Wir haben es bunt

Protest Am Samstag fand in Berlin die "Wir haben es satt"-Demo statt. Ein breites Bündnis trug seine Forderungen vor – doch nicht alle davon sind progressiv
Wir haben es bunt
Kreativer Protest in Berlin
Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Samstagmittag, S-Bahnhof Potsdamer Platz, Berlin. Es reicht, den grünen Greenpeace-Leuten zu folgen, um den Weg zur diesjährigen „Wir haben es satt“-Demo zu finden. Um im Wahljahr 2017 seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen, versammelt sich ein breites Bündnis von Aktivisten zur Großdemonstration. Landwirtschaftsverbände, Öko-Aktivisten und Globalisierungskritiker ziehen durch die Hauptstadt, angeführt von einem Traktoren-Treck. Die Demo ist von langer Hand geplant, jetzt ist es soweit: laut Veranstaltern sind es 18.000 Teilnehmer, dazu kommen 130 Traktoren, aus der ganzen Republik angereist. Die Route führt vom Potsdamer Platz am Landwirtschaftsministerium vorbei zur Rückseite des Brandenburger Tors.

Die Forderungen sind so zahlreich, wie die Bündnisteilnehmer divers. Im Vordergrund: Die Förderung bäuerlicher und ökologischer Landwirtschaft. Dazu kommen unter anderem die Zerschlagung des Konzerns Bayer-Monsanto, ein Verbot von Gentechnik, ein Ende der Massentierhaltung und der Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung, sowie mehr Marktregulierung. Zusammengefasst: die „Macht der Agrarkonzerne“ soll gebrochen und eine „Agrarwende“ herbeigeführt werden. Konkrete Forderungen wie „500 Millionen Euro mehr investieren“ oder „Antibiotikamissbrauch stoppen“ richten sich wahlweise an die Verantwortlichen in Berlin oder Brüssel. Auch soziale Forderungen werden vorgebracht, sind doch die Arbeitsbedingungen in der Lebensmittelindustrie oft menschenunwürdig.

Die Teilnehmer sind ein bunter Querschnitt der Szene: von BUND über ÖDP bis Demeter wird die Demo von über 50 Trägerorganisationen getragen. An der Spitze des Demo-Zugs gehen die Jungbäuerinnen und Jungbauern. Ihnen geht es um ein Aufhalten des Höfe-Sterbens und um Hilfen bei der Existenzgründung. Die jungen Männer und Frauen rufen „Wir sind außer Rand und Band, wir wollen Zukunft auf dem Land“. Die derzeitige Situation bedrohe die traditionelle Bewirtschaftung der Anbauflächen und somit ihre Existenz. Während es hier noch enthusiastisch zugeht, gleicht die Demo weiter hinten eher einem gemächlichen Winterspaziergang, plus Campact-Flaggen.

Auch einige exotische Vögel tummeln sich in der Menge: ein älterer Herr in Uniform mit roter Fahne, die Hammer und Sichel zieren, diskutiert eindringlich mit einer Frau über den Realsozialismus. Ein anderer singt mit einer Gitarre fröhlich Dieter Dehms „Was sollen wir trinken“, ein dritter spielt Dudelsack. Viele Hippies, einige Punks und jede Menge ältere, eher bürgerlich aussehende Teilnehmer bilden den Demonstrationszug, der sich bei Temperaturen knapp über Null durch Berlin-Mitte schiebt. Doch bei einer Gruppe der rechten, verschwörungsideologisch geprägten Kleinstpartei „Deutsche Mitte“ ist der Spaß vorbei. Sie werden noch vor Beginn von Ordnern der Demonstration verwiesen.

Legitime Forderungen, verkürzte Kritik

So berechtigt einige der Forderungen sind, so verkürzt ist die Kritik: Was die Zerschlagung des Konzerns Bayer-Monsanto an der immanenten Akkumulationslogik des Kapitalismus ändern soll, bleibt schleierhaft. Ebenso, wie rein bäuerlich organisierte Lebensmittelproduktion eine zunehmend urbane und vor allem wachsende Gesellschaft ernähren soll. Immerhin war die Industrialisierung der Lebensmittelherstellung historisch ein Fortschritt, ermöglichte sie doch den Heerscharen verarmter Arbeiter in den wachsenden Städten eine wenigstens halbwegs vollwertige Kost. Und tatsächlich bricht sich mancherorts das regressive Element ganz offen Bahn: „Freiheit, Gleichheit, Bäuerlichkeit“, „Keine Globalisierung, sondern Regionalisierung“ und „Gott liebt Kleinbauern“, all das klingt nicht sehr progressiv. Noch expliziter: „Wir werden die Politikersaubande das Fürchten lehren“, illustriert mit Wildschweinen, und „Glyphosat (nur) ins Kanzleramt“. Alle zitierten Sprüche waren an Traktoren oder auf Schildern zu lesen.

Das heißt gewiss nicht, dass Massentierhaltung, Gentechnik und die Arbeitsbedingungen in der Lebensmittelindustrie hinzunehmen sind. Im Gegenteil: Ökologie und soziale Themen sollten in der Agenda jeder linken Bewegung weit oben stehen. Doch wer die Mechanismen des Kapitalismus verkennt, droht schnell, in einer Ecke zu landen, in die er nie wollte. Der Ökobewegung gelingt es zwar bisher recht gut, sich gegen Vereinnahmung von Rechten zu wehren, doch gerade deswegen muss sie sich kritische Fragen gefallen lassen.

Ein anderes Problem des Bündnisses: Die Tierfrage. Während radikale Tierschützer „Nur Freiheit ist artgerecht“ fordern, geben sich Landwirte und Ökoverbände mit „artgerechter Haltung“ und einem Ende der Massentierhaltung zufrieden. Der Konflikt war vor zwei Jahren aufgebrochen (der Freitag 41/2014), heute tritt er in den Hintergrund. Wer die Slogans und Forderungen der einzelnen Organisationen aufmerksam studiert, erkennt dennoch, dass sie sich häufig widersprechen. Doch das ist an diesem Tag auch gar nicht so wichtig. In erster Linie geht es darum, zu zeigen: Wir wollen gutes Essen und gutes Leben. Diese Botschaft ist legitim.

Am Platz des 18. März angekommen, versammeln sich die Teilnehmenden zur Abschlusskundgebung. Rundherum sind Stände aufgebaut, wo es jede Menge Infomaterial gibt. Auch hier ist es vor allem: bunt. Die Grünen-Bundestagsfraktion wirbt da Seit‘ an Seit‘ mit den „Ärzten gegen Tierversuche“, die mit einem „Air France fliegt Affen in den Tod“-Banner Aufmerksamkeit ergattern. Hier kann man Tierpatenschaften übernehmen oder die „Unabhängige Bauernstimme“ abonnieren. Besonders beliebt: Die Stände, an denen es von Freiwilligen gekochte Suppe gibt. Natürlich regional, saisonal – und vegan.

18:32 21.01.2017
Geschrieben von

Leander F. Badura

Freier Autor | Innen, Außen, Theorie | "Un exemple n'est pas forcément un exemple à suivre." - Albert Camus
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Leander F. Badura

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