Klaus Raab
12.01.2012 | 07:00 4

Mitten in der Schneekugel

Kampagne? Die Affäre um Christian Wulff ist keine geschlossene mediale Hetz­kampagne. Aber eine raffinierte Selbstinszenierung der „Bild“

Was fürs Erste geblieben ist, ist ein Hintergrundrauschen im Alltag: Die große Wulff-Geschichte, die auf ihrem Höhepunkt – während des ARD- und ZDF-Interviews des Bundespräsidenten – Einschaltquoten erreichte wie Wetten, dass..?, ist eine Geschichte geworden, die zu langweilen beginnt. Ist es nicht so? Haben nicht viele allmählich die Schnauze voll von diesem Drama, das von nicht weniger als unserer politischen Kultur handeln wollte, von einer „Politikkultur, die keinen Umgang mit Fehlern kennt“, wie eine Piratin getwittert hatte?

Was ist passiert? Die Antwort beginnt bei der Frage, warum überhaupt ein so großes Publikum so großen Anteil nahm. Es muss damit zu tun haben, dass die Geschichte einfach gut ist. Hierin, und in ihrer Fallhöhe, ähnelt Wulffs Geschichte jener von Karl-Theodor zu Guttenberg, dessen Absturz gleichermaßen das öffentliche Interesse bündelte: Politiker, die hohe Ämter bekleiden, die sie nach Meinung zu vieler nicht bekleiden sollten, machen sich durch ihre Hybris und ihre Verschleierungstaktiken im Umgang mit offensichtlichen Fehlern zum Kasper der Nation. Schon in den ersten Exposés dieser beiden Geschichten ist das Zusteuern auf die Katastrophe angelegt. Es ist kein Wunder, dass sie bereits von prominenten Filmemachern als Filmstoffe bezeichnet wurden.

Warum aber weicht die Anteilnahme allmählich der Genervtheit, die sich in der Abnahme des #wulff- und #notmypresident-Tweet-Aufkommens zeigt, in der Zuwendung zu anderen Themen, in der hier und da auch ausgesprochenen Forderung, die Debatte endlich zu beenden? Das wiederum muss damit zu tun haben, dass sich dem Höhepunkt, dem im Drama doch eigentlich die Katastrophe und, so es sich um eine Tragödie handelt, die Katharsis folgen sollte, hier immer nur der nächste Countdown anschließt. Das Präsidenten-Drama wird zu Ende erzählt wie seinerzeit ein Anrufgewinnspiel bei 9Live: noch eine Minute bis zur Auflösung! Und dann noch eine! Und noch eine!

Wir sind damit an einem Punkt des Skandals, der weg vom Drama und hin zu seiner ernüchternden Entstehungsgeschichte führt. Ein Skandal zeichnet sich, wie der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen definiert, durch dreierlei aus. Erstens: die Normverletzung. Zweitens: die Berichterstattung über diese Normverletzung. Und drittens: kollektive Empörung eines mehr oder weniger großen Publikums. Man vergisst das leicht, während man noch von der Normverletzung selbst fasziniert ist: Dass sie alleine nicht ausreicht, um eine solche Empörungswelle loszutreten. Sie braucht auch jene, die sie anstoßen. Der Wulff-Skandal handelte insofern von Anfang an nicht allein vom Bundespräsidenten, sondern immer auch schon von den Narrativen der Medien.

Diskussion auf Autopilot

Sie haben eine Sonderrolle in dieser Geschichte. Was man hier exemplarisch beobachten kann, ist, dass für Medien dasselbe gilt wie für die Versuchsanordnungen von Quantenmechanikern und die Feldforschungen von Ethnologen: So wie die Forschungen und Versuche ihr Ergebnis verändern, verändert auch die Anwesenheit von Journalisten das Verhalten derer, über die sie schreiben und die sie filmen. Medien stehen nicht außerhalb der Schneekugel, sie stehen mittendrin. Objektivität gibt es daher nicht, sie ist ein Paradoxon. Diese Erkenntnis an sich ist freilich banal. Die mediale Aufklärung der Wulffschen Normverletzungen ist aber, und hier beginnt das Besondere dieses Falls, nicht nur nicht objektiv. Es handelt sich um eine Sonderform der scripted reality. Was nicht sofort auffällt, weil es doch die vermeintlichen Aufklärer sind, die hier PR in eigener Sache treiben.

