Kauderisierung mit den Mitteln der Buchbranche

Betriebsnudelsalat Beim Literaturfest München reden Menschen, die sonst schreiben, über die ganz großen Themen dieses Schreibens: Gegenwart, Sprache, Ideologie. Und Auflagen

"Das Forum: Autoren unternimmt in diesem Jahr eine Standortbestimmung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, eine Erkundung dessen, was wirklich wichtig ist, was Stil hat, Haltung, Relevanz.“ (Projektvorstellung des diesjährigen „Forum: Autoren“-Kurators Matthias Politycki)

Deutsch

Früher trug sie die Haare rot und publizierte blutige Kriminalromane, heute trägt sie die Haare blond und schreibt Bücher namens Die deutsche Seele. Kürzlich saß die Autorin Thea Dorn in München auf dem Podium neben dem Literaturkritiker Hubert Winkels, der Hörbuch-Verlegerin Claudia Baumhöver, dem diesjährigen Kurator der Reihe „Forum: Autoren“ Matthias Politycki und der Moderatorin Amelie Fried: Eine Diskussionsrunde über die Literatur und deren Zukunft eröffnete das Literaturfest München.

Also schwärmte Thea Dorn von den jenseitsverliebten Sätzen von Martin Walser und mahnte die deutsche Literatur, wieder mehr metaphysisches Pathos zu wagen und ihre (angebliche) Bescheidenheit aufzugeben. Dass das Eigene präsenter werden müsste und nicht „alles, was neu hinzuströmt, unterschiedslos als ‚Bereicherung‘“ gepriesen werden dürfe, hatte sie bereits vor einigen Wochen in der Zeit festgestellt. Die „eigentliche Heimat unserer Seele“ sei der Wald, ließ sie sich wenig später in der Bild-Zeitung zitieren.

Allein, man konnte dieses Nationalgebimmel nicht als solches abtun, denn offenbar fühlte sich der ein oder andere doch genötigt, auch in den folgenden Tagen das Eigene gegen das Fremde in Stellung zu bringen. Kaum zufällig, denn das Motto der wichtigsten Literaturfest-Reihe, eben dieses „Forum: Autoren“, die jedes Jahr von einem anderen Schriftsteller geplant wird, lautete diesmal: „Die Welt auf Deutsch“. Klingt nach Kauderisierung mit den Mitteln der Buchbranche. Mancher Autor, mancher Literaturkritiker fingierte folglich eine kritische Haltung, indem er behauptete, kein deutscher Roman käme, ach, gegen jene ganz vortrefflichen aus den USA oder anderswoher an. Wieso, bitte, gibt es so etwas nicht bei uns?, entsetzte sich nicht selten die Debattenrunde, die täglich in wechselnder Besetzung stattfand.

Oder andersherum: Warum wollen andere Länder nur so wenige von „unseren“ deutschen Bücher übersetzen? Und warum bloß gilt „deutsch“ als Schimpfwort im Rest der Welt? Die Einsprüche gegen dererlei „Orgien des Kulturpessimismus“ (Tilmann Krause), dererlei Kapitulationen vor dem eigenen Metier (Burkhard Spinnen) und dererlei Spiegelsaal-Suhlen im Minderwertigkeitskomplex verhallten vielfach ungehört. Der unbedingte Wille, sich als – ach, ausgerechnet literarisch! – benachteiligt zu begreifen, walzte einfach über sie hinweg.

Sprache

Wiewohl Matthias Politycki das ihm am Herzen liegende Thema ein ums andere Mal anmahnte, kam die Sprache dennoch selten auf die Sprache. Seine Frage nach den Bedrohungen des „guten Deutsch“ wollte nicht einmal Thea Dorn beantworten, und auch die meisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller konnten damit erfreulich wenig anfangen. Eine Feier der individuellen Innerlichkeit: Dass es die Literatur nur gibt, weil die Sprache gründlich eifersüchtig auf die ostentative Existenz der Dinge ist, da sie selbst das Dasein nur in mehr oder weniger schnöde Worte fassen kann, war nicht der Rede wert. Was man keinesfalls Kurator Politycki ankreiden will, denn der hatte ja getan, was er konnte, nämlich schön viele namhafte Autorinnen und Autoren auf die Münchner Bühne gebracht, von denen man schon ein paar mehr schlaue Äußerungen erwartet hatte (was nicht heißen soll, dass es die nicht gab!). Oder eben nicht, denn quod erat demonstrandum: Ein literarischer Text ist meistens klüger als seine Autorin, sein Autor. Und wenn nicht, dann wollte man die Autorin, den Autor ohnehin lieber gar nicht erst kennen lernen.

