Buschinskijs Bombe und unsere Sandkiste

Atomkrieg Der russische General Buschinskij warnt vor einem Nuklearkrieg zwischen Russland und den USA. Auf Atomkriege waren wir als Kinder schon in den 80ern gut vorbereitet.
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Am 31.01.2015 warnte der russische General Jewgenij Buschinskij im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ vor der russischen Bombe:

Frage: „Das einzige Gebiet, auf dem Russland gleich stark ist wie die USA, sind die Atomwaffen.“

Antwort: „Genau darin liegt die Gefahr. Wenn es so weiter geht, führt der Konflikt in einen offenen Krieg Russlands mit der Ukraine. Die USA werden nicht zulassen, daß Russland die Ukraine okkupiert, also treten sie in den Krieg ein. Sie können sich vorstellen, wohin das führt. Das sind apokalyptische Szenarien. Mir scheint, die Europäer unterschätzen diese Gefahr.“

Abgesehen davon, daß der „Konflikt“ in der Ukraine seit ¾ Jahr ein Krieg ist. Und abgesehen davon, daß wenn man mit der Formulierung eines „offenen Krieges Russlands“ einen „nicht offenen Krieg Russlands“ zugibt, sowie den Plan, dann die Ukraine zu okkupieren – die Europäer unterschätzen die Gefahr eines Atomkrieges keinesfalls.

Zumindest nicht drei 7jährige Europäer, Jacek, Leszek und Lukasz, 1980 in Polen. Ich und meine zwei besten Kumpels kannten zwar weder das Wort „apokalyptisch“ noch „Szenario“ - und dennoch waren wir keineswegs auf einen Atomkrieg unvorbereitet.

Das Gerede um „die Gefahr eines nahen Atomkrieges“ war so verbreitet und oft wiederholt, daß es sich von einer Angst zu einer „ziemlichen“ Gewissheit verwandelte – zumindest für uns Schulkinder. Wir kannten den Film „The Day After“ nicht, hatten in der Schule keine „Atomkrieg“-Pflichtlektüren – und dennoch war der nahende Atomkrieg gegenwärtig und real.

Wir beschlossen zu handeln. Denn es war klar, daß der Atomkrieg wenn nicht morgen, so in wenigen Monaten kommen musste. Ein seniler Breschnjew und ein aufgedrehter Reagan im Fernsehen waren uns keine „Warnung“, es waren klaren Vorboten des unausweichlichen Schlagabtauschs. "Cruise" und "Pershing" mindestens genauso aufregende Markennamen wie "Ferrari" oder "Porsche". Und eines unserer Lieder auf dem Hof war damals „Za dwa lata, bedzie koniec swiata...“ („In zwei Jahren kommt das Ende der Welt“) - worauf uns einmal ein netter Nachbar optimistisch korrigierte: „Nein, nicht in zwei, erst in vier!...“

Dennoch, man musste handeln. Also begannen wir zu buddeln. Wir beschlossen nämlich, in unserer Sandkiste ein tiefes Loch zu graben, dessen Wände von innen mit Steinen, Ziegeln, Ästen, Plastik und Papier zu festigen, und danach eine mittelgroße Bürgersteigbetonplatte als Deckel darauf zu legen (es lagen etliche irgendwo herum, ob als Teil einer Baustelle, oder weil sie sich bereits gelöst hatten). Darin sollte unser „Lebensmittelbunker“ sein. Denn wir wußten: Sollten wir den Atomschlag überleben, war es wichtig, Vorräte zu haben. Als unser „Vorratsloch“ fertig war, hat sich jeder von uns jeweils in seine Küche geschlichen, um heimlich Lebensmittel zu entnehmen (unsere Mütter haben es trotz Wirtschaftskrise nie bemerkt) – und sie im Loch zu verstecken. Deckel drauf, Sandschicht drauf – fertig! Der Atomkrieg konnte kommen! Es war unser Geheimnis, andere Kumpels aus der Siedlung wußten nichts davon, Mädchen erst recht nicht, wir wollten im Falle der Fälle nur selber was davon haben. Zumal die Sandkiste strategisch in ungefähr identischer Entfernung von unseren Häusern stand. Na ja, Leszeks Wohnung war zwar etwas näher, allerdings als mittleres Reihenhaus hatte es auch eine schlechtere Sicht – wenn die Wolke käme und man losrennen sollte. Wir wußten nur nicht, von welcher Seite man den Atompilz zuerst sehen würde: ob vom Süden her, also Zentrum von Tychy, oder aber – da uns unsere Kleinstadt als eines Atomangriffs unwürdig erschien – eher vom Norden, von der Industriestadt Katowice her.

Der Atomkrieg kam weder in zwei, noch in vier Jahren. Ich und Leszek zogen weg, Jacek lebt immer noch in seinem Elternhaus. Doch es wird ihm nichts nützen. Denn leider ist unsere geheime Vorratskammer irgendwann Anfang der 90er im Rahmen eines Umbauprojektes der Grünflächen entdeckt und zerstört worden. Mehr als schwarz kompostierter Humus war nicht drin. Da es die Sandkiste nicht mehr gibt – sollte man General Buschinskij vielleicht ernst nehmen. Zumal die meisten anderen Europäer sich tatsächlich seit den 90er-Jahren den mentalen Luxus geleistet haben, zu denken, alle Atomwaffen seien umweltfreundlich recycled geworden.

09:54 17.02.2015
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Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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