Die Beteiligten seitens der Bild-Redaktion erzählen nicht einfach die Geschichte der Vergehen Wulffs, auch wenn sie das behaupten. Sie schufen diese Vergehen erst mit, indem sie Wulff ausführlich hofierten und dann – was nicht zu Gunsten Wulffs ausgelegt werden soll – mit Recherchen in mehreren Bereichen zu seiner dämlichen Schimpftirade auf Bild-Chefredakteur Kai Diekmanns Mailbox provozierten. Warum hat Wulff nicht den Anrufbeantworter von Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo gefüllt, dessen Leute ebenfalls zu Wulffs recherchierten?

Dass aus dem Axel-Springer-Hochhaus schließlich Teile der Nachricht, die Wulff auf Diekmanns Telefon hinterließ, an andere Redaktionen durchgestochen wurden, hat Abschnitt zwei des Skandals erst verursacht. Diekmann und seine Leute, die mit dem Bundespräsidenten dessen viel kritisiertes taktisches Verhältnis zur Wahrheit teilen, haben es geschafft, andere Medien für ihre Sache zu vereinnahmen, indem sie einzelne Mailboxzitate Wulffs ­– die unsäglichsten, wie sich herausstellt – in Umlauf brachten. Und andere haben sich einspannen lassen.

Deren Fehler war dabei nicht einmal, dass sie aus der Nachricht zitierten. Das Problem war, dass die wenigen, die sie teilweise kannten, nicht transparent arbeiteten: Sie vermittelten den Anschein, als seien sie im Bilde. Als hätten sie das Transskript vielleicht von einem Informanten zugesteckt bekommen und würden nun, vielleicht sogar aus eigenem Antrieb, weil es sich um ein vertrauliches Dokument handelt, nur Passagen zitieren. Der Schein trog, sie hatten nur, was Bild ihnen gab. Sie haben es verheimlicht, um der exklusiveren Geschichte willen. So konnte die Boulevardzeitung, als zentraler Akteur, zugleich Ghostwriter der Geschichte sein.

Journalistenpreis für Bild?

Auf dem Höhepunkt der Absurdität schrieb der Spiegel über Wulffs Anrufe bei Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, und Spiegel Online zitierte seinen Verlag mit der Aussage, man könne die Darstellung bestätigen, wolle sie aber nicht kommentieren. Wie irrsinnig das ist, kann man erkennen, wenn man sich vorstellt, wie Döpfner morgens vor dem Badspiegel steht und sagt: „Ich kann die Darstellung des Spiegels bestätigen, weiß aber nicht, wo das Bild herkommt.“

Auch ich habe, angetrieben auch von der manchmal irreführenden Erkenntnis, dass praktisch alle anderen ihren Senf bereits abgegeben hatten, die Anrufe Wulffs bei Diekmann für so unsäglich erklärt, wie sie waren. Leider ohne zugleich zu relativieren, dass die Beschimpfung Diekmanns eigentlich oberste Bürgerpflicht ist – nur eben nicht für einen Bundespräsidenten, der dabei ausschließlich in eigener Sache agiert.

Die große Medienaufmerksamkeit bedeutet allerdings nicht, dass es eine konzertierte Medienkampagne gibt. Näher liegt die These, dass die kollektive Berichterstattung eine Folge der Medienvielfalt ist: Am Anfang stand eine Verfehlung des Staatsoberhaupts. Und keine Redaktion durfte sich nachsagen lassen, nicht darüber zu informieren. Irgendwann schaltete die Diskussion dann auf Autopilot. Als schließlich auch noch im Fotoalbum der Präsidentengattin nach gesponserten Luxuskleidern gesucht wurde, verkam die Kritik zu einem fiependen Dauerklingelton. Die ersten Zuschauer schalteten genervt aus.

