Mein Ehemann, der Stein

Frühlingsgefühle Die britische Künstlerin Tracey Emin hat ihre Hochzeit mit einem Stein bekannt gegeben. Sie ist nicht die erste Frau, die sich für ein lebloses Objekt erwärmt
Katja Kullmann | Ausgabe 13/2016 7
Mein Ehemann, der Stein
Tracey Eminlehrt lehrt als Kunstprofessorin und Doktorin der Philosophie

Foto: Joe Klamar/Getty Images

Verlässlichkeit ist gar kein Ausdruck für das, was die britische Künstlerin Tracey Emin an ihrem Gatten schätzt: „Er ist immer für mich da, er wartet auf mich“, sagte sie kürzlich dem Art Newspaper in London. Körperliches Begehren und sogenannte Sexyness stünden für sie nicht mehr im Vordergrund: „Meine Vorstellung von Liebe ist jetzt so spirituell, dass ich nach einem Seelenpartner suche.“ Derjenige, mit dem die 52-Jährige nun also ihre Seele vermählt hat, ist: ein Stein.

Unter dem Titel I Cried Because I Love You ist gerade Emins erste Soloschau in China gestartet. Die Galerien Lehmann Maupin und White Cube zeigen in Hongkong Dutzende ihrer Werke. Im Eröffnungsgespräch mit den Kunstjournalisten stellte sich heraus, dass etliche der Exponate von Emins Hochzeit im vergangenen Sommer erzählen. Ja, sie habe sich in einen Stein verliebt, der sich im Garten ihres Hauses in Südfrankreich befinde, unter einem Olivenbaum, erklärte Emin. Zur Trauung habe sie das weiße Leichentuch ihres Vaters getragen. Und sie fügte hinzu, dass sie vom platonischen Liebesbriefwechsel zwischen dem späteren Papst Johannes Paul II. und der polnischen Philosophin Anna-Teresa Tymieniecka fasziniert sei.

Mit ihren radikal feministischen und ziemlich punkigen Werken wurde Emin in den 90ern zu den Young British Artists (YBAs) gezählt, neben Banksy und Damien Hirst. Ihr Hauptthema war immer der Sex, spezifischer: die Heterosexualität. Noch konkreter: die Lust und die Gewalt, die sich zwischen Frauen und Männern abspielen. In ihrer Autobiografie Strangeland (2005) schildert Emin, wie sie seit ihrer Jugend in den Londoner Vorstädten auf alle erdenklichen Arten missbraucht wurde, vergewaltigt, geschlagen, befingert. Ihren Durchbruch als Künstlerin erlebte sie 1998 mit der Installation My Bed: Sie stellte ihr reales Bett aus, mit Laken, die von Körperflüssigkeiten überzogen waren, garniert mit gebrauchten Kondomen, Schnapsflaschen, Unterwäsche.

Emins Bed wurde als Beispiel für das „Selbstbekenntnis in der Kunst“ gefeiert. Mittlerweile lehrt sie als Kunstprofessorin und Doktorin der Philosophie. Dennoch tun sich männliche Betrachter bis heute schwer mit Emins Werk. So erklärte der Philosoph Konrad Paul Liessmann im Deutschlandradio, Emins Hochzeit mit dem Stein sei „nicht sehr originell“. Schließlich habe schon der antike Pygmalion-Mythos die Objektophilie, die libidinöse Beziehung zu Dingen, thematisiert, oder auch Marcel Duchamp vor bald 100 Jahren mit seinem Urinal. Ergänzen könnte man hier noch, dass in viktorianischen Tagen Tisch- und Stuhlbeine verhüllt wurden, weil ihre Kurven nach Ansicht der Tugendwächter zu „aufreizend“ waren.

Liessmann verwies auch auf die US-Künstlerin Erika LaBrie, die sich 2007 mit dem Eiffelturm vermählte. Und auf die Schwedin Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer, die 1979 die Berliner Mauer ehelichte – und sich seit 1989 als verwitwet betrachtet. Ebendies ist doch das Interessante: Dass es heute verstärkt Frauen sind, die in ihrer Kunst eine fetischisierte Zuneigung zu Dingen thematisieren. Es liegt wohl (auch) daran, dass Frauen selbst als Objekte beglotzt oder begehrt werden. Nun bricht ja der Frühling wieder an, die Zeit der dünneren Stoffe und kürzeren Röcke. Manche Männer sehen sich, im Emin-Macker-Duktus gesprochen, als „Titten-Typ“, andere stehen auf „geile Ärsche“. Zu geiern, zu stieren gibt’s genug. Und Frauen? Sind geübt, die Blicke hinzunehmen. Stoisch, am besten ohne jede Reaktion. Wie nur Steine es vermögen.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 31.03.2016
Geschrieben von

Katja Kullmann

Stellvertretende Chefredakteurin
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Katja Kullmann

Ausgabe 27/2020

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