"Das Huren-Stigma spielte eine große Rolle"

Gina-Lisa Lohfink Opfer oder nicht? Das eigentliche Urteil fällten die Medien. Mithu M. Sanyal, Autorin des Buches "Vergewaltigung", kritisiert die Diskussion um sexuelle Gewalt

der Freitag: Das Model Gina-Lisa Lohfink hat zwei Männer beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben. Zu Beginn ihres Gerichtsprozesses wurde ihr vorgeworfen, sich nicht wie ein „echtes Opfer“ zu verhalten. Sie müsse doch traumatisiert sein. Sie haben ein Buch über Vergewaltigung geschrieben und sagen, dass die Verarbeitung von sexueller Gewalt bei jedem Menschen unterschiedlich ist. Woher kommt die Vorstellung, dass jedes Vergewaltigungsopfer ein Trauma erleidet?

Mithu M. Sanyal: Früher dachte man, dass die Ehre der Frau in ihren Körper verortet ist, in ihrem Jungfernhäutchen oder ihrem Status als ehrbare Ehefrau, während die Ehre des Mannes im öffentlichen Raum verhandelt wurde, also auf dem Schlachtfeld oder im Beruf. Deshalb hatte auch nur die Frau etwas, das ihr bei einer Vergewaltigung „gestohlen“ werden konnte. Ein Teil der Debatte um Vergewaltigung wird noch immer dadurch beeinflusst, dass wir erwarten, dass dies das schlimmste Trauma ist und dass es für immer anhält. Das mag sein, aber es ist keineswegs immer so. Menschen erleben unterschiedliche Übergriffe – sexualisierte Gewalt ist ja ein riesiges Feld – und müssen auch hinterher die Möglichkeit haben, ihre eigenen Wege zu gehen. Es gibt nicht die „richtige“ oder die „echte“ Reaktion auf Vergewaltigung.

Gina-Lisa Lohfinks Klage wurde abgewiesen. Sie habe eine Falschaussage gemacht. Kann über Vergewaltigungen überhaupt juristisch geurteilt werden?

Wir müssen hier klären, worüber wir sprechen. Wir können eine Vergewaltigung nicht beurteilen. Worum es bei Gerichtsverfahren geht, ist herauszufinden, ob ein nachweisbares Verbrechen stattgefunden hat und ein Strafmaß festzulegen. Im ersten Prozess von Gina-Lisa konnte den beiden Angeklagten nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass es sich nicht um einvernehmlichen Sex gehandelt hatte, also mussten sie nach unserem Rechtsverständnis freigesprochen werden. Im Zweifelsfall für den Angeklagten. Schwierig wurde es dann mit der Klage wegen Falschbeschuldigung. Der Toxologe, der sich als Gutachter die Handyaufnahmen angeschaut hat, hält es für unwahrscheinlich – nicht ausgeschlossen, sondern hoch unwahrscheinlich – dass sie K.O.-Tropfen bekommen hat. Das mag sein. Aber es ist juristischer Unsinn zu sagen, sie habe gelogen, weil ihre Wahrnehmung potentiell nicht den Tatsachen entsprochen hat. Es wäre zum Beispiel möglich, dass sie einen Filmriss wegen Alkohol hatte, aber dachte, dass das an K.O.-Tropfen gelegen haben könnte. In den Berichten über das Verfahren wurde jedoch immer nur darüber gesprochen, dass verhandelt würde, ob sie denn nun vergewaltigt worden sei oder nicht. Das war aber gar nicht der Fall, sondern es ging darum, ob man ihr nachweisen konnte, dass sie vorsätzlich gelogen habe. Darum scheint es, nach allem, was die Öffentlichkeit weiß, jedoch gar nicht gegangen sein. Insofern finde ich richtig, dass sie Berufung gegen das Urteil einlegt.

An Gina-Lisas Fall sehen wir, wie viel Aufsehen bekannte Fälle von Vergewaltigung erleben. Gibt es Frauen, die ihr Trauma vor allem durch den medialen Diskurs erleben?

Natürlich, Samantha Geimer aus dem Fall Polanski zum Beispiel. Die wurde ja von den Medien gar nicht mehr losgelassen und wann immer es um Polanksi ging, wurde ihr und später dann auch ihren Söhnen aufgelauert. Sie wurde wahlweise als Hure oder als absolutes Opfer behandelt. Die hat später gesagt, dass sie das Trauma dieser Nacht viel weniger verfolgt hat als der Umgang der Medien. Mir haben auch viele Menschen geschrieben, dass sie nicht aus Scham nicht über ihre Vergewaltigung gesprochen haben, sondern weil sie diese Opfer-Identität nicht wollten - dadurch wurde ihnen aber gleichzeitig die Chance der Verarbeitung durch Worte genommen.

Sehen Sie Parallelen zum Fall von Gina-Lisa Lohfink?

Was bei Gina-Lisa eine große Rolle spielte, war das Huren-Stigma. Es wurde so hämisch darüber berichtet, was sie mit ihrem Körper gemacht und dass sie ja auch schon mal Sexvideos gedreht hat. Wieder einmal: Einer Frau, die keine „Ehre“ mehr besitzt, könne die ja nicht durch eine Vergewaltigung gestohlen werden. Das war schon besonders krass. In anderen Fällen ist die Berichterstattung in Deutschland in den letzten Jahren deutlich sensibler geworden.

