Sklaven des Milieus

Ruhm Fünf Romane waren für den Preis der Leipziger Buchmesse 2012 nominiert. Katrin Schuster hat sich mit ihnen im Vorfeld der Verleihung befasst

Die meisten Bestseller werden von der seriösen Literaturkritik nicht einmal mit spitzen Fingern angefasst. Sie gelten einfach als zu banal – obwohl sich die sozialen Schieflagen dieser Tage nirgends unverzerrter spiegeln als in Vampirromanen, Lokalkrimis und Historienschinken. Die Wanderhure zum Beispiel, eines der erfolgreichsten Mittelalter-Fantasmen und deshalb von SAT1 verfernsehfilmt, greift bereits im Titel die viel beschworene Mobilität der Berufstätigen im 21. Jahrhundert auf. Dass sich die überaus flexible Gelegenheitsjobberin Marie gegen die Ständegesellschaft zur Wehr setzt, erinnert ebenfalls an unsere Gegenwart: Ganz gleich, wie leistungsbereit man sich auch präsentiert, dem eigenen Milieu entkommt man im Grunde nie und in Deutschland noch schwieriger als anderswo.

Was den Soziologen freut, entzückt jedoch selten literarisch, und deswegen stehen nicht Vampire oder Wanderhuren auf der Liste der Nominierten für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse, sondern Romane von Anna Katharina Hahn, Thomas von Steinaecker, Jens Sparschuh, Sherko Fatah und Wolfgang Herrndorf, die teilweise durchaus dasselbe Thema im Visier haben. Anna Katharina Hahn zum Beispiel, bekannt für ihre gestochen scharfen, nur scheinbar lakonischen Schilderungen des akademischen Milieus – das freilich ihr eigenes ist, da sie bis 2001 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an verschiedenen Instituten tätig war, zuletzt an der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg –, Anna Katharina Hahn also stellt einen Mann ins Zentrum ihres Romans Am Schwarzen Berg, der das Privatleben mehr schätzt als die Karriere und eben daran zugrunde geht.

Marketing-Sprech

Die im Stuttgarter Speckgürtel beheimatete Geschichte beginnt an einem sonnigen Morgen mit einem Blick vom Balkon. Der Deutschlehrer Emil Bub beobachtet, wie der erwachsene Sohn der Nachbarn heimkehrt ins elterliche Haus, körperlich verwahrlost und offensichtlich schwer depressiv. Peter wurde von seiner Frau Mia verlassen, die Kinder hat sie mitgenommen. Emil sorgt sich wie ein Vater, da er und seine Frau Veronika, eine Bibliothekarin, das Aufwachsen und vor allem die literarische Bildung des Jungen eng begleitet haben. Wo endet Fürsorge und beginnt Bevormundung? Wo endet das mitfühlende Interesse und beginnt das Stalking? Diese Grenzen versucht Hahn auszuloten, vor allem mithilfe von Eduard Mörike, dem der Roman auch den Titel schuldet.

Jedoch wechselt die Autorin gegen Ende plötzlich von der Perspektive der Bildungsbürger zu Mias Sicht der Dinge und offenbart, wie fremd ihr eine Frau aus einfachen Verhältnissen ist. Ihr feiner Strich wird überraschend grob: Mia hat Peter geheiratet, weil er ein Arztsohn ist. Doch als sich herausstellte, dass Peter lieber Teilzeit arbeitet, floh die Aufstiegswillige und suchte sich einen Anderen, der „sich kleidete wie ein englischer Graf aus einer Vorabendserie“. Nicht einmal in der Literatur entkommt man also dem Milieu.

Noch schneller ins Auge fällt die – ebenfalls als intellektuell markierte – Distanz von Thomas von Steinaecker zu seiner Ich-Erzählerin Renate Meißner. Man lernt sie an ihrem ersten Arbeitstag in der Münchner Filiale einer Versicherung (die ERGO verblüffend ähnlich sieht) kennen. Meißner ist, das hat man fix begriffen, ungebildet und entfremdet. Für ihr Leben hat sie keine eigenen Worte parat, stattdessen übersteht sie ihre Tage und Nächte mit dem Marketing-Sprech ihrer Firma, mit den Formeln diverser Lebenshilfe- und Jobseminare, mit Markennamen, mit Zitaten aus der Yellowpress, Statistiken, Prozentzahlen und allerlei Tabletten. Als sie glaubt, ihre verschollene Großmutter wiedergefunden zu haben, reist sie nach Russland, wird währenddessen gekündigt, stellt daraufhin die Selbstmedikamentierung ein, träumt in der Folge erstmals wieder, trägt endlich auch mal „Jeans ohne Label“ und fühlt schließlich „etwas“, „das ich in dieser Form noch nicht oder schon sehr, sehr lange nicht mehr erlebt hatte. Glück, wenn ich ganz ehrlich bin“.

Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen kommt zwar um Franz Kafka und W. G. Sebald nicht herum: erschreckend unbeholfen wirkt aber, wie der Roman ein eigentliches, „echtes“ Leben propagiert und wie ostentativ er das ach so Uneigentliche zur Schau stellt. Eine Ich-Erzählerin, der die Worte fehlen, ist womöglich eine zu leichte Übung für eine solch gewichtige Geschichte.

