Hip, hip, hurra

Porträt Eileen Myles gilt plötzlich als Legende. Dabei dauerte es 66 Jahre, bis die New Yorker Dichterin bekam, was sie verdient
Lukas Hermsmeier | Ausgabe 51/2015 1

Im Buchladen Skylight Books, Los Angeles, zerquetschten sich die Leute fast, um Passagen aus ihrem neuen Werk zu hören. Viele Fans mussten draußen bleiben, als sie dort im Oktober eine Lesung hielt. Eileen Myles war kurz zuvor vom Magazin The New Yorker porträtiert worden, einen solchen Andrang hatte sie noch nie erlebt. Drei Wochen später stand sie im Flughafen von Phoenix und wurde beim Sicherheitscheck herausgewunken. „Groin anomaly“ (Anomalie in der Leistengegend) hieß es, nachdem sie den Körperscanner passiert hatte. „Das ist wahrscheinlich mein Penis“, scherzte Myles, die wie immer Männerkleidung trug, und zeigte auf ihre Baggy Pants. „Miss, haben Sie einen Penis oder haben Sie keinen?“, fragte die Beamtin ernsthaft und besorgt. Irgendwann durfte Eileen Myles dann fliegen.

Myles ist es gewöhnt, nicht erkannt zu werden, kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht als Mann angesprochen wird. Dass sie als Poetin von der Masse wahrgenommen wird, ist für sie neu. In mehr als 40 Jahren in New York hat sie 20 Bücher geschrieben. Die meiste Zeit verbrachte sie als Künstlerin in der Nische, fern von Business Class, ausverkauften Lesungen und Preisverleihungen. In diesem Jahr, Eileen Myles ist mittlerweile 66 Jahre alt, wurde sie vom Mainstream entdeckt.

Pillen, Linien, Gras

Erst veröffentlichte ein US-Großverlag zwei Bücher von ihr, dann begann das Feuilleton zu jubeln. Myles’ Gedichte werden in Kinofilmen und TV-Serien zitiert, Lena Dunham hat sich als Groupie gemeldet. „Es kommt selten vor, dass jemand, der so cool daherkommt, so viel Wärme ausstrahlt. Ihre Poesie ist wie das klügste Kind der Klasse, dem seine Narben im Gesicht egal sind“, schwärmt die 29-jährige Regisseurin und Schauspielerin (Girls) auf der Rückseite von Myles’ aktuellem Buch I Must Be Living Twice. „Ich muss zweimal leben“ ist eine Sammlung ihrer Gedichte von 1975 bis 2014 und also Myles’ Autobiografie.

East Village, New York, ein Sonntagmittag im Dezember. In dem kleinen französischen Café an der Avenue A läuft ein Song von Destiny’s Child, am Nebentisch sitzen zwei italienische Touristen. Eileen Myles trägt Jeans und Karohemd, so kennt man sie von vielen Fotos. Sie hat sich einen Kaffee und Wasser bestellt, und man muss Angst um die zwei Becher vor ihr haben, so ausufernd gestikuliert sie beim Reden. Wir sind nur ein paar Blocks von ihrer Wohnung entfernt, in der sie seit 38 Jahren lebt. Etwa 100 Dollar Miete zahlte sie beim Einzug, heute sind es 476 Dollar im Monat, was immer noch unverschämt billig für Manhattan ist. Ihr Vermieter will sie loswerden, aber Myles bleibt.

Haustiere ja, Patti Smith nein

Eine katholische Erziehung verhindert nicht, dass ein Mensch zur Feministin wird, vielleicht befördert es die Sache sogar. Bei Eileen Myles war es so. 1949 wurde sie in Cambridge, Massachussetts geboren, ihre Mutter war aus Polen, der Vater aus Irland in die USA ausgewandert. Die beiden legten Wert auf eine traditionelle konfessionelle Schulbildung für die Tochter. Danach studierte Myles Englische Literatur in Boston.

