Interessiert euch!

Debatte Unter Feministinnen wird die Frage viel diskutiert, aber sie geht wirklich alle an: Wie lassen sich Rassismus und Sexismus zusammen bekämpfen?
Katrin Rönicke | Ausgabe 21/2016 10
Interessiert euch!
Gemeinsam sind wir stark
Foto: Katarina Premfors/Getty Images

Beginnen wir mit einer Definition: Sexismus ist die Abwertung und Schlechterbehandlung eines Menschen aufgrund seines Geschlechts. Rassismus ist die Abwertung und Schlechterbehandlung aufgrund der Herkunft, Hautfarbe oder – in der neueren Variante – aufgrund der Religion. Das Problem: Manche Menschen, vermutlich viele, schaffen es nicht, das eine zu bekämpfen, ohne in die Falle des anderen zu tappen.

So geschieht es derzeit deutschlandweit, wenn der Islam als ultimative Unterdrückerreligion der Frauen gebrandmarkt wird. Die Warnung vor einer „Islamisierung des Abendlandes“ ist ein rassistisches Phantasma. Es ist die Dämonisierung einer ganzen Religionsgemeinschaft entlang der eigenen Stereotype, mit der man zu legitimieren versucht, muslimischen Einwanderern und Geflüchteten ihre Menschenrechte zu versagen, ihre Grundrechte, ihre Freiheit.

Die Legende sogenannter besorgter Bürger geht wie folgt: „Die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln sind ein Beispiel für die Haltung muslimischer und arabischer Männer gegenüber Frauen – auch deutschen!“ Dies ist ein Tenor, der scheinbar gegen Sexismus gerichtet ist. Ja, es wurde sogar ein „Aufschrei“ gefordert, wie er 2013 von der Aktivistin Anne Wizorek initiiert wurde – ausgerechnet Birgit Kelle, die damals ein Buch mit dem Titel Dann mach doch die Bluse zu veröffentlichte, um den Aufschrei zu diskreditieren, schwang sich mit dieser Forderung zur Verteidigerin der weißen, deutschen Frauen gegen den angeblich sexistischen Islam auf. Auf die Thematisierung des Sexismus im eigenen Land auf verharmlosende Art zu reagieren und nur zum Kampf dagegen aufzurufen, wenn es Muslime betrifft – das ist rassistisch.

Dass die Debatte seit Januar inhaltlich nicht groß vorangekommen ist, zeigt auch ein gerade von Alice Schwarzer herausgegebenes Buch. In Der Schock recycelt die Emma-Herausgeberin vor allem bisher veröffentlichte Emma-Texte zum Thema – und prangert zu viel Toleranz gegenüber einem „Scharia-Islam“ an. Dass sie mit ihren Spekulationen über die Täter dabei selber antimuslimische Klischees bedient, scheint ihr keine kritische Reflexion wert zu sein.

Der 3D-Test

Nach den Ereignissen in Köln bildete sich schnell ein weitreichendes feministisches Netzwerk, das sowohl Schwarzers reflexhaften Pauschalisierungen widersprach als auch der Vereinnahmung der Aufschrei-Idee durch rassistische Motive. Der Name war schnell gefunden: „Ausnahmslos“. Man müsse Sexismus und Rassismus gleichermaßen bekämpfen, so der Tenor. Aber viele fragen sich seitdem: Wie? Es ist eine Debatte, die vor allem in der feministischen Szene geführt wird, deren Bedeutung aber weit darüber hinausreicht. Die buchstäblich alle etwas angeht.

Die britische Feministin Laurie Penny ist eine Ikone in Deutschland. Ihr Buch Unspeakable Things war hierzulande ein größerer Erfolg als in ihrer Heimat. Sie gilt als eine der Vorreiterinnen im Kampf gegen Sexismus. Und sie schreibt immer wieder Texte mit antisemitischen Versatzstücken. Ihre Einlassungen unter anderem in der britischen Wochenzeitung New Statesman betrachten den Konflikt zwischen Israel und Palästina auf eine Weise, die mit dem sogenannten 3D-Test für Antisemitismus, den der Politiker und Aktivist Natan Scharanski entworfen hat, abgeklopft werden können. Die drei Ds sind Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards. Penny dämonisiert die Angriffe der Israelis, indem sie immer wieder darauf verweist, diese töteten Kinder – und zwar so, als sei dies die Absicht israelischer Soldaten. Sie unterstützt außerdem „Boycott, Divestment and Sanctions“, eine internationale Kampagne gegen die Politik Israels, die zum Boykott israelischer Produkte aufruft. Penny legt Doppelstandards an, wenn sie nie auch nur in Ansätzen erwähnt, in welcher bedrohlichen Lage sich Israel befindet. Kurz: Man kann ihr in ihren Texten antisemitische Stellen nachweisen. Tappt sie also auch in die Falle?

