Leander F. Badura
19.01.2017 | 16:57 25

Gekommen, damit Holm bleibt

Protest Das Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität ist besetzt, die Studierenden fordern die Rückkehr ihres Dozenten. Viele wohnen selbst prekär

Der Eingang wird zur Hälfte von einem roten Banner bedeckt, in schwarz steht darauf: „Holm geht – wir bleiben“: Das Institut für Sozialwissenschaften (ISW) der Humboldt-Universität zu Berlin ist besetzt. Am Mittwochabend kamen etwa 150 Studenten ins Institut und verkündeten, dass sie aus Unmut über die Entscheidung, Andrej Holm zu entlassen, das Gebäude in Beschlag nehmen. Zunächst sollte die Besetzung bis Freitag dauern, im Plenum am Donnerstagmorgen wurde eine Verlängerung „auf unbestimmte Zeit“ beschlossen. Die Besetzer stammen aus dem Umfeld der Gruppe „Uni von unten“. Über Nacht waren etwa 50 bis 60 Leute geblieben, seit Donnerstagmorgen füllen sich die Räume wieder. So erzählt es Tillman Herzog, Mitglied des Presse-Teams. Der 25-Jährige studiert am ISW Sozialwissenschaften und ist empört: Die Präsidentin der Universität, Sabine Kunst, behaupte, die juristische Lage sei eindeutig und die Entlassung Holms nicht abzuwenden. „Das war eine politische Entscheidung“ sagt hingegen Herzog. „Viele Arbeitsrechtler haben uns gegenüber und auch öffentlich erklärt, dass es Auslegungssache ist.“

Wichtig ist ihm und den anderen Besetzern, dass es nicht um Holm als politische Figur und um seinen Posten als Staatssekretär geht, sondern in erster Linie darum, dass sie mit ihm einen guten, kritischen Dozenten verlieren. Dennoch habe er sich „total gefreut“, als Holm zum Staatssekretär ernannt wurde. Von dessen Stasi-Vergangenheit hätten einige, aber nicht alle gewusst. Als das Thema aufkam, seien zwar viele überrascht gewesen, diese trete aber vor Holms fachlicher Kompetenz in den Hintergrund. Dass die Universität sich nun von Holm trennt, stößt ihnen sauer auf. „Es hat nichts mit selbstbestimmter Lehre zu tun, wenn wir, die Studierenden, die ja mit Holm lernen sollen und wollen, in dieser Frage völlig übergangen werden“, ärgert sich Herzog über die Art, wie die Universität die Entscheidung getroffen hat.

Auf die Besetzung reagiere diese bisher gelassen. Weder vonseiten des Präsidiums noch vonseiten des Instituts – dessen Lehrbetrieb immerhin eingeschränkt wird – habe es bisher eine Reaktion gegeben, die Druck auf die Besetzer ausüben sollte. Ein Besuch von Polizisten am Abend habe nichts mit der Besetzung zu tun gehabt. Demnach ist die Stimmung vor Ort positiv. Auf einem Tagesplan wird das alternative Workshop-Programm angekündigt: von der Infoveranstaltung, die über die Gründe der Besetzung informiert, über ein Workshop „Kommunikationsguerilla“ bis zum obligatorischen Marxismus-Seminar und dem „Kapital“-Lesekreis ist alles dabei. Auch für Freitag steht das Programm schon, die Besetzung soll schließlich anhalten „bis unsere Forderungen erfüllt sind“, erklärt Herzog. Diese sind klar: Holm soll wieder eingestellt werden oder, falls das nicht möglich ist, es soll eine neue Lehrstelle für ihn geschaffen werden. Inwieweit der doch recht isolierte Protest einiger Sozialwissenschaftler die Entscheidung der Universität beeinflussen wird, bleibt abzuwarten. Auf Nachfrage des Freitags erklärte der Pressesprecher der Humboldt-Universität Hans-Christoph Keller: „Wir respektieren die Besetzung als Form des Protests an einer Universität mit Meinungsfreiheit.“ Wie die Universität, abgesehen von den verschobenen Veranstaltungen, darauf reagiert, sei noch nicht entschieden.

