Der Kommissar hieß nicht Schimanski

Medientagebuch Vor 30 Jahren: Im Juni 1971 startete die DDR-Erfolgsserie "Polizeiruf 110"

Am 26. Mai 2001 strahlt der ORB den Film Selbstbetrug (gedreht 1983) aus, zwei Tage später zieht der SFB mit Abgründe (1990) nach, am 29. Mai wird im MDR Der Tote im Fließ (1972) entdeckt - gegen Ende der Programmwoche, am 31. Mai, lässt sich beim WDR immerhin zur prime time 20.15 Uhr eine Trüffeljagd (1981) erleben, während am gleichen Abend beim NDR der Film Blütenstaub (1972) zu sehen ist. Innerhalb von nur fünf Tagen platzieren fünf dritte Programme der ARD fünf Filme aus der Reihe Polizeiruf 110 und bedienen sich dabei ausnahmslos solcher Streifen, die noch zu Lebzeiten des seligen Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin-Adlershof gedreht wurden. War diese geballte Hinwendung ein Zufall? Oder erlaubten sich die Programmplaner eine unterschwellige Sympathieerklärung an ein mediengeschichtliches Urgestein aus dem Osten, das immerhin fast ebenso lange die Fernsehlandschaft ziert wie eine ARD-Reliquie namens Tatort? Am 29. November 1970 hatte Kommissar Trimmel seinen ersten Fall (Taxi nach Leipzig) gelöst, sieben Monate später, am 27. Juni 1971, ging der Polizeiruf mit dem Fall Lisa Murnau auf seine Jungfernfahrt - eines von etlichen Beispielen deutsch-deutscher Fernsehinterferenz, wie sie bei Unterhaltungssendungen häufiger waren und dafür bürgten, dass der "Eiserne Vorhang" keineswegs eine Geschmacksgrenze zog.

Wie auch immer, das einstige "110"-Ermittlungsteam um den legendären Hauptmann Fuchs scheint heute - zumindest bei den ostdeutschen ARD-Anstalten (SFB/ORB/MDR) - nicht als Quotenkiller verschrien. Es war immerhin der MDR, der als erster Sender die gesamte Staffel der zwischen 1971 und 1990 entstandenen 144 "110-Filme" (255 Programmstunden) einmal durch hatte. Gewiss wollte damit niemand so subversiv sein, der erfolgreichen Kriminalliteratur des 1991 abgewickelten Ostfernsehens (die Filme von "110" erzielten Einschaltquoten zwischen 30 und 50 Prozent) ein Denkmal zu setzen - und den realsozialistischen "Klassenkämpfern von der K" mit ihrer flächendeckenden Ordnungsliebe gleich mit. Aber offenbar überzeugt an dieser Reihe bis heute, dass sie nicht nur Pathos und Patina, sondern auch Charakter und Charisma zu bieten hat. Die bis 1990 produzierten Filme erlauben - vor allem für westdeutsches Publikum - einen aufschlussreichen Blick in die Lebenswelt der DDR-Gesellschaft während der siebziger und achtziger Jahre. Ob beim Bagatelldelikt oder Kapitalverbrechen, der Polizeiruf 110 widmete sich nahezu ausnahmslos Gesetzesbrüchen, die auf Konflikte und innere Widersprüchen einer DDR zurückgingen, wie sie seit dem 13. August 1961 als relativ "Geschlossene Gesellschaft" existierte. Nur ein Indiz dafür war der Umstand, dass im Themenkatalog von "110" nie Banküberfälle auftauchten, weil es die in der DDR nicht gab, dafür aber Eigentumsdelikte, Wirtschaftsvergehen, Sexualstraftaten, Gewaltverbrechen bis hin zu Mord und Totschlag. Dabei kam im Täter, so sehr er sich gegen die Normen der sozialistischen Rechtsordnung vergangen haben mochte, stets auch der gestrauchelte, nicht auf ewig abgeschriebene Zeitgenosse zu seinem Recht. Die Figuren des Hauptmann Fuchs (dargestellt durch Peter Borgelt vom Deutschen Theater) und der meisten anderen Fernsehkriminalisten entsprachen dieser paternalistischen Hermetik. Sie ermittelten mit schmuckloser Akribie, sie verhörten mit kompromissloser Härte und erzieherischem Unterton, aber sie brauchten weder das peinlich hausbackene Sex-Appeal eines Schimanski oder die rüden Umgangsformen eines Trimmel aus dem Tatort, sondern ließen oft ein gnädiges Verständnis, manchmal sogar reges Mitgefühl durchschimmern. Diese Tugenden erhoben die Fuchs Co. zu einer politisch-moralischen Instanz, die in einem Mikrokosmos namens Kripo waltete. Deren segensreiches Tun verhalf der DDR-Staatsmacht zu jenem Renommee, das sie an sich besonders schätzte: Streng, aber gerecht. Mit anderen Worten, die "110-Ermittler" schleppten ein öffentliches "Über-Ich" mit sich herum, das ihnen in dramaturgischer Hinsicht ein nicht auf Individualität veressenes Schnittmuster verschaffte, sie weder private Räume ausschreiten noch des Lebens kleine Laster auskosten ließ. Hauptmann Fuchs rauchte nicht, gönnte sich keinen Klaren zwischendurch, hofierte den dernier cri der DDR-Büro-Mode und hatte im Dienstzimmer stets einen wachsam dreinblickenden Hauptkommissar E. H. im Nacken. Das degradierte den fülligen Hauptmann keinesfalls zur künstlichen Fernsehmumie. Eher schienen Fuchs und Genossen die guten Fabelwesen einer Sozialutopie, die im DDR-Fernsehen ihr Pilotverfahren bestand und nur darauf wartete, in Serie zu gehen.