Mit 25 Jahren zog sie nach New York, wo sie sofort ihre künstlerische Arbeit aufnahm – und die hatte von Anfang an mit Geschlechterrollen zu tun. 1977 arbeitete sie an einer Theaterproduktion mit dem Titel Patriarchy mit, seither hat sie verschiedene feministische Anthologien herausgegeben, die Ladies Museum oder The New Fuck You: Adventures in Lesbian Reading hießen. Interessanterweise ist Eileen Myles aber ausgerechnet auf eine Frau nicht gut zu sprechen, auf eine Frau, die fast ebenso männliche Züge trägt wie sie selbst: Sie hasst es, wenn jemand sie mit der Rock-Poetin Patti Smith vergleicht: „Wir haben absolut nichts gemeinsam!“ Während Smith angeblich mehrfach behauptet hat: „Wir kennen uns aus alten Tagen“, beharrt Myles, warum auch immer, darauf, dass das eine „Lüge“ sei.

Mittlerweile hat Myles sich ein Haus in Marfa, Texas gekauft, „als Rückzugsort zum Schreiben“. Sie liebt Tiere, vor allem ihre eigenen. Auf ihrer Website eileenmyles.com stellt sie in der Rubrik „Animals“ ihre Katze Ernie und ihre Hündin Honey vor. Letztere ist, erklärt Myles, Sternzeichen Schütze, so wie sie selbst. Derzeit arbeitet Myles an einem Roman, Arbeitstitel: Afterglow. Er dreht sich um Myles’ 2006 verstorbene Hündin Rosie und um die Zeitreisen des Tiers.

„Es gab viele kleine Szenen voller Spinner. Das hier war das Dichterviertel. Es war gefährlicher als heute, die Hells Angels waren größer und unheimlicher“, sagt sie über die Anfangszeiten. Myles war 1974 aus ihrer Heimat Boston nach New York gezogen, mit dem klaren Ziel, Dichterin zu werden. „Ich habe im Magazin Village Voice nach Lesungen geschaut, zu denen ich gehen kann und wo ich Youngsters wie mich finde“, sagt Myles. Sie schrieb und trank, schrieb und trank, schluckte Pillen, schnupfte Kokain, rauchte Gras, schnorrte Geld für Essen, jobbte als Kellnerin und wurde gefeuert, weil sie zu mürrisch und unkoordiniert war. Sie lebte in einem Haus mit Blondie-Sängerin Debbie Harry, trug ihre Gedichte als Kunstperformance vor, hangelte sich von einem Nebenjob zum nächsten, hing im Strand Bookstore herum und freundete sich mit dem Beat-Poeten Allen Ginsberg an. Myles wurde Teil des avantgardistischen Poetry Project in der St. Mark’s Church, das der Dichter Paul Blackburn in den 60er Jahren gegründet hatte. Dort sind sie alle aufgetreten: Charles Bukowski, Joel Oppenheimer, W.  H. Auden, Charles Bernstein. Eileen Myles lernte und lehrte, 1984 wurde sie Artistic Director des St. Mark’s Poetry Project. „Man brauchte damals nicht viel Geld zum Leben“, sagt Myles, und in einem Gedicht heißt es: „Ich bin oft betrunken und heiser, oft sehne ich mich so sehr danach, flachgelegt zu werden, dass ich mir vorstelle, wie mein Geschrei die Nachbarschaft erleuchtet.“ Myles arbeitet mit ganz alltäglichen Wörtern, die sie auf unkonventionelle Weise zusammensetzt, ihre Assoziationen und Zeilensprünge können und sollen überfordern. „Der größte Wert der Poesie ist, das Bewusstsein der anderen herauszufordern“, sagt sie. Ihre Gedichte sind rasant und enden abrupt. „Wie bei einer Party, bei der man irgendwann merkt, dass man sofort weg muss.“

