Kersten Artus
Ausgabe 0317 | 23.01.2017 | 06:00 11

Chancengleichheit 4.0

Zukunft Bei der Debatte über die Digitalisierung der Arbeit wird allzu oft der Genderaspekt vergessen

Sobald denkfähige Computer alle möglichen Tätigkeiten übernommen und Maschinen die menschliche Schaffenskraft sogar in kreativen Branchen ersetzt haben, könnte die Welt, wie wir sie kennen, tatsächlich verschwinden. Wir werden dann mit ansehen, wie künstliche Intelligenz Arbeitsplätze für Millionen Menschen vernichtet.

Oft kreisen Studien, Analysen und Spekulationen um den Begriff Arbeit 4.0 oder Industrie 4.0 – als eine Revolution, die bereits im Gange ist. Einige Szenarien sind aus dem Kino bekannt: In Hollywood-Produktionen wie I Robot verrichten „NS-5“-Konstruktionen Dienste im Haushalt, und in Surrogates arbeiten, leben und lieben Klon-Apparate für ihre zu Hause bleibenden Originale das Leben außerhalb der Wohnung. Man mag über solche Visionen den Kopf schütteln, sollte aber bedenken: Die Star-Trek-Crew arbeitete schon in den 80er Jahren mit Tablets, da wurden Zeitungstexte ansonsten noch auf Schreibmaschinen getippt.

Ein gestaltbarer Prozess

Also: Wie sieht die Arbeit in der nahen Zukunft wirklich aus? Eine Studie, die die ING-Diba-Bank vor Kurzem in Auftrag gegeben hat, geht davon aus, dass in den nächsten Jahrzehnten 18 Millionen Beschäftigte allein in Deutschland durch Computer ersetzt werden. Diese Zahl macht annähernd klar, dass die Digitalisierung fast jeden in seiner Arbeitsbiografie betreffen wird. Doch vor unbegründeter Panikmache muss auch gewarnt werden.

Vielleicht ist es auch nur eine Frage, wem man zuhört. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für die Hans-Böckler-Stiftung im vergangenen Jahr einen einschlägigen Report verfasst haben, schlussfolgern nüchterner: „Es gibt keinen technologischen Determinismus, der bestimmte Arbeits- und Beschäftigungsformen vorgibt.“ Und: „Die Digitalisierung ist auch ein gesellschaftlicher Prozess, der an bestehende Institutionen, Verhältnisse sowie Normen und Werte anknüpft. Dieser kann mitgestaltet werden.“

Schließlich werden seit über 50 Jahren Computer in Produktion und Verwaltung eingesetzt – und die Beschäftigungsquote in der Bundesrepublik Deutschland ist zurzeit trotzdem so hoch wie seit Langem nicht mehr. Zur Wahrheit gehört hier aber auch dazu, dass diese Quote der Verdoppelung der Leiharbeit innerhalb von zehn Jahren zu verdanken ist sowie dem Anstieg an erwerbstätigen Frauen, die überwiegend in Teilzeit beschäftigt sind. Der Anteil an Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen wuchs von 2005 bis 2015 um das Doppelte. Daher bricht bei der Hans-Böckler-Stiftung auch niemand in Jubel aus: „Gut ein Drittel aller Beschäftigten ist heute in atypischen, also von der unbefristeten Vollzeit mit geregelten Arbeitszeiten abweichenden Arbeitsverhältnissen tätig.“

Dennoch, so die Autorinnen und Autoren des Reports, würden die zu erwartenden Beschäftigungseffekte der Digitalisierung durch weitere Aspekte relativiert: rechtliche Rahmenbedingungen etwa, gesellschaftliche Akzeptanz und die „einzelbetriebliche Wirtschaftlichkeit“ der Automatisierung. „Experten neigen zudem dazu, die technischen Möglichkeiten zu überschätzen. Die Diskussionen und Entwicklungen um die Digitalisierung sind interessengeleitet.“

Wer sich mit der digitalisierten Arbeitswelt befasst, stellt sich oft den Arbeiter in der Autofabrik vor, der bald überflüssig wird. Tatsache ist aber: Ganz oben auf dem Ranking der gefährdeten Berufe stehen vor allem Jobs in Büros und Sekretariaten, Verkauf, Gastronomie. Also Branchen, in denen meist überwiegend Frauen tätig sind. Und da Gleichberechtigung und Emanzipation maßgeblich von der ökonomischen Unabhängigkeit eines Menschen abhängen, ist es deshalb für die Zukunft von Frauen und ihrer Gleichstellung entscheidend, den Blick auf Arbeit 4.0 um eine Geschlechterperspektive zu erweitern. Vorstellungen von selbstfahrenden Autos und Roboterarmen in den Fabriken müssen dringend um diesen Themenbereich erweitert werden.