Die hohen Mieten treiben Studenten in einen Teufelskreis

Für viele der Anwesenden ist das Thema natürlich auch politisch aufgeladen, schließlich zählen Studenten zu den am stärksten unter den Mietsteigerungen leidenden Bewohnern Berlins. Tillman Herzog zog vor drei Jahren aus seiner WG in Kreuzberg aus, weil ihm ein neuer Mietvertrag aufgezwungen wurde, der die Miete um 100 Euro erhöhte. Die 23-jährige Claudia Fritz hingegen hatte Glück: Sie lebt in Friedrichshain und zahlt dort für ihr 17-Quadratmeter-Zimmer 350 Euro. Früher hat sie den gleichen Betrag für ein kleineres Zimmer in Reinickendorf blechen müssen. Durch die hohen Mieten geraten viele Studenten in einen „Teufelskreis“, sagt sie. „Der Bafög-Satz sieht viel zu wenig für Mieten vor, viele Leute müssen nebenher arbeiten, was wiederum die Studienzeit verlängert. Doch Bafög gibt es in der Regel nur für die Regelstudienzeit.“

Auch Thao Beyer, ebenfalls Studentin am ISW, kennt üble Geschichten von studentischen Wohnsituationen: eine Freundin wohne in einer heruntergekommenen Wohnung in Friedrichshain, ohne warmes Wasser und Strom. Die Miete sei hoch und die Hausverwaltung halte sie hin, wenn es um Reparaturen geht. Der Mietvertrag sei ohnehin befristet, sodass mit jedem neuen Mieter das Hinhalten von vorne losgeht. Sie selbst lebt seit drei Monaten in Kreuzberg und musste erstaunt feststellen, dass sie im Vergleich zu ihren Nachbarn dreimal mehr für eine gleichwertige Wohnung zahlt.

Auch wenn die Forderung der Institutsbesetzer auf das Beschäftigungsverhältnis Holms an der Universität abzielt, ist der politische Aspekt also durchaus präsent: Wohnungspolitik und Stadtsoziologie gehen hier alle etwas an. Auch die Slogans, die das Innere des Instituts schmücken, sprechen eine klare Sprache: Das unschwer zu entschlüsselnde „FCK SPD“ und das naheliegende Namenswortspiel „Holm muss bleiben, das ist doch keine Kunst“ verleihen der Kritik der Studenten Nachdruck.

Kommentare (25)

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Ehemaliger Nutzer 19.01.2017 | 18:12

Prima wäre, würden die Studirenden sich ihrer Konditionierung verweigern, die Uni dauerhaft besetzen und mit Holm eine wahrhaftiges Studium des gewünschten Fachs, nicht um ins System eingeschleift zu werden, sondern um das System selbst zu schleifen und sich radikal dagegen zu stellen.

Leider ein frommer Wunsch - vielleicht erreichen sie die Wiedereinstellung von Holm, der wird dann das gewünschte Wissen vermitteln, vielleicht mit kritischen Anmerkungen, doch die Absolventen dürften, sobald sie sich dem Markt anbiedern, vor allem eines werden, nützliche Helfer ihrer Kaufkraftquellen.

Prima wäre, würde hier ein Funken überspringen und wäre das Fass endlich übergelaufen!

Anelim Aksnesej 19.01.2017 | 21:27

Seit wann haben Studenten ein Mitspracherecht? Das ist doch ein ewig dauernder Widerspruch.Ich wünsche allen StudentenInnen-Mut,Ausdauer,Zusammenhalt,Erfindungsreichtum-Frau Kraft und die Entlassungsgruppe um sie brauchen Gegenwind-kräftig mit schlagenden Argumenten-nicht spalten lassen! Wir Brandenburger sind sie los,hier war ihr Lieblingswort Inklusion aber die Räume und das Personal waren so minimal,daß ihre ach so hehre Vorstellung sehr viel mit Luftschlössern zu tun hatte-Parallelwelten sozusagen-da wäre eine Konfrontation mit Mietwuchersummen,Wohnungsfotos etc. vielleicht erhellend für alle TheoretikerInnen.

Doppelter Hamburger 20.01.2017 | 07:49

Es tut mir leid, aber genau diese Aussagen machen viele der selbsternannte Mitaktivist_innen zu unglaubwürdig:
Das Studium ist bereits bis auf wenige hundert Euro umsonst, aber arbeiten gehen neben dem Studium ist ja nicht drin - weil einen bitte schön die Eltern das zahlen sollen?

Und vielmehr: natürlich ist eine Stadt toll und wünschenswert, in der Menschen auch ohne Einkommen in der Innenstadt leben können, aber ich sehe wenig skandalisierungspotential, wenn Studierende, die nach eigener Aussage nicht bereit sind, neben ihrem Studium zu arbeiten, nicht in den zentralsten und angesagtesten Gegenden der Stadt wohnen können.
Schlimm ist es, wenn Retner_Innen und Menschen mit geringem Einkommen immer weiter an den Rand der Stadt gedrängt werden.
Aber, jetzt noch mal polemisch, für die Paar kids aus der Mittelschicht, denen Mama und Papa das Studium zahlen, habe ich da einfach wenig verständnis für, wenn es skandalisiert wird, wenn sie nicht mehr in Kreuzberg wohnen.
Sowas macht m.M.n. unglaubwürdig und schadet einfach nur der Sache

apatit 20.01.2017 | 08:14

Ich finde was die UNI – Leitung hier macht nicht zeitgemäß und rechtlich bedenklich! Guter Artikel und auch richtige Reaktion von Studenten.

