Kathrin Zinkant
20.06.2012 | 14:07 12

Wehe, du entspannst dich nicht!

Panikmache Ein Nachrichtenmagazin mahnt Schwangere: Von Stress bis Schokolade soll ihr Tun Schäden am Ungeborenen hinterlassen. Steile These? Vor allem schlecht belegt

Wehe, du entspannst dich nicht!

Schwangersein kann stressig werden. Also: Entspannen sie sich. Nehmen sie ein Bier und eine Zigarette - sie haben es sich verdient!

Abbildung: Flickr

Die Intelligenz des Menschen ist vor allem unter Menschen legendär, aber wirklich fabelhaft wird sie erst in Kombination mit dem ängstlichen und selbstreferenziellen Argwohn gegenüber der eigenen Biologie. Insbesondere Spiegel-Redakteure scheinen dieses Problem zu haben und beschwören den Niedergang der eigenen Spezies fast regelhaft mit entsprechenden Titelgeschichten. Diese Woche: Die Geburt des Ich – Neun Monate, die unser ganzes Leben prägen.

Es geht darin um die rund zehn Monate, in denen eine befruchtete Eizelle im Mutterleib zum Kind heranwächst. Und es geht um eine Reihe von eifrigen Forschern, die angeblich bewiesen haben, dass das Verhalten der werdenden Mutter in dieser Zeit mehr als alles, was später im Leben noch kommt, über Wohl und Wehe des Kindes entscheiden wird – und zwar in einem Ausmaß, welches sich selbst die besorgteste Schwangere bisher nicht ausgemalt hat. „Frühe Fehlprogrammierung“ heißt das hier. Bedingt wird sie durch Ernährung, Stress, Infektionen, Schwangerschaftdiabetes und natürlich durch Alkohol und Nikotin. Resultieren tut sie in verminderter Stresstoleranz, Lernproblemen, ADHS, erhöhten Risiken für Krebs (einige davon sogar „epidemiologisch belegt“!), Schizophrenie, Übergewicht, Diabetes, Herzkreislauf-Erkrankungen, Allergien und Asthma. Und an allem ist natürlich Mutti schuld.

Ist sie? Beispiel Krebs: Die Epidemiologin Karin Michels forscht in Harvard und muss bestimmt schon wegen der Adresse recht haben, wenn sie sagt, dass Mädchen mit einem Geburtsgewicht von mehr als 4.000 Gramm später ein „doppelt so hohes Risiko für Brustkrebs“ haben. Das klingt heftig, und tatsächlich hat Michels dieses Ergebnis 1996 in dem nicht ganz unumstrittenen Fachblatt The Lancet publiziert. Die Doppelung des Risikos bezog sich dabei allerdings auf einen Vergleich zwischen 4-Kilo-plus-Babys und Babys, die bei der Geburt weniger als 2.500 Gramm gewogen haben. Es entspräche auch nicht dem absoluten Risiko, sondern nur dem relativen, das sich besonders gut dazu eignet, Angst und Schrecken zu verbreiten, weil es einfach immer unheimlich groß klingt. Tatsächlich aber verhielte es sich hier so: Wenn von 1.000 Frauen, die als dünner Hering auf die Welt gekommen sind, später 60 an Brustkrebs erkrankten, wären es unter den dicken Babys 90 von 1.000 – also drei Prozent mehr.

Recherche in Zeiten des WWW

Das eigentliche Problem aber ist, dass Michels sich nicht als einzige mit dem Zusammenhang von Geburtsgewicht und Krebsrisiko befasst hat und dass es mittlerweile sogenannte Metaanalysen zum Thema gibt, die die Ergebnisse vieler Studien zusammenfassend auswerten und dabei nicht nur eine mögliche Krankheit berücksichtigen, sondern umfassend alle Erkrankungen mit Todesfolge. Im Zeitalter des Internet sind solche Publikationen übrigens für alle Journalisten leicht aufzuspüren – die Medline hilft.

Zum Beispiel erschien im vergangenen Jahr (sprich: 15 Jahre nach Michels’ Publikation) im International Journal of Epidemiology eine solche Arbeit. Sie kommt zu dem Resultat, dass vor allem ein sehr niedriges Geburtsgewicht mit einer höheren Sterblichkeit verbunden ist, etwa durch Herz-Kreislaufkrankheiten, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Für Frauen konnte die Analyse keinen Zusammenhang zwischen einem hohen Geburtsgewicht und der Krebssterblichkeit feststellen. Was nicht heißt, dass dicke neugeborene Mädchen nicht später im Leben vielleicht an Brustkrebs erkranken, aber sie sterben nicht häufiger daran als andere.