So abwegig der Kampagnenvorwurf an „die Medien“ aber auch sein mag: Was es selbstverständlich gibt, ist eine Bild-Kampagne; eine Werbekampagne, in der Bild die eigene Qualität thematisiert. Die Zeitung wird sich, die ersten Forderungen klingen schon an, um Recherchepreise für die Berichterstattung über Wulffs Hauskredit bewerben und sie vielleicht sogar bekommen. Eine Jury, die an ihre Objektivität glaubt, will ja Bild nicht übergehen, nur weil es Bild ist. Was ihr aber eigentlich gebührt, ist ein Dramaturgiepreis.

Kommentare (4)

@dllxllb 12.01.2012 | 11:18

Alles richtig, wie ich finde. Allerdings: Welches Medium, das ein Thema bearbeitet, und eine gewisse Menge an 'Stoff' hat, berücksichtigt nicht Spannungsbögen und sonstige Gegebenheiten bei der Planung? Solche Überlegungen fallen immer. Die Bild-Zeitung ist, so sehe ich das zumindest, bei der Planung und Durchführung ihrer Marke treu geblieben. Wulff eher nicht.

christian123 12.01.2012 | 11:35

Könnte der Autor den Begriff "Normverletzung" bitte mal genauer erläutern. Oder war damit bloss gemeint das der Kauf eines spießigen Einfamilienhauses mittels Kredit finanziert wurde?
Da ist mir dann allerdings nicht so klar welche Norm denn nun genau verletzt wurde denn die meisten Besitzer solcher Häuser haben den Kauf auf die genau gleiche Weise finanziert. Und das vermeiden von Bankkrediten durch "Investoren" ist ja nun auch nix neues in der Wirtschaft. Wobei ja von vorne herein das Wörtchen Kredit bewusst nach hinten gedrängt wurde und der Fokus auf dem Betrag lag um Sozialneid zu schüren. Bei allen Versuch hier die Schuld auf "BILD" allein abzuwälzen es gibt nix was Sie als Autor vom Quellen kritischen lesen freispricht. Und wieso gibt es von diesem Anruf nur Abschriften... Und ist da alles korrekt abgeschrieben worden... Es wurde nie öffentlich hinterfragt... Und dann ist man in der Münchener Runde überrascht das die Leute nicht das denken was man ihnen vorschreibt... Kann es sein das der Leser legst das tut was Aufgabe des Journalisten gewesen währe und die Quellen kritisch analysiert und genau deshalb mit viel größerem Interesse lesen muss als er eigentlich will. Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Skandal !!! Wo? Bo ne is das langweilig !!!

Brett 12.01.2012 | 22:13

Danke, gedanklich sehr anregend. Der Skandal - und ein solcher ist es durchaus, wenn Ministerpräsidenten so eng mit Lobbyisten kungeln und herumfreundeln - wurde im Springer Verlag gescriptet. Ich habe es nur bei Welt online verfolgt. Man spürte Tag für Tag, dass da nicht nur ein Journalist schreibt, sondern ein Kämpfer planmäßig von der Chefredaktion ins Feld geführt wurde. Ich sehe allerdings noch weitere Fragen, die hier völlig ungeklärt sind: Was bedeutet es eigentlich, wenn einer der Top-Politiker "droht" (eigentlich nur: feststellt), es käme zum "endgültigen Bruch" zwischen ihm und dem Springerverlag, wenn dieses oder jenes berichtet wird? Brechen können ja nur gute Verbindungen. Eine andere Frage: Springer hat sich ja hier nicht nur als Enthüller eines "Skandal" inszeniert, sondern augenscheinlich regelrecht ein Kampagnenziel verfolgt (und verfolgt es noch), nämlich den Rücktritt Wulffs. Es ging nie primär um genauere Aufklärung, sondern um "fertigmachen". Aufklärung scheint da nur ein Vehikel zu sein, um einen anderen Buprä zu bekommen. Das ist von der Qualität her ein ganz anderes Ziel als "Auflage steigern". Und muss die Frage nach der tatsächlichen Intention hervorrufen. Es gibt da etliche Fragen, die man an Springer stellen muss: Wann und wie oft habt ihr in der Vergangenheit Stories unterdrückt oder heruntergespielt, nachdem einer eurer politischen Freunde euch darum gebeten hat? Das war und ist doch immer noch die Regel. Als ob Friede Springers Freundin Angela sich jetzt auf einmal vor Springer fürchten müsste ... Die Vorteilsnahmen und Unwahrheiten des Ministerpräsidenten Wulff sind die eine Seite des Skandals - die Unwahrheiten des Springerverlags und seine Verstöße gegen guten Journalismus bleiben wieder einmal die andere Seite. Zu viel dramaturgische Kunstfertigkeit macht dann eben auch misstrauisch.