Zum Thema Holm und den Umgang mit ihnen wurde schon viel gesagt – ich hoffe das man bei Schuld im Rechtsstaat, differenziert und nicht wie hier – die Stasikeule als “ obersten Richter “ missbraucht. Die Stasibehörde entwickelt sich immer mehr zur “Spaltungsbehörde“ Keiner will schlimmes Unrecht - die Teile von Mitarbeitern des MfS mit Menschen machten in ab redestellen, man muss aber auch hier Differenzierung verlangen, wer in der MfS Kantine gearbeitet hat, war auch bei der Firma … Nochmal, 27 Jahre ist es her, er war noch Jung – er darf sich wohl nicht weiterentwickeln? Ich kenne einen Bratwursthersteller der war auch Jung und nun ist er ziemlich alt und nach einen Knastaufenthalt, bei vielen, wieder der Held, dass sollte für alle gelten! Und wie es die UNI Leitung macht “ arglistig getäuscht “ - ist schnell gesagt, macht sich zwar gut im Zeitgeistmodell, allerdings nicht des “Pudels Kern“! Der Wissenschaftler Humboldt wird sich im Grabe umdrehen!

CommonSense 20.01.2017 | 09:52

Okay, da es scheinbar ein paar Leute einfach so vergessen haben, während sie schön die Linke wählen, die übrigens die ehemalige SED (sozialistische Einheitspartei Deutschlands) war: Holm war hauptamtlich bei der Stasi tätig. Stasi heißt abgekürzt "Staatssicherheit" und war eine menschenverachtende Spitzelorganisation der DDR, die ihre Gefangenen bei lebendigem Leib in Folterverhören und in Gefangenschaft grausam gequält hat. Jetzt arbeitet Holm also für die Stasi, damals zu seiner Jugendzeit. Vielleicht war er etwas älter oder genau so alt wie einige Studenten der Humboldt Uni heute. Er ordnet an, dass Leute ihre Nachbarn beschatten und an die Stasi verraten. Holm geht in die Häuser, um die Verräter zum Folterverhör abzuholen. Ein bissiger deutscher Schäferhund merkt sich wie der Verräter riecht, sollte er aus dem Gefängnis flüchten, wurde er "den Verräter" todbeissen. Der "Verräter" ist im Gefängnis ohne Anhörung eingesperrt worden, vielleicht von Holm persönlich. Er darf nicht schlafen und nichts essen. Stasi Mitarbeiter rütteln ihn wach. Er ist "Verräter des Sozialismus", weil er sich Freiheit gewünscht hat und gegen das nicht vom Volk gewählte DDR Regime protestiert, das, wie die Nazis einige Jahrzehnte vorher, gegen das Gesetz an der Macht ist. Er will auch vielleicht einfach nur ein Auto kaufen, ohne darauf 20 Jahre lang warten zu müssen oder den Beruf ergreifen, den ER möchte. Diese logischen Wünsche toleriert die DDR nicht. Die Stasi und Holm ergreifen ihn. Und Studenten wollen so einen als wissenschaftlichen Mitarbeiter zurück? Herr, lass Hirn vom Himmel regnen!

apatit 20.01.2017 | 11:23

Au-Backe, hier sind paar "echte" DDR “Auskenner“!

Nochmal: Wenigstens Nachdenken! “Toleranz und Achtung gegenüber jedem einzelnen und Widerspruch und Vielfalt der Meinungen sind von noeten. Eine politische Kultur mit der unser Land, das geeinte, seine besten Traditionen einbringen kann in ein geeintes freies friedliches Europa.“ UND “ Und diejenigen DDR-Bürger die die Waffen zur Erhaltung des ungeliebten Systems besaßen waren zurückhaltend genug auf deren Anwendung zu verzichten. Und dieses sollte, so meine ich, bei ihrer künftigen Beurteilung zumindest mit in Betracht gezogen werden.“ War ein Auszug der Rede, die entgegen langjährigen Gepflogenheiten nicht im “Bulletin“ der Bundesregierung veröffentlicht wurde... meine Kenntnis.

