„Mein Vater stand mir immer zu weit links“

Klassentreffen Dorothee Bär von der CSU spricht mit einem ehemaligen Mitschüler, der für den "Freitag" arbeitet, über eine Frauenquote für ihre Partei und Die Toten Hosen

Der Freitag: Dorothee, wir waren gemeinsam in der Schule. Heute vertrete ich eine linke Wochenzeitung. Du bist die stellvertretende Generalsekretärin der CSU. Und ich habe dich gewählt.

Dorothee Bär:

Ah, ich bin überrascht! Mit der Erststimme, oder wie?

Nein, nur bei der Klassensprecherwahl in der achten Klasse.

Ach so. Schade, aber immmerhin.

Wir teilen einiges: Geburtsort und -jahr, katholische Eltern­häuser, und wir hatten gemein­same Freunde. Aber ich würde gerne darüber sprechen, wie unterschiedlich einen das prägen kann.

Gerne!

Was brachte dich als 14-Jährige dazu, einen Ortsverband der Jungen Union zu gründen?

Wir wollten ganz konkret auf lokaler Ebene etwas tun: Für die Kinder – mit neuen Geräten am Spielplatz; für den Umweltschutz – mit Bachsäuberungen am Ebelsbach; gegen Drogen – mit einer Ausstellung am Gymnasium.

Warum ging das nicht bei den ­Jusos oder der Schülermitverantwortung? Warum Junge Union?

Das hat mit einer sehr persönlichen Erfahrung zu tun. In der achten oder neunten Klasse ging es im Religionsunterricht um Abtreibung. Mich hat dieses Thema sehr bewegt. Und geprägt vom Engagement für den Schutz des ungeborenen Lebens kam für mich keine andere Partei infrage als die CSU.

Dein Vater war CSU-Bürgermeister in deiner Gemeinde. Hattest du nie das Bedürfnis, dich von deinen Eltern abzugrenzen?

Ich habe mit meinen Eltern jedenfalls über vieles diskutiert. Mein Vater stand mir in der CSU immer zu weit links, immer! Und mit meiner Mutter hab’ ich, als ich so 14 oder 15 war, immer über Frauenpolitik debattiert. Ich dachte: Wir leben doch in den Neunzigern! Jetzt bin ich selbst frauenpolitische Sprecherin und sehe, dass es auch 2010 noch gravierende Unterschiede gibt, etwa was die Bezahlung oder was Aufstiegschancen betrifft.

Wir haben nur 18 Prozent weibliche Mitglieder, nur 13 Prozent weibliche Abgeordnete im Bundestag und nur 20 Prozent im Landtag. Das bleibt deutlich hinter dem Frauenanteil an der Bevölkerung zurück. Wenn man sieht, was sich die Frauen-Union 1980 vorgenommen hat, bleibt vieles davon heute noch aktuell. Und deswegen sind sich in der CSU die meisten einig, dass es mit freiwilligen Selbst­verpflichtungen nicht getan ist.

Wirklich einig ist sich die Partei da ja nicht. Aus der JU kommen die „Jungen Frauen gegen Quote“, und gerade an der Basis gibt es auch viel Widerspruch. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat das Stimmungsbild mit dem Satz „Jetzt reicht’s aber mit den Weibern“ zusammengefasst. Warum hat dich diese geschlossene Männerwelt nicht abgeschreckt, in die CSU einzutreten?

Ich wollte von innen raus etwas bewegen. Natürlich muss man auch immer um gemeinsame Positionen ringen, aber ich hatte nie das Gefühl, in der falschen Partei zu sein. Mit 15 entschied ich mich mit Oli ...

... sogar, gleich in die CSU einzutreten. Wir sagten, JU, das ist gut, aber wir wollen eigentlich gleich in die richtige Partei, die Mutterpartei. Dann sind wir mit 16 eingetreten.

Oli war der Klassenrebell. Mit dem war ich gelegentlich auf Punkkonzerten.

Ja, ich war auch auf Punkkonzerten. Ich gehöre zu denen, die keinen Widerspruch darin sehen, Tote Hosen und Die Ärzte gut zu finden. Ich mochte die Musik.

Mich interessiert eher das Miteinander von Punk und CSU.

Ich fand Campino von den Toten Hosen immer toll. Außerdem weißt du ja, dass ich großer Farmer’s Enemy-Fan war.

Eine der wichtigsten Bands, die nie über den Kreis Haßberge hinaus bekannt wurde.

Ich fand die Band gut, auch wenn ich nicht glaube, dass die alle CSU wählen. Mir kam das jedenfalls nie wie ein Riesenwiderspruch vor, auf ein Rockkonzert zu gehen und am nächsten Abend auf eine Veranstaltung der Jungen Union. Ich kann mit so konstruierten Gegensätzen nichts anfangen. Einmal war ich auf einem Konzert in München, bei dem eine Schauspielerin quasi gegen die CSU gehetzt hat. Ich bin trotzdem auf dem Konzert geblieben. Und hinterher haben wir lange darüber diskutiert, ob man das als Künstler immer so vermischen muss.

