1933: Kohlenanzünder

Zeitgeschichte Im Reichstagsbrandprozess werden die Urteile gefällt. Dass sie nicht so ausfallen, wie die NS-Führung das will, hat auch mit dem damals kursierenden Braunbuch zu tun

Hermann Göring verliert die Fassung und schreit: „Ich bin nicht hierhergekommen, um mich von Ihnen anklagen zu lassen. Sie sind in meinen Augen ein Gauner, der längst an den Galgen gehört.“ Der Galgenvogel heißt Georgi Dimitroff, ist bulgarischer Kommunist und einer von fünf Angeklagten, gegen die Ende 1933 das Reichsgericht in Leipzig wegen des Reichstagsbrands vom 27. Februar 1933 verhandelt. Was Göring in Rage bringt, dass er als geladener Zeuge zum aufgeladenen Gangster wird, sind Dimitroffs Fragen nach dem Sinn einer Tat, die den Kommunisten angelastet wird, aber den Nazis so gelegen kommt, dass sie nun die blanke Diktatur vollstrecken können. Dazu verholfen hat ihnen nicht zuletzt ein 24-jähriger Niederländer, der neben Dimitroff im Gericht auf einem Stühlchen hockt. Marinus van der Lubbe ist im brennenden Parlament als mutmaßlicher Brandstifter verhaftet worden und sagt von sich: Ich bin Kommunist.

Göring hat einen zweiten Gegenspieler, der ihm wie Dimitroff zusetzt, weil er aus seinem Pariser Exil heraus die gleichen Fragen stellt: Willi Münzenberg, in der Weimarer Republik Kopf eines linken Medienkonzerns, zu dem Filmgesellschaften ebenso gehören wie das Boulevardblatt Welt am Abend oder die Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ). Münzenberg ist Kommunist, aber sein Imperium kein Geflecht von Parteiverlagen. Was er 1933 zum Prozess in Leipzig beisteuert, ist die Ergänzungsausgabe des Braunbuches über Reichstagsbrand und Hitlerterror, das einer enormen logistischen Leistung wie selbstlosem Mut zu verdanken ist. Was auf gut 400 Seiten an Material nicht nur über den Reichstagsbrand, sondern NS-Verbrechen in den ersten Konzentrationslagern veröffentlicht wird, ist unter Lebensgefahr aus Deutschland herausgebracht worden. Als das erste Braunbuch am 1. August 1933 in Paris vorgestellt wird, macht Münzenberg kein Hehl aus seiner Absicht, Goebbels-Propaganda mit Gegen-Propaganda zu parieren. Clou des Ergänzungsbandes ist der Abdruck der Anklageschrift zum Reichstagsbrandprozess, versehen mit einem juristischen Kommentar, der eklatante Widersprüche in der Argumentation der Reichsanwaltschaft aufzeigt.

„Bibel des antifaschistischen Kreuzzugs“

Die Macher des Braunbuchs sind keine Feingeister, sondern Kombattanten. Sie kommen aus einem Deutschland, in dem politischer Tageskampf als verdeckter Bürgerkrieg geführt wird. Sie wollen den Nazis in die Parade fahren, die es geschafft haben, dass eine fast gleichgeschaltete Presse den Prozess in Leipzig reflektiert. Das Braunbuch will als „Bibel des antifaschistischen Kreuzzugs“ (Arthur Koestler) ein Fundus für die Auslandspresse sein, aus dem schöpfen kann, wer an der Wahrheitsliebe eines Joseph Goebbels Zweifel hegt. Vom parteipolitischen Kalkül nicht zu schweigen. So wird versucht, die NS-Version über die Brandstifter des 27. Februar zu demontierten, indem van der Lubbe als Kronzeuge für kommunistische Schuld demontiert wird. Im Braunbuch ist einiges vermerkt über das Leben des 1909 im niederländischen Leiden Geborenen, sein zwiespältiges Verhältnis zur dortigen KP, die letzten beiden Jahre wie letzten zehn Tage vor dem Brand.

