Igel-Rap

Im Porträt Baro Syntax stammt aus einer alten französischen Roma-Familie. Im HipHop verbindet er deren Traditionen mit Modernem
Romy Straßenburg | Ausgabe 47/2013 4
Igel-Rap
"Man bespuckt uns, aber wir gehen unseren Weg"

Foto: Andreas B. Krüger für der Freitag

Igel sind die Lieblingstiere von Baro Syntax. „Wir Zigeuner sind wie Igel“, sagt er. „Sie ernähren sich von dem, was sie finden. Wenn sie auf einen Fuchs treffen, rollen sie sich zusammen. Und was macht der Fuchs? Er pisst auf den Igel! Uns geht es genauso. Wir werden bespuckt und beschimpft. Aber wir igeln uns ein und gehen unseres Weges.“

Syntax’ Igel-Volk sind die Manouches, eine Roma-Gruppe, deren Spuren in Westeuropa bis ins 15. Jahrhundert zurückführen. „Zu meinem Clan gehören in ganz Frankreich locker 400 Leute“, sagt er mit einem gewissen Stolz in der Stimme. Ein Teil von ihnen lebe wie seine Großeltern noch immer auf einem Wohnwagen-Stellplatz am Pariser Stadtrand.

Syntax selbst wohnt in einem Neubau im gutbürgerlichen Pariser Vorort Vincennes. Er steht auf seinem Balkon und blickt auf eine gepflegte, lang gezogene Grünfläche. An deren linkem Ende findet sich das prächtige Rathaus der Stadt. Rechts erstreckt sich das wuchtige Château de Vincennes. Hier residierten Frankreichs Könige, Staatsfeinde wurden einst im Wassergraben hingerichtet und die deutschen Besatzer verließen bei Kriegsende fluchtartig dieses zuvor stolz bezogene Truppenquartier. Syntax saugt alles auf, was irgendwie mit Geschichte zu tun hat.

Erfinder des Gipsy-HipHop

Und er ist selbst ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Sein bürgerlicher Name lautet Baro Windrestein, aber als Baro Syntax ist er in Frankreich bekannt geworden als der rappende Manouche, als Begründer des Gipsy-HipHop. Er mischt Gitarre und Geige mit elektronischen Beats und rappt in seinen Liedern von den täglichen Diskriminierungen einer Minderheit, die sich überall zu Hause fühlt, von den Abschiebungen unter der aktuellen französischen Regierung und vom Genozid an den Roma während des Zweiten Weltkriegs, an dem sich das Vichy-Regime beteiligte.

Auf einem Schwarz-Weiß-Foto, aufgenommen in den dreißiger Jahren, steht Syntax’ Großvater in einem Halbkreis mit lachenden Männern und Frauen. Er hat den Kopf seines Großvaters weiß umkringelt. Unter den stehenden Erwachsenen sieht man Kinder barfuß neben einem gusseisernen Ofen hocken. Und auf einem Stuhl sitzt ein junger Mann mit Oberlippenbart und Zigarette im Mundwinkel. Er spielt Gitarre. Ein paar Jahre später wird er der erfolgreichste europäische Jazzmusiker sein. Aus den musikalischen Traditionen seines Volkes schuf Django Reinhardt auf virtuose Weise den Gipsy-Jazz. Überliefertes mit Modernem kombinieren und so etwas Neues, Eigenes schaffen – ja, sagt Syntax, Django Reinhardt sei sein Vorbild.

