Hinter den Masken

Terror Europa sucht in der Trauer nach Ermutigung. Doch ein aufklärerischer Geist und Selbstkritik sind genauso wichtig. Sind wir dazu bereit?
Ausgabe 03/2015
Die letzten französischen Truppen in Afghanistan salutieren ihren gefallenen Kameraden
Die letzten französischen Truppen in Afghanistan salutieren ihren gefallenen Kameraden

Foto: Shah Marai/AFP/Getty Images

Es ist finster in der Welt, nicht nur zur Nacht. Barbarei und Bosheit zerreißen ihre Fesseln und streunen herum wie tollwütige Hunde. Ihrem Terror zu entkommen, kann ein Glücksspiel sein. Frankreichs republikanischer Marsch der Trauer und Ermutigung, der Solidarität und Eintracht wird daran wenig ändern. Er mag die Schmerzen lindern. Aber aufklärerischer Geist und Selbstbefragung sind dringender gebraucht.

Denn was geschieht? Die mit dem Attentat vom 7. Januar einhergehende Ausweitung der Kampfzone wird zur Ausweitung der Konsenszone erklärt. Die Mobilmachung gegen den Terror hat viel von Selbstvergewisserung und Vergatterung, vom Einzug in eine europäische Wagenburg. Und der Glaube an eigene zivilisatorische Exklusivität liefert dafür die Palisaden. Es ist von Kulturkampf die Rede, schon das verstört. Soll denn ein religiöser Fundamentalismus, der die Attentäter angeblich beseelt hat, als kulturelle Identitätsstiftung durchgehen? Zu oft fällt das Wort Kriegserklärung, die mit den Anschlägen von Paris gegenüber einer Werteordnung abgegeben wurde. Das mutet seltsam an: Ist in Vergessenheit geraten, dass Militär aus Europa und Nordamerika diesen Krieg längst führt oder geführt hat – im Irak, in Syrien, Mali, Somalia, in Afghanistan und in Libyen?

Nicht zum ersten Mal scheint dabei ein Konfliktstadium erreicht, das sich neben Damaskus und Aleppo, Mossul und Kobane auch anderer Schauplätze versichert. Das alltägliche Grauen von Bagdad ist für 72 Stunden auch in Paris allgegenwärtig. Danach kehrt es zurück in den Irak oder nach Syrien mit den nächsten Luftschlägen im Anti-Terror-Krieg, über dessen zivile Opfer im Westen selten berichtet wird. Sind es Kollateralschäden? Oder ist es Mord?

Selbstzerstörerische Obsessionen

Diesem Krieg eignet eine besondere Travestie. Das Gute und das Böse können sich zum Verwechseln ähnlich sehen und ihre Masken tauschen. Monster werden zu Märtyrern und Märtyrer zu Monstern. Die Brüder Kouachi sind in Frankreich geboren und aufgewachsen, haben französische Schulen besucht, französische Medien konsumiert, französisches Savoir-vivre erfahren. Und wie empfunden? Als hochmütig, nicht für sie gedacht? Aber was erklärt das schon, alles oder nichts? Oder immerhin einiges? Von den Brüdern Zarnajew, den Attentätern von Boston, ließe sich Ähnliches sagen. Auch sie hatten bis zum 15. April 2013 ein Leben geführt, das von der US-amerikanischen Gesellschaft umgeben war.

US-Präsident George W. Bush erhob nach 9/11 Rache zur Staatsräson und schwor: „Wir werden das Böse aus dieser Welt tilgen.“ Dieser hybride Anspruch führte geradewegs nach Afghanistan, woher man jetzt heimkehrt, ohne das Böse ausgelöscht, sondern eher in seinem Überlebenswillen bestärkt zu haben. Afghanistan liefert ein Beispiel dafür, dass westlicher Wertetransfer dort enden kann, wo er der Machtprojektion in die Quere kommt. Das war so in Libyen, das bleibt so in Syrien und im Irak.

Seit sich dort der Islamische Staat ausbreitet, wird wieder die militärische Lösung favorisiert und ignoriert, dass es diesen Dschihad kaum gäbe, würde ihn nicht ein Teil der sunnitischen Community mittragen. Sind das denn alles Terroristen und monströse Killer? Es gibt in Washington, Paris oder Berlin nicht den Hauch einer Idee, wie das Land zwischen Euphrat und Tigris gesunden könnte, ohne stets von Neuem selbstzerstörerischer Obsession zu verfallen. Sollen seine Wunden auf ewig mit Raketen geheilt werden? Wahrscheinlich wird die NATO irgendwann auch Libyen wieder bombardieren. Nicht weil Gaddafi auferstanden ist, sondern ein Failed State zum Terrorspender wurde mit Ausbildungscamps für Gotteskrieger. Und wenn die unmittelbare Gefahr eingedämmt ist, wird man Libyen wieder sich selbst überlassen.

Zum westlichen Umgang mit der arabischen Welt gehört auch ein opportunistisches Verhältnis zu den Herrschern Saudi-Arabiens. Das sind nicht nur Diktatoren, sondern zugleich umtriebige Ideologie-Exporteure mit Abnehmern im irakischen und syrischen Bürgerkrieg. Doch wird das saudische Regime als Ordnungsmacht am Golf geschätzt und mit Waffen aus Deutschland versorgt. Daraus lässt sich ersehen, wie materiell westlicher Wertetransfer ausfallen kann. Die Führung in Riad hat nicht gezögert, während des Arabischen Frühlings im März 2011 Panzer nach Bahrain in Marsch zu setzen, um die Demokratiebewegung gegen ein autoritär regierendes Königshaus zu überrollen. Man hat dazu keinen Protest aus Berlin gehört. So handeln Geschäftsleute, die sich ihrer selbst nur sicher sind, wenn sie ihren Vorteil gewahrt sehen und dafür dem Teufel auf den Schoß kriechen.

Europäische Politik wäre schlecht beraten, sich nach dem 7. Januar in einer Opferrolle einzurichten und eigene Täterprofile zu verdrängen. Was gut-, weil nottäte, wäre ein Gedenken wie das von Paris, nur diesmal für die Kriegs- und Terroropfer in Nahost und Afrika. Warum nicht eine Gedenkminute einlegen, in der ein Kontinent schweigend verharrt? Es wäre eine Botschaft, die es so bisher nie gab. Als die Arabellion noch ein Segen schien, wollte Außenminister Guido Westerwelle „Transformationspartnerschaften“ mit Ägypten und Tunesien eingehen. Es wäre der Moment, die Idee anzupassen. Nur werden jetzt Solidargemeinschaften gebraucht.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur Politik
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