Hitler, Margarine und die weiße Null

#ZeroCovid Die Kampagne hat ein erstaunliches Medienecho hervorgerufen. Eine kleine kommentierte Presseschau von ganz links bis nach ganz rechts
Hitler, Margarine und die weiße Null
Am Bondi Beach im australischen Sydney werden die Zahlen der Strandbesucher noch überwacht. Im Januar gab es im Bundesstaat New South Wales Tage ohne einen einzigen Infektionsfall

Foto: Brook Mitchell/Getty Images

Wahrlich, an starken Meinungen zur Viruskrise und ihrer Behebung mangelt es derzeit nicht. Es wundert nicht: Viele Journalisten sind in ihrem Homeoffice gefangen, haben kaum Möglichkeiten für Vor-Ort-Berichterstattung. Da bleibt wenig anderes übrig, als am Schreibtisch eine schlaue These nach der anderen zu formulieren. Dieser Text macht da keine Ausnahme, aber wenigstens weiß er es.

Die Kampagne #ZeroCovid hat ein Feuerwerk an solchen Thesen provoziert, kommt sie doch mitten im Lockdown und damit zu einer Zeit der blankliegenden Nerven. Fassen wir noch einmal kurz zusammen: #ZeroCovid ist eine Initiative, die sich als links versteht und einen europaweiten, intensiven Lockdown fordert, um die Infektionszahlen auf nicht fünfzig, nicht zehn, sondern null zu bringen. Eine wichtige Forderung der Initiative ist die Minimierung von Kontakten auch am Arbeitsplatz, das bedeutet: ein großflächiges Aussetzen aller Wirtschaftszweige, die nicht unmittelbar notwendig sind. Den dadurch zu erwartenden finanziellen Schaden sollen die vermögenden Schichten der europäischen Staaten abfangen. Erstunterzeichnet wurde der Aufruf von vielen Journalisten, Wissenschaftlern und Künstlern. Es folgten etliche weitere Unterschriften. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Artikels waren es knapp 87.000.

Nun ist eine Reaktion auf diese Initiative zunächst sehr erwartbar gewesen, sie lautet: Das ist unrealistisch! Schon vor #ZeroCovid gab es Stimmen, die selbst den von der Bundesregierung angepeilten Inzidenzwert von 50 für weltfremd hielten. So formulierte es etwa der Epidemologe Klaus Stöhr im November bei ZDF heute. Für „unrealistisch“ halten auch viele folglich die Forderung von null Infektionen. Andere Wissenschaftler wie Michael Meyer-Hermann halten das Null-Infektionen-Ziel für vorstellbar. Der Physiker, der sich selbst als „Optimist“ bezeichnet, sagte im Deutschlandfunk: „Ich glaube, das klare Ziel, was wir auch in der Presse schon teilweise sehen, was unter dem Begriff ‚Zero Covid‘ kursiert, ist ein sinnvolles Ziel“. Und auch der diskurshegemoniale Chefvirologe Drosten meinte jüngst im Spiegel: „Ich glaube schon, dass das möglich wäre, mit großen Anstrengungen.“

Wie hätten’s Ihre Linken denn gern?

Freunde der Ideologiekritik wissen: Wenn du wissen willst, wo dein Gegenüber politisch zu verorten ist, dann finde heraus, was er sich nicht vorstellen kann. Bewegen wir uns also zunächst weg von der Wissenschaft, die wenigstens versucht, ideologiearm zu argumentieren, hin zu den fachmännischen Produktionsbetrieben der Glaubenssätze. Der Chef der liberalkonservativen Welt befand beim ersten Blick auf #ZeroCovid, dass es sich dabei um eine „sozialistische Fingerübung“ eines Milieus handele, das außer „Freiheitsentzug, Verstaatlichung und Enteignung“ nichts zu bieten habe. Zunächst einmal: Guten Morgen! Wie hätten‘s denn Ihre Linken gern? Mit viel, wenig oder gar keinem Sozialismus? Zugegeben: Aus Ulf Poschardts Feder klingt das Wort „Enteignung“ tatsächlich ganz fies und düster. Dabei ist der Lastenausgleich doch bereits im vollen Gange. Die aus dem Lockdown resultierenden Schulden werden bereits angehäuft und werden vermutlich von den Folgegenerationen bezahlt werden. Die Frage ist nur: Wer zahlt wie viel? Zur Erinnerung: Die Lufthansa wurde bereits gerettet, mit vielen Milliarden Euro an Steuergeldern. Seltsamerweise schrie da keiner: Enteignung!

Und dann, ach, die Freiheit, die Freiheit! Eine weitgehende Einschränkung eben jener wurde nun schon zum zweiten Mal vorgenommen und derweil stetig verlängert. #ZeroCovid fordert: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Welt-Ressortleiter Andreas Rosenfelder, der auch kürzlich im Freitag zur Rolle der Medien in dieser Krise debattierte, schätzte #ZeroCovid als „Dystopie“ ein. Er wies auf einen wichtigen Punkt hin: Was kommt nach den null Infektionen, wie will man sich abschirmen gegen andere Länder, in denen das Virus vielleicht noch zirkuliert? Die „Reinheitsfantasie“ lenke ab von „pragmatischen Lösungen“ und münde, zu Ende gedacht, in einem Sci-Fi-Szenario: Risikogebiete, geschlossene Grenzen, grüne und rote Länder – Moment mal! Das klingt tatsächlich alles ganz schön schrecklich. Aber ist und war das nicht längst … die Realität?

