Export-Import und Peter Bofingers Prozente

Lohnerhöhungen Peter Bofinger argumentiert mit seiner Idee für kräftige Lohnerhöhungen in Deutschland als Ausweg aus der EURO-Krise falsch - und hat dennoch Recht.
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Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger plädiert für „kräftige Lohnerhöhungen“ in Deutschland von 5% vor, um das Problem der Ungleichgewichte der Handelsbilanzen im EURO-Raum zu entschärfen (http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/peter-bofinger-wirtschaftsweiser-fordert-lohnplus-von-fuenf-prozent-a-875948.html). Eine solche Maßnahme würde die die deutschen Exporte teurer und damit kleiner machen, der deutsche Handelsüberschuß würde sinken. Mit diesem Vorschlag schafft es Herr Bofinger gleichzeitig falsch zu liegen und dennoch Recht zu haben, was nicht sehr weise ist.

Falsch an der Idee ist die wirtschaftstheoretische Begründung: Deutsche sollen deswegen mehr verdienen, damit „die Südeuropäer“ weniger an Handelsdefiziten leiden. Es ist ebenso absurd, als würde ich meinen Nachbarn vorschlagen: Kauft mehr beim Bäcker um die Ecke ein, damit es ihm besser geht. Und es erinnert in der Herangehensweise an andere abstruse wirtschafts- und geldpolitische Ideen (nicht Bofingers, doch vieler seiner Kollegen wie Politiker), wie die Forderung, Zentralbanken sollen mehr Geld (das übrigens gar nicht vorhanden ist...) „in die Wirtschaft pumpen“, damit diese „läuft“ und so die Konjunktur „belebt“. Wag the dog, der Schwanz wedelt mit dem Hund: Ursachen, Ziele, Wirkungen und Probleme werden sehr lax verdreht und als vermeindliche Lösungen genutzt – in allen drei Beispielen. Nein, Handelsungleichgewichte in einer Währungs- und Wirtschaftsunion sollte man über alleine über die Produktivität beheben.

Und hier hat Peter Bofinger dann natürlich doch wieder recht – denn selbstverständlich würden Lohnerhöhungen in Deutschland (und Lohnsenkungen in Ländern mit negativen Handelsbilanzen wie Griechenland) zu einem Gleichgewicht im innereuropäischen Außenhandel führen.

Die Wirkung der Maßnahme stimmt, nicht jedoch die Begründung. Denn: auch ohne daß man sich um die Wirtschaften anderer (EU-)Länder sorgen würde – müßten die Löhne in Deutschland seit langem in höherem Maß steigen. Und zwar nicht aus Solidarität „mit den Südländern“ oder aus Sorge um die deutsche „Einkommensschere“ und „den armen Arbeitnehmer“. Die Löhne in Deutschland (wie auch anderswo) sollten einzig und allein deswegen und nur in dem Ausmaß steigen/sinken, wie die Entwicklung der Summe aus Produktivität und Inflation ausmacht.

Und hier sind die Zahlen eundeutig: Im Zeitraum 1991-2011 sind in Deutschland die Löhne um 47,5% gestiegen, wohingegen die Produktivität um 22,7% und die Inflation um 44,8% (Quelle: https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2012/04/PD12_149_811.html)

Das ist eine klare Sprache: um genau 20% wurden hier die Löhne von der Produktivität und Inflation abgehängt. Anders gesagt: Während ein deutscher Arbeitnehmer in diesen 20 Jahren produktiver wurde und von leichter Inflation geplagt war, hat er im Endeffekt jedes Jahr um 1% seines Reallohns verzichtet. Deswegen ist an Bofingers Idee falsch, auch Renten und Hartz-IV-Sätze an beides zu koppeln - diese sollten nur mit der Inflationsrate wachsen.

Notwendig wäre also – nicht nur aus Bofingers Argumentation heraus – ein Lohnplus nicht von fünf, sondern zwanzig Prozent – plus für das Jahr 2012, natürlich (falls die Produktivität und Inflation in Summe stiegen).