Fakt ist: Weder wird die Arbeit abgeschafft, noch wird es weniger davon geben, schon deswegen, weil heute schon massenhaft unentgeltlich gearbeitet wird – vor allem in Haushalt, Erziehung und Pflege, also bei der sogenannten Care-Arbeit. Aber weil das der Gesellschaft immer noch nicht genug wert ist, taucht diese in ökonomischen Statistiken oft nicht oder nur am Rande auf. Auch weil Menschen zu viel und zu lange arbeiten, wird verkannt, wie viel gesellschaftlich notwendige Arbeit es wirklich gibt und künftig geben wird.

Eine Analyse der Boston Consulting Group zeigt außerdem: Auch bei Banken, Energieversorgern, Telekommunikationsanbietern und Versicherern stehen Umbrüche aufgrund der Digitalisierung bevor. Callcenter verlören beispielsweise bald an Bedeutung, der virtuelle Agent wird den telefonierenden Menschen ersetzen.

Nun wird im Zuge der Digitalisierungsdebatte eine scheinbar attraktive Lösung der voraussehbaren sozialen Probleme immer wieder genannt: das bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Aber Kritiker wie der Armutsforscher Christoph Butterwegge, der zurzeit Kandidat der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten ist, warnen davor, mit dem Versprechen, jedem eine bestimmte Summe auszuzahlen, einer Illusion aufzusitzen. Butterwegge findet das BGE schlichtweg ungerecht, wie er im Freitag (22/16) schrieb. Das BGE avanciere „zur Herrschaftsideologie der Internet-Bourgeoisie und zur Sozialphilosophie des Digitalprekariats“. Die Eigentumsverhältnisse bestünden dabei aber fort, die soziale Ungerechtigkeit bliebe erhalten, betont er.

Wer Verteilungsgerechtigkeit anstrebe, dürfe daher nicht auf das BGE setzen: „Ein Kommunismus im Kapitalismus ist nicht möglich“, sagte Butterwegge in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur kürzlich. Er schlägt angesichts des Wandels vor: „Wenn intelligente Maschinen, Roboter und Automaten wirklich zur Grundlage der gesellschaftlichen Reichtumsproduktion werden, stellt sich die Frage nach dem Eigentum und der Verfügung über diese Maschinen. Verliert die menschliche Arbeit tatsächlich ihre Bedeutung für die Wertschöpfung, bedarf es einer Alternative zum Kapitalismus.“

Utopien sind notwendig

Bei der BGE-Diskussion zu Arbeit 4.0 gerät zudem allzu oft in Vergessenheit: Den bundesdeutschen Sozialstaat gibt es nicht, weil sich verantwortungsbewusste Menschen hingesetzt und ihn sich ausgedacht haben. Alle Leistungen, die heute Menschen je nach Bedürftigkeit zugutekommen, sind das Ergebnis von politischen Mehrheiten und von meist gewerkschaftlichen Errungenschaften: Bismarck führte Kranken- und Sozialversicherungen auch deshalb ab 1883 ein, um gewerkschaftlichen Standards die Grundlage zu entziehen.

Und man darf in der BGE-Diskussion auch den Genderaspekt nicht vernachlässigen: Für Frauen ist es genauso wichtig wie für Männer, eigenes Geld durch eigene Arbeit zu verdienen, anstatt durch ein BGE an der wirtschaftlichen Eigenständigkeit gehindert zu werden. Indizien für diesen Zusammenhang liefert eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo. Sie untersucht die „wirtschaftliche Stabilität und soziale Teilhabe von Familien“ durch das Kindergeld, das in geringem Umfang ein bedingungsloses Grundeinkommen für Eltern ist. Das Ergebnis: Kindergeld reduziert die Vollzeiterwerbstätigkeit von Frauen.

Utopien sind natürlich notwendig, Visionen über die zukünftige Arbeitswelt ebenso. Zur Debattenkultur gehört aber auch, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, wie soziale Rechte und gute Arbeitsbedingungen einst durchgesetzt wurden. Und wie sie künftig zu erreichen sind.