Nur nebenbei bemerkt: Das Null-Infektionen-Ziel ist woanders bereits nahezu erreicht. Australien etwa, ein ganzer Kontinent, verzeichnet am Entstehungstag dieses Artikels, ganze elf Neuinfektionen im gesamten Land, bei einer 7-Tage-Inzidenz von acht. In manchem asiatischen Land sieht es ähnlich aus. Aber zweifellos belastet die Realität. Nur der Zyniker vergleicht Äpfel mit Birnen, Kängurus mit Dammwild, Grenzen mit Grenzen, Menschen mit Menschen. Bewegen wir uns also zunächst dorthin, wo das Faktische nicht ständig nervt: nach rechts.

Durchgebrannte Glühbirnen

Beim rechten Compact-Magazin versucht man es wie gewohnt mit starken Bildern und Emotionen. #ZeroCovid stößt hier auf so große kognitive Dissonanz, dass nur noch der Notnagel unter den Vergleichen infrage kommt: „Wollt ihr den totalen Lockdown?“, schreibt der Ex-Linke und Nun-Rechte Jürgen Elsässer und zitiert folgerichtig aus Goebbels Sportpalast-Rede, begleitet von entsprechender Bebilderung. Beim rechtskonservativen Blog Tichy‘s Einblick fährt man die Geschütze etwas weiter runter. Hier ist nur von einem „Manifest der Gesellschaftszerstörer“ die Rede. Europa solle nach dem Willen der 80.000 Unterzeichner in ein „Einzelhaftgulag“ verwandelt werden. Das wäre ja was. Ein Europa der freien, westlichen Länder, in dem die Einwohner quasi gefangen halten werden und in dem so gut wie alles verboten ist, bis auf den Zwang zur Arbeit. Moment mal!

Lassen wir die durchgebrannten Birnen hinter uns und bewegen uns dorthin, wo es wieder hell werden könnte: nach links. In der taz kommentierte Redakteur Thomas Gerlach, #ZeroCovid sei eine „halbtotalitäre Fantasie“. Auch hier wurden offensichtlich solide Schranken im Denken errichtet, die die Vorstellungskraft dauerhaft begrenzen. Gerlach vergleicht die Forderungen von #ZeroCovid mit Christen, die auf die Auferstehung des Herrn warten. Für derart mystisch hält er die Vorstellung, dass „eine Welt ohne Kapitalismus, ohne Profitlogik, dafür solidarisch“ tatsächlich entstehen könnte. Fairerweise muss man hinzufügen: Auch in der taz finden sich – wie übrigens auch im Freitagsehrunterschiedliche Positionen zu #ZeroCovid. Das fiese, linke Meinungskartell, es lässt mal wieder auf sich warten, während diejenigen, die es beständig wittern, ziemlich einer Meinung sind.

Zurück zum Thema: Ein Stück weiter links, in der Jungle World, gibt man sich weniger fantasielos. Ganz im Gegenteil. Hier vergleicht der Autor den bisherigen „Lockdown light“ mit Margarine (Du darfst!) und weist darauf hin, dass praktische Kritik – also solche, die weder NS-, noch Stalin-, Sci-Fi oder Bibelvergleiche nötig hätte – bislang fehlt. Hört, hört! Etwas düsterer hingegen sieht es ganz links aus. Auf der linksradikalen Plattform Indymedia ist man nicht erbost, sondernverzweifelt“ darüber „dass Menschen, welche wir bisher als unsere Verbündeten angesehen haben, im Dauerfeuer der medialen Covid-Panik wohl das Hirn geschmolzen sein muss“. Das Autorenkollektiv erklärt, es arbeite im Pflege- und Gesundheitssektor, und sei erschüttert, dass „antiautoritäre und linksradikale“ Gruppen mittlerweile den „staatlichen Totalzugriff“ und die „Gefängnisgesellschaft“ fordern. Kein Grund, gleich das Hufeisen auszugraben, aber: Haben wir das gerade nicht woanders fast exakt genau so gelesen?

Halten wir fest: #ZeroCovid fordert das Wünschenswerte, das obendrein nicht nur machbar ist, sondern bereits gemacht wurde, und macht mit dieser Forderung, von links bis rechts, sehr viele Leute unglücklich bis stinksauer. Die Vorstellung einer radikalen Menschlichkeit, einer unbedingten Priorisierung des Lebens über der Wirtschaft, sie hat in den Redaktionsstuben dieses Landes nur wenige Freunde. Das Märchen von der Freiheit im Kapitalismus hingegen durchdringt mittlerweile sämtliche politische Gefilde. Aber die Freiheit hat viele falsche Freunde.

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15:33 26.01.2021

Ausgabe 08/2021

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