Hello Vertrauensbruch

Überwachung Eine neue Barbie spricht nicht nur, sondern lauscht auch mit. Dass Kinder auch eine Privatsphäre brauchen, vergessen Eltern bei allem „Schutz“ gern
Hello Vertrauensbruch
Barbie: Ein Albtraum?

Bild: Phil Somodevilla/Getty

Erinnern Sie sich noch an Ihr Lieblingsspielzeug aus Kinderzeiten? Egal was es war, Sie haben vermutlich auch damit gesprochen. Oder zumindest lautstark Szenen nachgestellt, die Sie sich zusammenfantasiert haben. Zum Beispiel Schießereien inklusive Toter. Oder Liebe inklusive Sex. Eben alles, was man als Kind so aus der Erwachsenenwelt mitbekommt oder in Filmen sieht. Das alles natürlich nur hinter der verschlossenen Kinderzimmertür oder im unbeschwerten Freien mit anderen infantilen Gleichgesinnten. Denn bei Mama und Papa wurde sich benommen, Krieg oder Sex fanden die nicht so gut. Das weiß jedes Kind, wenn auch nicht immer warum.

Nun versetzen Sie Ihre Kindheit in die Gegenwart und stellen Sie sich vor, Ihr Spielzeug könnte nicht nur sprechen, sondern auch Ihr eigenes Gesagtes aufnehmen, verarbeiten und entsprechend antworten. Klingt toll? Nun stellen Sie sich noch vor, dass die Audiomitschnitte an den Server eines Unternehmens geschickt werden, das sie aufbereitet und regelmäßig per Mail an Ihre Eltern verschickt. Klingt nicht mehr so toll? Exakt das ist das Konzept der Hello Barbie von Mattel. Sie spricht über 8.000 Sätze mit dem Kind und simuliert eine echte Unterhaltung. Die Antworten des Kindes werden aufgezeichnet, in eine Cloud versendet und auf Wunsch den Eltern zugestellt. Das Kind selbst hat davon zunächst keine Ahnung. Die Eltern bekommen einmal pro Woche eine Mail, im Betreff steht: „Ihr Kind hat heute etwas Tolles gesagt!“

Kollateralschaden des Schutzes

Das ist, wie so oft, keine orwell'sche Fiktion sondern bitterernste Realität in den – vorerst nur amerikanischen – Kinderzimmern. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft 2015 kam dort die Hello Barbie auf den Markt. Der Anbieter ToyTalk stellt die Spracherkennungssoftware und die Datenverarbeitung zur Verfügung, Mattel produziert und vertreibt die Puppe. Beide versprechen einen sensiblen Umgang mit den Daten und achtsam konzipierte Dialogzeilen. So sollen keine „sensiblen Informationen“ wie Name oder Adresse abgefragt oder Schimpfwörter wiederholt werden. Das braucht es aber auch nicht. Unter den 8.000 Sätzen der Puppe befinden sich vornehmlich Fragen über Mode und Beauty sowie Schule und Freunde. Beispiel: „Was war das Spannendste, was du heute erlebt hast?“ Wer tatsächlich davon ausgeht, dass Kinder von Natur aus ein Gefühl für „sensible Informationen“ haben, lebt wahrscheinlich auch in einer Barbie World. Eine solche Sensibilität hat nicht mal ein Großteil der Erwachsenen.

Der Datenschutz ist aber nicht das Hauptproblem. Wie schnell aus dem harmlosen Spiel eine entwürdigende Bloßstellung entspringen kann, zeigten Aktivisten des Vereins „Digitalcourage“ vergangene Woche bei einer Presseveranstaltung. Gezeigt wurde eine Perfomance, in der ein Kind mit den fleischgewordenen Barbie ein Date und später eine Sexszene nachstellt. Zuvor wirft das Kind noch einen prüfenden Blick auf die verschlossene Kinderzimmertür, aber keine Chance: Die Eltern bekommen den Audiomitschnitt und stellen das peinlich berührte Kind zur Rede. An der Szene beteiligt war auch die Schauspielerin und Ex-Femen-Aktivistin Josephine Witt.

