Rambo-Ratio

Irak im Fadenkreuz Die USA suchen nach einem weiteren Testfeld für ihre Unverwundbarkeit

Argumente für einen Krieg am Golf gegen den Irak gibt es nicht und wird es nie geben. Aber in der ersten "Schlacht gegen das Böse" war der Sieg über die Taleban in Kabul und Kandahar zu leicht errungen, um im "Krieg gegen das Böse" vollends überzeugen zu können. Bush messianischer Anspruch droht von der Trophäe Afghanistan karikiert zu werden. 5.000 getötete Zivilisten. Zerstörte Städte. In Käfigen gehaltene Gefangene auf Guantanamo, von denen die wenigsten jemals das Wort World Trade Center gehört haben dürften. Osama bin Laden, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht sehr naheliegenden, entschwunden. Nicht einmal mehr per Video bemüht, Spuren zu hinterlassen. (Oder lassen sich bald Aufnahmen betrachten, bei denen uns erklärt wird, es deute "einiges" darauf hin, dass sie auf iranischem Gebiet oder gar im Irak entstanden sein könnten?) Was bleibt da dem "Guten" an Glaubwürdigkeit? Die Wolken über dem Irak verdunkeln sich erwartungsgemäß.
Vom europäischen Ast der NATO lassen sich währenddessen die Früchte des Selbstbetrugs ernten. Treue Gefolgschaft gegenüber den Amerikanern, als die Afghanen zu Geiseln im Anti-Terror-Kampf erklärt wurden, damit sollte ja nicht nur Respekt vor dem Vergeltungsdrang der Supermacht nach dem 11. September bezeugt, sondern auch ein Anspruch auf Ebenbürtigkeit und Mitsprache reklamiert werden. Den sollen die Amerikaner nun abrufen, bevor sie zu weiteren Militärschlägen gegen die "Achse des Bösen" ausholen. Können die Europäer ernsthaft glauben, dass ihnen Bush diesen Gefallen tut? Sie können den Eindruck erwecken, aber das ist auch schon das Letzte und Beste, was ihnen bleibt. Das herablassende Verständnis der Amerikaner, die eher genervt reagieren, wird sonst zu offensichtlich und zu offensichtlich herausgefordert. Verbündete wollen zur Räson gebracht werden, um Verbündete bleiben zu können.
Jetzt zahlt es sich aus, nach dem 11. September Amerika in frommer Gläubigkeit gefolgt zu sein und den NATO-Verteidigungsfall für einen Vorgang proklamiert zu haben, bei dem inzwischen die Zahl der offenen Fragen die der überzeugend klärenden Antworten erkennbar übersteigt. Der erschreckende Verzicht auf zivilisatorische Contenance nach dem 11. September, die Schlichtheit der Argumentation, die Scheu, eine Antwort auf den Terror zu finden, die nicht allein amerikanische Interessen bedient - für all das, bedankt sich Amerika jetzt mit einer "Rambo-Mentalität", die so stoisch wie rational ist.
Wie viel wurde nach dem 11. September gerade in Deutschland über die "neue Verwundbarkeit" geschrieben. Gemeint war die "Verwundbarkeit" europäischer Flughäfen, Bahntrassen, Ministerappartements, Öl-Terminals oder Filmfestspiele. Die Verwundbarkeit der afghanischen Zivilbevölkerung geriet schon weniger ins Blickfeld. Schon gar nicht die Unverwundbarkeit derer, die in Afghanistan nur deshalb Gefallene zu beklagen hatten, weil Helikopter ohne "Feindeinwirkung" abstürzten.
Während des Golfkrieges 1991 gab es 157 US-Opfer und 200.000 Tote auf irakischer Seite. Als die USA 1999 zusammen mit der übrigen NATO Jugoslawien einem Luftkrieg unterwarfen, starb kein einziger US-Pilot durch die serbische Flugabwehr. Wer Krieg ohne eigenes Risiko führen kann, muss ihn nicht fürchten. Die Rambo-Mentalität von Bush, Rumsfeld oder Powell mag eine Attitüde der Maßlosigkeit sein. Mindestens ebenso ist sie ein sehr bewusster Akt, in dem sich Omnipotenz entladen will, die alte Feinde wie den Irak oder Iran von Neuem braucht, um sich bestätigt zu finden. Die "Neue Weltordnung" steht damit offenbar vor ihrem eigentlichen, nämlich finalen Durchbruch, der allerdings nur um den Preis eines unglaublichen Zivilisationsbruchs zu haben ist. Deutschland und die meisten anderen europäischen NATO-Alliierten ahnen das nicht nur, sie wissen es. Sie haben diesen Vorgang bisher mit "uneingeschränkter Solidarität" begleitet und sehen sich nun von seiner so absurden wie absehbaren Rationalität eingeholt. Dass Schröder und Fischer darauf mit "Bedenken" reagieren, zeigt eindrucksvoll, dass sich auch Radikalopportunismus noch steigern lässt. Gäbe es einen wirklichen Dissens mit den Amerikanern, gäbe es vor allem den politischen Willen, ihn auszutragen, wäre zunächst nur eine ganz banale Entscheidung fällig: Der Rückzug jener Spezialkräfte der Bundeswehr von der Arabischen Halbinsel, die von diesem Wochenende an mit US-Truppen ins Manöver ziehen. Man wird sehen, was geschieht.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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