Gina-Lisa wurde gesagt, selbst schuld an ihrer Vergewaltigung zu sein, da sie sich als Sexsymbol darstelle. Wenn wir Frauen zu Vorsicht raten oder dazu, selbstbewusster aufzutreten, wird das häufig mit demselben Argument in Verbindung gesetzt. Wie bewerten Sie das?

Das ist eine tragische Verwechslung. Natürlich ist niemand selber schuld, wenn ihm etwas angetan wird. Aber das heißt nicht, dass wir uns nicht wehren können oder dass es falsch wäre das zu lernen. Ein Beispiel, wie das beeindruckend funktioniert, sind WenDo-Kurse. Dort wird nicht nur körperliche (Selbst-)Verteidigung unterrichtet, sondern auch, dass wir ein Recht auf respektvollen Umgang haben. Ich habe noch die typische 70er Jahre-Mädchen-Sozialisation durchgemacht und beigebracht bekommen, immer freundlich zu sein, auch wenn Leute aufdringlich waren. Diese Leute haben Grenzen überschritten, aber ich habe auch völlig falsche Signale gesendet. Nach meinem ersten WenDo-Kurs war die ganze Stadt eine andere. Früher wurde mir beim Fahrrad fahren zum Beispiel häufig ins Lenkrad gegriffen, seitdem nicht mehr.

Männer und Frauen werden immer noch unterschiedlich sozialisiert: Männer lernen eher sich zu wehren und sind häufiger diejenigen, die Grenzen überschreiten. Sie kritisieren in ihrem Buch aber auch, dass immer nur von Frauen als Opfer und Männern als Täter berichtet wird. Warum ist das Ihrer Ansicht nach falsch?

De jure gibt es in Deutschland erst seit 1997 die Möglichkeit, dass nicht nur Frauen Opfer sind und nicht nur Männer Täter. Danach gab es plötzlich auch Anzeigen von Männern, die sexuelle Gewalt erlebt hatten. Es gibt Studien darüber, dass Männern noch seltener geglaubt wird. Das soll nicht heißen, dass Männer die eigentlichen Opfer sind, sondern dass wir einfach keine Ahnung davon haben. Als die Nein-heißt-nein-Regelung im Bundestag beschlossen wurde, sprach die CDU-Politikerin Elisabeth Winkelmeier-Becker von einem Sieg für die Rechte der Frauen. Es war aber ein Sieg für die sexuelle Selbstbestimmung und zwar theoretisch von allen Geschlechtern. Es ist nur immer noch unglaublich schwierig für uns, Vergewaltigung nicht zu gendern.

Die Nein-heißt-nein-Kampagne und auch die Frauenbewegung aus den 70er Jahren gehen von einem speziellen Bedrohungspotenzial für Frauen aus.

Ein Problem von politischem Aktivismus ist, dass man, um Gesetze durchzusetzen, erst einmal ein „bedrohtes und damit schutzbedürftiges Subjekt“ kreieren muss. Die Frauenbewegung musste die Schutzbedürftigkeit von Frauen betonen, um neben den Rechten auch Förderungen durchsetzen zu können. Sonst gäbe es heute wahrscheinlich auch keine Frauenhäuser. Das Problem ist nur, dass in unserer politischen Rhetorik Verletzlichkeit immer damit gleichgesetzt wird, dass diese Personen dann auch komplett hilflos sind. Dabei ist Verletzlichkeit etwas zutiefst menschliches, dass uns alle betrifft.

Wie beurteilen sie das neue Sexualstrafrecht in Deutschland?

Da muss man unterscheiden. Ich finde es falsch, dass das Sexualstrafrecht dazu verwendet werden soll, schnellere Abschiebungen zu ermöglichen, aber die Nein-heißt-nein-Regelung finde ich wirklich wichtig. Damit sagen wir, dass wir als Staat die sexuelle Selbstbestimmung für ein schützenswertes Recht halten. Und das verändert sehr vieles, auch wenn es nicht unbedingt zu mehr Verurteilungen führen wird. Daran sollte sich jetzt eine gesellschaftliche Debatte anschließen. Ich möchte mit meinem Buch eine Grundlage dafür bieten. Denn, wenn eine Vergewaltigung angezeigt wird, ist sie ja bereits passiert. Ungeschehen machen kann man sie auch mit einer Verurteilung nicht. Ich möchte darüber sprechen, welche gesellschaftlichen Veränderungen Vergewaltigungen verhindern können.

Mithu Melanie Sanyal, 45, ist Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Sie studierte deutsche und englische Literatur und promovierte über die Kulturgeschichte des weiblichen Genitals. Aus ihrer Doktorarbeit entstand 2009 das Buch „Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“. 2016 erschien „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“.

17:33 29.08.2016
Geschrieben von

Louisa Theresa Braun

Studentin und Journalistin mit Schwerpunkt Feminismus und Philosophie
Louisa Theresa Braun

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