem Geburtsgewicht von mehr als 4.000 Gramm später ein „doppelt so hohes Risiko für Brustkrebs“ haben. Das klingt heftig, und tatsächlich hat Michels dieses Ergebnis 1996 in dem nicht ganz unumstrittenen Fachblatt The Lancet publiziert. Die Doppelung des Risikos bezog sich dabei allerdings auf einen Vergleich zwischen 4-Kilo-plus-Babys und Babys, die bei der Geburt weniger als 2.500 Gramm gewogen haben. Es entspräche auch nicht dem absoluten Risiko, sondern nur dem relativen, das sich besonders gut dazu eignet, Angst und Schrecken zu verbreiten, weil es einfach immer unheimlich groß klingt. Tatsächlich aber verhielte es sich hier so: Wenn von 1.000 Frauen, die als dünner Hering auf die Welt gekommen sind, später 60 an Brustkrebs erkrankten, wären es unter den dicken Babys 90 von 1.000 – also drei Prozent mehr.

Recherche in Zeiten des WWW

Das eigentliche Problem aber ist, dass Michels sich nicht als einzige mit dem Zusammenhang von Geburtsgewicht und Krebsrisiko befasst hat und dass es mittlerweile sogenannte Metaanalysen zum Thema gibt, die die Ergebnisse vieler Studien zusammenfassend auswerten und dabei nicht nur eine mögliche Krankheit berücksichtigen, sondern umfassend alle Erkrankungen mit Todesfolge. Im Zeitalter des Internet sind solche Publikationen übrigens für alle Journalisten leicht aufzuspüren – die Medline hilft.

Zum Beispiel erschien im vergangenen Jahr (sprich: 15 Jahre nach Michels’ Publikation) im International Journal of Epidemiology eine solche Arbeit. Sie kommt zu dem Resultat, dass vor allem ein sehr niedriges Geburtsgewicht mit einer höheren Sterblichkeit verbunden ist, etwa durch Herz-Kreislaufkrankheiten, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Für Frauen konnte die Analyse keinen Zusammenhang zwischen einem hohen Geburtsgewicht und der Krebssterblichkeit feststellen. Was nicht heißt, dass dicke neugeborene Mädchen nicht später im Leben vielleicht an Brustkrebs erkranken, aber sie sterben nicht häufiger daran als andere.

Schwangere, denen diese wichtigen Zusammenhänge vorenthalten werden, dürften sich allerdings ihre Gedanken machen, vor allem um den Gestationsdiabetes. Der gilt  ja nicht erst seit der Offenbarung durch den Spiegel als das Übel der Schwangerschaft schlechthin. In der Tat entwickelt mehr als jede zehnte Schwangere eine vorübergehende Überzuckerung des Bluts. Die Folgen sind laut Spiegel aber „nicht nur 4.000 Gramm-Babys“ (oh Schreck! Siehe oben), sondern auch ein völlig versautes Sättigungszentrum, das dem Kind lebenslange Gewichtsprobleme bescheren wird.

"Nicht alleine verantwortlich"

Dass das Risiko für eine sogenannte Makrosomie, also ein sehr hohes Geburtsgewicht, durch einen Schwangerschaftsdiabetes steigt, stimmt. Aber es ist wieder alles relativ: Von 100 kleinen Makros werden de facto nur zwei bis zehn infolge eines Schwangerschaftsdiabetes geboren. Und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich-Medizinischen Fachgesellschaften, die für die Publikation von Leitlinien verantwortlich ist, resümiert:

 „Langzeitstudien belegen einen komplexen Zusammenhang zwischen mütterlichem Übergewicht, Gestationsdiabetes, Übergewicht des Kindes zum Zeitpunkt der Geburt und im weiteren Verlauf des Lebens, Entwicklung eines metabolischen Syndroms und väterlichem Übergewicht.

Dabei spielen offensichtlich genetische Faktoren ebenso eine Rolle wie familiäre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten. Eine in Bezug auf das kindliche Geburtsgewicht erfolgreiche Behandlung einer werdenden Mutter mit Gestationsdiabetes ist nicht alleine für die Langzeitprognose des Kindes verantwortlich.“

Ja, der Spiegel sieht es anders, schert sich nicht um die Evidenz (also um die durch durch Studien gesicherte Aussagekraft) und erkennt zum Beispiel auch in röchelnden Rattenbabys klare Beweise dafür, dass Stress in der menschlichen Schwangerschaft zu einem erhöhten Risiko für allergisches Asthma führt. Deshalb sollten sich Schwangere auch nicht von ihren Männern schlagen lassen, weil das Stress macht und die Kinder darüber hinaus als Angsthasen auf die Welt kommen lässt. Und Depressionen? Ganz schlecht, weil die Schwermut der Mutter möglicherweise die Genexpression im Mutterkuchen verändert und Babys deshalb schon im Bauch nervös werden.

Am Ende freuen sich insbesondere Leserinnen über die Mitteilung, dass niemand den Frauen ein schlechtes Gewissen machen wolle – und dass sich all diese höchst bedenklichen Erkenntnisse leider auch noch nicht in Verhaltenstipps für Mütter umsetzen ließen. Außer: Frische Luft. Vollkornbrot. Und bloß keinen Stress!

Was in einer Gesellschaft mit gerechtem Sozialsystem, das Alleinerziehende, berufstätige Eltern und anderweitig von Stress Bedrohte nach Kräften beim Kinderkriegen unterstützt und begleitet, allerdings auch ohne diese Geschichte kein Problem sein sollte.

14:07 20.06.2012
Geschrieben von

Kathrin Zinkant

Dinosaurier auf der Venus
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Kathrin Zinkant

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