„Ich bin einfach Demokrat“

Interview Dreimal war der Buchhändler Heinz Ostermann bereits Ziel von Anschlägen. Er gibt nicht auf
„Ich bin einfach Demokrat“
„Wir wollen mit unserer Initiative eine Sensibilität, eine Wachheit entwickeln“

Foto: Doris Spiekermann/Imago

In der Krokusstraße in Rudow, im Süden des Berliner Bezirks Neukölln, befindet sich die Buchhandlung Leporello. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchhandlungspreis und mehrfach vom Berliner Senat für Verdienste um die Leseförderung vor Ort geehrt, gehört sie Heinz Ostermann. Seit einiger Zeit werden Inhaber und Laden zum Ziel von Anschlägen. Die Täter gehören mutmaßlich zu Neonazi-Strukturen, die hier seit Jahren existieren. Am 1. Februar ging zum zweiten Mal Ostermanns Auto in Flammen auf, auch den Linken-Politiker Ferat Kocak traf es. Zum Zeitpunkt des Gesprächs ist Ostermann im Urlaub, es findet am Telefon statt. Er spricht abgeklärt und unaufgeregt – und macht nicht den Anschein, aufgeben zu wollen.

der Freitag: Herr Ostermann, über ein Jahr nach den letzten Attacken sind Sie wieder Ziel eines Anschlags geworden. Wie erklären Sie sich das?

Heinz Ostermann: Ich glaube, das sind relativ spontane Geschichten. Der Tag vor dem Anschlag war der Jahrestag der Machtübergabe an Hitler, sodass ich vermute, dass die gefeiert und dann spontan entschieden haben: Jetzt machen wir noch mal was. Ich denke, die haben eine Liste, auf der stehe ich. Und dann haben sie sich zwei ausgesucht. Solange die Täter nicht gefasst sind, wird es weitergehen.

Warum stehen Sie auf der Liste?

Gute Frage. Ich bin Mitglied in der Initiative Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus, die 2016 entstand. Wir haben damals ein paar Veranstaltungen geplant und eine davon war eben bei mir, am 2. Dezember 2016. Da waren etwa 50 Leute, es war eine gutbürgerliche Veranstaltung, überhaupt nichts Linksextremes oder so. Es waren gute Gespräche, alle gingen zufrieden nach Hause, hatte ich den Eindruck. Und am 10. Dezember war dann meine Scheibe kaputt. Im Januar darauf brannte mein Auto.

Vorher hatten Sie nie Probleme?

Nein. Es ist keine linke Buchhandlung, sondern eine ganz normale Sortimentsbuchhandlung, ich bin auch kein Parteimitglied. Ich würde mich einfach als engagierten Demokraten bezeichnen.

Aber inzwischen müssen Ihre Veranstaltungen unter Polizeischutz stattfinden.

Dazu hat man mir geraten, ja. Ich soll Bescheid sagen und dann positionieren die sich vor der Buchhandlung. Das ist schon verrückt. Wir hatten Anfang März das Lesefest „Rudow liest“, das waren 13 Lesungen verteilt im Ortsteil. Auch da war die Polizei vor Ort. Und da war im Kern nichts Politisches dabei, ein Kinderbuch wurde vorgestellt, Sten Nadolny war da ...

Zur Person

Heinz Ostermann, 61, studierte Wirtschaftswissenschaften, Soziologie, Politik und Philosophie. Seit Frühjahr 1989 lebt er in Berlin. Nach einer Zeit an der Freien Universität und in der öffentlichen Verwaltung eröffnete er 2007 die Buchhandlung Leporello.

Was stört die Nazis an Ihnen?

Ich denke, dass ich denen nicht gefalle, weil ich in Rudow mit dem, was ich mache, gut vernetzt und ein guter Multiplikator bin. Weil ich liberal-humanistisch bin. Die wären froh, wenn sie mich mundtot machen könnten, das sind Drohsignale.

Das heißt also, je mehr Sie sich wehren, desto mehr machen Sie sich zur Zielscheibe, oder?

Na ja, es gibt ja zwei Möglichkeiten: Ich kann einfach den Mund halten und nichts machen. Dann würde ich mich aber in meiner eigenen Haut nicht wohlfühlen. Oder ich gehe an die Öffentlichkeit und hoffe, dass das auch ein Schutz für mich ist. Ich habe diesen Weg gewählt. Darüber hinaus habe ich Initiativen für mehr zivilgesellschaftliches Engagement in Rudow gestartet. Das ist die Aktion „Rudow empört sich“. Innerhalb von einer Woche hatten wir das auf den Weg gebracht. Es geht um eine Postkartenaktion, die bisher auch gut anläuft. Wir wollen eine Sensibilität, eine Wachheit entwickeln.