Die Familie Windrestein lebt schon seit Generationen in Frankreich. Ihre Lebensgewohnheiten sind eine Mischung aus Manouches-Traditionen und französischer Kultur. Im Sommer fahren sie noch immer mit ihren Wohnwagen durchs ganze Land zu Freunden und Verwandten. Den Rest des Jahres lebte Syntax’ Familie in einer bescheidenen Wohnung am Pariser Stadtrand. Zu Grundschulzeiten gehörte er zu einer Clique von Jungs, deren Eltern nicht am Nachmittag vor dem Schultor warteten, erzählt er. „Jene Sorte Jungs, die nachmittags abhängen und sich allein durchschlagen.“ Er und sein Bruder galten als die kleinen Zigeunerjungen. „Auf die Schulausflüge wurden wir nicht mitgenommen, und wenn du klein bist, kapierst du nicht, warum. Es bleibt nur ein Gefühl von Ungerechtigkeit, obwohl du gerade lernen sollst, was gerecht ist.“

Heute ist Syntax 36 Jahre alt und selbst Vater. Sein 6-jähriger Sohn und die 11-jährige Tochter seien richtige Musterschüler, betont er. Von ihrer Manouches-Familie sollten sie in der Schule aber lieber nichts erzählen, hat er ihnen geraten. „Nicht, weil wir uns schämen, sondern weil wir nicht möchten, dass man sie genauso derbe hänselt wie uns damals.“ Roma – das ist heute immer noch oder sogar mehr denn je ein Reizwort in Frankreich. Die Bevölkerung werde täglich von den Medien aufgeheizt, sagt Syntax. Das spürten auch jene Roma, die sich als Franzosen fühlten und integriert glaubten. „Mein Volk hat sich die Bezeichnung Roma nicht ausgewählt. Das war das europäische System, das uns alle in einen Topf geworfen hat. Ich selbst fühle mich als Manouche und als Franzose. Als Roma? Ja, zwangsläufig, weil sie es so entschieden haben.“

Nur wenige französische Medien bemühen sich, auf die lange Tradition von französischen Roma-Familien wie den Windresteins hinzuweisen (siehe Kasten). Für viele sei ein Roma einfach ein Rumäne oder Bulgare, sagt Syntax. Die aktuelle Polemik um die Roma entzündet sich an jenen 17.000 Menschen, die seit Öffnung der osteuropäischen Grenzen nach 1989 in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Frankreich gekommen sind, die aber kaum oder gar nicht Französisch sprechen und illegale Lager errichten, die von der linken Regierung unter François Hollande mit genauso viel Härte geräumt werden wie zuvor unter dem konservativen Nicolas Sarkozy.

„Wir hatten uns von der Linken einen echten Politikwechsel, einen humaneren Umgang mit Einwanderern versprochen“, sagt Syntax. „Stattdessen ist das Klima noch schlimmer geworden, und rassistische Parolen sind wieder salonfähig.“ Kürzlich fiel der Bürgermeister der westfranzösischen Kleinstadt Cholet, Gilles Bourdouleix, mit dem Satz auf: „Hitler hat vielleicht nicht genug von ihnen ermordet.“ Seine rechtskonservative Partei UDI schloss ihn daraufhin aus. „Aber das Schlimme ist, dass viele Leute im Stillen wirklich so denken“, sagt Syntax.

Aus dem „Fall Leonarda“ wurde im Oktober eine Staatsaffäre: Ein 15-jähriges Roma-Mädchen aus dem Kosovo wurde bei einem Schulausflug von der Polizei festgenommen und zusammen mit der Familie abgeschoben. Mit ihrer Roma-Politik will die Regierung, allen voran der schneidige Innenminister Manuel Valls, zeigen, dass sie in der andauernden Wirtschaftskrise noch handlungsfähig ist. Und dass sie die Ängste der Franzosen ernst nimmt. Umfragen belegen eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit: Heute sagen 67 Prozent der Franzosen, es werde zu viel für Einwanderer und zu wenig für Franzosen getan. 2006 waren es 40 Prozent.

