Schlammvergnügen vor Reihenhäusern

KINDERBÜCHER Kirsten Boires Buch "Wir Kinder aus dem Möwenweg"

Kirsten Boie hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt Wir Kinder aus dem Möwenweg und ist ein Kinderbuch. Das muss man vielleicht dazu sagen, denn nicht alle Leute, die in Deutschlands Kinderbuchszene wichtig sind, wissen, welche Art Bücher Kirsten Boie schreibt. Als im Frühjahr Boies Buch Nicht Chicago. Nicht hier für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Kinderbuch nominiert wurde, konnte man davon ausgehen, dass die Juroren das Buch möglicherweise gar nicht gelesen haben. Ansonsten hätte ihnen auffallen müssen, dass dieser beklemmende Bericht über die scheinbar normale Schikane an Schulen alles andere ist - aber kein Kinderbuch.

Als Kirsten Boie das Unglaubliche tat und von vornherein auf den Preis verzichtete, da Chicago nun einmal kein Kinder-, sondern ein Jugendbuch sei, hatte sie gewiss schon das Manuskript zu ihrem neuen Kinderbuch Möwenweg fertig durchkorrigiert. Und das mag ihr Entsetzen über das Fehlurteil der Jury, die immerhin über den einstmals bedeutenden Jugendliteraturpreis befindet, erklären. Denn zwei gegensätzlichere Welten sind kaum zu denken: Dort die erbarmungslos gleichgültige Chicago-Welt, hier die Neubausiedlung mit der unasphaltierten Straße und vor allem mit der Jugendbande aus Mädchen und Jungen, die sich gemeinsam stark fühlen.

Ist die Welt nun heil oder schlecht, Chicago oder Möwenweg? Sie ist so und auch so, würde die Erfolgsautorin wohl sagen, die im letzten Jahr immerhin als eine der wenigen deutschen Schriftstellerinnen überhaupt für die Hans-Christian-Andersen-Medaille - dem inoffiziellen Kinderbuch-Nobelpreis - nominiert wurde. Und Kirsten Boie würde recht haben. Die Welt hat verschiedene Seiten und sie will für Kinder anders als für Jugendliche erzählt werden.

Boie erzählt die Streiche und Abenteuer ihrer kleinen Helden im Zelt, am Badesee und in der vermeintlichen Schlammwüste vor dem Haus in ihrer wunderbar knappen und einfachen Sprache mit Lust und Witz. Kein Detail ist zu schade, nicht der falsche Buchstabe auf dem Schild für den Eisverkaufsstand der Kinder vor dem Haus, nicht die improvisierte Geburtstags-Girlande für das Sommerfest. Das Picknick im Garten wird ebenso zum heiteren Vergnügen wie sogar das Setzen des Zaunes, eine der ersten großen Aktionen der neuen Nachbarsgemeinschaft am Möwenweg.

Natürlich erinnert vieles an Klassiker wie Astrid Lindgrens Die Kinder von Bullerbü oder an die Fünf-Freunde-Bücher einer Enid Blyton. Und bei manchen wird sich Kirsten Boie möglicherweise dem Vorwurf aussetzen, hier ein altes Kinderbuch-Genre zu bemühen, das eigentlich nur noch Nostalgie sein kann. Doch ist das wirklich so? Es stimmt, in den Städten sieht man kaum noch Banden von Kindern, die sich selbst Abenteuer ausdenken und abends schlammbedeckt, aber glücklich nach Hause kommen. Doch Boie hat auch Recht damit, dass sich in vielen Neubau-Vororten wieder Nachbarschaften bilden und dort nicht immer das Geld für Flöten-, Hockey- oder Reit-Stunden vorhanden ist. Und dass dort Kinder zusammen leben, die nicht gleich alt sind, nicht füreinander nach sozialer Klasse und Reife vorverlesen. Dass es dort nicht die berühmten Fahrdienste gibt, wo Kinder schon in frühem Alter von den Eltern von einer Veranstaltung zur nächsten gekarrt werden.

Alle Bücher Boies zeugen von einem sehr klaren Blick auf die Wirklichkeit der Kinder im gegenwärtigen Alltag. Dass sich da ein paar Grundkonstanten seit Lindgren und Blyton gehalten haben, zum Beispiel die Leidenschaft der Kinder für gemeinsame Abenteuer, für Geheimnisse, für Ausflüge mit Proviant, mag an manchen problembewussten Kinderbüchern vorbeigegangen sein.

Dass die Welt nicht heil ist, dass es Nachbarn gibt, die sich gestört fühlen, Nachbarn, die etwas besseres sein wollen, das vergisst Boie auch im Möwenweg nicht zu erzählen. Doch entwirft sie bewusst ein Gegenbild, das heiter ist und zur Nachahmung empfohlen.

Schenken können Eltern den Möwenweg ihren Kindern, wenn sie etwa acht Jahre alt sind. Denn dann lassen sich die vielen Ideen im Buch am besten auch nachspielen, nicht nur in einer Neubausiedlung. Ob die Jury des Kinderbuchpreises Boie für das Schlammvergnügen vor den Reihenhäusern allerdings einen Preis gibt, ist eher zu bezweifeln. Zum einen wohnen die Juroren da wahrscheinlich nicht, zum anderen ist vielleicht alles einfach zu positiv.

Kirsten Boie: Wir Kinder aus dem Möwenweg (mit farbigen Bildern von Katrin Engelking) Verlag Oetinger, Hamburg 2000, 160 S., 22.- DM

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