Schwangere, denen diese wichtigen Zusammenhänge vorenthalten werden, dürften sich allerdings ihre Gedanken machen, vor allem um den Gestationsdiabetes. Der gilt  ja nicht erst seit der Offenbarung durch den Spiegel als das Übel der Schwangerschaft schlechthin. In der Tat entwickelt mehr als jede zehnte Schwangere eine vorübergehende Überzuckerung des Bluts. Die Folgen sind laut Spiegel aber „nicht nur 4.000 Gramm-Babys“ (oh Schreck! Siehe oben), sondern auch ein völlig versautes Sättigungszentrum, das dem Kind lebenslange Gewichtsprobleme bescheren wird.

"Nicht alleine verantwortlich"

Dass das Risiko für eine sogenannte Makrosomie, also ein sehr hohes Geburtsgewicht, durch einen Schwangerschaftsdiabetes steigt, stimmt. Aber es ist wieder alles relativ: Von 100 kleinen Makros werden de facto nur zwei bis zehn infolge eines Schwangerschaftsdiabetes geboren. Und die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich-Medizinischen Fachgesellschaften, die für die Publikation von Leitlinien verantwortlich ist, resümiert:

 „Langzeitstudien belegen einen komplexen Zusammenhang zwischen mütterlichem Übergewicht, Gestationsdiabetes, Übergewicht des Kindes zum Zeitpunkt der Geburt und im weiteren Verlauf des Lebens, Entwicklung eines metabolischen Syndroms und väterlichem Übergewicht.

Dabei spielen offensichtlich genetische Faktoren ebenso eine Rolle wie familiäre Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten. Eine in Bezug auf das kindliche Geburtsgewicht erfolgreiche Behandlung einer werdenden Mutter mit Gestationsdiabetes ist nicht alleine für die Langzeitprognose des Kindes verantwortlich.“

Ja, der Spiegel sieht es anders, schert sich nicht um die Evidenz (also um die durch durch Studien gesicherte Aussagekraft) und erkennt zum Beispiel auch in röchelnden Rattenbabys klare Beweise dafür, dass Stress in der menschlichen Schwangerschaft zu einem erhöhten Risiko für allergisches Asthma führt. Deshalb sollten sich Schwangere auch nicht von ihren Männern schlagen lassen, weil das Stress macht und die Kinder darüber hinaus als Angsthasen auf die Welt kommen lässt. Und Depressionen? Ganz schlecht, weil die Schwermut der Mutter möglicherweise die Genexpression im Mutterkuchen verändert und Babys deshalb schon im Bauch nervös werden.

Am Ende freuen sich insbesondere Leserinnen über die Mitteilung, dass niemand den Frauen ein schlechtes Gewissen machen wolle – und dass sich all diese höchst bedenklichen Erkenntnisse leider auch noch nicht in Verhaltenstipps für Mütter umsetzen ließen. Außer: Frische Luft. Vollkornbrot. Und bloß keinen Stress!

Was in einer Gesellschaft mit gerechtem Sozialsystem, das Alleinerziehende, berufstätige Eltern und anderweitig von Stress Bedrohte nach Kräften beim Kinderkriegen unterstützt und begleitet, allerdings auch ohne diese Geschichte kein Problem sein sollte.

Kommentare (12)

j.kelim 20.06.2012 | 17:03

Es wird eine neue Begriffsbestimmung für das Wort “Liebe“ eingeführt, indem man immer mehr an wissenschaftlichen sogenannten Erkenntnisse hervorzaubert die für jede Regung, des eigenen (jetzt in neuer Definition) Fremdkörperobjektes, Krankheiten zu (er)findet. Wo die Liebe nicht mehr fühl- und greifbar wahrzunehmen ist, ist auch das gesunde, lebendige, leibliche, nicht anzutreffen.

h.yuren 20.06.2012 | 18:08

tja, so einfach ist das. vollkornbrot, frische luft und null stress, und schon werden nur noch prallgesunde nachwüchse geworfen.

den spiegel-text kenne ich nicht. dieser hier, liebe kathrin, geht aber zügig an dem problem vorbei, dass hierzulande die zivilisationsgifte einen signifikanten einfluss auf die pränatale entwicklung und alles, was danach kommt, haben. nachweislich.

wer beim autofahren unter drogen steht und keine rücksicht auf die eigene gesundheit und die anderer nimmt, wird auch vor dem nachwuchs keine rücksicht kennen - mit den bekannten folgen.

in der schweiz müssen hundehalter nachweisen, dass sie etwas wissen über die tiere etc.

eltern und unternehmer müssen hierzulande gar nichts wissen und können, nur etwas wollen. darum hat das land und haben die kinder hierzulande eine rosige zukunft.