Syntax zündet sich eine Zigarette an. Seine Freundin stellt eine Kanne Tee auf den gläsernen Couchtisch. Im stumm geschalteten Fernseher läuft der Mitschnitt eines Jazzkonzerts und auf dem Doppelbett im hinteren Teil des Zimmers liegt eine Gitarre. „Soll ich was vorspielen?“ Syntax reißt ein paar Seiten an, simple Akkorde, Gipsy-Romantik voll Melancholie und Lebensfreude, die einen sofort an einen Emir-Kusturica-Film erinnert. „Klampfe am Lagerfeuer, lange Röcke und Wohnwagen mit Pferdchen davor“, spöttelt Syntax. „Die Zeiten sind wirklich vorbei.“

Die Stimme erheben

Von klein auf begeistert er sich für Musik. „Wir schauten immer den Älteren beim Gitarrespielen zu und wollten es unbedingt auch lernen.“ Das Gymnasium schließt er mit dem Wirtschaftsabitur ab. Bewerbungen schreibt er trotzdem nicht, denn „Leuten Dinge anzudrehen, die sie nicht brauchen, um als guter Verkäufer dazustehen, fand ich irgendwie betrügerisch“.

Er beginnt Songs zu schreiben und zu produzieren, komponiert Musik für Kino- und Fernsehproduktionen. Aus Begeisterung für die HipHop-Kultur greift er schließlich selbst zum Mikro und kreiert seinen Gipsy-HipHop. „Es war auch an der Zeit, unsere Stimme zu erheben und Worte zu finden, für das, was uns wütend macht.“ Der Titelsong „Gens de voyages“ („Fahrendes Volk“) seines gleichnamigen Albums von 2003 ist zu einer Hymne der jungen Leute aus der Roma-Community geworden. „Nur selten begrüßen sie uns mit einem Lächeln/uns Hühnerdiebe zu schimpfen, finden sie noch immer furchtbar lustig./Wir verlangen nicht viel, wollen nur in Ruhe leben./Von klein auf ertragen wir ihren Hass, unsere Wurzeln erwecken Misstrauen und Wut“, lauten die ersten Zeilen.

Die Bezeichnung „Fahrendes Volk“ markiert eine französische Besonderheit: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts müssen Umherreisende ohne festen Wohnsitz ein „Carnet de voyages“ führen, ein Reiseheft, das alle drei Monate in der nächstgelegenen Präfektur abgestempelt werden muss. In Frankreich schätzt man, dass heute noch immer 250.000 Menschen „fahrend“ leben.

Erst vor einem Jahr wurde die von vielen als äußerst diskriminierende Auflage geändert. Einmal jährlich müssen sich die modernen Nomaden nun nur noch bei den Behörden melden. Eigentlich ist jede Kommune mit über 5.000 Einwohnern sogar gesetzlich verpflichtet, ihnen Wohnwagen-Stellplätze mit Wasser- und Stromanschluss zur Verfügung zu stellen, doch nur knapp die Hälfte der Gemeinden kommt dem nach. Viele Bürgermeister befürchten Konflikte mit der Bevölkerung.

„Die Leute haben eine völlig falsche Vorstellung. Für sie ist das Leben im Wohnwagen ein Zeichen von Armut, dabei sind die innen manchmal luxuriöser ausgestattet als eine Pariser Wohnung“, erklärt Syntax. „Aber“, fährt er fort, „wenn Roma nicht arm sind, müssen sie kriminell sein, oder sie schicken ihre Kinder zum Betteln. Wenn an deinem Arbeitsplatz etwas gestohlen wird, wirst zuallererst du als Roma verdächtigt, denn das Stehlen sei bei uns ja praktisch angeboren.“ Solche wieder erstarkenden alten Klischees führen bei Syntax und anderen Roma zu einem neuen Misstrauen gegenüber den anderen Franzosen. Er verstehe deshalb auch, warum viele Roma schwiegen, wenn es um die Herkunft ihrer Familien ginge, sagt Syntax. „Als ich zu einem Interview bei Radio France eingeladen wurde, gestand mir ein Redakteur unter vier Augen, dass er auch Manouche sei. Vor seinen Kollegen wolle er das aber lieber geheim halten.“