Als 1971/72 die ersten Folgen über den Bildschirm gingen, war klar, dass damit keine "Krimi"-Schablone bedient wurde, sondern der sozialkritische Kriminalfilm aus Frankreich, Schweden und der Sowjetunion als Maßstab galt. Gemessen am heutigen Konfektionsschrott des Genres, war "110" Haute Couture - nicht vom Feinsten, aber vom versierten Handwerker, der sein Metier beherrschte und Geschichten zu erzählen verstand, in denen soziale Psychologie zu einer wesentlichen Erklärungshilfe für kriminelles Verhalten wurde und Täterprofile oft zu Charakterstudien gerieten. Dabei zeigte sich ein Phänomen: Mit seiner auf Authentizität bedachten Durchforstung der DDR-Gesellschaft wurde der Polizeiruf bald zum letzten Refugium der Gegenwartsdramatik im DFF. Im DDR-Schriftstellerverband wurde Anfang der achtziger Jahre mit galligem Humor kolportiert, im Fernsehen dürfe die Wirklichkeit nur noch "kriminalisiert" auftreten. Tatsächlich hatten die Fahnder von der "K" zusehends Fälle zu klären, die ins Zentrum der Gesellschaft wiesen - dorthin, wo sich Normalität zu behaupten schien, aber bei genauerem Hinsehen als unhaltbarer Zustand offenbarte. Die Filme griffen die gewissenlose Leitungsarbeit auf einer Baustelle (Auskünfte in Blindenschrift von 1983) ebenso auf wie die Zerstörung der eigenen Persönlichkeit durch die DDR-Volksdroge Alkohol (Der Teufel hat den Schnaps gemacht, 1981, Unheil aus der Flasche, 1987), sie gingen dem Missbrauch von Hierarchien in der Arbeitswelt (Explosion, 1987) oder der Manipulierbarkeit von Menschen durch die Verlockungen des Besitzes in einer Mangelgesellschaft nach (Verführung, 1985, Gier, 1986). Viele Folgen wirkten wie Klopfzeichen, die gehört werden wollten, aber nicht wurden.

Mit der 1988 gesendeten Folge Amoklauf wurde die wie aus dem Nichts ausbrechende Krise einer Familie zum gesellschaftlichen Gleichnis sondergleichen. Die nach einer Feier unter Alkohol angetretene Autofahrt endet mit einer Katastrophe. Schuld daran ist vordergründig die aggressiv-autoritäre Figur eines Vaters, der Frau und Sohn tyrannisiert. Als tiefere Ursache der Apokalypse erweisen sich jedoch erstarrte hierarchische Strukturen, die den Akteuren die Fähigkeit rauben, Konflikte rechtzeitig zu erkennen und zu entschärfen. Fuchs hat am Ende nach wilder Verfolgungsjagd wohl den Täter, aber ausnahmsweise einmal keinen Fall gelöst. Wie sollte er auch.

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Ihre Freitag-Redaktion

00:00 08.06.2001
Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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Lutz Herden

Ausgabe 42/2021

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