2000: Schreibende Sphinx

Zeitgeschichte In seinem Spielfilm „Die Unberührbare“ erzählt der Regisseur Oskar Roehler davon, wie seine Mutter an der deutschen Einheit zerbricht
Lutz Herden | Ausgabe 40/2015 10
2000: Schreibende Sphinx
Wie die Verzweiflung ein Leben besiegt: Hanna Flanders (Hannelore Elsner)
Foto: United Archives/imago

Hanna raucht eine letzte Zigarette, heimlich und allein, auf der Toilette einer geschlossenen Anstalt. Man hat sie in die Entzugsklinik eingewiesen nach ihrer Ohnmacht auf dem Odeonsplatz in München, gezeichnet von Tabletten- und Nikotinsucht. Es kann sein, dass ein Bein amputiert werden muss, sagen die Ärzte. Jetzt hat sie aufgeraucht, geht hinaus, taucht ins grelle Licht eines Treppenhauses. Will leichter werden, als sie je war. Flieg, Vogel, flieg. Sitzt schon auf dem Sims am offenen Fenster und ist nicht mehr. Die Anker sind gelichtet.

Mit dem Selbstmord der Schriftstellerin Hanna Flanders endet der im Jahr 2000 gedrehte Spielfilm Die Unberührbare, mit dem Regisseur und Drehbuchautor Oskar Roehler an letzte Lebensstationen seiner Mutter erinnert, der Schriftstellerin Gisela Elsner. Seelisch und körperlich zusammengebrochen, zermürbt von verlegerischem Boykott und verlorenen Idealen, war sie am 13. Mai 1992 aus dem vierten Stock der Münchner Privatklinik Josephinum gesprungen. Elsner hinterließ gesellschaftskritische Romane wie Die Riesenzwerge (1964), Erzählungen und Hörspiele, war in der DDR mehr geschätzt als im Westen, wo die Verlage zuletzt ihre Bücher nicht mehr drucken wollten, ganz anders als das Haus Volk und Welt in Ostberlin.

Roehler führt mit seinem Film kein biografisches Requiem auf. Er nähert sich seiner Mutter, indem er sie mit der Figur der Hanna Flanders (gespielt von Hannelore Elsner, die mit Gisela Elsner nicht verwandt ist) neu erfindet und auf eine Odyssee schickt, die begreifen hilft, weshalb die Verzweiflung ein Leben besiegt. Im Spätherbst 1989 treibt es Hanna durch das noch nicht wiedervereinte, aber durch den Mauerfall vom Einheitsrausch trunkene Deutschland. Es geht von München nach Westberlin, nach Ostberlin, nach Nürnberg, nach Darmstadt und wieder zurück nach München. Als im Sog des 9. November die Menschen von Ost nach West fluten, stemmt sich Hanna dagegen und will in die andere Richtung. Sie löst die Wohnung in München-Schwabing auf, bezahlt eine teure Spedition und hofft, dass sich Joachim Rau, ihr Lektor und Freund in Ostberlin, seines Versprechens erinnert, sie aufzunehmen. Man hat oft davon gesprochen, dass sie ins andere Deutschland übersiedelt.

Nur ausgerechnet jetzt? Und wozu noch? Die Zeit wird zum Reißwolf, der alle Gewissheiten verschlingt. Seit Tagen feiern sie bei Volk und Welt auf den Verlagsfluren hingebungsvoll und selbstvergessen die offene Grenze. Joachim ist aufgekratzt und betrunken und müde vom Aufgekratzt-und-betrunken-Sein. Und dann steigen auch noch die Herren von Suhrkamp aus dem Fahrstuhl und wollen das Terrain sondieren. Was soll er da mit Hanna anfangen, diesem stoischen Anachronismus, dieser anklagenden Kassandra, die nicht sehen will, was sie zu sehen bekommt. Statt weiter den Sozialismus aufzubauen, wühlen sich die Ostler bei Karstadt durch preiswerte Unterhosen und Socken. Niemand scheint auch nur einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass es mit dem anderen Deutschland bald vorbei sein könnte.

Hanna Flanders fühlt sich von den Richtung Westen strömenden Menschenmassen, deren Konsumfieber und Jubelgedröhn persönlich angegriffen. Als sie – noch in München – von einer jungen, mit ihr sympathisierenden Journalistin interviewt wird, brechen alle Dämme. „Mir ist jetzt erst schlagartig die deprimierende Wahrheit bewusst geworden, dass die für Mon-Chérie-Pralinen kämpfen, damit sie sich Westtampons, Cola-Flaschen und Bananen in ihre Fotzen stopfen können. Die kämpfen doch nicht im Sinne von Lenin für die Wahrheit. Diese Menschen haben jede Achtung und Selbstachtung verloren ...“