Sympathie für den Ich-Erzähler

Das beinahe passgenaue Gegenteil stellt Jens Sparschuhs Roman Im Kasten dar. Da führt die Entlassung der Hauptfigur nicht in die private Idylle, sondern in den Wahnsinn. Auch hegt der Autor eine unverblümte Sympathie für seinen Ich-Erzähler – vermutlich als Einziger, denn Hannes Felix fällt dem Leser dank seines bürokratischen Übereifers und seiner rhetorischen Extra­runden nicht selten auf die Nerven, auch wenn er eine Reihe tatsächlich brillanter Wortwitze auf Lager hat. NOAH – ein Akronym für Neue Optimierte Auslagerungs- und Haushaltsordnungssysteme – heißt die Firma, in der Felix an seiner „Theorie über die Dinge und ihren Platz in der Welt“ feilt. Seine Visionen folgen zwar streng den Vorgaben, werden aber gerade deshalb immer kruder und immuner gegen Kritik. Da er eine Sprosse auf der Karriereleiter nach oben klettert, rückt die Monarchie in greifbare Nähe: Als Standort für den Palast der NOAH-IKEA-Republik scheint der Berliner Schlossplatz gerade gut genug zu sein – und Felix wird in einer Zwangsjacke abgeführt. „So unaussprechlich glücklich bin ich“, lautet sein Schlusswort.

Entfernt verwandt mit von Steinaeckers Renate Meißner ist der Ich-Erzähler von Sherko Fatahs Roman Ein weißes Land. Der Bagdader Schüler Anwar will nach oben, ganz gleich, was ihn das kostet; niemals würde er sich dem Aufstieg verweigern wie Anna Katharina Hahns Peter – im Gegenteil: Seine Freundschaft mit dem jungen Juden Ezra hindert ihn nicht daran, sich den Stadtbanditen anzuschließen, die einen Überfall auf Ezras Familie planen. Und sie hindert ihn nicht daran, mit dem erstarkenden Antisemitismus gemeinsame Sache zu machen. Anwar ist ein unbeschriebenes Blatt und bleibt dies auch; ein Blatt im Wind der Zeitläufte, die den ewigen Dienstboten mit sich reißen.

Anders als die zuvor genannten Romane, die alle nach der Jahrtausendwende spielen und je nur ein paar Wochen dauern, umspannt Fatahs Roman mehrere Dekaden des vergangenen 20. Jahrhunderts. Am Anfang steht eine Begegnung, die die Erinnerung in Gang setzt: Im Dienst der Nationalisten gelangte Anwar 1941 an der Seite von Mohammed Amin al-Husseini – damals der antisemitische Großmufti von Jerusalem – über Berlin auf die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs, die ihn schwer verletzt zurück nach Bagdad spien. Die Frage, die ihm am Ende auf der Zunge brennt, womöglich das Einzige, was ihn je wirklich interessiert hat, bleibt im Raum stehen: Ezra holt gerade Luft, um zu antworten, da setzt Sherko Fatah den finalen Punkt.

Zeichen und Verbindungen

Nun ist ein offenes Ende keine literarische Qualität an sich, aber gegen Hahn, von Steinaecker und Sparschuh, die es auf je ihre Weise ziemlich krachen lassen, stellt Fatahs entspannte epische Breite in jedem Fall das passende Antidot bereit. So sehr man auch wünschte, dass die Literatur sich in der Gegenwart verortete: Auf der Leipziger Nominierten-Liste lauern in der Vergangenheit die spannenderen, literarischeren Stoffe. Sparschuh mag von der Sprache sprechen, von Steinaecker das Verhältnis von Original und Kopie zum Zittern bringen und Fatah vom Erzählen erzählen – an Wolfgang Herrndorfs Sand kommt nicht vorbei, wer einen außerordentlichen Roman im Sinn hat (vgl. Freitag v. 1. 12. 2011). Umso erstaunlicher, dass die meisten Rezensenten beinahe warnend dessen Komplexität benannten. Aber natürlich! Gerade das macht gute Literatur doch aus: Sand handelt von den Zeichen und deren Verbindungen, von den Netzen, die die Buchstaben knüpfen und wieder lösen, von der Wüste, in der nicht nur die Dinge verloren gehen. Es ist der Sommer 1972, irgendwo in Nordafrika begeben sich ein paar zwielichtige Gestalten auf die Spur einer Mine. Bergwerk? Mine eines Bleistifts oder Kugelschreibers? Tretmine? Man weiß es nicht, denn die zentrale Figur hat ihr Gedächtnis verloren und rudert hilflos durch den Treibsand von Namen und Bedeutungen.

Wie Herrndorf am Anfang von Sand ganz buchstäblich die auktoriale Sonne aufgehen lässt, gleichsam nebenbei einen Ich-Erzähler ins Spiel bringt und schließlich über das Ende der Geschichte einfach hinaus erzählt, wäre allein schon bemerkenswert genug. Hinzu kommt allerdings eine hinreißende stilistische Eleganz, die prägnante Charakterskizzen und rhetorisch exakt tarierte Perspektiven ebenso mühelos zu beherrschen scheint wie die grauenvolle Brutalität und die groteske Komik.

Ginge es in Leipzig also darum, ein literarisches Werk als solches auszuzeichnen, dann müsste die Sache eigentlich klar sein: Von Arbeitswelten und Milieus wäre darin höchstens am Rande die Rede. Was immer das auch heißen mag für den oft zitierten Zustand der Gegenwartsliteratur.


Nachtrag am 15. März 2012: Inzwischen steht der Preisträger fest: Wolfgang Herrndorf ist für "Sand" ausgezeichnet worden



Am Schwarzen BergAnna Katharina Hahn Suhrkamp 2012, 238 S., 19,95

Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumenThomas von Steinaecker S. Fischer 2012, 390 S., 19,99

Im KastenJens Sparschuh Kiepenheuer Witsch 2012, 224 S., 18,99

Ein weißes LandSherko Fatah Luchterhand 2012, 478 S., 21,99

Sand Wolfgang Herrndorf Rowohlt Berlin 2011, 480 S., 19,95

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09:50 13.03.2012
Geschrieben von

Katrin Schuster

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