Der 3D-Test bietet einen guten Ansatzpunkt für so manche Ismen und ist ein Lackmustest für die Antwort auf die Frage, wie man denn nun konkret gegen Sexismus und Rassismus gleichermaßen kämpft. Denn die drei Ds finden sich bei rassistischen Ideen – und zumindestens die Doppelstandards, aber auch Delegitimierung und Dämonisierung können entlang sexistischer Haltungen auftreten. Stereotype über Mann und Frau, also doppelte Standards für ihre wirtschaftlichen, politischen und sozialen Rollen in unserer Gesellschaft, sind der Dreh- und Angelpunkt westlicher Antisexismus-Arbeit. Sich gegen Rassismus und Sexismus zugleich einzusetzen setzt voraus, die eigenen Doppelstandards, die eigenen Ängste und Dämonen sowie die eigenen Delegitimierungsstrategien abzulegen, immer und konsequent.

Nur über den Sexismus der deutschen, weißen, mittelalten, heterosexuellen Männer reden zu wollen und sich die Ohren zuzuhalten, wenn die Sexismen der „Anderen“ angesprochen werden, ist ein Doppelstandard. Die muslimischen Männer gehören zu Deutschland. Punkt. Das heißt aber auch: Wenn sie dazugehören, müssen sie es sich genauso gefallen lassen, wenn ihre Sexismen diskutiert und kritisiert werden. Erst recht dann, wenn wir aufgrund der weltweiten Flüchtlingsbewegungen davon ausgehen, dass sie mehr werden. Es ist und bleibt richtig, sie mit offenen Armen zu empfangen – wie Teile der Gesellschaft das tun. Das ist ein konkretes Eintreten gegen Rassismus: ihnen ihre Menschenrechte zuzugestehen, auf die Genfer Flüchtlingskonvention zu verweisen – uns gegen die zu wehren, die mit ihrem antimuslimischen Narrativ dafür sorgen wollen, dass die Schotten dicht gemacht werden. Nur weil ein Mensch nicht in Europa geboren wurde, nur weil er eine andere Hautfarbe hat oder einem anderen Glauben angehört, verlieren seine grundlegenden Rechte als Mensch nicht an Gültigkeit. Diese Menschen sind gleichwürdig (ein Wort, das der Familientherapeut Jesper Juul geprägt hat – und das mehr bedeutet, als nur die gleichen Rechte zuzugestehen, sondern auch die gleiche Menschlichkeit unterstellt).

Gleichwürdigkeit bedeutet auch, uns für den anderen Glauben zu interessieren. Uns die vielen verschiedenen Geschichten erzählen zu lassen. Ein antirassistisches Handeln muss für den Dialog werben und sich selbst interessieren. Kulturrelativismus, wie er bei vielen Aktivistinnen und Aktivisten anzutreffen ist, bedeutet allzu oft: Desinteresse. „Ja, dann trägt sie halt ’ne Burka – ist ja freiwillig“, hört man dann. Nein, halt! Die afghanischstämmige Autorin Jeezal (Name geändert) schreibt: „Ich habe einmal eine Burka für ein paar Minuten getragen, und tatsächlich konnte ich mich kaum fortbewegen, da mein Gesichtsfeld enorm eingeschränkt war – ganz abgesehen von dem Gefühl, in einem Käfig zu sein und mich absichtlich hilfloser gemacht zu haben.“ Die Augen vor solchen Erfahrungen zu verschließen heißt gegen Rassismus kämpfen zu wollen und auf dem sexistischen Auge blind zu sein. Jeezal hat Frauen gefragt, warum sie Burka tragen: „Antworten: Tradition. Gewohnheit. Was man mir angetan hat, tue ich nun auch anderen an.“ Sie kann der Idee, man dürfe die Burka nicht kritisieren, weil man damit ein rassistisches Narrativ nähre, nichts abgewinnen. „Ich denke, damit macht man sich eher schuldig, nichts getan zu haben angesichts evidenter Unterdrückung und ihrer Folgen.“

