Katrin Rönicke
31.10.2012 | 15:39 2

Versucht's nochmal

Bildungskolumne Wie beim letzten Mal angekündigt widmet sich unsere Kolumnistin dem Buch von Lena Gorelik. Und gibt ihr recht: Die deutsche Integrationspolitik ist grandios gescheitert

Versucht's nochmal

Will lieber akzeptiert als toleriert werden: Lena Gorelik

Foto: Markus Gruber

„Man hat mich – und wahrscheinlich noch viele andere – unseres Landes beraubt.“ Lena Gorelik ist eigentlich ein Mensch, den man als „naive Optimistin“ bezeichnen könnte.

In ihrem Buch „Sie können aber gut Deutsch!“ – Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf und Toleranz nicht weiterhilft wird eine Sicht auf Deutschland wiedergegeben, die vor allem das Potential sieht und die Möglichkeiten, wenn sie zu Beginn sagt: „Wir in Deutschland beherrschen von Haus aus einen Umgang mit Vielfalt, von dem viele lernen könnten. Vielfalt ist eine Stärke Deutschlands und gerade sie macht dieses Land schön.“ In diesem Buch gibt es aber ein ungeplantes Kapitel. Thilo Sarrazin hat, so Gorelik, in Deutschland eine Debatte ausgelöst, deren Tonfall sie ihrer Naivität beraubt habe – und damit ist sie sicherlich nicht alleine. Sie fühlte sich so wie sie war nicht mehr willkommen. Den Lena Gorelik ist ein Kind russischer Einwanderer und hat sich ihr Zuhause, Deutschland, mühsam zu ihrem Zuhause gemacht. Sie hatte die Menschen hier zu einem „Wir“ werden lassen. Und dabei eine „Entschämung“ geschafft, durch die sie ihr „russisches Ich“ akzeptieren und lieben gelernt hat. Denn als Kind hat sie sich dafür oft geschämt, hat ein „bemüht deutsches Ich“ entworfen und sich angepasst. Durch Sarrazin, so Gorelik, wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der nur noch dieses „bemüht deutsche Ich“ willkommen war. Es ist ein schmerzhafter Bruch, der durch das ungeplante Kapitel in ihrem Buch geschieht. Denn er zeigt, wie zerstörerisch die Debatte um Sarrazin wirklich war.

Null Toleranz

In den ersten Kapiteln erzählt Gorelik ihre eigene Geschichte und koppelt sie zurück an allgemeine Phänomene. Sie kam mit elf Jahren nach Deutschland und lebte mit ihren Eltern zunächst in einem Asylbewerberheim in Schwaben. Sie kam in die Schule und sprach die Sprache nicht. Die Kinder und ihr erster Lehrer reagierten stereotyp, tolerierten sie aber. Diese Toleranz problematisiert Lena Gorelik scharfsinnig und greift die Forderung der Lesben- und Schwulenbewegung nach Akzeptanz auf. In ihr ist ein tiefer Wunsch nach dem Ende dieser Toleranz, die immer bedeutete, untergeordnet zu leben, die sich darin äußerte, dass ihr ihre eigenen Eltern und ihr Zuhause peinlich waren, dass sie sich schämte für die russische Küche, die russische Sprache und ihre mitgebrachte Kleidung oder Schulhefte. Sie setzte stattdessen alles daran, so zu werden, wie die Kinder in ihrer Klasse, daran, akzeptiert zu werden – was ihr als „die Gorelik aus Russland“ nicht gelang. „Bis ich nicht mehr wusste, wer oder was ich war, wo ich hingehörte, wer zu mir gehörte und überhaupt.“ Doch sie lernte.

Es ist ein Lernprozess, aus dem sie viel Kraft zieht und in dem sich sehr viele sehr klare Werte gebildet haben: Angst zerstört – Vertrauen schafft. So könnte eine Quintessenz lauten. Denn Angst hatte auch sie genügend, ihre Kindheitserfahrungen haben diese eingeprägt: Es ist eine Angst vor Toleranz, eine Angst, nicht akzeptiert zu werden. Dabei bemerkt sie, dass die Toleranz in ihrem Leben längst nicht mehr so präsent ist, wie in ihrer Kindheit – sie antizipiert sie oftmals nur. 