Sie ist zu tief verletzt, zu existenziell erschüttert, um sich anders wehren zu können als durch verdammende Rhetorik. Ja, sie ist maßlos, diese schreibende Sphinx mit ihrer mähnenhaften schwarzen Perücke und dem panischen Mut zur Selbstaufgabe, der sie gegen den Strom schwimmen und nach Luft schnappen lässt. Warum denn nicht? Warum darf inmitten all der Raserei und galoppierenden Geschichte nicht jemand auftauchen, der daran zerbricht? Es gibt sie doch, die zugrunde gehen. Denen niemand den Spiegel hält und Mitgefühl gönnt, wie es Hanna geschieht, der das „Deutschland, einig Vaterland“ zur Katastrophe und zum Totmacher wird. Sie kann keine andere Rolle mehr annehmen als die einer gescheiterten Idealistin, deren Weltbild zu Bruch geht. Wem gebührt sie mehr als ihr? Ob das Oskar Roehler wollte oder nicht – er hat auch einen Film über das knochen- und seelenbrecherische Verhängnis des historischen Moments gedreht, in dem sich der Hölderlin-Vers umkehrt und lautet: Wo aber Rettendes ist, da wächst die Gefahr auch ...

Sie hänge in der Luft wie ein schweres Eisengewicht, raunt Hanna – bereits in der Entzugsklinik – ihrem Vertrauten Ronald ins Ohr. Eine Figur, die den Kommunisten und Dichter Ronald Schernikau zitiert, der 1989 ebenfalls von West nach Ost, aber nicht die Seiten wechselt. Mit ihm ließe sich die zerstörerische Wende vielleicht überstehen und ordnen, was an Trümmern durch den Kopf fliegt. Doch es ist zu spät. War es von Anfang an.

Fast schon bankrott kauft sich Hanna vor der Reise nach Ostberlin in einer Münchner Boutique einen Designer-Mantel von Dior. Der macht nun – einen Film lang – genauso den Unterschied wie ihr Bekenntnis zu Lenin. Sie trägt das gute Stück an pöbelnden Volk-und-Welt-Leuten vorbei, die eine gestern noch geschätzte Hausautorin als „verwöhnte Westkuh“ verwünschen, der „nur Scheiße“ aus der Feder floss. Sie stolpert damit durch die Ostberliner Neubauperipherie und landet in einer Kneipe, in der ein Deutschlehrer Hanna Flanders erkennt. Er habe ihre Romane gern im Unterricht durchgenommen, lallt er schnapsfidel. Aber dann will sich auch Dieter an der „Westkuh“ schadlos halten, sie begrapschen und Rache nehmen für ein Ostleben, auf das demnächst der Reißwolf wartet.

Als Hanna anschließend wie eine Obdachlose herumirrt, findet sie ausgerechnet bei denen Zuflucht, die sie eben noch als konsumgeilen Pöbel verdammt hat. Eine Familie in Ostberlin nimmt sie auf für eine Nacht oder mehr. Sie kann es selbst entscheiden. Die Heimsuchungen in der Fremde gehen über in eine Heimkehr unter Fremden. Für Stunden kann die Sphinx aus der Rolle fallen und die Perücke lüften. Sie fühlt sich wohl und ist doch eine Verdurstende, die vom Wasser des Meeres trinkt und vergisst, dass sich mit jedem Tropfen die Krankheit verschlimmert. Ihre Gastgeber sorgen rührend für sie, lassen sich aber die Einheitseuphorie nicht austreiben. Sie glauben an paradiesische Zeiten und sind süchtig darauf, dass mit ihrem Leben etwas passiert, was gestern noch undenkbar war. Macht man es nicht so? Ausgelassen ums Goldene Kalb tanzen, bevor es einem auf die Füße fällt? Hanna will das verstehen und kann es nicht. „Für mich war der Kommunismus bei euch wie eine heile Welt.“ Werft nicht alles hin. Wartet doch erst einmal ab, könnte sie anfügen und noch einsamer sein. Es wäre der berühmte Tropfen zu viel vom tödlichen Nass. So bleibt nur der Rückzug – eingewickelt in den Mantel von Dior, der ihr auf den Leib geschneidert ist, wie das Personal in der Boutique geschwärmt hat. Haute Couture als Offenbarungseid, warum es nicht klappen konnte mit Lenin im Osten.

Für den Filmprolog hat Roehler Bilder aus der Nacht des Mauerfalls zu einem Background montiert. Ostberliner auf Westbesuch. „Das ist alles ein solcher Verrat, ich verstehe das nicht“, lässt sich heraushören aus Hannas geflüstertem Telefonat mit Ronald. Sie werde sich jetzt mit Arsen vergiften, habe das Fläschchen schon in der Hand. Ronald bittet inständig, sie sollte erst eine letzte Zigarette rauchen. Aber sie raucht schon, dann also zwei. Hanna: „Kannst du einfach so weiterleben?“ Ronald: „Einfach so? Wahrscheinlich nicht.“ Schließlich gibt sie sich doch noch ein bisschen Zeit. Bis zur letzten Zigarette, bis zur allerletzten. Flieg, Vogel, flieg.

16:45 06.10.2015
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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