Wer ist hier der Nazi?

Rechte Politiker der AfD "Nazis" zu nennen, mag gut tun. Der politischen Analyse ist es jedoch abträglich. Und es relativiert die Verbrechen der Vergangenheit
Wer ist hier der Nazi?
Auch diese Frau ist bestimmt kein Nazi

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Für unsere Wahlserie veröffentlicht der Freitag sein Wochenthema - damit Sie mitmachen können. Gestalten Sie die nächste Ausgabe mit! Diskutieren Sie mit unseren Redakteuren und kommentieren Sie unsere Artikel. Das reicht Ihnen nicht? Kein Problem. Dafür ist der Freitag da.
Werden Sie Autor/in und bloggen Sie doch einfach selbst!

Zugegeben, jemanden einen Nazi zu schimpfen, hat eine kathartische Wirkung. Gerade bei Demonstrationen gegen Rechts kanalisiert der Ruf „Nazis raus!“ Wut und Abscheu gegen die Menschenfeinde. Allein, so wohltuend er im Aktivismus sein mag, so problematisch ist der Begriff auf analytischer Ebene. Das liegt in erster Linie an dem klaren historischen Ort, den er hat. Während für Schlägertrupps kruder Kleinparteien oder die Terroristen des sogenannten NSU der Terminus „Neonazis“ sicher treffend ist, ergeben sich in Bezug auf die AfD nicht zu leugnende Unstimmigkeiten, werden ihre Angehörigen als Nazis bezeichnet. Gewiss, in der Partei findet sich so mancher, der gerade in Bezug auf den Nationalsozialismus eine Kehrtwende in der Geschichts- und Erinnerungspolitik fordert. Das sind jedoch Positionen, die bis vor nicht allzu langer Zeit auch in der CDU zu hören waren. Was wiederum der Inszenierung als „normale Konservative“ zugute kommt, mit der sich die AfD selbst verharmlost. Denn wie nicht zuletzt Alexander Gauland zeigt, führt der Weg der Geschichtsrevisionisten raus aus der CDU. Dennoch: der positive (oder zumindest nicht-negative) Bezug der AfD auf den NS macht sie nicht zu einer Nazi-Partei.

Der Nationalsozialismus war die Versöhnung des Widerspruchs von Arbeit und Kapital in der Nation, in der Volksgemeinschaft. Mittler dieser negativen Aufhebung des Kapitalverhältnisses war der Antisemitismus, der die Juden mit der verhassten Moderne identifizierte. Doch während die NSDAP (und in ihrer Tradition die NPD) Sozialprogramme für Arier auflegte, ist die AfD hier von einer Ambivalenz geprägt. Der neoliberale Flügel schreibt Sozialpolitik sogar für Deutsche im Sinne des Parteiprogramms klein; Neoliberalismus verpflichtet. Andere wollen jedoch vielmehr auf einen nationalistischen Sozialpopulismus, wie ihn der FN in Frankreich betreibt, setzen. In puncto Nationalismus strebt allerdings auch die AfD an, den Menschen die Bindung zurückzugeben, die die Globalisierung ihnen genommen hat: die angeblich „eigentliche“ Nation; Feindbestimmung inklusive: die kapitalistische Moderne.

Der gravierendste Unterschied ist die Gewalt. Man kann der AfD so einiges vorwerfen, aber eine paramilitärische Truppe, mit der politische Gegner eingeschüchtert und verprügelt werden, hat sie nicht geschaffen. Man mag nun auf die historische Lage der Zwanziger und Dreißiger verweisen, doch der Bezug auf die Gewalt ist essentiell. Für die historischen Faschisten war Gewalt nicht nur Mittel zum Zweck, sie war Inhalt und Form der Politik. Gewalt war das Ziel und der Staat – eigentlich Bändiger der Gewalt in seinem Monopol – wurde unter ihnen zum brutalisierten Unstaat, zum „Behemoth“, wie es Franz Neumann in Anlehnung an Thomas Hobbes’ „Leviathan“ ausdrückte. Den kulturindustriellen Zirkus, den der Wahlkampf darstellt, suchten die Nazis zu sprengen. Joseph Goebbels beschrieb die Strategie der NSDAP einmal treffend so: „Wir werden Reichstagsabgeordnete, um die Weimarer Gesinnung mit ihrer eigenen Unterstützung lahmzulegen.“ Die AfD spielt auf der Wahlkampfklaviatur exzellent mit, hat hingegen ein gespaltenes Verhältnis zum Staat. Während die „Realpolitiker“ um Frauke Petry (dass sie als solche gilt, spricht Bände), zum Marsch durch die Institutionen blasen wollen, fordert der völkisch-neurechte Flügel um Björn Höcke die Fundamentalopposition. Was das heißen soll, bleibt unklar. Bisher hat die AfD jedoch – schlimm genug – lediglich eine Diskursverschiebung veranlasst, in der menschenfeindliche Gewalt sich als encouragiert betrachten kann.