@dllxllb 14.01.2012 | 03:25

Hallo @Brett, Ihr Kommentar hat mich ebenfalls zum Nachdenken gebracht. Ich antworte mal. Das hätte auch Wulff etwas umfangreicher tun können. Jetzt muss eben ich.

"Brechen können ja nur gute Verbindungen"? Wenn ich mir so das ein oder andere Konsumprodukt anschaue, scheint mir eine Ausfertigung minderer Qualität eher zu Bruch zu gehen als eine höherwertige.

"augenscheinlich regelrecht ein Kampagnenziel verfolgt (und verfolgt es noch), nämlich den Rücktritt Wulffs"

Das sehe ich nicht so. Selbst wenn es so gewesen wäre, und allgemein gesprochen, muss ein Politiker 1.] in der Lage sein mit Vorwürfen, die in den Medien kursieren, umzugehen und sie zu entkräften, 2.] wenn er das nicht kann, Konsequenzen ziehen. Im Hinblick auf Parteipolititk allgemein, darf nicht der Eindruck entstehen, dass das (Wahlkampagnen-)Ziel von Volksvertretern der Machterhalt allein ist; genauso wenig wie der bloße Wunsch nach Macht, begleitet von schnöder Profilierung. Andernfalls ist alles sinnlos. Da müsste man sich dann wohl auch nicht mehr über niedrige Wahlbeteiligung und Umfrageergebnisse wundern... Oder über Proteste.

"Zu viel dramaturgische Kunstfertigkeit macht dann eben auch misstrauisch." Mich erst recht wenn es sich um den Umgang mit Teil-Öffentlichkeiten, an deren Menschlichkeit direkt und indirekt appelliert wird, handelt. Mir ist gelebte Menschlichkeit in politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen da irgendwie lieber. Aber das nur nebenbei.

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Man muss sich auch fragen inwieweit es eine Bagatelle ist Berichterstattung über Gesetzesverstöße im Amt (i.e. nicht rein Privatem) verhindern oder verschieben zu wollen. Derartige Versuche, von manchen in die Privat-Ecke gedrückt und als Normalität abgetan, sehe ich persönlich als eine Gefahr für die Gesellschaft. Auch wenn dies nicht rechtlich relevant ist. Auch wenn die Verstöße zum Zeitpunkt der Berichterstattung nur als Rechercheergebnisse ohne richterliche Bewertung vorliegen. Die garantierte Freiheit der Presse ihre Aufgabe zu erfüllen macht Sinn. Es gibt einen Grund warum in autoritären Regimen die Presse- und Meinungsfreiheit, wenn überhaupt, nur auf dem Papier existiert. Wo kein Kläger, da kein Richter.

Und zum Schluß noch etwas Spekulation über Dramaturgie - darüber warum überhaupt publik wurde, dass es diese(n) Anruf(e) gab. Blomes Einlassungen bei Jauch haben mich bei der Meinungsbildung nicht so richtig überzeugt. Also... Wenn man etwas tut, was manche als eine Verletzung der Pressefreiheit empfinden könnten, und sich dafür glaubhaft entschuldigt, ist die Sache eigentlich erledigt. (So weit ich mich erinnere fand die Entschuldigung erst nach dem Break statt?) Wenn dann die Pressefreiheit als wichtiges Gut in einer späteren Stellungnahme hochgehalten wird, wirkt das irgendwie provokant und könnte mit den Realitäten anderer kollidieren. Mit meiner tat es das. Das mag zu Unrecht sein. (Ich habe weder die Anrufe noch die Entschuldigung gehört). Aber es ist so. Am Montag wird man wohl genaueres lesen.