Willkommen im "größten Land der Welt"

USA Donald Trump verhängt einen Einreisestopp für Muslime. Im ganzen Land wird dagegen protestiert – auch am New Yorker Flughafen. Unser Autor war dort
Willkommen im "größten Land der Welt"
Tausende kamen, um für die Freilassung der festgesetzten Muslime zu demonstrieren
Bild: Bryan R. Smith/AFP/Getty Images

Irgendwann ist alle Kraft weg, die junge Frau kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Als sie sich auf den kalten Terminal-Boden setzt, laufen Tränen über ihre Wangen, dann schließt sie die Augen. Stop, Pause, zumindest der Versuch.

Seit zwölf Stunden wartet Anfal Hussain am Flughafen John F. Kennedy, seit zwölf Stunden wird ihre Mutter Iman in irgendeinem der Hinterzimmer festgehalten und verhört, nur ein paar Meter entfernt. Die 48-Jährige hatte erst vor zwei Wochen ihre Green Card erhalten, doch das zählt in diesem Moment nicht mehr. Iman Hussain hat einen irakischen Pass. Und sie ist Muslima. In Trumps Amerika bedeutet das eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Den ganzen Tag lang haben Anwälte und Politiker versucht, zu vermitteln und Imans wartende Familie mit Informationen zu versorgen. Ob die Frau den Flughafen verlassen kann, ihre Töchter zum ersten Mal nach Jahren in den Arm nehmen darf oder ob sie zurück nach Bagdad muss, ist an diesem Abend immer noch ungewiss. Zwölf Stunden Existenzangst.

In dem Moment, als Tochter Anfal auf den Boden sackt, läuft auf einer riesigen Videowand über ihr ein PR-Filmchen für Touristen. Empire State Building, Freiheitsstatue, „Welcome to New York“ steht da, willkommen im Faschismus.

So sprunghaft und unberechenbar Donald Trump in den vergangenen anderthalb Jahren auch wirkte, so zuverlässig und regelmäßig bestätigte er sein rassistisches Weltbild. Und doch wurde vielleicht erst an diesem Wochenende anschaulich, auf was für eine Politik sich die Welt einstellen muss.

Am Freitag unterzeichnete der Präsident ein Dekret, das Flüchtlingen und Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern die Einreise verwehrt. Wer aus Syrien, Irak, Iran, Libyen, Sudan, Jemen oder Somalia kommt, werde in den nächsten 90 Tagen nicht in die USA gelassen, heißt es in der Verordnung, die den Titel „Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen in die Vereinigten Staaten“ trägt. Selbst Green-Card-Besitzer und Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit seien von der Sperre betroffen, teilte das Außenministerium mit. Wer als Besucher ohne Visum kommt, wird direkt zurückgeschickt. Länder wie Saudi-Arabien, zu denen Trump wichtige Geschäftsbeziehungen hat, sind nicht betroffen.

Unter Schock

Während Zehntausende Menschen am Samstag im ganzen Land protestierten, entschied ein Bundesgericht in New York, dass das Einreiseverbot verfassungswidrig sei. Die Bürgerrechtsgruppe American Civil Liberties Union hatte Klage eingereicht. Ob dieser Gerichtsbeschluss von Dauer ist, bleibt zunächst unklar. Auch was mit den an Flughäfen im ganzen Land festgehaltenen Menschen geschieht, weiß im Moment niemand. Nach Schätzungen sollen es 200 sein. Am Samstagmittag war ein irakischer Mann nach 18 Stunden in Gewahrsam am JFK freigelassen worden. „Amerika ist das größte Land der Welt“, sagte Hameed Darweesh nach seiner Freilassung. Was sollte er auch sagen.

Die Vereinigten Staaten von Amerika – so dramatisch das klingen mag – versinken derzeit im Chaos. Die einzelnen Nachrichten lösen Schockwellen aus, Erholung ist unmöglich. In der Nacht zu Samstag brannte eine Moschee in Texas nieder. Die Ursache des Feuers ist noch ungeklärt, fest steht aber, dass das Haus in der Vergangenheit immer wieder zum Ziel islamophober Attacken wurde. Die Zahl der ausländerfeindlichen Straftaten ist seit der Wahl im November enorm gestiegen. An diesem Wochenende wurde außerdem bekannt, dass Trumps Berater Steve Bannon einen Sitz im „National Security Council“ bekommt. Einer der wichtigsten Jobs im Feld der nationalen Sicherheit– besetzt von einem Neonazi.