Chancen für Frauen bei der Digitalisierung sieht der Report der Hans-Böckler-Stiftung vor allem, wenn flexibles Arbeiten und Home-Office zu abgesicherten, geschützten Normalarbeitsverhältnissen würden. Die Präsenzkultur in Betrieben aufzubrechen, könne zu einer neuen partnerschaftlichen Arbeitsteilung beitragen. Außerdem müssten Schutznormen aus dem Arbeitszeit- und Arbeitsschutzgesetz wieder in Kraft gesetzt und das Betriebsverfassungsgesetz als leitbildprägende Schutzfunktion ausgebaut werden. Vorschläge, für die es sich nicht nur für Frauen lohnen würde, zu streiten.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 03/17.

Kommentare (11)

Gunnar Jeschke 23.01.2017 | 22:20

Für Frauen ist es genauso wichtig wie für Männer, eigenes Geld durch eigene Arbeit zu verdienen, anstatt durch ein BGE an der wirtschaftlichen Eigenständigkeit gehindert zu werden.

Das ist verqueres, auf den Kopf gestelltes Denken. Weil Frauen im Durchschnitt dazu neigen, nicht Vollzeit zu arbeiten, wenn auch so genug Geld da ist, muss man ihnen dieses Geld und die Wahlmöglichkeit also vorenthalten. Denn wichtig ist nicht, dass Frauen selbstbestimmt leben können, sondern dass sie den Quotenvorstellungen der Genderbewegten entsprechen.

Irgendetwas haben Sie hier nicht verstanden, Frau Artus. Kindergeld oder ein bedingungsloses Grundeinkommen hindern Frauen nicht, Vollzeit zu arbeiten, wenn sie das wollen.

Roesike Axel 24.01.2017 | 05:06

»Und man darf in der BGE-Diskussion auch den Genderaspekt nicht vernachlässigen: Für Frauen ist es genauso wichtig wie für Männer, eigenes Geld durch eigene Arbeit zu verdienen, anstatt durch ein BGE an der wirtschaftlichen Eigenständigkeit gehindert zu werden.«

Ein Grundpfeiler und ein Grundmissverständnis scheinen doch in der Debatte der Identität zu liegen. Die philosophische, soziologische und psychologische Dimension einer sozialen Bedingungslosigkeit der Existenz wird oft gerne vermieden, und in ökonomische und rechtliche Detailfragen übersetzt.

Warum sollte man die unhinterfragte These von der Identität des Menschen durch Arbeit ständig wiederholen, wo doch selbst jetzt schon viele Fakten nicht dafürsprechen, dass Arbeit (im Sinne von Lohnabhängigkeit) die wesentliche Voraussetzung für die menschliche Selbstbestimmung und Sozialität ist. Auch bedeutet mehr gesicherte (also nicht existentiell bedrohte) Existenz nicht den Wegfall von Arbeit und Tätigkeit. Die Ökonomisierung bisher nicht erreichter Dienstleistungsfelder ist doch nur bemüht, den ohnehin vonstattengehenden sozialen Fortschritt zu verschleiern und in Formen gegenseitiger Ausbeutung und Konkurrenz neu zu übersetzen.

Es handelt sich im Gegenteil schlicht um eine rhetorische, ideologische Phrase. Das derzeitige Integrationsprogramm ist das grausame Ergebnis einer Politik, die nicht verstehen will, dass gesellschaftliches Leben bei der Freiheit anfängt, nicht dort aufhört. An dieser Stelle die Konkurrenz der Geschlechter erneut einzubinden, zeigt, dass das Wesen einer befreiten (und sich selbst befreienden) Menschheit (Gesellschaft) nicht gedacht wird, sondern die freiheits- und gleichheitsverhindernden Impulse bis zur Arbeitsideologie fortgesponnen werden.

pleifel 24.01.2017 | 12:35

"Die Ökonomisierung bisher nicht erreichter Dienstleistungsfelder ist doch nur bemüht, den ohnehin vonstattengehenden sozialen Fortschritt zu verschleiern und in Formen gegenseitiger Ausbeutung und Konkurrenz neu zu übersetzen."

Den Satz würde ich jetzt so verstehen: Die Ökonomisierung bisher nicht erreichter Dienstleistungsfelder ist doch nur bemüht, den ohnehin vonstattengehenden sozialen Fortschritt Abbau zu verschleiern und in neuen Formen gegenseitiger Ausbeutung und Konkurrenz neu zu übersetzen.