Im Original klingt und zeigt sich das (in A Gift for You) dann so: „I think of as / joking / with the larger / one on a / painting / floating in air / my home / is large / love made it / large once / not to / get all / John Wieners / & believe / me love made / it small / once / this place / only had / sex unlike / the house / I love a house / I fear a house / a house never / gets laid.“

„Eine Kultfigur für die Post-Punk-Generation“, hat sie die New York Times vor kurzem genannt. Auf einmal wird Eileen Myles den Amerikanern als Legende präsentiert und besonders für Werke gefeiert, die sie vor Jahrzehnten geschrieben hat. Als wäre sie schon „Kult“ gewesen und nicht nach oben katapultiert worden. Die öffentliche Legendenbildung wurde einfach übersprungen. Wie empfindet jemand, der so lange für die Masse unsichtbar war, die plötzliche Aufmerksamkeit? „Alles, was seltsam und inakzeptabel war, ist mit einem Mal großartig. Das ist schon eigenartig“, sagt Myles. „Andererseits hab ich mich dort, wo ich jetzt bin, immer gesehen. Meine Arbeit ist gut. Ich bin New Yorkerin. Warum also sollte ich nicht im New Yorker und der New York Times stehen?“ Myles hatte 66 Jahre Zeit, um selbstbewusst zu werden. „Ich habe schon als Kind verstanden, dass ich klug bin. Aber ich habe auch verstanden, dass andere Leute das nicht so sehen“, sagt sie. Ihr Vater, Alkoholiker, starb, als sie elf Jahre alt war. Sie selbst ließ mit Mitte 30 die Finger von Alkohol und anderen Drogen. „Ich war auf dem Weg in den Tod.“

Und dann kam das Jahr, in dem Eileen Myles als US-Präsidentin kandidierte. George Bush senior hatte im Frühsommer 1991 eine Rede an der Universität von Michigan gehalten, in der er das „politisch Korrekte“ als Bedrohung für die Rede- und Meinungsfreiheit darstellte. Es war ein Versuch, die Linke zu denunzieren. „Was Bush damit meinte: Aktivisten, Homosexuelle, Schwarze, Frauen, Arme, die für ihre Rechte kämpfen, sind eine Bedrohung für das Land“, sagt Myles. Sie brauchte 33 eidesstattliche Erklärungen, sogenannte affidavits, um anzutreten. Den Gefallen taten ihr die Freunde gern, und so wurde ihre parteilose „openly female“-Kandidatur offiziell. In den folgenden anderthalb Jahren nutzte Myles jede Lesung, jede Party, jedes Treffen, sogar jede Beerdigung, um auf ihre feministische Kampagne aufmerksam zu machen. „Ich war in 28 Staaten unterwegs und bei MTV. Es war toll. Und ziemlich anstrengend.“

Die Kandidatur, mit der sie auch den amerikanischen Kulturbetrieb kritisierte, brachte vorübergehend Aufmerksamkeit, an ihrem künstlerischen Nischendasein änderte sie wenig. „Es ist schon interessant, über Sexismus in der Welt der Poesie nachzudenken. Die alten Kerle haben meine Arbeit gemocht, aber wenn es darum ging, mich einem Verleger zu vermitteln, haben sie andere Männer oder heterosexuelle Frauen vorgezogen.“ Es half nicht, dass Myles immer wieder für einen Mann gehalten wurde, von den patriarchalischen Strukturen blieb sie nicht verschont. „Für viele in diesem Geschäft bin ich auch heute noch zu seltsam“, sagt sie.