Die Aktion sollte zeigen, dass auch die Würde des Kindes unantastbar ist. Dass sich Hacker Zugriff auf eine Cloud verschaffen können, um sensible Daten abzugreifen, wird von den meisten Nutzern moderner Technologie schulterzuckend akzeptiert – bei der „Hello Barbie“ ist dieser Zug ohnehin bereits abgefahren. Das Problem ist auch ein perfides Spiel mit elterlichem Überwachungswahn und dem Respekt vor der Privatsphäre des Kindes. Dafür braucht es nicht mal den vermeintlich entfesselten amerikanischen Markt, auf dem der gute deutsche Datenschutz nicht greift. Auch hierzulande gibt es bereits Apps für das Smartphone des Nachwuchses, die es Eltern ermöglichen, beispielsweise Anrufe, Nachrichten und Social-Media-Accounts ihrer Kinder unbemerkt zu überwachen – und diese finden großen Anklang bei den Eltern. Dass die Hello Barbie früher oder später auch in Deutschland auf den Markt kommen würde, rückt vor allem durch diverse Freihandelsabkommen auch in nicht allzu weite Ferne.

Einerseits wollen Eltern ihr Kind natürlich am besten überall beschützen, auch im Internet. Das kann ihnen keiner verübeln. Andererseits gibt es einen schmalen Grat zwischen gutgemeinter Fürsorge und gefährlicher Übergriffigkeit. Wenn das Kind mitbekommt, dass es permanent verdeckt überwacht wird, ist der Vertrauensbruch immens. Kinder brauchen Geheimnisse, um eine Gefühl für Vertrauen entwickeln zu können. Was veranlasst Erwachsene dazu, ihnen das nicht zu gönnen? Ehen gehen zu Bruch, wenn der Partner private Nachrichten liest. Die verletzte Privatsphäre wird bei Kindern im Hinblick auf den „Schutz“ als verkraftbarer Kollateralschaden hingenommen.

Fantasie und Vertrauen sind Kerneigenschaften der Kindheit

Nur der Technik und vermeintlich bösen Firmen wie Mattel die Alleinschuld am Überwachungswahn zu geben, ist zu einfach. Sicher sind die grenzenlosen digitalen Ausspähmöglichkeiten für Eltern verlockend, letzen Endes sind sie es aber selbst, die sich dafür entscheiden. Alleskönner-Puppen wie Hello Barbie werden aber nicht nur gekauft, um das Kind auszuhorchen – das geht mit Kameras, Apps und Tracking-Systemen viel effektiver. „Dialogpuppen“ wie die Hello Barbie brauchen keine weitere Person, die mitspielt. Das Kind soll sich allein mit seiner virtuellen Freundin beschäftigen und den Eltern damit Ruhezonen ermöglichen.

Um zu zeigen, welchen verheerenden Einfluss das haben kann, zitiert Digitalcourage-Vereinsvorstand padeluun treffend Michael Endes Momo. Dort bekommt die Protagonistin auch eine Sprechpuppe namens Bibigirl geschenkt, zeigt sich damit aber überhaupt nicht zufrieden: „Ja, wenn die Puppe gar nichts gesagt hätte, dann hätte Momo an ihrer Stelle antworten können und es hätte sich die schönste Unterhaltung ergeben. Aber so verhinderte Bibigirl gerade dadurch, dass sie redete, jedes Gespräch. Nach einer Weile überkam Momo ein Gefühl, das sie noch nie zuvor empfunden hatte. Und weil es ihr ganz neu war, dauerte es eine Weile, bis sie begriff, dass es die Langeweile war.“

Mit seinem Kind zusammen zu spielen kostet Zeit und Nerven, wäre allerdings die einfachste Möglichkeit, einen Blick auf die Gedankenwelt des Nachwuchses zu werfen. Interaktive Spiele grenzen ein Mitspielen aber bewusst ein. Beim „Gespräch“ mit der Puppe kann das Kind nicht selbst entscheiden, welche Situationen es nachspielen will. Es muss sich nach der Barbie richten, zuhören und antworten. Wenn dazu noch die Gewissheit herrscht, dass das Leitfadengespräch auch noch mitgehört wird, geht mit dem Vertrauen und der Fantasie auch ein ganzes Stück Kindheit verloren.

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10:57 02.02.2016

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