Lethe 24.01.2017 | 13:05

Eigentlich ist es doch einfach: Jeder Mensch, der durch eine AI oder einen Roboter ersetzt wird, erhält genau das Gehalt, das er immer bekommt. Zum Zeitpunkt der Umstellung Arbeitslose werden einer AI oder einem Roboter zugewiesen, und deren Arbeit wird ihm angerechnet, zu den gleichen Konditionen, die auch ein Mensch an der Stelle erhielte. Der Nutzen für den Arbeitgeber besteht immer noch, weil AIs rund um die Uhr und am Wochenende arbeiten können.

Man muss das politisch nur wollen und durchsetzen.

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Ehemaliger Nutzer 25.01.2017 | 01:35

Fällt eigentlich jemandem auf, dass die technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte darauf aufbaut, dass Fehler zu einem gewissen Prozentsatz mit einkalkuliert werden? Das hat Performance- und vor allem Kostengründe... Betrachtet man nun noch die Arbeitsweise selbstlernender Software, so wird schnell klar, dass unser Leben und Überleben, sollte es auf aktueller Basis automatisiert werden, reine Glückssache ist. Von vollständig automatisierten Produktionsprozessen, gleich welcher Art, sind wir sehr, sehr weit entfernt. Als Zukunftsmodell ist das nur denkbar, wenn wir uns von der Kosteneffizienz verabschieden. Damit hat eine automatisierte Welt dieselben Zukunftschancen wie eine rein manuelle... Nur wird die Dummheit des Menschen durch die Dummheit der Maschine ersetzt. Da hilft auch kein Quantencomputer, denn der würde die Dummheit nur besonders schnell multiplizieren, aber nicht beseitigen.

Ein kleiner Blick in aktuelle Software reicht aus, das zu erkennen... Buggy, buggy, buggy... Überall dumme Kakerlaken... Weil es billig ist...

Der feuchte Traum neoliberaler Unternehmer, jeden atmenden, fressenden, tanzenden, feiernden Proletarier durch Roboter zu ersetzen, um maximalen Profit zu erzielen, der geht in die Hose und bleibt als unappetitliche Kruste für die Abteilung Revision dort kleben... Bah, die Arbeit mag ich nicht machen...

Roesike Axel 25.01.2017 | 08:08

weil am Ende »neu zu übersetzen« steht? Man kann sicher auch alte Formen neu übersetzen, und neue Formen wiederum. Dann multipliziert sich das Problem, oder es entsteht ein Feld von möglichen Übersetzungen, je in Abhängigkeit unterschiedlicher Formen. Bei der Übertragung ist es ja nicht klar, im einen Kontext mag es eine alte Form sein, im anderen eine neue, selbst wenn eben bekannt.

Roesike Axel 25.01.2017 | 08:27

Die Konzepte Industrie und Robotik bspw. wieder nur durch das Wort / Konzept Arbeit kompensieren zu wollen, zeigt doch ein recht urtümliches Nicht-Verstehen der Vorgänge.

Seit den 70er Jahren maschinenstürmerische Thesen zum Erhalt von Lohnarbeit entwickeln, zeigt, dass eine gewisse theoretische Entwicklung sich seit geraumer Zeit nicht im Einklang mit den gesellschaftlichen Möglichkeiten befindet.

Die enorme Verdrängung menschlicher Arbeitskraft, man denke bspw. an Bergbau und Landwirtschaft, durch Maschinen wurde doch seit jeher nur völlig ungenügend durch die Ausweitung des Sektors Dienstleistung aufgefangen. Wir haben das Bürokratie-Problem, und andere.

Man darf doch einmal ehrlich frage: kann es Sinn der Entwicklung und gesellschaftlichen Orientierung sein,

a) jeder Tätigkeit diverse überwachende zur Seite zu Stellen, um Arbeit herzustellen,

b) überhaupt jede Tätigkeit irgendwie zu monetarisieren, und sie

c) auch wirklich (nur) dadurch zu bedingen?

Es bleiben noch andere Fragen.

Abbau würde ja an sich dazu herausfordern, die Fortschrittsfrage aufzuwerfen, überhaupt zu stellen. Prekär ist allerdings, das Sinn-Angebot gesetzlich vorgeben zu wollen. Aus dieser Tatsache führt auch nicht das wohlmeinende Emanzipationsprogramm hinaus. Aber es reichte ein paar Jahrzehnte zum Augentrug.