Auch die Konsument_innen der deutschen Medien, so Gorelik, müssten einmal massiv an ihren Ängsten arbeiten. Denn die werden durch eine überzeichnete und dramatisierte Scheinrealität, welche in den Medien geschaffen wird, immer nur geschürt. 30 Prozent der Berichte über Migrant_innen, handeln von Kriminalität; weitere 25 Prozent handeln von Terrorismus. Das schürt Ängste. Vor „Überfremdung“; vor Gewalt; vor „Sozialschmarotzern“ – ja, gar vor einer „Einführung der Scharia in Deutschland“. Die Medien missachten ihre klare Verantwortung, kritisiert Lena Gorelik. Getreu dem Motto „Bad News is Good News“ würden Randphänomene zu Allgemeinheiten aufgebaut. Wie fänden Sie es denn, wenn die Medien immer berichteten, dass alle Deutschen Nazis wären, fragt sie. 

Angst als Zustand

Kommt mal klar, liebe Medien und liebe Zuschauer_innen. Denn es wird ein komplett irres und gefährliches Bild der Realität gemacht, das keiner realen Gegebenheit entspricht. „Worst Case: Muslime“ stichelt sie lapidar, und legt den Finger noch ein bisschen tiefer in die Wunde. Scharfsinnig ermittelt sie die Mechanismen einer sich immer weiter ausbreitenden Islamophobie. Begriffe wie „islamisch“, „muslimisch“ und „islamistisch“ würden völlig unreflektiert in einen Topf geworfen. Da gilt eine Frau mit Kopftuch als Ausdruck für Unterdrückung. Es werde kaum mehr differenziert zwischen den fanatischen Anhängern und den friedlichen (für Medien wohl leider zu langweiligen) Anhänger_innen einer Religion. In Deutschland sind alle Christen und wie die drauf sind, sieht man ja an der Piusbruderschaft. Oder so? Angst – immer wieder Angst – die medial, politisch und publizistisch geschürt wird und die zu immer mehr Hass führt. „Diese Angst und dieser Hass sind nicht nur salonfähig geworden, sondern als Zustand akzeptiert worden.“

Gefühlvoll, stark, gnadenlos, hoffnungsvoll, resigniert, optimistisch – Lena Goreliks Buch ist all das, von der ersten bis zur 240. Seite. Das alles und noch viel mehr. Hans Joas beschreibt Werte lapidar als „emotional besetzte Vorstellungen vom Guten“ – das Buch ist voll davon und das ist heute leider selten geworden. Sie verharrt nicht auf der entlarvenden Analyse – die sie treffsicher und wachrüttelnd zu liefern bravourös beherrscht. So stellt sie lakonisch fest: Die deutsche Integrationspolitik sei mitnichten gescheitert. Nein, denn etwas nicht-existentes könne schließlich nicht scheitern. Ein vernichtendes aber absolut berichtigtes Urteil. Sie nimmt die Verantwortlichen in die Pflicht: Wahlrecht, Bildungspolitik, Sozialpolitik, Innenpolitik und nicht zuletzt – die Integrationsbeauftragte. Es gebe einen Integrationspolitikplan, der beinhalte die geplante Erstellung eines Aktionsplanes, und in diesem Verfahren müssten auch Maßnahmen gefunden werden. Ja nee – is klar! Einen Integrationsindikatorenbericht habe man auch in Auftrag gegeben – Ergebnisse von über fünf Jahren „Integrationspolitik“. Ich muss an Loriot denken. „Nichts weiter als Staffage“ – Gorelik findet treffende Worte für diese Begriffsbildungen. Das beweise „dass die Politik und insbesondere die Regierung nicht genau wissen, wie sie mit dem Thema umgehen sollen.“

Sie werden es nicht lesen

Wenn man das Buch am Ende zuklappt und das Gelesene zu verdauen beginnt, bleibt das Gefühl, dass Lena Gorelik lieber das Deutschland hätte, dessen Potentiale sie sieht. Doch diese bleiben systematisch ungenutzt. Im Wege stehen, so mein Eindruck, tatsächlich die geschürten Ängste und weniger die „harte Realität“. Und es bleibt der Eindruck, dass Deutschland ziemlich doll auf dieser Toleranz-Idee hängen geblieben ist. Deswegen sprechen wir auch nach wie vor von Integration – statt von Inklusion. Wir haben nicht verstanden, dass Akzeptanz uns bereichert und wir haben auch nicht verstanden, wie sie zu leben ist. Gorelik weiß es und es ist mein einziger Kritikpunkt an ihrem wunderbaren Buch: Sie schreibt es auf 240 Seiten auf, von denen man nicht erwarten können wird, dass die Urheber_innen der Integrationspolitikstaffage sich die Mühe machen werden, diese Seiten von vorne bis hinten aufmerksam zu lesen. Dann wüssten sie, wie man das mit der Akzeptanz lebt: „Interesse nicht nur zeigen, sondern haben. Es geht so einfach, man muss nur die eine oder andere Frage stellen.“ Und zuhören. 