Masturbation erwähnt

Nicht für den Verlag Harper-Collins, der in diesem Jahr sowohl ihre Gedichtsammlung veröffentlicht als auch ihren 1994 verfassten autobiografischen Roman Chelsea Girls neu aufgelegt hat. Das Cover zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto von Eileen Myles, das der Starfotograf Robert Mapplethorpe aufgenommen hat. Chelsea Girls ist eine unchronologische Reise durch Myles’ chaotisches Leben, voller Liebeskummer ohne Selbstmitleid, voller Liebesglück ohne Selbstgefälligkeit. „Ich hab noch nie jemanden geschlagen. Aber ich würde gern viele Leute umbringen“, schreibt Myles. Und ein paar Seiten weiter: „Ich bin um die 30. Ich habe eine Freundin. Alles ist okay. Ich bin voller Gedichte.“

Und auch heute, Jahrzehnte danach, wirkt Eileen Myles recht ausgeglichen. „Manchmal denke ich, dass ich bin, was ich bin, weil New York mich kennt“, sagt sie. Und wie hat sich die Stadt und ihre Kunst- und Kulturszene über die Jahre verändert? „Es ist institutionalisierter. Viele junge Künstler wollen Richtung Akademie gehen. Ich rate davon ab. Dort sind sie zu beschützt.“ Musste sich das Klima wandeln, damit sie von der Masse anerkannt wird? „Dass es eine TV-Serie wie Transparent gibt, ist ein Fortschritt“, sagt Myles.

Transparent, die US-amerikanische Dramedy, dreht sich um das Leben einer Familie in Los Angeles, die damit konfrontiert ist, dass sich der 70-jährige Mann in Transition zur Frau befindet. Mit der Erfinderin der preisgekrönten Show, Jill Soloway, ist Myles seit einem halben Jahr zusammen. Soloway hat in der zweiten (gerade bei Amazon Instant Video erschienenen) Staffel sogar eine Figur entwickelt, die auf Myles basiert. Auch im Kinofilm Grandma aus diesem Jahr kommt sie zu Ehren. Die Drama-Komödie über eine lesbische Poetin startet mit dem scheinbar banalen Eileen-Myles-Zitat: „Time passes. That’s for sure.“

Einen Tag nach unserem Treffen im East Village steht Eileen Myles in einem schicken Künstlerloft in Tribeca. 50 Leute sind zur Verleihung des Clark Prize for Excellence in Arts Writing gekommen, die Hälfte davon aus ihrem Freundeskreis. Was bedeuten ihr Preise wie dieser? „25.000 Dollar Honorar“, lacht Myles. Nach einer hymnischen Ansprache des Veranstalters tritt Myles nach vorn und liest aus ihren Gedichten. In der linken Hand hält sie ihre Zettel, mit der rechten drückt sie die Luft vor sich in alle Richtungen. Sie wirkt gerührt, und auch im Publikum sieht man Tränen fließen.

Am Tag darauf postet Eileen Myles ein Foto von der Verleihung bei Instagram. „Preis gewonnen. Lesung gehalten. Gelegentlich Masturbation erwähnt“, schreibt sie dazu. 4.500 Followers hat sie bei Instagram, bei Twitter sind es knapp 12.000. Überraschender als diese Zahlen scheint zu sein, dass sie Social Media überhaupt so leidenschaftlich nutzt. „Was ich an Twitter liebe: Ein Gedanke wächst, und man kann ihn sofort teilen. Es ist gar nicht so anders, als Gedichte zu schreiben. Du lässt die Welle nur direkt brechen, anstatt auf den Ozean zu warten.“

In An American Poem (1991) hat die Kapitalismuskritikerin Eileen Myles geschrieben: „Weißt du, was die Botschaft der westlichen Zivilisation ist? Ich bin allein.“ Im Lauf der Zeit sei sie noch politischer geworden, sagt sie, kurz habe sie mit dem Gedanken gespielt, bei der kommenden Wahl anzutreten. Das seltsame Mädchen aus Boston hat das US-Establishment erobert. Ohne dazuzugehören.

Lukas Hermsmeier, geboren 1988 in Berlin, lebt zurzeit als freier Journalist in New York

06:00 26.12.2015

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