Gekommen, damit Holm bleibt

Protest Das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität ist besetzt, die Studierenden fordern die Rückkehr ihres Dozenten. Viele wohnen selbst prekär

Der Eingang wird zur Hälfte von einem roten Banner bedeckt, in schwarz steht darauf: „Holm geht – wir bleiben“: Das Institut für Sozialwissenschaften (ISW) der Humboldt-Universität zu Berlin ist besetzt. Am Mittwochabend kamen etwa 150 Studenten ins Institut und verkündeten, dass sie aus Unmut über die Entscheidung, Andrej Holm zu entlassen, das Gebäude in Beschlag nehmen. Zunächst sollte die Besetzung bis Freitag dauern, im Plenum am Donnerstagmorgen wurde eine Verlängerung „auf unbestimmte Zeit“ beschlossen. Die Besetzer stammen aus dem Umfeld der Gruppe „Uni von unten“. Über Nacht waren etwa 50 bis 60 Leute geblieben, seit Donnerstagmorgen füllen sich die Räume wieder. So erzählt es Tillman Herzog, Mitglied des Presse-Teams. Der 25-Jährige studiert am ISW Sozialwissenschaften und ist empört: Die Präsidentin der Universität, Sabine Kunst, behaupte, die juristische Lage sei eindeutig und die Entlassung Holms nicht abzuwenden. „Das war eine politische Entscheidung“ sagt hingegen Herzog. „Viele Arbeitsrechtler haben uns gegenüber und auch öffentlich erklärt, dass es Auslegungssache ist.“

Wichtig ist ihm und den anderen Besetzern, dass es nicht um Holm als politische Figur und um seinen Posten als Staatssekretär geht, sondern in erster Linie darum, dass sie mit ihm einen guten, kritischen Dozenten verlieren. Dennoch habe er sich „total gefreut“, als Holm zum Staatssekretär ernannt wurde. Von dessen Stasi-Vergangenheit hätten einige, aber nicht alle gewusst. Als das Thema aufkam, seien zwar viele überrascht gewesen, diese trete aber vor Holms fachlicher Kompetenz in den Hintergrund. Dass die Universität sich nun von Holm trennt, stößt ihnen sauer auf. „Es hat nichts mit selbstbestimmter Lehre zu tun, wenn wir, die Studierenden, die ja mit Holm lernen sollen und wollen, in dieser Frage völlig übergangen werden“, ärgert sich Herzog über die Art, wie die Universität die Entscheidung getroffen hat.

Auf die Besetzung reagiere diese bisher gelassen. Weder vonseiten des Präsidiums noch vonseiten des Instituts – dessen Lehrbetrieb immerhin eingeschränkt wird – habe es bisher eine Reaktion gegeben, die Druck auf die Besetzer ausüben sollte. Ein Besuch von Polizisten am Abend habe nichts mit der Besetzung zu tun gehabt. Demnach ist die Stimmung vor Ort positiv. Auf einem Tagesplan wird das alternative Workshop-Programm angekündigt: von der Infoveranstaltung, die über die Gründe der Besetzung informiert, über ein Workshop „Kommunikationsguerilla“ bis zum obligatorischen Marxismus-Seminar und dem „Kapital“-Lesekreis ist alles dabei. Auch für Freitag steht das Programm schon, die Besetzung soll schließlich anhalten „bis unsere Forderungen erfüllt sind“, erklärt Herzog. Diese sind klar: Holm soll wieder eingestellt werden oder, falls das nicht möglich ist, es soll eine neue Lehrstelle für ihn geschaffen werden. Inwieweit der doch recht isolierte Protest einiger Sozialwissenschaftler die Entscheidung der Universität beeinflussen wird, bleibt abzuwarten. Auf Nachfrage des Freitags erklärte der Pressesprecher der Humboldt-Universität Hans-Christoph Keller: „Wir respektieren die Besetzung als Form des Protests an einer Universität mit Meinungsfreiheit.“ Wie die Universität, abgesehen von den verschobenen Veranstaltungen, darauf reagiert, sei noch nicht entschieden.

Die hohen Mieten treiben Studenten in einen Teufelskreis

Für viele der Anwesenden ist das Thema natürlich auch politisch aufgeladen, schließlich zählen Studenten zu den am stärksten unter den Mietsteigerungen leidenden Bewohnern Berlins. Tillman Herzog zog vor drei Jahren aus seiner WG in Kreuzberg aus, weil ihm ein neuer Mietvertrag aufgezwungen wurde, der die Miete um 100 Euro erhöhte. Die 23-jährige Claudia Fritz hingegen hatte Glück: Sie lebt in Friedrichshain und zahlt dort für ihr 17-Quadratmeter-Zimmer 350 Euro. Früher hat sie den gleichen Betrag für ein kleineres Zimmer in Reinickendorf blechen müssen. Durch die hohen Mieten geraten viele Studenten in einen „Teufelskreis“, sagt sie. „Der Bafög-Satz sieht viel zu wenig für Mieten vor, viele Leute müssen nebenher arbeiten, was wiederum die Studienzeit verlängert. Doch Bafög gibt es in der Regel nur für die Regelstudienzeit.“

Auch Thao Beyer, ebenfalls Studentin am ISW, kennt üble Geschichten von studentischen Wohnsituationen: eine Freundin wohne in einer heruntergekommenen Wohnung in Friedrichshain, ohne warmes Wasser und Strom. Die Miete sei hoch und die Hausverwaltung halte sie hin, wenn es um Reparaturen geht. Der Mietvertrag sei ohnehin befristet, sodass mit jedem neuen Mieter das Hinhalten von vorne losgeht. Sie selbst lebt seit drei Monaten in Kreuzberg und musste erstaunt feststellen, dass sie im Vergleich zu ihren Nachbarn dreimal mehr für eine gleichwertige Wohnung zahlt.

Auch wenn die Forderung der Institutsbesetzer auf das Beschäftigungsverhältnis Holms an der Universität abzielt, ist der politische Aspekt also durchaus präsent: Wohnungspolitik und Stadtsoziologie gehen hier alle etwas an. Auch die Slogans, die das Innere des Instituts schmücken, sprechen eine klare Sprache: Das unschwer zu entschlüsselnde „FCK SPD“ und das naheliegende Namenswortspiel „Holm muss bleiben, das ist doch keine Kunst“ verleihen der Kritik der Studenten Nachdruck.

16:57 19.01.2017

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