Katja Kullmann
Ausgabe 2617 | 26.07.2017 | 06:00

Northern Soul

A–Z Fließbandarbeiter im Blaumann trifft man heute seltener – doch ihr proletarisches Erbe ist lebendig, etwa in der Subkultur des „nördlichen Soul“. Ein Fan-A-Z

Northern Soul

Foto: Mirrorpix/Ullstein

A

Arbeiterklasse Als kürzlich 79 Menschen beim Brand im Grenfell Tower starben, dachte ich an Ian, der mit seiner Mutter in genau so einem Hochhaus wohnte. In den 1990ern hing ich oft mit ihm herum, als ich, direkt nach dem Abitur, nach London abgehauen war, um dort erst mal zu arbeiten (als Kellnerin). Wir waren uns bei einer Soul-Party im Hinterzimmer eines Pubs begegnet, er verdiente sein Geld auf Zuruf, als Kurierfahrer mit seinem Roller. Ian hatte sehr schlechte Zähne – und sehr viele Schallplatten (Vinyl). Hunderte von Singles lagerten in seinem schmalen Jungszimmer. Dabei besaß er gar keinen Plattenspieler. Er sparte, um sich einen anzuschaffen und träumte davon, seine Schätze eines Tages vor Publikum aufzulegen (➝ DJ). „Soul is working class music“, erklärte er mir. Dank Ian habe ich früh – und ganz ohne Pop-Theorie – die Verbindung von Musikgeschmack und Klassenlage verstanden.

D

DJ Das Kürzel DJ steht für disc jockey, was wörtlich „Scheibenreiter“ bedeutet. Nirgends wird das bis heute so wörtlich genommen wie in der Northern-Soul-Szene. Hier bedeutet das DJ-ing wirklich Arbeit, denn die meisten Soul-Stücke dauern nur zwei oder drei Minuten, kaum liegt eine Platte auf dem Teller, muss schon die nächste herausgesucht und deren Anfang herausgehört werden – wozu viele der DJs keinen Kopf-, sondern einen altmodischen Telefonhörer benutzen, eine Sitte aus den Ur-Northern-Soul-Clubs der 1970er (➝ Norden).

MP3s kommen eigentlich nicht in Frage. Es ist eine Frage des Stils – und der Ehre. Mühevoll hat der oder die DJ seine oder ihre Sammlung an Originalscheiben (➝ Vinyl) zusammengetragen. Besonders rare Stücke moderiert er oder sie per Mikro an, und wenn es eine gelungene Wahl war, bedanken sich die Tänzer unten auf dem floor mit Applaus. Ähnlich wie beim Hip-Hop oder anderen proletarischen (➝ Arbeiterklasse) Subkulturen fällt auch hier oft das Wort „Respekt“.

E

Eiskunstlauf Das Tanzen spielt beim Northern Soul eine entscheidende Rolle (➝ Talkumpuder). Weekender oder Allnighter werden die Partys genannt, die sich meist bis in den frühen Morgen ziehen, oft gibt es dance competitions. Erstmals sah ich die typischen Northern-Soul-Bewegungen 1990 in einer englischen Kleinstadt (➝ Great Yarmouth): Das Publikum sammelte sich freitagabends in einer Bingohalle, die Musik lief sehr leise, man stand unklar herum, es kam mir behäbig, etwas öde vor. Bis Punkt 22 Uhr das Licht für zwei Sekunden ausging – um dann wieder aufzuflackern, mit den ersten Takten von Smokey Robinsons Motown-Klassiker Tears of a Clown. Dutzende strömten auf einen Schlag von allen Seiten aufs Parkett, wie kollektiv einstudiert, als ob es eine Abmachung gegeben hätte. Sie bewegten sich alle in ähnlichem Rhythmus, wiegend, gleitend, leicht, machten Ausfallschritte, holten Schwung mit den Armen, drehten sich präzise wie Eiskunstläufer, die Oberkörper aufrecht, aber die Beine, was die Beine machten, das war der helle Wahnsinn.

G

Godin, Dave Zum Ruhm, den ein Musikjournalist sich erwerben kann, gehört es, Begriffe zu schaffen für neuartige subkulturelle Erscheinungen. Das gelang dem Briten Dave Godin (1936 – 2004): Im Juni 1970 benutzte er erstmals das Wort „Northern Soul“ in seiner Kolumne im Blues & Soul-Magazin. Godin trieb sich immer auch abseits vom angesagten „Swinging London“ herum und hatte als eine Art Nachtlebensoziologe den Industriestandort Manchester (➝ Norden) studiert.