Kunst muss halt nicht zwangs­läufig unpolitisch sein, oder?

Ja, pff (lacht).

Wenn man spürt, die machen sich hier über mein Weltbild lustig, war das gerade als Teenager schwierig?

Es war nicht einfach, aber ich bin hart im Nehmen. Vor einigen Tagen habe ich Uschi Glas getroffen, die ich immer dafür bewundert habe, dass sie sich zur CSU bekennt – in ihrem Job ist das ja nicht alltäglich. Und da sagte sie mir, 1968 sei es für sie die totale Rebellion gewesen, in der CSU zu sein. Das war wohl auch eine Trotzreaktion. Vielleicht war das bei mir ähnlich. Nicht, dass ich aus Trotz zur CSU gegangen bin, aber vielleicht bin ich aus Trotz zu diesen Konzerten gegangen. Andererseits: Ich wollte einfach nur die Musik hören. Campino hätte alles sagen können. Wir fanden als Jugendliche diese Typen halt irgendwie cool.

Ich war ein Jahr in Chicago, und als ich dann an eine andere deutsche Schule zurückkam, waren da ganz viele unterschiedliche Typen. Hinter mir saß beispielsweise einer mit einem Cannabis-Shirt. Ich verstand mich super mit der Klasse und hab dann irgendwann erzählt, dass mein Vater CSU-Bürgermeister ist. Da gab es dann eine Zeit, in der ich von einigen geschnitten oder mit Papierkügelchen beworfen wurde. Doch als wir dann zur Bundestagswahl 1994 in der Klasse eine geheime Testwahl machten, haben 60 oder 70 Prozent CSU gewählt. Ein paar Ausreißer wählten die MLPD, aber die satte Mehrheit war für die CSU – die schweigende Masse. Da war ich wieder versöhnt.

Wie gut kannst du heute mit Leuten, die politisch anders ticken?

Mit Leuten, die glühende Anhänger der Grünen sind oder – auch wenn ich das dann weniger verstehe – der SPD kann ich mich gut unterhalten und auch trefflich streiten. Mit richtigen Extremisten, ob von der rechten oder der linken Seite, hätte ich meine Probleme. Aber solange das alles auf demokratischem Boden stattfindet, ist das ja auch spannend. Heute mit 32 bin ich aber vielleicht auch etwas toleranter und milder als damals mit 14, als wir uns kennengelernt haben.

Ehrlich? Wie, findest du, warst du denn damals?

Man denkt doch als Jugendlicher viel zu oft schwarz-weiß, das kennst du doch auch. Mein Vater beschwerte sich damals immer im Spaß, dass Grautöne bei mir nicht vorkämen. Eines kann ich aber sagen: Jetzt bin ich seit 18 Jahren in der Politik, und ich habe meine Grundüberzeugungen nie über Bord geworfen. In acht Jahren als Bundestagsabgeordnete bin ich jedoch gelassener geworden, und seit ich Mutter bin, noch mehr.

Bedeutet das auch etwas für Koalitionen? Heißt das zum Beispiel, dass du weniger in Lagern denkst?

Es geht doch nicht um Lager, sondern um konkrete Politik. Mit der FDP haben wir im Bund unseren Wunschpartner. Aber grundsätzlich war ich nie dagegen, dass wir uns Regierungskoalitionen mit den Grünen offen halten. Erstens, weil ich glaube, dass es in vielen Punkten auch große Übereinstimmung gibt, und zweitens, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es in einer Demokratie theoretisch möglich sein muss, mit jeder anderen demokratisch legitimierten Partei zusammen eine Koalition zu bilden.

Ich hab’ gesagt, demokratisch legitimiert.

Die Partei wurde demokratisch gewählt.

Würdest du sagen, dass die DVU und die NPD, die in Landtagen sitzen, demokratisch legitimiert sind?

Man kann die Politik der Linken ja völlig verfehlt finden, aber sie ist nun mal nicht die NPD oder DVU.

Wenn man immer noch vom Verfassungsschutz beobachtet wird und immer noch Abgeordnete im Bundestag sitzen, die vor ein paar Jahren noch ein IM vor dem Namen hatten, kann ich mir nicht vorstellen, mit denen eine Koalition einzugehen.

Die Linke ist doch keine verfassungsfeindliche Partei.

Eine Abgeordnete von der PDS hat mir mal gesagt, sie könne mit Demokratie nichts anfangen. Und das ist eine Gesinnung, mit der ich nichts anfangen kann. Ich bin eine totale Demokratieverfechterin. Wenn man dieser Tage Reden von Gesine Lötzsch im Plenum gehört hat, dann erinnert das an lupen­reine SED-Parteitagsreden.

Ich halte das Verfassungsschutzargument ehrlich gesagt nur für vorgeschoben, um Positionen diskreditieren zu können.

Ich habe großes Vertrauen in unsere Verfassungsschutzbehörden. Aber abgesehen davon: Es gibt bei vielen Themen auch Überein­stimmungen mit anderen im Bundestag vertretenen Parteien. Aber mit der Linken gibt es keine Überschneidungspunkte.