Eine Postkartenaktion? Das kommt mir angesichts rechter Gewalt etwas zahnlos vor.

Ich glaube auch nicht, dass die sich davon aufhalten lassen. Das ist eher die Öffentlichkeitsschiene. Für mich steht im Vordergrund, dass man in Rudow ins Gespräch kommt. Dass da zivilgesellschaftlich etwas entsteht. Am 21. März, dem Internationalen Tag gegen Rassismus, werden wir jedenfalls bei einer Kundgebung dabei sein.

Sie gelten als Held, weil Sie sich nicht einschüchtern lassen. Wie schaffen Sie das?

Es ist keine Absicht, zum Helden zu werden, ich fühle mich auch nicht so. Das Engagement entwickelte sich. Nach dem letzen Anschlag gab es eine Kundgebung, da dachte ich: Das ist wichtig, hat aber etwas Ritualhaftes. Vielleicht muss man auch auf anderen Ebenen tätig werden, daher die neue Aktion.

Es gibt bisher kaum Ermittlungserfolge. Der Linken-Politiker Ferat Kocak, dessen Auto ebenfalls abbrannte, hat die Vermutung geäußert, dass der Verfassungsschutz V-Leute in der Szene hat und die Polizei deswegen zurückhaltend ist. Wie erklären Sie sich, dass da nichts passiert?

Ich bin auf jeden Fall enttäuscht, dass es keine Ergebnisse gibt. Ich muss jedoch sagen, ich nehme die Ermittlungsbeamten, denen ich begegnet bin, ernst in ihrem Engagement. Ich glaube auch, dass der SPD-Innensenator Ergebnisse möchte. Die Frage ist, ob wirklich alle Register gezogen werden. Vielleicht muss man noch näher an die verdächtigen Personen ran, vielleicht braucht man stabil größere Einheiten, die in dieser Sache ermitteln. Das fordere ich ein. Ob da V-Leute drin sind oder nicht, kann ich nicht einschätzen.

Berlin wird Rot-Rot-Grün regiert, Neukölln von der SPD. Was müsste auf politischer Ebene passieren, um das Nazi-Problem in den Griff zu kriegen?

Das ganze Problem in den Griff zu kriegen, ist eine schwierige Geschichte. Ich wäre grundsätzlich schon froh, wenn man die ganzen Wähler wiedergewinnen könnte, die ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Da müssen sich allerdings die Politiker Gedanken machen, wie sie das machen. Das kann jedoch definitiv nicht sein, indem man selbst immer mehr nach rechts rutscht.

Wie waren die Reaktionen im Viertel und in Ihrem Umfeld?

Das ist in der Regel Entsetzen. Ich habe einen E-Mail-Verteiler für meine Veranstaltungen und darüber habe ich meine Kunden informiert. Da kamen viele Mails zurück, die auch ihre Unterstützung anboten. Der Wagen, der jetzt abgebrannt ist, war spendenfinanziert. Das ist diesmal nicht nötig, die Versicherung übernimmt das.

Als Kunde könnte man ja auch sagen: selber schuld, damit will ich nichts zu tun haben.

Das wäre ein Grund für mich, darüber nachzudenken, die Buchhandlung zuzumachen. Da würde ich sagen, ich bin hier falsch. Aber das ist zum Glück nicht so.

Wenn Sie zumachen würden, wäre das ein Verlust für die soziale Infrastruktur im Ort.

Es gibt zwei Sachen im Ortsteil, die kulturell etwas anbieten, das ist der Kulturverein Alte Dorfschule Rudow – und ich. Also ja, das wäre, glaube ich, schon etwas, was viele bedauern würden.

Als Buchhändler in Zeiten des Rechtsrucks, hat man da eine besondere Verantwortung?

Die Initiative, die wir Neuköllner Buchhändler ins Leben gerufen haben, entstand genau vor diesem Hintergrund. Wir denken, dass Buchhandlungen als Orte des öffentlichen Diskurses dienen sollten. Und gute Bücher haben immer etwas mit Erkenntnisgewinn zu tun, mit einer Einsicht in Dinge, die man bisher nicht so hatte. Da geht es schon um ein gesellschaftliches Selbstverständnis.

Rund um die Buchmessen gab es Diskussionen um die Teilnahme rechter Verlage. Gehören auch die zum öffentlichen Diskurs?

Ich bin schon der Meinung, dass der Diskurs sehr offen gehalten werden sollte. Ich glaube aber auch, dass es mit so fanatisierten Leuten nicht sehr viel Sinn macht, sich zu unterhalten. Aber es gibt viele Menschen, die noch nicht so schlimm drauf sind und mit denen zu sprechen, halte ich für sinnvoll, ja.

06:00 20.03.2018

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