Totgesagte leben wirklich länger

Fidel Castro Fidel Castro bleibt seinen publizistischen Bestattern so gut wie alles schuldig. Er tritt im kubanischen Fernsehen auf und lebt durch die Kraft seines Urteils

Es war während des Sommers 2006 im Westen "angesagt", Fidel Castro für tot zu erklären. Die ärztlichen Bulletins, die über schwierige, mehrfache, letzten Endes erfolgreiche Operationen Auskunft gaben, wurden mit Skepsis quittiert. Man wusste ja, wie Kommunisten mit dem Tod ihrer Führer umgehen. Wenn dann Besucher wie der venezolanische Präsident Chávez oder Brasiliens Staatschef Lula da Silva den Kranken aufsuchten und Bilder dieser Treffen veröffentlicht waren, ließen sich die aufgeweckten Voyeure menschlichen Leids nicht irritieren: Castros sei zwar nicht physisch tot, aber politisch erledigt, weil überlebt. Der einstige Maximo Lider wurde zum anachronistischen Fossil erklärt – von der Welt und Zeit um sich herum überholt. Zwischen den Zeilen war der Befund zu lesen, ein klarer Fall von intellektuellem Vergehen.

Nun hat der Abgeschriebene ein einstündiges Interview im kubanischen Fernsehen gegeben und eine Analyse der amerikanischen Außenpolitik abgeliefert, die in ihrer logischen Klarheit besticht, deren apokalyptischer Furor allerdings zweifelhaft klingt. Besonders gilt das für die Bestimmtheit, mit der Castro einen Krieg und Kernwaffeneinsatz gegen Iran prophezeit. Hier obsiegt ein Alarmismus, den das innenpolitische Motiv mehr als alles andere nährt. Doch davon abgesehen, es bleibt als Urteil des Orakels von Havanna: Die USA haben sich von ihren globalen Interessen her unter Barack Obama sehr viel weniger gewandelt, als das seine Bewunderer wahrhaben wollen. Für Kuba eine existenzielle Erkenntnis. Hoffnungen auf Koexistenz mit den USA sind verfehlt, auch wenn die Konfrontation an Schärfe verliert. Abgesagt ist sie nicht, solange die Kubaner ihrem System und Beharrungsvermögen nicht abschwören.

Die so schreib- wie meinungsfreudigen Chronisten von Castros Senilität sind nun gefordert. Sie sind es genau genommen seit 2008 – seit die ersten Castro-Kolumnen für die Zeitung Granma erschienen, in denen das Fossil die Weltfinanzkrise vorhersagte, die Ineffizienz der kubanischen Ökonomie beklagte oder die nationale Hochschulpolitik kritisierte. Weitere eindrucksvolle Belege für Castros „Überlebtheit“ sind abrufbar.

Für den linksliberalen Mainstream hierzulande ist Kuba freilich seit langem abgeschrieben oder hoffnungsloser Fall. Zu wenig Pluralität, zu wenig schillernde Ambivalenz, zu wenig Palaver, zu viel Politik, zu viel Caudillo und Revolution, kaum Chancen für die Heinrich-Böll-Stiftung, in Havanna „Kritische Seminare“ zu den Themen Kastration und gelebte Weiblichkeit zu veranstalten. Aber wer selbst nie in die Nähe von Gestaltungsmacht und gesellschaftswandelnder Radikalität kommt, muss nicht um Ratschläge für andere verlegen sein. Macht euch bloß die Hände nicht schmutzig an eurer Revolution wird den Kubanern seit Jahrzehnten von denen geraten, die in dieser Hinsicht mit leeren Händen dastehen. Zynischer geht es kaum. Auch der Umgang mit Fidel Castro seit seiner Erkrankung und dem Rückzug aus der kubanischen Führung ist letzten Endes ein zynischer Offenbarungseid von Leuten, die linke Solidarität mit linksliberaler Hegemonie verwechseln. Um diese arrogante Herrenhaltung nicht über Gebühr durchschimmern zu lassen, werden moralisierende Botschaften gebraucht, etwa: Kuba sollte den linken Regierungen in Venezuela, Bolivien und Ecuador eine Warnung sein. Sein Modell sei nicht demokratietauglich und zivilisatorisch bedenklich, dekretiert das Feuilleton in seinem Willen zum geistigen Kolonialismus.

Erfreulicherweise blieben die Sowjetunion, Polen und die damalige CSR, aber auch die DDR den Kubanern, als sie ihnen 1990 die Solidarität aufkündigten und nicht Verrat genannt wissen wollten, was einer von der übelsten Sorte war, einen letzten Freundschaftsdienst nicht schuldig: Sie zeigten alsbald, was es bringt, dem Kapitalismus ergeben zu sein und wehrlos Einlass zu gewähren und politische Dummheit historische Einsicht zu nennen. Die Kubaner gerieten nach 1990 mit der „ökonomischen Sonderperiode“ in die schwierigste Phase seit der Revolution von 1959. Aber sie wollten in ihrer Mehrheit keine „Wende“ kopieren, die auf Selbstaufgabe hinauslief und alles zunichte machte, was man seit 1959 erreicht und verteidigt hatte. Wie „anachronistisch“ wirkten in den neunziger Jahren Fidel Castros Appelle, nicht zu kapitulieren, und wie sinnvoll waren sie doch als allein mögliche Antwort auf das, was ringsherum geschah.

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Geschrieben von

Lutz Herden

Redakteur, zuständig für „Ausland“ und „Zeitgeschichte“

Lutz Herden studierte nach einem Volontariat beim Studio Halle bis Ende der 1970er Jahre Journalistik in Leipzig, war dann Redakteur und Auslandskorrespondent des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin, moderierte das Nachrichtenjournal „AK zwo“ und wurde 1990/91 zum Hauptabteilungsleiter Nachrichten/Journale berufen.

Nach Anstellungen beim damaligen ORB in Babelsberg und dem Sender Vox in Köln kam er Mitte 1994 als Auslandsredakteur zur Wochenzeitung Freitag. Dort arbeitete es von 1996-2008 als Redaktionsleiter Politik, war dann bis 2010 Ressortleiter und danach als Redakteur für den Auslandsteil und die Zeitgeschichte verantwortlich.

Lutz Herden

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