Für mich ist die Familienpolitik das Wichtigste. Der Idealfall ist: Mann und Frau heiraten und bekommen Kinder, und der Staat mischt sich nicht ein. Das christliche Menschenbild bedeutet für mich auch, dass jeder erstmal für sich selbst verantwortlich ist. Und keiner Familie vorzuschreiben, wie das für sie passende Familienmodell aussieht, finde ich wichtig.

Das Betreuungsgeld fördert aber nur ein Modell, das traditionelle. Es ist ein Anreiz, zu Hause zu bleiben.

Nein, ist es nicht. Es unterstützt die Wahlfreiheit der Eltern. Wir zahlen, wenn jemand ohnehin sein Kind zu Hause erziehen möchte, und nicht, damit jemand zu Hause bleibt. Junge Familien werden ja nicht vom Kindergarten ferngehalten. Der Staat steckt zurecht Milliarden in den Ausbau von Betreuungsplätzen, deshalb muss er auch die unterstützen, die ihre Kinder eine Zeit lang zu Hause betreuen. Der Staat sollte nicht suggerieren, dass die einzig richtige Möglichkeit ist, das Kind früh in eine Einrichtung zu schicken. Es muss auch die Möglichkeit geben, für eine kurze Zeit – wir reden hier von der Phase, in der das Kind 14 bis 36 Monate alt ist – das Kind zu Hause zu erziehen.

Es ist gesellschaftliche Realität, dass dann vor allem Mütter zu Hause bleiben. Und die Familien sind wieder von einem Ernährer abhängig.

Nochmal: Es geht um Wahlfreiheit. Jeder muss das nach seinen Talenten machen dürfen. Ich glaube, die meisten Mütter wollen auch gar nicht die besseren Männer sein. Natürlich will jeder auch Erfolg im Beruf. Aber obwohl es für mich nicht infrage gekommen wäre, lange zu Hause zu bleiben – ich habe sofort weitergearbeitet –, respektiere ich es, wenn jemand sagt: Wir wollen das so. Ich war eine der wenigen in der letzten Legislaturperiode, die von Anfang an Ursula von der Leyen und das Elterngeld für beide Elternteile unterstützt hat.

Das Elterngeld könnte von der SPD kommen, Hartz IV theoretisch von der Union, der Kosovoeinsatz fand unter einem grünen Außenminister statt, und die Wehrpflichtabschaffung ist das Projekt eines CSU-Manns. Wo finden Leute, die mit der politischen Klasse nicht in direktem Austausch stehen, heute die großen Linien?

Früher ging es um Nato-Doppel­beschluss und Wiedervereinigung. Jetzt heißt es: Wenn diese Straße gebaut wird, wähle ich euch nicht mehr. Die immer stärkere Fokussierung auf Partikularinteressen macht es für die Menschen schwieriger, politische Entscheidungen nachzuvollziehen. Diese Klein­teiligkeit ist oft problematisch. Deshalb ist es gut, dass die CSU noch eine klare Kante zeigt.

Gespielt wird überhaupt nichts – das ist einfach so.

Und wie konservativ bist du?

Ich habe neulich mit meinem Mann diskutiert, wer konservativer ist. Ich behaupte natürlich: ich.

Dorothee Bär, 1978 in Bamberg geboren, ist Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Familien, Frauen, Senioren und Jugend. Sie plaudert sofort los, als sie Freitag-Redakteur Klaus Raab zum ersten von zwei Gesprächen empfängt. Ewig nicht gesehen, sagt sie. Stimmt. Beide gingen gemeinsam zur Schule. Sie wuchs in Ebelsbach im unterfränkischen Landkreis Haßberge auf, er sieben Kilometer weiter westlich. Später wohnten beide von 1999 bis 2001 im Studentenwohnheim Chiemgaustraße in München (sie am Flur vorne links, er hinten rechts). Am 11. September 2001 erinnerte sie ihn an seine Bürgerpflicht: Mach sofort den Fernseher an!

An der Wand von Bärs Büro in Berlin hängt ein großes Familienfoto und ihr Beitrag zu einer Werbekampagne
der Bild-Zeitung: Warum lesen Sie Bild? steht da, und Bärs Antwort: Sie und die Zeitung passten zusammen, beide seien frech und polarisierend. Ein Foto zeigt sie mit ZDF-Journalist Peter Hahne.

Bär ist Mitglied im Bundestagsausschuss für Kultur und Medien, stellvertretende CSU-Generalsekretärin,
stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Union und war Landesvorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten. 2002 rutschte sie, 24-jährig, über einen hinteren Listenplatz in den Bundestag, weil ihre Partei damals Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber war Kanzlerkandidat der Union mehr als 60 Prozent der Zweitstimmen bekam. Heute ist sie Direktkandidatin im Wahlkreis Bad Kissingen. Bei der Bundestagswahl 2009 hatte die CSU im Wahlkreis 47,3 Prozent, Bär 53,7 Prozent in der Erststimme. Die 32-Jährige hat eine Tochter, einen Ehemann und derzeit 3.888 Facebook-Freunde.

14:30 14.10.2010
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