Noch besser wäre es natürlich, und das in jedem EU(RO)-Land, die Löhne automatisch um die Produktivität+Inflation-Summe anzupassen – und das wenn nicht seit 1991, doch schon seit 2001 (Einführung des EURO). Dieses Versäumnis kann man dann tatsächlich nachholen: Portugiesen und Griechen tun es bereits durch starke Lohnsenkungen (und haben ihre Handelsdefizite auch spürbar gesenkt), die Deutschen könnten nun auch den eigenen Anteil an diesem Ungleichgewicht, welches hier durch ausgebliebene (zu niedrige) Lohnerhöhungen vollzogen wurde, schrittweise rückwirkend machen.

Kräftige Lohnerhöhungen sind längst fällig, es gilt diese 20% aufzuholen. Schon alleine wegen des hier entlohnten Arbeitnehmers. Nicht in erster Linie wegen des EURO oder aus Sorge um andere Länder. Es geht auch nicht darum, den Export zu verdammen und künstlich zu senken. Denn künstlich übertrieben war der Export war durch die Lohnverzichte „hergezaubert“ gewesen. (Was nichts daran ändert, dass die Handelsdefizite anderer Länder auch durch zu hohe Lohnerhöhungen dort in Jahren 1991-2011 entstanden). Es ist schön, wenn Deutschland viel und gute Waren exportiert. Sofern es keine „Dumping“-Handelspolitik ist. Es wäre aber auch schön, wenn man sich in Deutschland mehr und genauer auf David Ricardo besinnen würde – und diesen nicht nur einseitig („export-seitig“) zitieren würde. Denn dieser sprach genauso viel von Importen – und diese sind in Deutschland einfach zu niedrig. Lohnerhöhungen würden automatisch zu mehr Importen führen, weil damit die große Teile der Bevölkerung mehr konsumieren würde – auch indem man im Ausland einkauft. Somit würden Lohnerhöhungen sogar doppelt gegen das Handelsbilanz-Ungleichgewicht: erstens, indem der Export teurer würde, und zweitens indem der Import steigen würde.

Persönlich fällt es mir hier zwar schwer, plötzlich für „mehr Konsum“ zu plädieren, also belassen wir es bei: Mehr Gleichgewicht. Ob durch mehr Importe, oder weniger Exporte, oder beides. Es sollte aber auf keinen Fall in der deutschen Wirtschaftspolitik das Motto vorherrschen, als seien nur Exporte „gut“ und Importe bestenfalls „nebensächlich“.

„Export-Import“ sollte als Hinweis auf David Ricardo verstanden werden, und nicht als Beinahme einer zwielichtigen Tätigkeit einer osteuropäischen Firma im x-ten „Tatort“ klingen.

Nebenbei würden höhere Löhne auch die Einkommensschere hierzulande wieder kleiner machen. Wobei ich mich auch hier gegen den „Wag-the-Dog“-Ansatz wehren würde, Löhne vor allem deswegen ansteigen zu lassen, um diese Fehlentwicklung zu beenden. Lohnsteigerung = Produktivität + Inflation. Punkt.

Daher, Herr Bofinger: Richtige Maßnahmen-Idee, nur falsch argumentiert. Und vielleicht sollten Sie nicht nur die Löhne in Zusammenhang mit den Handelsungleichgewichten erwähnen, sondern auch die Aktivitäten der (deutschen) Banken: Würden diese nicht so großzügig in Ländern wie Spanien oder Griechenland Kredite vergeben (ob an Staat oder Privat) und würden sie immer hundertprozentig dafür haften müssen – wären die Ungleichgewichte auch nicht so hoch: Weniger Kredite, weniger Importe aus Deutschland, dafür aber kleinere Handelsdefizite und weniger Verschuldung, die nun die Menschen dort doppelt trifft: Kredite müssen als Zinsen und Tilgung bedient werden, während – berechtigterweise – die Löhne gesenkt wurden.

12:19 07.01.2013
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Geschrieben von

Lukasz Szopa

Balkanpole. Textverarbeiter. Denker-in-progress. Ökokonservativer Anarchist.
Lukasz Szopa

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