Godin, der selbst gern Soul-Musik hörte, war fasziniert vom tänzerischen Enthusiasmus (➝ Eiskunstlauf), den er dort sah. Statt Hippie-Artrock oder modernere funky Sounds zu goutieren, wie in der schicken Hauptstadt, waren die Industriekids den süßlicheren Stücken der 1960er treu geblieben und hatten ihre eigenen Codes (➝ Zugehörigkeit) dazu entwickelt. Godin gründete selbst ein Label – Soul City hieß es –, auf dem er verschollene Stücke aus den 1960ern neu herausbrachte. Bis heute lautet ein geflügeltes Wort in der Szene: „In Godin we trust.“

Great Yarmouth Heringe und Öl haben der Küstengemeinde Great Yarmouth einen gewissen Wohlstand beschert. An die 50.000 Menschen leben in der östlichsten Stadt der Grafschaft Norfolk, die dank ihrer Strände 1760 zum Seebad erklärt wurde. Der Autokonzern Vauxhall, der wie Opel heute zu General Motors gehört, betrieb hier einen Ferienpark für seine Mitarbeiter, mittlerweile steht er auch anderen Besuchern offen. „Ein Wuppertal am Meer!“, dachte ich, als ich 1990 in jener Camping-Anlage mein erstes Northern-Soul-Wochenende erlebte. Der Geruch von Fish & Chips hing in der Luft, kahl rasierte britische Männer in Trainingsjacken hatten auf Tapeziertischen ihre Kisten mit Platten zum Verkauf (➝ Vinyl) aufgebaut, sie fachsimpelten, schon morgens mit Bierbechern in den Händen, es wirkte alles recht rau und einschüchternd. Bis ich diese Typen dann ganz filigran tanzen sah (➝ Eiskunstlauf).

M

Mods Die „Modernists“, kurz „Mods“ genannt, stellten seit den späten 1950ern eine der einflussreichsten Jugendkulturen im Nachkriegseuropa, eine, die sich seither in Nischen hält. Es geht um ein formschönes Äußeres – auch oder gerade wenn man es sich eigentlich nicht leisten kann. Für junge Männer: Maßanzüge, wenn irgend möglich. Für junge Frauen: kastige Röcke, flache Schuhe, möglichst androgyn. „Clean living under difficult circumstances“: So umriss der Musikmanager Pete Meaden einmal das Prinzip. Man versucht(e), die prekäre Herkunft in einen provokant überhöhten „Aufsteiger“-Stil umzumünzen und hört(e) dazu die Musik der schwarzen US-working-class: Rhythm’n’Blues – und die Art Soul, die heute „Northern“ genannt wird.

N

Norden George Orwell beschrieb in Road to Wigan Pier (1937) den Norden Englands als Höllenheimat des Proletariats. Genau dort eröffnete 1973 der legendärste Northern-Soul-Club überhaupt: das Wigan Casino. 1978 kürte das US-Billboard-Magazin das Casino, das in einem früheren Ballsaal untergebracht war, zur „Besten Disco der Welt“, noch vor dem Studio 54 in New York. Auch im „Mecca“ in Blackpool und im „Golden Torch“ in Tunstall fanden Soul-Allnighter statt, die partytechnischen Vorläufer der 25 Jahre später erblühenden „Rave“-Euphorie rund um den Club „Hacienda“ in Manchester.

Auch auf die musikalische Herkunft passt das „Northern“ gar nicht schlecht: Der typische Sound – schnell, verspielt, oft lieblich im Klang, mit treibenden Beats – stammt aus den urbanen Zentren im Norden der USA, etwa Philadelphia oder Detroit, wo nicht nur der Ex-Boxer und -Fabrikarbeiter Berry Gordy seine weltberühmte „Motown“-Schmiede gründete, sondern auch viele kleinere Labels (➝ Vinyl) ihr Glück versuchten.

S

Schlaghosen Das Kreiseln und Grooven, der Schweiß, der Rausch der Bewegung nach dem werktäglichen Stahlbad in der Fabrik: Um ausdauernd tanzen zu können, braucht man bequeme Kleidung. Die teils Dandy-eske Attitüde der 1960er Jahre (➝ Mods) wich in den liberalisierten 1970ern einem pragmatischeren und zunehmend auch geschlechtsneutralen Stil, der heute noch verbreitet ist: Sportkleidung wie die Polohemden, die der britische Tennischampion Fred Perry entworfen hatte, war beim Ausgehen plötzlich opportun; oder die Trainingsjacken von Umbro, einem Fabrikat, das zwar italienisch klingt, aber auf die 1920 in Cheshire gegründete Firma „Humphreys Brothers Clothing“ zurückgeht.