Zugleich hat die Vorstellung, das Tragen eines Kopftuches symbolisiere die Unterdrückung der Frau im Islam, noch sehr viele Anhängerinnen und Anhänger. Ungeachtet der Motive, die muslimische Frauen für ihr Kopftuch anbringen, die sehr individuell sind, werden dabei alle über einen Kamm geschoren. Das Tuch dient als Symbol für einen Kampf gegen die vermeintliche Generalunterdrückung – das ist Dämonisierung. Mervy Kay, die den Blog primamuslima.de betreibt, erzählt im Gespräch, dass ihr Kopftuch sie für ihre Gesprächspartner auf angenehme Weise aus der festgeschriebenen (deutschen) Rolle als Frau herausholt. Sie sei dann ein „Kopftuchmensch“ und keine Frau – im Alltag oder in professionellen Meetings kann dies mitunter geradezu entlastend sein.

In Online-Foren von Konvertitinnen, die zum Islam übergetreten sind, ist als einer der häufigsten Gründe zu finden, dass sie damit der westlichen Sexualisierung und Objektivierung der Frau und ihres Körpers entrinnen konnten. Es ist eine Erleichterung für viele Frauen, aus der typisch westlichen Frauenrolle herauszukommen. Interessanterweise wollen gerade die vehementesten „Antisexisten“, die seit Köln besonders weit den Mund aufreißen, vom Verbot sexistischer Werbung, das Heiko Maas plant, nichts wissen. Sprich: Sie wollen nichts wissen, vom eigenen Sexismus und vom eigenen verqueren Frauenbild. Dieses überhaupt zu sehen ist aber unabdingbar, will man gegen Sexismus kämpfen, ohne dabei in Rassismus zu verfallen.

Die AfD ist ein wunderbares Beispiel für all die Mechanismen, die europaweit derzeit der Islamophobie Tür und Tor öffnen. In ihrem neuen Parteiprogramm schreibt die Partei, sie wolle Minarette und Muezzinrufe verbieten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Islamische Organisationen sollten außerdem keinen Körperschaftsstatus erhalten. Gleichzeitig warnt sie aber vor einem „falsch verstandenem Feminismus“. In den Kreisen der konservativen Rechten wird dieser gern als „Genderismus“ bekämpft. Man beharrt auf der traditionellen Familie aus Mann, Frau und Kindern. Björn Höcke nennt das Konzept des Gender Mainstreamings eine „Geisteskrankheit“.

Zum Besitzstandswahrertum gehört es nämlich auch, die alten Geschlechterrollen bewahren zu wollen und nicht anzuerkennen, dass diese durch und durch sexistisch sind. Was AfD-Kreise zum Thema Frau und Mann so von sich geben, offenbart, vorsichtig formuliert, dass auch die Sexualmoral mancher abendländischer Christinnen und Christen noch einiges Modernisierungspotenzial enthält. Und denken wir auch an Bischof Mixa und Konsorten.

#tuskuteesh

Doch die AfD ist nicht das Deutschland, ein Bischof Mixa nicht der Katholizismus. Und genauso wenig ist die Burka oder die Obsession mit dem Jungfernhäutchen in manchen arabischen Ländern der Islam. Es sind jeweils irregeleitete Sexismen und Dogmen, die Jahrhunderte alt sind. Auch in der arabischen Welt regen sich Stimmen und formieren sich Aktivistinnen, um endlich offen darüber zu sprechen. Sie schaffen im Netz eine Art Aufschrei, nur heißt er #tuskuteesh.

Und wer sind wir, ihnen das abzusprechen und nicht zuzuhören? Wer sind wir, aus einem falsch verstandenen Antirassismus heraus nicht für sie einzustehen? Wer wirklich gegen Sexismus und Rassismus zugleich eintritt, wirft die eigenen drei Ds über Bord und interessiert sich. Der hilft Geflüchteten genauso wie muslimischen Anwältinnen, die für real unterdrückte Frauen streiten. Der fordert, das Staatsversagen zu beenden, wie es in Köln durch die untätige Polizei offenbar wurde, genauso wie er hier lebende Muslime anspricht, wenn sie sich sexistisch äußern oder Frauen gegenüber herablassend oder gar gewalttätig auftreten. Denn ja, wir müssen beides gleichermaßen bekämpfen. Wir müssen es tun, um in diesem Deutschland, zu dem auch der Islam gehört, friedlich und frei miteinander leben zu können.

06:00 22.06.2016
Geschrieben von

Katrin Rönicke

ich bin... einfach so; ich bin nicht... so einfach
Schreiber 0 Leser 14
Katrin Rönicke

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 10

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community