Gegenwart

Politycki, dem man den Posten des Programmierers in diesem Jahr überantwortet hatte, nahm die Rede von der Gegenwart wahrlich beim Wort. Eine Zusage bekamen von ihm nur jene Autorinnen und Autoren, die sich bereit erklärten, mindestens zwei, besser noch drei Tage in der Stadt zu verweilen – um nicht nur an einem gemischten Doppel mit einem anderen Schriftsteller teilzunehmen, sondern auch um vormittags mit einer Schulklasse zu arbeiten, nachmittags in der Debattenrunde ein fünfminütiges „Statement“ zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur abzugeben und ab 22 Uhr im „Salon der lebenden Schriftsteller“ mit Kollegen und Lesern zu trinken und ein weiteres Mal ins Gespräch zu kommen.

Eine Anwesenheitspflicht für Schreibende: Das ist doch mal eine hübsche Idee, wenn diese Kunstproduzenten sonst schon so zaghaft sind, am öffentlichen Diskurs teilzunehmen, aber zugleich ihr Leben damit bestreiten wollen. Dass solche Festivals immer auch der Autorenförderung dienen – den Schriftstellern geht es nicht anders als den Musikern: Sie sind mehr und mehr gezwungen, ihr Geld live zu verdienen –, ist kein Geheimnis. Dass Schriftsteller, wenn sie aufeinander treffen, gerne ihre Auflagenzahlen vergleichen, erfuhr man bei dieser Gelegenheit allerdings auch.

Mehr Gegenwart geht nicht? Aber sicher: Nicht selten drehten sich die Diskussionen um die Frage nach den angeblich drängenden Themen der Gegenwart. Um die Wirklichkeit, die Politik, die Fremde, die Familie, das Jenseits. Dass Politycki klare thematische Vorgaben gemacht hatte für die jeweiligen Gesprächsrunden, muss man ihm danken. Dass dennoch manches mehr, manches weniger ergiebig verebbte, war einzig der Vorbereitung, den Fähigkeiten und der Spontaneität des jeweiligen Moderators geschuldet.

Allesamt Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker übrigens: Über diese Spezies erzählte das Literaturfest München fast noch mehr als über die Eigenheiten von Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Ein Autor muss seinen eigenen Text nicht auseinandernehmen können, ein professioneller Analytiker aber sollte dazu durchaus in der Lage sein, und doch scheiterten nicht wenige daran. Ein Glück, dass die hauptamtliche Literaturwissenschaftlerin Annette Keck zwischenzeitlich klarstellte, dass Familienromane in Zeiten zerbrechender Genealogien (Patchwork-Familie, In-Vitro-Fertilisation und so weiter) durchaus als sinnvoll erscheinen und Thomas Mann mit dem bürgerlichen Realismus eher wenig zu tun habe. Sonst hätte man sich am Ende doch noch schämen müssen.

Literatur

Aber ach, wer weiß schon, was das eigentlich ist: die Literatur? Der eine – Literaturreferent in Polityckis Zweitheimat Hamburg und hoffentlich nur deshalb geladen – wollte am liebsten den Begriff „Belletristik“ abschaffen und die Literatur wieder als elitäre Kunst verstanden wissen. Ein anderer – Burkhard Spinnen – wies immerhin auf die konsequente Abhängigkeit der Literatur von der jeweiligen Ideologie (Religion, Psychologie, Ökonomie) hin und verglich das Schreiben mit der Tätigkeit jener Käfer, die im Rückwärtskrabbeln Kugeln rollen: „Sieht scheiße aus, ist aber eine Lebensform.“ Viel zu viele waren zudem der Meinung, Literatur sei nur dann politisch, wenn Politiker oder Krieg oder irgendsowas darin vorkämen.

Auch merkwürdig.

Ende

„Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen? Spricht die Seele so spricht ach! schon die Seele nicht mehr.“ (Das ist ein Distichon von Schiller und wohl eine der klügsten Aussagen über die deutschsprachige Gegenwartsliteratur.)

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Ihre Freitag-Redaktion

13:20 25.11.2011
Geschrieben von

Katrin Schuster

Freie Autorin, u.a. beim Freitag (Literatur, TV, WWW)
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Ausgabe 41/2021

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