Die Sorgen danach

US-Wahl Nur 48 Stunden nach der Wahlnacht befeuert Trumps Sieg zahlreiche Proteste und Gewaltexzesse, unter anderem in New York
Die Sorgen danach
Frust und Widerstand: Eine Frau während der Proteste am 9. November
Foto: Kena Betancur/AFP/Getty Images

Es ist Tag drei nach der Wahl. Bislang sind weder Heuschreckenschwärme über Amerika hergefallen noch kommt Blut aus den Wasserhähnen – eine gehörige Portion nationales Chaos hat das Land aber zweifellos bereits erreicht. Beim Alles-oder-Nichts-Wahlsystem der USA ist die logische Konsequenz, dass am Ende ein großer Teil der Bevölkerung unzufrieden zurückbleibt. Beflügelt von Trumps Wahlsieg greifen im ganzen Land Menschen zu Gewalt und Selbstjustiz. Die desillusionierten Verlierer entscheiden sich kurzerhand, gegen die Realität zu protestieren.

Am Vorabend der Wahl stand am Union Square in New York City ein Stand, an dem ein Spaßvogel mit Sturmhaube Ziegelsteine zum Verkauf anbot. Zum Gewaltakt ist es am Tag nach der Wahl nicht gekommen – zumindest hier nicht. Am Mittwochabend trafen sich hunderte Demonstranten zu einem spontanen Protest. Das Gramercy-Viertel um den zentralen Platz in der Metropole ist tagsüber gut besucht. Eine große U-Bahn-Station ist der Umschlagplatz tausender New Yorker auf dem Weg zur Arbeit.

Viele Studenten kommen vorbei, die traditionell linke New School und die New York University sind nur wenige Meter entfernt. Etwa 18 Uhr versammelten sich die ersten Trump-Gegner und skandierten bei leichten Regen unter anderem „Racist, sexist, anti-gay – Donald Trump, go away!“ Unter den Protestrufen waren vor allem Frauenstimmen zu hören. Es dauerte nicht lang, bis sich der Protest von einigen hundert Menschen dank Twitter und Facebook zu einem Demonstrationszug von mehreren Tausend entwickelte.

Das Ziel der Menge war die symbolische Manifestation des Feindes in der Stadt: Der Trump Tower in der Nähe vom Central Park. Hier harrten die Demonstranten aus und brüllten das gewaltige, 58-stöckige Glasmonument an. Trump hat in den oberen drei Etagen einen Wohnsitz für sich und seine Familie – es ist allerdings unwahrscheinlich, dass er sich am Abend nach seiner Wahl dort aufhielt. Die Polizei hat vorsichtshalber das gesamte Gebäude großflächig abgeriegelt und massive Betonmeiler aufgestellt, die normalerweise zum Schutz vor Terrorattacken mit Kraftfahrzeugen benutzt werden. Die immerhin fast dreieinhalb Kilometer vom Union Square bis zu dem Hochhaus waren umsäumt von Polizisten, zum Teil mit Maschinengewehren bewaffnet. Es wirkte fast so, als hätten die Behörden mit einer spontanen Entladung von Gewalt oder Terroranschlägen gerechnet.

„Ich bereue meine Stimmabgabe“

Die Millionenmetropole hat nach ersten Hochrechnungen zu fast 80 Prozent demokratisch gewählt. Befeuert von den Fehlprognosen der Statistiker und der Medien waren sich hier viele sicher, am Tag nach der Wahl in einer heilen Welt aufzuwachen. Umso größer ist das Entsetzen nun, da die Leuchtreklametafeln des Times Square mit Donald Trumps Gesicht übersät sind. Dennoch blieben die Proteste bislang friedlich bis kreativ. In der U-Bahn-Station nahe dem Union Square klebten am Donnerstag hunderte kleine Notizzettel mit hoffnungsvollen bis entrüsteten Nachrichten: „Ich liebe diese Stadt und dieses Land“, steht auf einem, „Ich bereue meine Stimmabgabe“, auf einem anderen.

In anderen Teilen des Landes entlud sich die Wut über den Sieg des Republikaners auf hässliche Art. Dieses Video zeigt, wie eine Gruppe Afroamerikaner in Chicago einen vermeintlichen Trump-Wähler vor seinem Auto zusammenschlagen. Dabei lachen sie und rufen: „Wähl nicht Trump!“ Auf der Seite der Sieger sieht es indes nicht besser aus. In den 48 Stunden nach der Wahl hat es bereits eine beachtliche Zahl rassistischer, sexistischer und homophober Ausbrüche im ganzen Land in die Medien geschafft.

An mehreren Universitäten wurden muslimische Studenten beraubt und beleidigt, ein Gebetsraum für Muslime in der New York University wurde mit Pro-Trump-Graffitis beschmiert. In North Carolina fand ein schwules Ehepaar am Tag nach der Wahl eine Nachricht an seinem Auto: „Ich freue mich darauf, wenn eure ‚Ehe‘ von einem echten Präsidenten umgestürzt wird. Schwule schmort in der Hölle. Trump 2016“ Die sozialen Netzwerke sind voll mit vielen weiteren solcher Berichte. Wie immer lassen sich davon nur die wenigsten genau überprüfen.

Die Gewalt hat Trump mitzuverantworten

Amerika ist bekannt für seinen patriotischen Pathos, vor allem bei der Politik. Gewaltausbrüche, die gewollt und öffentlich in Zusammenhang mit der Wahl eines Präsidenten gebracht werden, sind allerdings eine neue Eskalationsstufe. Bei aller Zurückhaltung gegenüber einem demokratisch-legitim gewählten, baldigen Staatsoberhaupt: Dass die Emotionen hier so hochkochen, dass Muslime, Homosexuelle, Schwarze, Mexikaner und zahlreiche andere sogenannte Minderheiten in diesem Land wieder Angst vor waschechter physischer Gewalt haben müssen, hat Trump mit seiner massiven Senkung der Hemmschwelle im politischen ‚Diskurs‘ mitzuverantworten.

Eingebetteter Medieninhalt

Dass sich so schnell derartig viele Menschen gegen ein gewähltes Staatsoberhaupt zum Protest zusammenschließen, ist ebenfalls ungewöhnlich. Am gestrigen Abend marschierten erneut tausende New Yorker die Fifth Avenue entlang in Richtung Trump Tower und skandierten gegen die stumme Glasfassade: „Wir lehnen den gewählten Präsidenten ab!“ („We reject the president elect!“) Hin und wieder trat ein Anzugträger an die Scheibe und winkte der von Polizisten eingekreisten Menge. Für das kommende Wochenende sind weitere Proteste in New York City und anderen Großstädten der USA geplant. Am Wahlausgang ändert das natürlich nichts.

Gegen einen gewählten Präsidenten zu demonstrieren mag auf den ersten Blick widersinnig erscheinen, denn es kommt einem Protest gegen die Institution Demokratie an sich gleich. Nichts läge jedoch ferner, als die Menschen zu diskreditieren, die ihren Unmut mit friedlichen Mitteln äußern, anstatt wie viele andere auf den Zug der Gewalt aufzuspringen.

10:25 11.11.2016

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