Weiter:

Das sagte im Bundestag als Alterspräsident der überzeugte Sozialist S. Heym, der in der DDR zu unrecht “kaltgestellt“ wurde?! Wenn solche Studenten als Gefahr bezeichnet werden ( @Zelotti ) - dann können wir gleich das Licht ausschalten, denn dann muss ich wieder den von mir geschätzten G. Zwerenz, zitieren: “Dem Geist ist jederzeit die souveräne Verachtung der jeweils Regierenden sicher. Entfällt sie, wird entweder nicht regiert oder nicht gedacht.“

CommonSense 20.01.2017 | 19:42

Wenn, dann heißt das psychologische Kriegsführung. In der Schule haben Sie wohl nicht aufgepasst, sonst würden Sie wissen, was der kalte Krieg war. Wenn Sie einen inneren kalten Krieg führen, empfehle ich eine Wärmflasche oder ein paar Lektionen Geschichte. Sie könnten z.B. mit dem Film "Das Leben der Anderen" beginnen, dann sehen Sie, dass die Stasi Methoden historisch belegt sind und von Regisseuren wieder aufgegriffen wurden. An den von der Stasi verwendeten Methoden in meinem Text ist nichts erfunden. Alternativ oder am besten zusätzlich, da Sie wirklich einiges aufzuholen haben, sollten Sie in Berlin das Museum am Checkpoint Charlie besuchen. Dort ist illustriert, wie viele Menschen der DDR aus welchem "Grund" von der Stasi und den Mauerschützen umgebracht wurden. Der liebe Gott kann bei so wenig Wissen und so viel Feigheit und Bequemlichkeit, der Wahrheit nicht ins Auge zu sehen, natürlich nichts mehr ausrichten. Außerdem- Sie schreibt man groß, das sollten Sie lieber machen. Sonst laufen Sie Gefahr, dass keiner ihren Kommentar Ernst nimmt und ihn für einen einzigen Rechtschreibfehler hält.

apatit 21.01.2017 | 11:37

Ich werde immer den Finger in die Wunde legen! ( Stasi – “Diktatur“ da ist grundsätzlich alles “Verbrechen“?!)

USA: Das sind die 13 Foltermethoden des CIA - WELT

https://www.welt.de › Politik › Ausland

… nachzulesen in einer für mich konservativen Zeitung, das ist dann grundsätzlich in einer Demokratie legitim, Guantánamo ( Rechtsstaat ausgeschaltet ) - Unrechtsstaat da erlaubt, die Insassen werden nie ein offizielles Gerichtverfahren bekommen, wo ist da die unabhängige Justiz? Da kämen die Verbrechen an´s Licht so richtig mit Richter, Presse und alles was dazu gehört! “Das Leben der Anderen“ - was einen politisch motivierten Oscar “wert“ war als Argument, überzeugt mich nicht!

"Rechtschreibfehler" ... man ist`, sind SIE, ...billig!

Paul Zander 24.01.2017 | 08:29

Reicht es nicht, dass dieses Land IM´s als BK u. BP hat ?

Da versuchen diese linken Studenten noch , mit solchen Aktionen diesen alten Abschaum der Stasi mit aller Macht in die Regierung zu bringen. Wir alle, die wir mit dieser Brut des Bösen zu tun hatten können da nur aus Protest sagen, diese Studenten sollte man erst einmal ein paar Jahre arbeiten lassen,damit sie klar im Kopf werden.

apatit 24.01.2017 | 11:34

"Wir alle, die wir mit dieser Brut des Bösen zu tun hatten können da nur aus Protest sagen, diese Studenten sollte man erst einmal ein paar Jahre arbeiten lassen,damit sie klar im Kopf werden."

Zum Glück sind diese Studenten und jungen Menschen Hoffnung, kritisches hinterfragen und Toleranz, Differenzierung hat diesem Deutschland noch nie geschadet, die Zeitrechnung beginnt nicht erst 1989!

molodjez 24.01.2017 | 23:48

Der Fall Holm wäre die Möglichkeit gewesen, mit dem eingeübten Ritus der Stasi-Empörung Schluss zu machen und nüchtern zu fragen, was genau ihm vorgeworfen wird. Das wurde leider verpasst. 27 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR reicht es aus, dass jemand MfS-Mitarbeiter war, um gesellschaftlich geächtet zu sein. Hätte Holm jemanden erschlagen, wäre er heute wieder auf freiem Fuß und wäre ein akzeptierter Bürger. Holm nicht, dabei ist es egal, was er gemacht hat. Es reicht das Wort Stasi - Rechtsstaat sieht anders aus.