Extra weite Schlaghosen – auf Englisch „flares“ – werden von leidenschaftlichen Soul-Tänzern auch heute noch getragen, denn der schwingende Stoff betont den Radius der Ausfallschritte und Drehungen (Talkumpuder) noch. Weibliche Tänzerinnen wirbeln gern in besonders glockig geschnittenen, extrem weiten Röcken herum.

T

Talkumpuder Es sieht aus wie Puderzucker, aber man sollte nicht unbedingt davon kosten. Angeblich haben die Mikropartikel des weißen Puders – das aus dem Mineral Talk gewonnen wird – Qualitäten wie Asbest, jedenfalls wenn sie umittelbar in die Lunge gelangen. Fest verarbeitet findet sich Talkum in Seifen, Buntstiften, Babypflegeprodukten und Kaugummis. In Pulverform bekommt man es etwa in Baumärkten, es wird als Pflegemittel für Schläuche und Reifen gebraucht. Und: als Haftstoff für den Tanzboden – für den besseren grip der Schuhsohlen.

Auch hierzulande hat bei fast jeder Northern-Soul-Veranstaltung jemand ein entsprechendes Döschen dabei und verstreut das Pulver auf der Tanzfläche. Der weiße Stoff soll das Ausrutschen verhindern und das „fancy footwork“, die „fantastische Fußarbeit“, erleichtern. Rhythmische oder gleitende, jedenfalls raumgreifende Ausfallschritte bilden die Basis. Die Knie bleiben locker, der Oberkörper gerade, die Sohlen werden flach auf den Boden gesetzt. Profis lassen sich zu backdrops fallen und springen wieder auf oder legen andere kontrollierte Tricks der Boden-Akrobatik ein, die an Breakdance erinnern. Wie toll das bis heute aussieht, zeigte 2003 die Band Moloko, beziehungsweise deren Sängerin Róisín Murphy – eine hervorragende Soul-Tänzerin! – im Video zu Familiar Feeling.

V

Vinyl Nicht immer geht es im Soul um Liebe, hunderte von Work- & money-songs erzählen von Jobverlust und Existenzangst. In den 1960ern hofften manche US-Industriearbeiter auf eine Gesangskarriere. Es entstanden kleine und Kleinstlabels, die Aufnahmen etwa von singenden Mechanikern in geringer Stückzahl veröffentlichten. Solche Platten zählen heute zu den gesuchtesten und teuersten bei Sammlern. Bis in die 1990er waren sie noch in US-Hinterhofläden zu finden, oft für nur wenige Cent. Inzwischen haben Händler, meist Briten, das meiste aufgekauft und bieten es etwa bei Ebay feil. Zu den teuersten Stücken zählt Open the Door to your Heart von Darrell Banks: Das einzige noch verbliebene Original von 1966 wechselte 2014 für umgerechnet 12.500 Euro den Besitzer. Während manche eitle DJs ihre Schätze so geheim halten wollen, dass sie Song- und Künstlernamen abkleben (man spricht dann von einem „Cover-up“ oder „White Label“), haben sich einige jüngere Labels auf die Wiederveröffentlichung alter Raritäten, sogenannte Re-Issues, spezialisiert. Soul-Kenner schätzen das Potenzial des Genres auf rund 35.000 Songs.

Z

Zugehörigkeit Wie viele Subkulturen ist auch die Northern-Soul-Szene stark gealtert – und geschrumpft. Manche nachwachsenden Fans haben kein Problem mit digitalen Soundfiles, ältere Puristen nehmen es ihnen übel. Doch es gibt auch einen liberalen Ansatz: Hauptsache, diese starke, stolze Musik findet weiterhin Verbreitung – das Medium ist letztlich doch egal! Über die Generationen gehalten hat sich das grafische Symbol der Szene: eine erhobene schwarze Faust. Sie prangt als Aufnäher oder Aufkleber auf Plattenkisten oder Jacken, geht auf das Logo der Gewerkschaft „Industrial Workers of the World“ von 1917 und auf die spätere Verwendung des Zeichens bei der Black-Panther-Bewegung zurück.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 26/17.