Kathrin Zinkant 20.06.2012 | 19:39

was das autofahrerbeispiel betriff und den verweis auf hundehaltung: ich glaube, fürchte oder bin mir sogar sicher, dass es einen unterschied zwischen autofahren/hundehaltung und schwangersein gibt.

ich kenne keine einzige frau, die während einer schwangerschaft nicht in erster linie damit befasst war, alles "richtig" zu machen. das kann man zwar nicht empirie nennen, aber "fehlverhalten" wie schwerer drogenmissbrauch sind meiner ansicht nach nicht mit jenen verhaltensweisen zu vergleichen, die seit jahren auch von der bundesdrogenbeauftragten verteufelt werden.

beispiel alkohol: das fetale alkoholsyndrom ist schlimm und unvermeidlich, wenn eine alkoholikerin schwanger wird und ihre abhängigkeit nicht in den griff bekommt. es werden unter gut 700.000 neugeborenen im jahr etwa 4.000 babys mit einem voll ausgeprägen syndrom geboren, insgesamt gibt es 10.000 mehr oder weniger betroffene kinder. in mehr als der hälfte den anderen 690.000 schwangerschaften - die nicht im fetalen alkoholsyndrom enden - wird auch alkohol getrunken, aber in kleinstmengen, deren schädlichkeit schlicht und einfach nicht nachgewiesen ist. dennoch mahnt die suchtbeauftragte auch im aktuellen suchtbericht:

"Alkohol wirkt auf das ungeborene Kind bereits in kleinen Mengen wie ein Zellgift. Er hemmt das Zellwachstum und führt zu Missbildungen. Vor allem aber schädigt Alkohol die Nervenzellen und das Gehirn."

wenn das so wäre, gäbe es fast nur noch missgebildete kinder.

könnte es darum gehen, den frauen die verantwortung in die schuhe zu schieben, wenn dann später was in der schule nicht klappt, was natürlich niemals am bildungssystem, am sozialen hintergrund usw. liegen kann....?

aim 20.06.2012 | 19:42

Sehr gut!

Eigentlich spräche alles dafür, dass die Liebe zur Vorsorge in existentiell und gesundheitlich abgesicherten Gesellschaften wie unserer an Bedeutung verliert. Paradoxerweise scheint es genau umgekehrt zu sein: V.a. Präventionisten und Gesundheitsapologeten produzieren vermeintliche "Zivilisationsgifte". Das Leben erscheint so dort umso riskanter, wo die lächerlichsten Risiken vorherrschen - das ist gegenüber den von tatsächlichen "Giften" betroffenen Menschen einfach nur zynisch, H. Yuren!

h.yuren 21.06.2012 | 22:54

liebe kathrin,

die unterschiede habe ich nicht angezweifelt, wohl aber die ähnliche rücksichtslosigkeit und ahnungslosigkeit unterstrichen.

tausende missgebildete kinder sind mir zuviel. das kann ich nicht abtun als kollateralschaden. vor allem ist das gesetz der streuung nie außer acht zu lassen. die schweren missbildungen sind das extrem, daneben gibt es die minder schweren und die (gibt es sowas?) leichten fälle von missbildungen oder entwicklungshandicaps.

mein maßstab ist das menschenmögliche, und das wird in unserer gesellschaft erst gar nicht versucht. alkoholgeschädigt nenne ich das mal.

tlacuache 24.06.2012 | 04:23

Als Mann kann ich nur vermuten, @Danninx und @Sägerei haben es auf den Punkt gebracht, zu letztderer/m will ich noch hinzufügen ..."Am Ende geht's bei dieser Ratgeb-Propaganda doch nur darum, Menschen unzufrieden zu machen, vor allem anderen unzufrieden mit sich selbst"...

Warum ist das so mit der "Ratgeb-Propaganda"? Und da komme ich zur lieben Frau Zinkant, das Spiegel - bashing hat mir sehr gut gefallen :-))))

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http://www.dfjv.de/uploads/tx_eleonartikel/Andresen_Der_Einfluss_von_Anzeigenkunden_auf_die....pdf

LG

TL

Ismene 28.06.2012 | 15:56

Als Mutter bin ich doch sowieso immer verantwortlich. Als mein Sohn letzte Woche wie ein Aufziehmännchen um die Kirche flitzte, fragten die älteren Ladies des Dorfes, ob ich in der Schwangerschaft geraucht hätte, dass er so hibbelich ist...

Das Schlimme daran ist aber, dass so viele Frauen, diese Verantwortung auch annehmen und sich verantwortlich fühlen. Ging mir nicht anders. Man denkt und probiert und überlegt und verliert mehr und mehr die Bodenhaftung.

Was wirklich hilft, sind - nach meiner Erfahrung - gute Freundinnen, ein gelassener werdender Vater und die Hebamme meines Vertrauens und das wissen darum, dass wir Menschen(kinder) schon ganz schön robust sind. Das entspannt.