Kommentare (2)

Costa Esmeralda 31.10.2012 | 17:47

Liebe Katrin, Dank für die Rezension von Lena Goreliks Buch. Du hast es mühelos geschafft, mir das Buch schmackhaft zu machen.

Ich selbst habe mich berufshalber seit mehr als 35 Jahren mit dem Thema des Zusammenlebens verschiedener Kulturen befasst, und da im Wesentlichen in der Praxis. Davon seit Beginn der 90er Jahre mit dem Problem der Nationenbildung bei Existenz von "Mehrheits- und Minderheitskulturen", dem Problem der multikulturellen, multiethnischen und multinationalen Staaten, der "Inklusion" von indigenen und Afrika-abstämmigen Völkern. Dabei gibt es prinzipiell zwei Lösungsansätze: den US-"melting pot", bei dem in der zweiten und dritten Generation die "Minderheitskultur" in der "Hamburger- und Coca Cola-Suppe" verschwindet (das wäre wohl so etwas wie die versuchte deutsche Integrationspolitik) oder der Ansatz der nebeneinander existierenden und gegenseitig respektierten Kulturen bei Anerkennung der von der "Mehrheitskultur" gesetzten Regeln des Zusammenlebens (in unserem Fall Verfassung und universale Menschenrechte).

Innerhalb der UN wird dieser zweite Ansatz favorisiert, da das Anderssein ein elementares Menschenrecht ist und die kulturelle Diversität auch für das Überleben der Menschheit wichtig ist wie die biologische Diversität.

Unsere in Deutschland betriebene offizielle Integrationspolitik muss scheitern, weil sie Aufgabe der Identität des "Anderen" impliziert, wenn auch unausgesprochen, und die "Mehrheitskultur" sich nicht die Mühe macht, das Anderssein als einen unabhängigen und pflegenswerten Wert anzuerkennen. Diese Politik fordert Widerspruch beim Anderen heraus und führt zu Xenophobie bei der Mehrheitskultur.

Wir müssten bei den eigenen Landsleuten für das Menschenrecht auf "Anderssein" werben und Kinder und Jugendliche zur Neugierde auf kulturelle Diversität anregen und andererseits bei den Anderen auf die Respektierung der von der Mehrheit beschlossenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ethischen Handelns pochen. Nur so kommen wir den von der Aufklärung erklärten Zielen der Brüderlichkeit, Toleranz und Humanismus näher, die allen Menschen in Deutschland die Luft und die Lust zum Atmen und zum Leben verschafft.

Ich selbst habe durch den Roman "Abschied von Bissau" versucht, mich diesem Thema anzunähern, in dem ich das Zueinanderkommen der scheinbar am stärksten widersprechenden Kulturen/Rassen beschrieben habe, nämlich die Verständigung von Schwarz und Weiss.

Sünnerklaas 01.11.2012 | 07:51

Auf dem Thema "Integration" lässt sich gut Wahlkampf machen. Das wusste schon Roland Koch - und hat sich 2008 damit kräftig blamiert. Die FAZ schrieb am 05.01.2008:

(...)

Inzwischen wird Koch wegen seines harten Kurses im Bereich Jugendkriminalität auch von der hessischen FDP kritisiert. Der Landesvorsitzende Jörg-Uwe Hahn warf dem Ministerpräsidenten in der „Wetzlarer Neuen Zeitung“ vor, er habe das bereits 1999 angekündigte geschlossene Jugendheim für Hessen bis heute nicht gebaut. Koch müsse sich fragen lassen, „warum in seiner neunjährigen Amtszeit nicht alles Notwendige in Hessen gemacht wurde“. Die FDP kritisierte auch, dass die hessische Jugendarrestanstalt in Gelnhausen ungenügend ausgestattet sei. Da oftmals keine freien Plätze zur Verfügung stünden müsse vielfach auf Jugendarrest verzichtet werden. (Quelle: FAZ).

Koch hat damals öffentlich demonstriert, wie Populismus und Stimmungsmache als politisches Instrument benutzt werden können:

Integrationspolitik ist ein dankbares Thema - es macht Stimmung, es schärft das Profil. Nach einer Wahl wird das Thema dann schnellstmöglich in die politische Mottenkiste gelegt. Dort liegen sie dann fein säuberlich - und können bei Bedarf jederzeit wieder hervorgeholt werden, wenn man mal wieder Aufmerksamkeit braucht. In der Zwischenzeit wird dann nicht nur nichts gemacht, sondern es werden jegliche Problemlösungsansätze im Keim erstickt. Dividas et impera in Reinkultur.