Pfefferspray für Davos

KOMMENTAR Glasbruch beim Weltwirtschaftsforum

Hatte es die Anti-WTO-Guerilla von Seattle nun zum Weltwirtschaftsforum nach Davos verschlagen? Ein derart ungestümer Protest war dem alljährlichen Antichambrieren von internationaler Jet-Set-Diplomatie nebst Präsidenten-Dekor und Hochsicherheitsstufe noch nie beschieden. Ausgerechnet die sterile Reinlichkeit und Peinlichkeit der Schweiz streifte ein Hauch von Welt da draußen. Und mehr als ein Hauch von Pfefferspray die "Anti-WTO-Koordination" aus Globalisierungsgegnern, Umweltschützern und Menschenrechtsaktivisten, die vor einer McDonald's Filiale strandeten und nicht - wie erhofft - vor dem Hotel Belvedere, wo Clinton redete. So musste sich die Lobby, die keine Lobby hat, damit bescheiden, dem großen Scherbenhaufen von Seattle das kleine Scherbengericht von Davos hinterher zu schicken.

"Wenn man das Volk vergisst, dann ruft es sich in Erinnerung", hatte der französische Wirtschaftsminister Christian Sautter angesichts der Demonstrationen bei der WTO-Konferenz von Seattle philosophiert. Leider ruft sich das Volk - zumindest in den saturierten Demokraturen Europas - mitnichten in Erinnerung. Es fürchtet die Globalisierung und betet, das Unheil möge vorübergehen oder den Nachbarn treffen, was wir gefälligst als Individualisierung zu feiern haben. Nein, es begehren allein einige wenige Aktivisten auf, die sich von der Politik nicht verraten fühlen, sondern bestätigt wissen. Was sich heutzutage Politik nennt, geht Arm in Arm mit dem Zeitgeist auf den Strich und verkauft jeden Anspruch auf Souveränität wie das letzte Hemd, für das der Freier einen Schein mehr spendiert. Scheine helfen den Schein wahren, nicht nur die CDU versteht das.

Hat der Markt nicht längst einen bedingungslosen Kampf gegen die Demokratie aufgenommen - und fast schon gewonnen, weil die "Demokraten" so gehorsam mitspielen? Aber nicht der Markt zertrümmert in Davos einer gut versicherten Frikadellen-Braterei die Fensterscheiben - es sind seine Gegner, empört sich allenthalben die wohlbestallte Wirtschaftskolumne. Der Anti-Globalisierungs-Mob fraternisiert mit Gewalt und Anarchie. Er will das Schlachtfeld von Seattle in Davos - wo noch? Schlimm genug, stöhnen OECD und IWF, dass die NGO-Schickeria schon das Abkommen über Investitionsschutz (MAI) zu Fall gebracht hat. Aber hat ein öffentlicher, leider viel zu marginaler Widerstand - so ohnmächtig seine Methoden sein mögen - nicht eine Virulenz verdient, die ihresgleichen sucht? Was kann das stete Diktat normalbürgerlicher Anpassung überhaupt noch erschüttern? Sicher, man isst, um zu leben. Aber man lebt nicht, um zu essen und Reihenhäuser in die Welt zu setzen. Die gnadenlose Unkultur der Verbrauchergesellschaft heckt nur Fäulnis und Angst vor Fäulnis, und sollte doch die Gewissheit produzieren, dass dieses System nicht von innen heraus reformierbar ist. Der Bastschuh-Altruismus mancher NGO scheint da etwas zu ahnen und verlässt die Nische. In Seattle konnte man bei solcherart zivilen Ungehorsam sogar auf gewerkschaftlichen Beistand rechnen. (s. auch Seite 7)

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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