Aufschlussreich ist der Vergleich des damaligen Narrativs mit heutigem historischen Wissen. Legt man das zugrunde, hat van der Lubbe Anfang Februar 1933 Leiden verlassen, um sich in Berlin „ein Bild von Deutschland unter Adolf Hitler zu machen“, wie er später in den Verhören der Gestapo aussagt. Er trifft am 18. Februar in der Reichshauptstadt ein, übernachtet in Obdachlosenasylen oder bei Zufallsbekanntschaften. Eine davon ergibt sich, als er am 22. Februar auf dem Neuköllner Wohlfahrtsamt um Beihilfe nachsucht und abgewiesen wird. Darüber entrüstet, fordert er wartende Arbeitslose auf, sie sollten sich dagegen wehren, gedemütigt zu werden. Man müsse aus Protest öffentliche Gebäude anzünden. Um ihn zu schützen oder aus anderen Gründen nimmt ein Mann namens Kurt Starker, angeblich ein Kommunist, van der Lubbe mit in seine Wohnung. Ob er dort einen Willi Hintze trifft, sei nicht mehr verlässlich zu klären, schreibt der US-Historiker Benjamin Carter Hett in seinem 2016 erschienen Buch Der Reichstagsbrand. Was indes als gesichert gilt: Hintze ist Zuträger von Polizei und SA. Starker vielleicht auch, vermerkt Hett und fragt: Hat einer von beiden für Kontakte van der Lubbes zu jenem SA-Kommando gesorgt, das in seinem Schatten ein Attentat auf das Parlament veübt hat? Am 25. Februar führt die Odyssee durch Berlin schließlich nach Hennigsdorf, was auf Abschied deutet. Doch weit gefehlt, van der Lubbe übernachtet in einer Notunterkunft der Polizei (!) und ist am 27. Februar, als mit dem Reichstag die Reste der Weimarer Demokratie Feuer fangen, wieder im Zentrum Berlins, wartet die Dunkelheit ab, verschafft sich gegen 21.05 Uhr durch ein zerschlagenes Fenster Zugang zu einem ihm bis dato unbekannten Gebäude und findet – als Halbblinder – umgehend den Plenarsaal. Er benutzt Kohlenanzünder, verheizt zudem Hemd und Mantel. Gegen 21.30 Uhr schlagen meterhohe Flammen bis zur Kuppel des Reichstags, so dass die Feuerwehr drei Stunden braucht, bis nur mehr Schwelbrände qualmen. Das Inferno jener Nacht, erklärbar als Werk eines Einzelgängers und -täters?, fragt das Braunbuch und folgt anderen Spuren, in Leiden etwa, bei Bekannten van der Lubbes, auch bei dessen Zimmerwirtin Frau van Zijp.

Diese Recherchen ergeben: Van der Lubbe ist im Frühjahr 1931 während eines ersten Deutschland-Trips in München einem Dr. Georg Bell begegnet, Adlatus von SA-Stabschef Ernst Röhm. Dem wird van der Lubbe bei einem weiteren Besuch an der Isar im September 1931 direkt vorgestellt. Dr. Bell, so das Braunbuch, sei auch Röhms „Vertrauter in Liebesdingen“ gewesen. „Er wusste um viele Beziehungen zu jungen Männern, weil er Röhm die meisten selbst zugeführt hatte.“ Auf einer einschlägigen Liste hätten 30 Namen gestanden, darunter „Rinus“.

Anfang Februar, nach einer Augenbehandlung im Leidener Hospital, sei van der Lubbe erneut nach Deutschland aufgebrochen, weil er – zitiert das Braunbuch Frau van Zijp – „dort etwas Wichtiges zu erledigen hatte“. Es benennt wie heutige Quellen den 18. Februar als Tag der Ankunft in Berlin, wird dann aber vage und spekulativ, wenn es heißt, van der Lubbe sei bald in den Dunstkreis der SA-Führer Edmund Heines und Karl Ernst geraten. Nur wie? Es wird über die Tage zwischen dem 25. und 27. Februar 1933 so wenig berichtet wie über den ominösen Aufenthalt in Hennigsdorf.

Andererseits greift der Braunbuch-Hinweis auf die SA-Führer Erkenntnissen voraus, die sich 1960 durch Auskünfte des einstigen SA-Mannes Hans Georg Gewehr ergeben, der in der frühen Bundesrepublik mehrfach dagegen klagt, mit dem Reichstagsbrand in Verbindung gebracht zu werden. Immerhin räumt Gewehr ein, ab 1931 einer SA-Sondereinheit zur besonderen Verwendung (ZbV) angehört zu haben, die zunächst mit Phosphor-Lösungen Fahnen und Plakate von NSDAP-Gegnern entzündet, später andere Aufträge übernommen habe. Einer seiner Vorgesetzten hieß Karl Ernst, ab 1931 Oberführer der Berliner SA-Gruppe. Als Ernst am 30. Juni 1934 während des „Röhm-Putsches“ vor einem Exekutionskommando der SS landet, ergeht es ihm wie anderen SA-Größen, die als Mitwisser oder -täter des Anschlags auf den Reichstag gelten.

Es ist davon auszugehen, dass sich die Braunbuch-Autoren 1933 auf Gerüchte stützen, um andeuten zu können, wie van der Lubbe an die SA gekommen ist. Dass er beim Prozess in dumpfer Apathie, mit hängendem Kopf und tropfender Nase auf seinem Stuhl sitzt, nährt den Verdacht, er sei (mit Kaliumbromid im Gefängnisessen?) vergiftet worden, um unerwünschte Aussagen zu verhindern. Regungslos hört er am 23. Dezember 1933 sein Todesurteil, das nach wenigen Tagen vollstreckt wird. Marinus van der Lubbe soll für immer in sich begraben, was ihm widerfahren ist. Die anderen vier Angeklagten werden „aus Mangel an Beweisen“ freigesprochen.

06:00 21.12.2016
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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