„No ban, no registry, fuck white supremacy!“
Bild: Stephanie Keith/Getty Images

Doch so zerstörerisch die einzelnen Ereignisse sind, so überwältigend ist der Protest. Es hat sich eine Bewegung gebildet, das wurde auch am Samstag deutlich – besonders in New York. Nur wenige Stunden nach der Meldung, dass zwölf Muslime am Flughafen JFK eingesperrt wurden, machten sich Tausende auf den Weg zum Airport, um für die Freilassung zu demonstrieren.

„No ban, no registry, fuck white supremacy“ rufen die Protestler, die sich am Nachmittag vor Terminal 4 versammelt haben. Es ist bitterkalt, ein paar Schneeflocken segeln herunter, und doch vergrößert sich die Masse hier mit jeder Minute. Die meisten Autos, die uns passieren, hupen – nicht weil sie der Stau nervt – aus Solidarität. „No Trump, no KKK, no fascist USA“ steht auf einem Plakat, das eine Frau hochhält. Mittlerweile haben sich auch alle großen Fernsehsender aufgestellt. Im Hintergrund bereiten sich Polizisten auf den Abend vor, mit Plastikhandschellen und Schlagstöcken.

Mushahid, ein 45-jähriger Physiker, der in Long Island wohnt, ist mit seinen drei Töchtern gekommen. „Ich bin hier, um ein Zeichen des Widerstands zu setzen“, sagt er. Mushahid ist selbst Moslem und hat, seit Trump zum Präsidenten gewählt wurde, Angst um seine Kinder. „Sie tragen Kopftücher. Ich mache mir jeden Tag Sorgen, dass ihnen was passiert“, sagt er.

„Trump hat das Land gespalten“

Im Terminal hat sich eine große Traube um zwei Mitglieder des US-Repräsentantenhauses gebildet. Gregory Meeks und Adriano Espaillat, beides Demokraten, sind gekommen, um die betroffenen Familien zu unterstützen. „Donald Trump hat die USA in nur sieben Tagen gespalten, wir müssen uns unser Land wieder zurückholen“, wird Meeks später den Journalisten sagen. Ein bemerkenswerter Satz von einem Parlamentarier über seinen Präsidenten. Von den meisten Republikanern ist den Tag über nichts zu hören. „Es klappt alles sehr schön“, lässt Trump am Nachmittag mitteilen.

Noch betrifft Trumps Dekret Muslime aus bestimmten Ländern. Wann werden es alle Muslime? Wann schlichtweg alle Menschen, die Trump als „gefährlich“ einschätzt?

Gegen 19 Uhr erfahren wir über Twitter, dass der Flughafentransfer nur noch mit Reiseticket benutzt werden darf. Viele Protestler, die sich auf dem Weg gemacht haben, müssen deshalb an der U-Bahnstation Howard Beach ausharren. Vor Terminal 4 ist mittlerweile die ganze Straße blockiert, auch ein Parkhaus ist von Demonstranten besetzt, sogar die Taxifahrer streiken. „Fuck the wall, we tear it down!“ Unermüdliches Brüllen und Singen, ein paar Männer und Frauen verteilen Pizza und Wasser, die Polizei nimmt einen Mann fest und führt ihn ins Terminal. Dort haben etliche Anwälte vor einem Diner ein mobiles Büro aufgebaut. Zusammen mit den Angehörigen der Festgehaltenen arbeiten sie an Petitionen zur Freilassung. Um 20.50 besagte mutmachende Nachricht: Eine Bundesrichterin hat Trumps Anordnung vorerst kassiert. Anwälte und Angehörige liegen sich in den Armen. Bewacht wird die Szene von Beamten der State Police, die mit ihren beigen Hüten und Schnauzern wie eine Parodie aussehen.

„Faschismus zählt auf dich. Nicht auf deine Unterstützung. Auf deine Leugnung“, schrieb der Autor Umair Haque am Samstag in einem Essay. Ein Appell gegen die Normalisierung. Die gute Nachricht an diesem Wochenende ist, dass die Welt auf anhaltenden Widerstand zählen kann. Für Sonntag sind im ganzen Land Proteste geplant.

11:31 29.01.2017

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