Sie werden gehasst

Gelbwesten Hat das System die Revolte überlebt oder zwingt die Revolte das System in die Knie?
Sie werden gehasst
Sehen wir gerade dabei zu, wie die Gelbwesten sich ein letztes Mal aufbäumen, weil ihnen die Sympathien und die politischen Forderungen abhanden kommen?

Foto: Alain Jocard/AFP

Abwarten, ausholen, ablenken, aufbrechen. So mag sich Emmanuel Macron diese unsägliche Geschichte mit den Gelbwesten vorgestellt haben. Abwarten, das war die Hoffnung, die Bewegung, die seit Mitte November jeden Samstag landesweit demonstriert, möge über die Weihnachtsfeiertage, spätestens zum Jahreswechsel, ihr Ende finden. Ausholen zum Befreiungsschlag, das war die „Große Nationale Debatte“, eine Reise durchs Land, um die Nähe zum Volk, die Fähigkeit zum Zuhören zur Schau zu stellen. Ablenken, das war der Versuch, in einem offenen Brief an die Europäer für Reformen und neue Impulse in der Gemeinschaft zu werben und getragen von der Aura des EU-Messias, Autorität und Glaubwürdigkeit im eigenen Land zurückzugewinnen. Aufbrechen schließlich hätte bedeutetet, dass nach dem Ende der Proteste die Beliebtheit des französischen Präsidenten und seine Handlungsfähigkeit wieder zunimmt und am Ende wäre die Gelbwestenbewegung als eine – zugegeben nicht unbedeutende – Bürgerrevolte in die Geschichtsbücher eingegangen.

Mag sein, an den französischen Eliteschulen wie der ENA, an denen sich Macron und so viele andere Politiker des Landes ausbilden ließen, werden solche Krisenszenarien tatsächlich durchgespielt. Mag sein, auf dem Papier funktionieren Strategien zur Deeskalation einer gesellschaftlichen Schieflage, einer prä-revolutionären Phase. Aber wir befinden uns im Frühjahr 2019 und für Macron verläuft gar nichts nach Plan. Weder hat das Abwarten noch das Ausholen oder Ablenken die Bewegung ausgetrocknet. Es riecht auch nicht danach, als stünde im Élysée der große Aufbruch bevor. Heftiger als je zuvor wurden auf den Champs-Élysées am letzten Samstag Symbole des französischen Luxus wie das Restaurant Le Fouquet’soder die Boutique der Marke Longchamps angegriffen. Eindringlich, verzweifelt, mit Tränen in den Augen verteidigte am Abend eine bekannte Anhängerin der Bewegung, Sophie Tissier, im Fernsehen den Ausbruch der Gewalt: „Millionen Menschen haben keinen Zugang zum Luxus, für den die Champs-Élysées stehen. (...) Was kümmert es uns, wenn das Fouquet’s in Flammen aufgeht? Ich denke an die 15.000 Menschen, die jährlich an den Folgen ihrer Arbeitslosigkeit, ihrer Prekarität sterben. (...) Ich heule hier vor Ihnen, ist Ihnen das klar? Monsieur Macron ist unverantwortlich. Er ist inkompetent und gehört ins Gefängnis.“

Klassenkampf statt Start-up-Nation

Man erinnert sich in diesen Tagen oft an die geradezu prophetischen Worte von François Ruffin, Abgeordneter der Bewegung La France Insoumise („Das unbeugsame Frankreich“), der im Mai 2017, zwischen erster und zweiter Wahlrunde, in einem offenen Brief an Macron schrieb: „Sie werden gehasst, sie werden gehasst. Sie werden gehasst.“ Macron, so prophezeite er, trage den sozialen Krieg in sich, wie eine Wolke den Regen. Er schrieb: „Ich sorge mich um mein Land. Weniger über den anstehenden Wahlsonntag, aber über später, in fünf Jahren oder bereits früher: Es steht wirklich auf der Kippe, die „soziale Spaltung“ wird es zerreißen.“ Die Klassenkampf-Rhetorik von Seiten der radikal Linken schien damals nur das Heraufbeschwören einer längst vergangenen Zeit, unpassend für die Start-up-Nation, die Macron vorschwebte.

Doch seit vier Monaten wissen wir: Der Klassenkampf ist echt. Die Menschen in den gelben Westen blockieren weiter jeden Samstag zusammen Straßen und Plätze. Sie kommen auf die Champs-Elysées , wo die Gewalt, wie Untersuchungen von Soziologen zeigen, nicht nur vom Schwarzen Block oder rechtsextremen Schlägern ausgeht, sondern auch von Menschen ohne ausgeprägte politische Präferenz. Diese Menschen haben in der Gemeinschaft gespürt, dass sie nicht die einzigen Abgehängten sind, haben ihre Scham überwunden. Sie haben Solidarität untereinander erfahren, haben neue Bekanntschaften, Freundschaften geschlossen, haben gemeinsam etwas geschafft, denn Macrons Regierung hat ja Zugeständnisse gemacht. Und alle anderen? Fast hatte man sich schon an das samstägliche Treiben, an ein paar gesperrte Metrostationen und die Bilder im Fernsehen gewöhnt. Aber die Angst vor dem Ende des Elans, das Frustgefühl, mit den Protesten nichts mehr erreichen zu können, hat die Gelbwesten nochmals angeheizt und die Gewalt eskalieren lassen (von der offensichtlich falschen Polizeistrategie ganz zu schweigen).

Die Gelbwesten scheinen zu merken, dass sich eine erste Phase dem Ende neigt. Sehen wir also dabei zu, wie sie sich ein letztes Mal aufbäumen, weil ihnen die Sympathien und die politischen Forderungen abhanden kommen? Oder ist es im Gegenteil der Anfang einer neuen Phase, die nur umso gewalttätiger wird, umso repressiver die Regierung auf Ausschreitungen reagiert? Hat das System die Revolte überlebt oder zwingt die Revolte das System in die Knie? Frankreich wirkt im Frühjahr 2019 weiter wie ein Versuchsfeld, in dem ausgefochten wird, was der einzelne Mensch innerhalb der Gesellschaft von morgen zählt, und das geht uns alle an.

18:41 20.03.2019
Geschrieben von

Romy Straßenburg

Lebt als freie Journalistin in Paris. Ihr Buch "Adieu Liberté - Wie mein Frankreich verschwand" ist im Ullstein-Verlag erschienen.
Romy Straßenburg
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