Ultra-mega-super-nazistisch?

Man könnte nun einige weitere Merkmale des Faschismus aufzählen und als Maßstab an die Rechten von heute anlegen: Massenbewegung, Maskulinitätskult, Antisemitismus, usw. An ihnen kann man immer wieder die Flügelkämpfe der AfD festmachen. Anders gesagt: die AfD hat, wie die Neue Rechte ohnehin, ein ungeklärtes Verhältnis zum Faschismus. Letzterer verstanden als die oben beschriebene Ablehnung der Moderne. Insofern können Teile der Partei als faschistoid gelten.

Doch das Vergleichen wird nicht weit führen und birgt das wohl gravierendste Argument gegen das Bezeichnen von AfD-Politikern als „Nazis“: die damit einhergehende Relativierung der deutschen Verbrechen. Wenn eine reaktionäre Familienpolitik, eine revisionistische Geschichtsauffassung oder Homophobie schon nazistisch sind – was sind dann Auschwitz, Menschenversuche und der Angriffskrieg? Ultra-mega-super-nazistisch? Nein, die Nazis haben ihren historischen Ort und sollen ihn behalten. Das heißt nicht, dass die Sache mit dem Faschismus gegessen ist. Im Gegenteil, nicht zuletzt die hinter dem Aufstieg der AfD stehenden Einstellungen bezeugen die Gültigkeit des Brecht’schen Diktums „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Höcke ist ein Sohn Deutschlands. Oder, mit Adorno gesprochen: nicht das Nachleben des Faschismus gegen die Demokratie, sondern in der Demokratie, ist die Gefahr. Denn nicht so sehr die konkreten Einstellungen, als vielmehr Denkformen und -muster des modernen Menschen tendieren zum Umschlag in Barbarei. Der Ungeist der Anpassung und der bürokratischen Unterordnung, des Wegsehens und Nach-unten-Tretens, kurz: des autoritären Charakters, weht nicht nur in der AfD, sondern auch in den besten bürgerlichen Amts- und Wohnstuben des Landes.

Wie verdrängt diese Tatsache ist, zeigt eben auch die Katharsis, die wir empfinden, wenn wir andere „Nazis“ schimpfen. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, wer ein Nazi ist – sondern vor allem darum, dass wir selbst keine sind. Wenn im Ausland Angela Merkel entsprechend dargestellt wird, echauffiert man sich hierzulande zurecht. Doch uns gegenseitig als Nazis zu betiteln, damit scheinen wir kein Problem zu haben. Denn Nazis, das sind immer die anderen – das ist in Deutschland seit 1945 quasi Konsens. In der Psychoanalyse nennt man das Abspaltung. Ein Phänomen, das gerade auf sozialer Ebene immer wieder kuriose und gefährliche Blüten treibt: Schließlich wären wir alle im Widerstand gewesen und (Ur-)Opa war kein Verbrecher.

Es täte gut, die Debatte um die AfD zu rationalisieren, statt auf kollektiv hyperventilierende Hysterie zu setzen, die doch nur der Selbstvergewisserung dient. Dann fiele es auch leichter, sie als die Gefahr für Freiheit und Demokratie wahrzunehmen, die sie darstellt. Wenn von Jan Böhmermann bis Sigmar Gabriel zu vernehmen ist, dass mit der AfD erstmals seit 1945 Nazis im Reichstag sitzen, dann ist das schlicht falsch. Erstens war die Politik bis weit in die Geschichte der Bundesrepublik hinein mit zahllosen ehemaligen Nazis bestückt. Man denke nur an Filbinger, Kiesinger oder Globke. Zweitens relativiert es die Verbrechen des deutschen Mörderkollektivs. Indes, zu bekämpfen ist die AfD allemal. Und die Grundlagen des Faschismus sowieso – immer und überall.

06:00 19.09.2017

Kommentare 36

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community