Aufspielen zum Totentanz

Israel/Libanon Nach mehreren Grenzzwischenfällen droht ein erneuter Waffengang. Käme es dazu, würden Islamisierung und Arabisierung des Zedern-Staates weiter vorangetrieben

Es gibt Geschichten, die offenbar niemals aufhören können. Die über libanesisch-israelische Kollisionen gehören dazu. Der Grenzzwischenfall vom 3. August an der „Blauen Linie“, die den Vereinten Nationen als Demarkationslinie zwischen beiden Starten gilt und von 12.000 UNIFIL-Soldaten abgeschirmt wird, muss kein Vorzeichen eines neuen Krieges sein, doch auszuschließen ist nichts.

Vor vier Jahren begann es ähnlich. Hisbollah-Milizionäre nahmen am 12. Juli 2006 in der Grenzzone zwei Israelis gefangen, um auf das Schicksal – so ihr Motiv – Tausender palästinensischer Gefangener in israelischen Zellen hinzuweisen. Die Regierung des Kadima-Premiers Ehud Olmert fiel ein Anlass in den Schoß, um mit der Operation Angemessener Preis derart hinzulangen, dass ein ganzes Land aus den Angeln gehoben wurde. Es begann ein Luftkrieg, der von schiitischen Vierteln Beiruts so wenig ließ wie von der gesamten Infrastruktur im Südlibanon, es folgte ein Vormarsch von Bodentruppen, die sich an einer gut verschanzten Hisbollah wund scheuerten und Verluste erlitten (119 Gefallene) wie noch nie bei einer Intervention Israels in diesem Teil seiner Nachbarschaft. Der Libanon, Zwitterstaat zwischen europäischer Versuchung und arabischer Verankerung, diente im Sommer 2006 wieder einmal als Auffangbecken für einen Konflikt, der außerhalb seiner Grenzen wurzelte, aber innerhalb derselben ausgetragen wurde.

Waren die Israelis 1982 in ein vom Bürgerkrieg zerrissenes Ersatz-Homeland der Palästinenser eingefallen, um der PLO ihre Basen in Beirut zu rauben, kamen sie 2006, um mit der schiitischen Partei Gottes (Hisbollah) einen mutmaßlichen iranischen Brückenkopf auszuschalten. Statt des israelischen-palästinensischen war es nun der israelisch-iranische Konflikt, dem der Libanon ein Asylrecht gewähren musste. Das Kalkül in Jerusalem: Sollte Israel den Iran eines Tages wegen seiner Atompläne angreifen, würden die Gotteskrieger von Scheich Hassan Nasrallah auf ihre Raketen im Südlibanon zurückgreifen und Nordisrael beschießen – das galt es zu verhindern. Nur wurde Hisbollah vor vier Jahren weder geschlagen noch vernichtet. Als „angemessener Preis“ für zähen Überlebenswillen winkte stattdessen ein Platz in der libanesischen Exekutive.

Nationale Notgemeinschaft

Folglich träfe ein Angreifer derzeit auf die sich als nationale Notgemeinschaft definierende Regierung des Ministerpräsidenten Saad Hariri, in der christliche ­Falangisten und Dissidenten des Ex-Premiers Michel Aoun neben der Amal-Bewegung und Ministern von Hisbollah sitzen. Dieses Kabinett würde im Fall einer israelischen Aggression in dem Bewusstsein handeln: Ohne die Partei Gottes lässt sich kein Libanon verteidigen, denn die Hisbollah als Staat im Staat hat ausgedient – sie ist der Staat oder zumindest ein unverzichtbarer Teil davon, aufgewertet und der libanesischen Identität zugeschlagen, was der radikalislamischen Bewegung Normalität aufbürdet und Exklusivität kostet. Mit anderen Worten, ein israelischer Aggressor täte viel dafür, das Land zwischen Tripoli und Tyros weiter zu islamisieren, zur Freude seiner arabischen Umgebung.

Es gab Zeiten, in denen der Libanon als Dreh- und Angelpunkt des US-Drucks auf Syrien galt, doch seit sich die Bush-Administration mit dem Unternehmen Irak verhoben hat, ist es damit vorbei. Wie der gemeinsame Besuch von König Abdullah und Präsident Baschar al-Assad am 30. Juli in Beirut zeigt, übernimmt die Achse Riad-Damaskus die Mediation libanesischer Politik. Syrien kehrt damit keineswegs zum Panarabismus der siebziger und achtziger Jahre zurück, als Hafez al-Assad, der Vater Baschars, kollektive Mythen beschwören ließ, um an die Pflicht der arabischen Familie gegenüber seinem Land zu erinnern, das 1967 die Golan-Höhen an Israel verloren hatte.

Heute darf al-Assad auf Allianzen hoffen, die sehr viel weiter führen als unters Dach der Arabischen Liga. Es kann sich mit einer von Regionalmacht trunkenen und über Israel erbosten Türkei arrangieren, ebenso mit dem auf Partnerschaften angewiesenen Iran wie mit einem auf Verständigung bedachten Irak, der sich bei verminderter US-Besatzung wieder in der arabischen Zweckgemeinschaft einrichtet. Diese Gemeinde des Eigensinns wäre um keine Parteinahme verlegen, sollte sich Israel mit einem weiteren Libanon-Feldzug regionale Ellenbogenfreiheit verschaffen wollen, um gegenüber Teheran uneingeschränkt ak­tions­fähig zu sein.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

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