Ein anderes Mal gab er ein Konzert in einem Gefängnis. Am Ende sprachen ihn einige Häftlinge an und bekannten sich vor ihm zu ihrer Roma-Herkunft. Aber sie sagten ihm auch: „Gerade im Knast hältst du als Manouche besser die Klappe!“ Solche Begegnungen sind der Stoff für Syntax’ Lieder über das Klima der Angst. Er rappt: „Du spielst mit dem Feuer und gießt Öl in die Flammen, wenn du glaubst, dass Frankreich ohne seinen Front National ein Trauerspiel wäre.“ Und über das Vergessen der Vergangenheit: „Allesamt verhaftet, das Geräusch von deutschen Stiefeln. Kein Zweifel mehr an unserem Schicksal. In den Wagons in Drancy gab es keine erste Klasse. Schau dir dieses Tattoo an, nur wenige, die es tragen, sind noch am Leben.“

Zurzeit nimmt Syntax ein neues Album auf. Und mit Freunden entwirft er Motive für seine T-Shirt-Marke „Gipsy Wear“. Graffiti-Wohnwagen und Igel-Embleme sind da zu sehen, begleitet von Slogans wie „Gitan et fier“ („Zigeuner und stolz“) oder „Manouche pur souche“ („Ganz und gar Manouche“). Er hat aus seiner Herkunft auch ein Marketing-Tool gemacht. Aber vor allem geht es ihm um eins: Er will jungen Roma ihren Stolz zurückgeben, gerade in Zeiten, in denen die erreicht geglaubte Integration wieder bedroht ist. Die Igel, sagt er, bräuchten mehr denn je spitze Stacheln gegen die Füchse von heute.

Romy Straßenburg lebt in Paris. Im Freitag schrieb sie zuletzt über die politische Krise in Frankreich und den Aufstieg des Front National.

Manouches, Gipsies oder Sinti

Die aktuelle Polemik um die Räumung illegaler Roma-Lager in Frankreich empfinden viele Bürger mit Wurzeln in der Roma-Kultur als diskriminierend. Weil sie uralte Klischees neu belebt. Und weil kaum auf die Vielfalt der Volksgruppe hingewiesen wird, die seit Jahrhunderten in ganz Europa lebt und ursprünglich aus Nordindien stammt. Zunächst zogen die Roma überwiegend als Nomaden umher, heute ist ein Großteil von ihnen sesshaft. In Frankreich umfasst die Gruppe nach Schätzungen der Europäischen Union rund 400.000 Menschen, in Deutschland hingegen nur 105.000. Mehrere zehntausend Roma in Frankreich zählen sich noch heute zum „Fahrenden Volk“ und führen daher ein livret de circulation, in dem die Stellplätze ihrer Wohnwagen regelmäßig behördlich erfasst werden.

Die Bezeichnung Roma (aus der Romani-Sprache für: Männer) ist für viele westeuropäische Roma eine herabsetzende Fremdzuweisung, vor allem weil sie in der Öffentlichkeit vorwiegend für bulgarische und rumänische Einwanderer verwendet wird. Sie verweisen darauf, dass ihre Vorfahren Manouches oder Gitanos waren. Diese Subethnien der Roma sind eng mit den deutschsprachigen Sinti verbunden. Manouches und Gitanos bevorzugen statt Roma eher den Begriff "Tsiganes", zu Deutsch: Zigeuner.

In Deutschland gilt Zigeuner wiederum als rassistische Bezeichnung, da die Nationalsozialisten das Wort während des Völkermordes an den Roma im Dritten Reich verwendet haben. Viele junge Roma greifen daher lieber auf den englischen Begriff "Gipsy" zurück, der historisch weniger belastet und im kulturellen Kontext positiv besetzt ist. RS

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06:00 04.12.2013
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg

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